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Eine Requisition

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Titel: Eine Requisition
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 447–448
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Beschlagnahme von Rindern
Blätter und Blüthen
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[447] Eine Requisition. (Episode aus dem letzten deutschen Kriege.) „Wir Leute vom Verpflegungswesen hatten es im Allgemeinen während des letzten deutschen Krieges in Böhmen und Mähren nicht schlecht,“ erzählte der Proviantmeister X. „Es fehlte uns nicht an Speise und Trank, an einer Schlafstelle, wenn auch nicht immer unter Dach und Fach, so doch auf irgend einem Proviant- oder Bagagewagen, und bei dem überaus schnellen Vordringen unserer siegreichen Armee war vom Feinde wenig zu fürchten. Wir befanden uns oft meilenweit hinter den kämpfenden Heeren und wenn wir herbeigerufen wurden, war für den Augenblick Kampf und Streit vorüber und die Gefahr in die Ferne gerückt. Dennoch möchte ich nicht noch ein Mal solch’ aufreibendem Dienste unterworfen sein, kein zweites Mal den ausgestandenen Jammer erleben. Man gewöhnt sich zwar an Vieles, aber nicht an Alles.

Das Peinlichste außer den Marterscenen auf den Kampfplätzen und in ihrer Nähe waren mir in meinem Amt und Dienste stets die Requisitionen, die gewaltsame Wegnahme von Lebensmitteln für Mensch und Thier; aber – Noth bricht Eisen! Der zu Tode ermattete Krieger, selbst die erschöpfte unvernünftige Creatur bedürfen unabweisbar Speis und Trank; denn beide haben nicht selten meilenweite Märsche gemacht, stundenlang in heißer Sonnengluth, in Wind und Wetter gekämpft, sind wohl selbst verwundet, durch Blutverlust geschwächt, – da muß schleunig Rath und Hülfe geschafft werden und – ‚Proviantmeister her! – Wo ist der Glückliche, welcher den ganzen langen Tag Maulaffen feil gehalten und in Nummer Sicher gesteckt hat? Schnell herbei! Drei Stückfaß Branntwein, viertausend Pfund Brod, tausend Pfund Ochsenfleisch etc. Herr, nicht lange besonnen, Pferde und Mannschaften sind zu Tode erschöpft!‘ So ertönt es aus dem Munde des fürsorglichen, aber sehr gestrengen Regiments-Commandeurs; ihm nach folgt der Chorus der anderen Ober- und unteren Officiere.

Da ist guter Rath theuer. Die Proviantcolonne ist noch weit hinter dem fliegenden Heere und die Vorräthe sind, besonders an Schlachtvieh, für den Augenblick erschöpft. Ich äußere meine Bedenken, beweise die Unmöglichkeit sofortiger Hülfe – ‚Requisition, Herr,‘ ruft der Gestrenge. ‚Binnen zwei Stunden muß das Regiment Fleisch, Brod und Branntwein haben und die Pferde Heu, Stroh und Hafer, oder‘ .… Na, und so weiter,“ fuhr der Erzähler fort, „machen Sie selbst die Fortsetzung des Donnerwetters. Ich armer verblüffter Speisemeister stelle mich nun an die Spitze einer Abtheilung Ulanen, um die befohlene Requisition schleunigst auszuführen, nachdem ich meiner Proviantcolonne mittels einer Stafette Befehl gesandt, in Eilmärschen heranzukommen. Das nächste Ziel ist jenes große Kirchdorf, welches nach Schlachtvieh Haus für Haus abgesucht, resp. ausgeplündert werden soll.

Als ich das Dorf erreicht hatte, suchte ich den Schulzen oder Richter auf. Leicht gelang mir das, denn das stattlichste Gehöfte war sein Eigenthum; auch fand ich den Mann selbst zu Hause, aber alle Räumlichkeiten standen öde und leer und zeigten überall Spuren der Plünderung. ‚Es thut mir unendlich leid,‘ sprach der Mann mit kriechender Freundlichkeit, ‚daß die Herren zu spät gekommen; Ihre Landsleute haben bereits seit zwei Tagen das ganze Dorf rein ausgeplündert und jedes Stück Vieh mit fortgenommen. Sie finden nicht die Haare mehr.‘

‚Herr, ich muß Schlachtvieh haben und sollte es vom Himmel herunter geholt werden müssen!‘ donnerte ich ihn an. Was konnte ich auch [448] anders sagen und machen? Mit leeren Händen durfte ich unmöglich zum Regimente zurückkehren. ‚Schaffen Sie, Herr, oder Sie machen Bekanntschaft mit Pallasch und Lanze. Rasch, ohne Verzug!‘

‚Nun, eine Kuh, und noch dazu die schönste im Dorfe, wüßte ich wohl noch. Freilich, sie gehört einer armen Wittwe und Sie sind gewiß zu gute Christen, als daß Sie sich an solchem Gut vergreifen möchten.‘ Ich sah den Sprecher scharf an und es schien mir, als laure der offenbare Hohn und Spott aus seinen Augen. ‚Du sollst mich nicht betrügen, alter Gauner, und obenein noch auslachen,‘ dachte ich im Stillen, laut aber rief ich: ‚Maul halten, vorwärts, wo wohnt das Weib mit der Kuh? Führt mich selbst hin.‘ Er schritt voran, ich folgte mit einigen meiner Leute, die anderen mußten sämmtliche Gehöfte des Dorfes durchsuchen.

Es war mir ein äußerst widerlicher Gedanke, eine arme Wittwe zu berauben. Unwillkürlich kam mir das in der Jugend gelernte Gedicht von Frau Magdalis und ihrer Kuh in den Sinn und im Geiste sah ich jetzt einen ähnlichen Jammer in der Hütte der Armen ausbrechen, wie bei jener. Immer noch tröstete ich mich aber mit dem Gedanken: Man hat dich belogen, die Frau besitzt keine Kuh, noch weniger die beste des Dorfes, und war wirklich eine solche ihr Eigenthum, so hat sie das Schicksal der andern Wiederkäuer getheilt.

Aber zu meinem äußersten Leidwesen hatte der alte Sünder die Wahrheit gesprochen. Als wir fast das Ende des Dorfes und die Hütte erreicht hatten, ließ sich ganz deutlich das Brüllen einer Kuh vernehmen. ‚Nun, Herr?‘ rief der Bauer, ‚habe ich die Wahrheit gesagt? Wie kräftig schreit das Vieh! Ja, es ist das schönste Stück und jetzt das einzige im ganzen Dorfe. Ich kann’s Euch am Ende nicht verdenken, wenn Ihr es wegnehmt, trotz Wittwe und Waise. Es geschieht dem hartnäckigen Weibe ganz recht. Habe ich selbst ihr nicht vor Monatsfrist noch für die Kuh ein tüchtig Stück Geld geboten? aber es war mit der Thörin nichts anzufangen. Solch’ Bettelvolk ist zäh wie Leder; nun muß sie dieselbe umsonst hergeben!‘

Als wir in die Hütte getreten und unser Anliegen vorgebracht, erblaßte die ohnehin höchst erschrockene Frau zu Tode, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und brach in lauten Jammer aus. Sie warf sich mit den Kindern vor mir auf die Kniee, ergriff meine Hände und flehte inbrünstig: ‚Gnade. Herr, mit uns Armen! Vater ist todt und die Kuh ist unsere einzige Hülfe und Rettung, der unversiechliche Oelkrug der Wittwe in der heil’gen Schrift. Kommen und sehen Sie das liebe prächtige Thier. Ich selbst habe es aufgezogen, gespeist und getränkt, gehegt und gepflegt von seiner Jugend an, und jetzt dankt es mir, indem es uns vor dem Hungertode bewahrt. Gestern noch übten Ihre Landsleute Barmherzigkeit an uns und gingen an dem Hause gnädig vorüber; thun Sie ein Gleiches, ich bin eine verlassene Wittwe mit vier Waisen dazu,‘ – setzte sie leise hinzu – ‚eine Deutsche, Ihre Glaubensgenossin!‘

Ich stand rathlos, mein Herz krampfte in der Brust; aber nicht lange, und ich hatte meinen Entschluß gefaßt, ‚Cameraden,‘ rief ich meinen Begleitern zu, ‚wer Muth und Courage hat, der ergreife das Thier, ich selbst bin dazu außer Stande und wenn es eine Kugel vor den Kopf gelten sollte!‘ Aber zur Ehre der Braven muß gesagt werden: Alle verließen voll Mitleids die Hütte der Armuth und Niemand vergriff sich trotz Noth und Gebot am Eigenthum einer bedrängten Wittwe.

Wir waren nur wenige Schritte zurückgegangen, als einer meiner ausgesandten Leute eilig herbeikam und mir mit leiser Stimme die Meldung machte, daß in dem Gehöfte des Schulzen selbst, aber in tiefster Verborgenheit, eine bedeutende Anzahl Rindvieh entdeckt worden sei. Der alte Sünder mußte den Inhalt der Botschaft ahnen, denn seine bisherige Dreistigkeit und scheinbare Sicherheit schwanden immer mehr und machten einem sehr besorgten und ängstlichen Gesichte Platz. Urplötzlich that er einen wahrhaft thierischen Schrei. Wir waren an seinem Gute angekommen, hatten einen ungehinderten Einblick durch das offene Hofthor und sahen innerhalb der Palissaden-Einfriedigung den ganzen, so hartnäckig geleugneten und listig verborgenen Viehstand des schlauen Gauners: zwei kräftige Zugochsen, vier Milchkühe und fünf Stück Jungvieh, von den Schweinen abgesehen.

Mehrere meiner schlauen Bursche hatten das Versteck des Viehes ausspionirt, die harmlosen Wiederkäuer aus ihrer Verborgenheit gezogen und hier öffentlich und im lauten Triumphe aufgestellt. Ein wenig auf die Spur mochten sie ja wohl geleitet worden sein. Wer hat nicht seine Feinde, besonders widerwärtige und boshafte Menschen!

‚Ha,‘ schrie deshalb der Bauer, ‚das ist Verrath! Aber nun will ich auch Gleiches mit Gleichem vergelten und Niemand schonen!‘ Bei diesen Worten nannte er eine Menge Namen der Eigenthümer von verstecktem Rindvieh und wies mit Fingern auf die umherstehenden, gaffenden Nachbarn. Ich aber sah den alten Gauner mit ernster Miene an, dann rief ich voll tiefen Unwillens: ‚Kennt Ihr die Geschichte vom reichen und armen Mann im Evangelio? Es ist Eure Geschichte, die Härte des Reichen dort gegen den Armen Eure Härte gegen Wittwen und Waisen; aber wie jener Sünder nicht ohne Strafe verblieb, so sollt auch Ihr Euer Theil erhalten, und wenn dieses gnädiger ist, als Ihr verdient, so dankt es unserer Großmuth. Auch will ich selbst aus jener heiligen Geschichte und aus Euerm unchristlichen Thun etwas gelernt haben und mag Euer Richter weiter nicht sein. In Mangel und Noth sind wir, und Schlachtvieh müssen wir haben, und so nehme ich kraft meines Amtes und Auftrages von Euerm Viehbestand drei Kühe und drei Rinder, lasse Euch aber eine Milchkuh, zwei Rinder und die Zugochsen, als unentbehrlich für den Haushalt und die Wirthschaft. Ich könnte Euch ohne alle Rücksicht sämmtliches Vieh entführen, eine solche Strafe hätte Eure Schlechtigkeit wohl verdient, jedoch ich will Gnade für Recht ergehen lassen. Bedanket Euch deshalb für gnädige Strafe und ein andermal schützt Wittwen und Waisen, anstatt sie zu bedrücken und zu berauben.‘

Er machte zwar Versuche zum Reden, aber es blieben so unvollkommene, daß ich bis heute in Ungewißheit bin, ob es gute oder böse, Dankes- oder Fluchworte waren. Nun, sie haben mich nicht sehr bekümmert, wohl aber das laute Geschrei, der Hülferuf aus dem Dorfe kurze Zeit darauf. Meine zuletzt noch nachkommenden Leute, welche mehrere Wagen voll Brods mit sich führten, erklärten, daß die erzürnten Nachbarn ihrem schelmischen Schulzen eine kleine Collation verabreichten. Ich aber hatte weder Zeit noch Lust, ihren Eifer zu dämpfen, sondern eilte mit meinen erbeuteten Vorräthen zu den vor Hunger und Durst schmachtenden Kriegern.“