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Eine Reise von Philadelphia nach Antwerpen

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Textdaten
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Titel: Eine Reise von Philadelphia nach Antwerpen.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 20, S. 158–159; Nr. 21, S. 167–168, Nr. 22, S. 175–176; Nr. 24, S. 191–192
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger’s Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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Eine Reise von Philadelphia nach Antwerpen.

In der neuen Welt, wie Amerika genannt wird, obwohl sie bekanntlich so alt ist als jeder andere Erdtheil, brach, wie vorher in Wien, so im Monat September 1873 zu Philadelphia, nach dem Fall des großen Bankhauses Jay-Cook, der beklagenswerthe Krach aus, in Folge dessen allein in New-York an 50 Firmen bankrott wurden, und der weit in den Westen der Union hinein schmerzlich sich zu fühlen gab.

Jedermann wurde traurig und sah dem kommenden Winter mit Bangigkeit entgegen. Viele Deutsche faßten deshalb den Entschluß, in das alte, aber unvergessene und geordnete Europa zurückzukehren; auch wir schlossen uns, wenn auch aus andern Gründen, der Zahl derer an, welche zur alten Heimath zurücklenkten. Wir schifften uns am Mittwoch, den 22. Oktober, auf dem belgisch-amerikanischen Dampfer „Vaderland“ ein, welcher auf dem Delaware bei Philadelphia vor Anker lag. Am Sonntag vorher waren viele Deutsche an den Strom herabgekommen, um das Schiff mit seinem lockenden Namen zu beschauen, und manche Thräne trat Solchen in das Auge, welche zwar Sehnsucht nach der Heimath in dem Herzen trugen, aber zum Theil kein Geld zur Ueberfahrt hatten, zum Theil durch andere Gründe an den amerikanischen Boden gefesselt blieben.

Das Schiff sollte noch am genannten Tage abfahren, wie angekündigt worden war; allein es lag eine ungeheure Masse von Waaren in den Docks, welche noch geladen werden mußten. Den ganzen Nachmittag und die Nacht hindurch wurde unter dem lauten Geräusch der Dampfwinde und dem Geschrei der Matrosen gearbeitet. Die Ladung des Schiffes bestand vornehmlich in Roßhaar- und Baumwolle-Ballen, in Mehlfässern und Waizen, welch’ letzterer durch einen riesigen, von hoch über Deck bis in die untersten Schiffsräume reichenden Trichter an seinen Ort befördert wurde. Der Waizen war zu Wasser von Chicago hergebracht worden, und zwar in einem Fahrzeuge, welches auf glattem Verdeck zwei viereckige Thürme hatte, durch welche der Waizen ein- und ausgeladen wird. Das Aussehen dieses Frachtschiffes war sehr eigenthümlich, sofern es einer alten, auf dem Wasser schwimmenden Burg glich. Vor der Ladung mußten wir an einer hohen Leiter auf unser Schiff steigen, hernach aber, am Donnerstag, konnten wir auf einem eben liegenden Brette vom Boden des Lagerhauses auf das Schiffsdeck gelangen; so sehr hatte die ungeheure Waarenmasse unsern Dampfer unter den Wasserspiegel herabgedrückt! Am Donnerstag Morgen besuchten uns noch unsere englischen Freunde, um Abschied zu nehmen; um 11 Uhr wurden die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen, die Segel aufgezogen, die Anker gelichtet. Um 1 Uhr ertönte die Glocke; das Schiff bewegte sich und fuhr, begleitet von den Blicken einer großen Zuschauermenge, aus dem Werft der Christian-Straße in den Delawarestrom ein. Große Freude erfüllte Aller Herzen bei dem Gedanken, daß es nun der lieben Heimath zugehe. Gegenüber dem Werft, das wir verließen, lag die Stadt Camden, im Staate New Jersey, eigentlich eine Vorstadt von Philadelphia, durch den Delaware zwar getrennt, aber durch regelmäßig alle 5 Minuten abfahrende Dampfboote (Ferryboots genannt) wie durch einen sehr lebhaften Verkehr auf’s engste mit Philadelphia verbunden. Ein großer Theil des Staates New-Jersey, eines völligen Flachlandes, welches früher Meeresboden gewesen war, liefert nämlich bedeutende Mengen des Bedarfs an Lebensmitteln in die mehr als 800.000 Einwohner zählende Stadt Philadelphia, welche am äußersten Südosten des Staates Pennsylvanien liegt und nach der Stadt New-York die größte der Union ist. Wie alle andern Städte von Nord-Amerika ist auch Philadelphia ganz regelmäßig gebaut und daher höchst einförmig, liegt zwischen dem Flusse Schuilkill und dem Strome Delaware, hat gerade Straßen, welche sich von Süden nach Norden und von Osten nach Westen ziehen. Die einzige, doch mäßig schief gehende und darum die meisten Straßen durchschneidende und längste Linie ist die Ridge Road oder Ridge Avenue.

Auf diese ungeheuer ausgedehnte Stadt, in welcher so mancher der Passagiere längere Jahre verbracht hatte, senkten sich die Blicke mit fröhlichen Abschiedsgedanken; – mehr und mehr verschwand sie unsern Augen, aber desto mehr lenkten wir unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Ufer und die darauf zerstreut liegenden Städte, Dörfer und Farmhäuser. Zunächst fesselte uns die Stadt Wilmington im Staate Delaware, hernach auf dem linken Ufer die Stadt Bridgetown; am Schlusse der Stromfahrt trat uns das berühmte Cap May vor Augen, welches auf der äußersten Südspitze von New-Jersey liegt, wo die reiche Amerikaner-Welt im Sommer sich erholt und ihre Seebäder nimmt. Der Delaware mündet in die Delaware-Bay, von welcher aus man in den atlantischen Ocean sieht. Bis dahin hatte ein Lootse das Schiff geführt, von hier an jedoch übernahm der Kapitän die Leitung des Dampfers. Vorher aber mußten wir am Donnerstag Abend mit unserem Schiffe vor Anker liegen bleiben bis zum andern Tage Vormittags 11 Uhr, zu welcher Zeit die Meeresfluth in die Bay einströmte und die Ausfahrt zur hohen See erst möglich machte. Der Delaware ist zwar sehr breit und tief, hat aber manche seichte Stelle, welche eine genaue Kenntniß des Stromes erfordert, die sich nur der an Ort und Stelle lebende Lootse, nicht aber ein Seekapitän erwerben kann. Der Lootse, welcher unser Schiff bis hieher geführt hatte, kehrte nun auf seinem kleinen Dampfer, der dem unsrigen gefolgt war, heim und hatte für seine Führung, die kaum einen Tag gedauert hatte, eine schöne Summe Geldes verdient.

Unsere Fahrt auf dem Delaware hatte übrigens der kundigen Führung eines Lootsen gar sehr bedurft; [159] denn sie war äußerst schwierig, weil Tags zuvor ein starker Regen gefallen war, welcher die Seitenflüsse des Delaware bedeutend angeschwellt und eine große Menge von gefälltem Holz und Baumstämme mitgeführt hatte; und obwohl zwei Dampfer damit beschäftigt waren, das Treibholz aufzufangen, so blieb doch genug davon übrig, um unserem großen Schiffe Gefahr zu bringen. Bei und vor Cap May erblickten wir eine ungewöhnlich lange Reihe nahe bei einander liegender Schiffe, welche natürlich die Aufmerksamkeit Aller auf sich zogen. Wir erfuhren, daß es eine Austern-Flotille sei, welche in der Fangzeit Tag für Tag aus der Tiefe des Meeres die Beute hebt und dadurch einen sehr großen Gewinn macht. Im Ganzen waren es 40 Schiffe, auf denen sehr eifrig gearbeitet wurde; sie lagen in gerader Linie wie in Schlachtordnung vor Anker und hatten ihre weißen Segeltücher schlaff an den Masten herabhängen, wodurch sie sich weithin sichtbar machten.

Der Austernfang hat eine sehr große Bedeutung, da in Amerika jede Familie, auch die ärmste, täglich mit großer Behaglichkeit ihre Austern verzehrt. Diese sind eine Lieblingsspeise der Amerikaner, welche sie nicht nur bei allen Mahlzeiten aus den Schaalen oder gebraten oder in Suppen genießen, sondern auch in der Zwischenzeit, auch nicht bloß in den vielen Austernstuben, sondern selbst auf den Straßen, wo sie an stehenden Wagen zum Verkauf angeboten werden. Ohne die geringste Scheu stellt sich der Amerikaner, auch der vornehme gentleman, vor den Wagen und verspeist mit sichtbarer Lust seine Lieblinge vor den Augen aller Vorübergehenden. Dennoch sind die Austern nicht nach Jedermann’s Geschmack, fast sowenig als die Schnecken bei Europäern.

Ehe ich nun die Seereise beschreibe, möchte ich vom Schiffe selbst, seiner Bemannung und seinen Passagieren Einiges mittheilen.

Unser Dampfschiff war im „Philadelphia-Demokrat“ (einem deutschen Zeitungsblatt) als schmuck, neu und stark gerühmt worden und mit Vertrauen hatten wir es bestiegen, allein während der Fahrt erwiesen sich weder seine Maschine noch sein Bau als völlig zuverlässig; denn einmal blieb am sogenannten Matrosengrab (besondere Meeresstrecke, auf der in Stürmen schon mancher sein nasses Grab gefunden hat) die Maschine plötzlich unthätig; man konnte nur äußerst langsam unter Segel fortkommen, bis sie wieder hergestellt war. Das Schiff hatte zwar starke Eisentheile, aber das Holz desselben soll morsch gewesen sein; beim Sturme wenigstens ließ es bedenklich viel Wasser ein, so daß die Matrosen Tag und Nacht auspumpen mußten und einer derselben den Witz machte: „Das Schiff sollte nicht „Vaderland“ (Vaterland), sondern Waterland (Wasserland) heißen.“ – Und nun fassen wir die Insassen desselben, zunächst den Kapitän, in’s Auge. [167]

Der Kapitän war ein geborner Holländer, sprach außer seiner Muttersprache englisch, französisch und deutsch. Seine Erscheinung und Persönlichkeit aber entsprach keineswegs dem Bilde, welches man so häufig in Seereisebeschreibungen von deutschen Kapitänen erhält. Die an diesen gerühmte eisenfeste Männlichkeit in Verbindung mit schöner Menschlichkeit nahmen wir an ihm nicht wahr; er zeigte sich mehr stutzerhaft: häufiger Kleiderwechsel und oftmalige Selbstbetrachtung seines Aeußern konnten wenigstens solche Gedanken wecken und das Lachen abnöthigen. Die ihn näher kannten, schilderten ihn auch als Verehrer des Weines, und das Kupfer seiner Nase sprach nicht dagegen. Er überließ die Leitung des Schiffes häufig dem ersten Offizier, einem kleinen, dicken, wettergebräunten Engländer, welcher nur seine Muttersprache verstand, diensteifrig, streng, ja oft mürrisch war. Dabei fehlte ihm aber Herzensgüte nicht ganz. Der zweite Offizier war ein Amerikaner, gleichfalls nur mit dem Englischen vertraut, lang und hager, doch gewissenhaft im Dienste und recht freundlich. Der dritte Offizier, ein Deutscher, hatte die Matrosen unmittelbar unter seiner Leitung, machte sich aber keineswegs in besonderer Weise bemerklich.

Noch sind zwei andere Persönlichkeiten zu erwähnen, welche gleichfalls Offiziersrang hatten; die erste war der Commissioner oder Zahlmeister, von Geburt ein Schotte, gewandt in den Formen des Umgangs und freundlich, nicht wie sonst die Engländer sich zeigen. Er führte die oberste Aufsicht über den ganzen Schiffshaushalt, sprach oft mit den Passagieren, welche englisch oder französisch redeten, lernte auch die deutsche Sprache und unterhielt sich gerne über Deutschland. Die zweite Persönlichkeit war der junge Schiffsarzt, ein Amerikaner; er verstand nur englisch, hatte aber viel Wohlwollen für alle Reisenden. Schließlich kommt der Obersteward oder Oberkellner an die Reihe. Dieser war das Vollbild eines Stockengländers mit gelblichem Barte und lang herabhängenden Armen, stumm wie ein Fisch, unfreundlich gegen Jedermann, im höchsten Grade knauserig und besonders feindselig gegen Deutsche, welche er durch sein Betragen einmal so aufgebracht hatte, daß sie nahe daran waren, ihn zu packen. Nur die bekannte Strenge der Schiffsgesetze hat ihn vor ihren Fäusten bewahrt. Aber wenigstens mit Kartoffeln, die er zu häufig brachte, wurde er bombardirt, konnte jedoch nichts machen, weil die Schützen sich geschickt versteckt hatten.

Die Zahl der Passagiere betrug ungefähr 54, freilich eine sehr kleine Zahl gegen die Hunderte, die sonst zu Schiffe sind, die aber in der Herbst- und Winterzeit fast als Regel vorkommt. Die Reisegesellschaft bestand zu gutem Theil aus Farmern, welche in der alten Heimath, in Deutschland und der Schweiz, einen Besuch machten oder auch, und deren war die Mehrzahl, als Amerika-Müde nach Europa zurückkehrten. Einer war Wittwer und auf Freiersfüßen; sein Herz zog ihn in die Schweiz, um daselbst sich eine zweite Frau zu holen. Unter diesen Bauern waren mehrere Wiedertäufer, die sehr erbittert wurden, wenn einmal die Rede auf die Kirche und ihre Bedeutung im Völkerleben gelenkt ward. Hervorzuheben ist ein Bauer, der ebenso vernünftig als anständig in der Rede wie im Benehmen sich zeigte; er hatte eine große Familie, kam nach Chicago und ging in seine Heimath, das Herzogthum Luxemburg, zurück und zwar mit mehreren Wechseln von hohem Betrag. Bei seiner und der Seinigen Kleidung hätte Niemand einen recht vermöglichen Mann in ihm vermuthet. Er war so glücklich, noch vor dem Krach seine Häuser zu verkaufen und seine in einzelnen Banken niedergelegten Gelder zurückzufordern; sonst hätte auch er Amerika aus Mangel an Mitteln, wie viele Andere, nicht mehr verlassen können. So erzählte er von einem Nachbar, der gleichfalls nach Europa hatte heimkehren wollen, der aber nicht Eile genug hatte, sein Geld flüssig zu machen; der Börsenkrach kam und brachte ihm große Verluste, und was er noch hatte, vermochte er nicht in Baarschaft zu verwandeln. [168]

Noch haben wir der Schiffsbemannung Erwähnung zu thun, der Maschinisten, Heizer, Köche und anderen Dienstleute; ihre Zahl belief sich auf 80. Besonderes Mitleiden erregten die Schiffsjungen, welche meist eine unfreundliche, oft harte Behandlung über sich ergehen lassen mußten; sie bekamen manchmal Schläge für Fehler, welche Matrosen begangen hatten.

Zum Schlusse müssen wir noch einen interessanten und lieben Schiffsgenossen schildern, der aber nicht zur Bemannung gehörte, vielmehr Passagier war, obwohl er die große Vergünstigung genoß, kein Ueberfahrtsgeld zu bezahlen. Er sprach mit Niemanden, war aber dennoch sehr munter, deshalb von allen Reisegenossen gerne gesehen und geliebt. Sein Lieblingsaufenthalt war auf den Masten, die er ungefragt und ungehindert nach seinem Belieben zur Rundschau sich erwählte. Er war erst bei Cap May zu Schiffe gekommen, während dasselbe vor Anker lag, um die Fluth abzuwarten, hatte sich aber bald mit Personen und Oertlichkeiten vertraut gemacht. Während er bei schönem Wetter die Höhen der Masten aufsuchte, wie schon gesagt, kam er zutraulich in den auf Verdeck stehenden Küchenraum, wo er sich die nöthige Speise und das sichere Nachtlager suchte und fand. Kein Koch, kein Offizier und kein Passagier ward ihm deshalb böse, vielmehr freute sich einer Jedermann, und wenn er bei schlechtem Wetter nicht bloß Abends, sondern schon bei lichtem Tag sein Quartier in der Küche aufsuchte, so schaute jedes Auge mit Aufmerksamkeit nach ihm, und ein freundliches Lächeln flog ihm von Jedermann zu. Er war auch ein Amerika-Müder und fand eben deshalb soviel Theilnahme bei Gleichgesinnten. Man hatte ihn früher gegen seinen Willen nach Amerika verbracht, wo er kümmerlich lebte; das Heimweh zog ihn jedoch mächtig nach Europa zurück. Als unser Schiff später der Küste von Irland nahe gekommen war, ergriff unsern lieben Mitreisenden ein solches Freudengefühl, daß er sich flugs vom Schiffe verabschiedete und dem Kreidefelsen der grünen Insel zueilte. Er war nämlich seines Herkommens ein Engländer, seines Geschlechts – ein Sperling!

Nachdem nun die ganze Schiffsgesellschaft geschildert worden, ist es Zeit, die eigentliche Seereise zu beschreiben. [175]

Bei Cap May, der äußersten Spitze von New-Jersey, ließen wir Amerika hinter uns und steuerten, demselben Lebewohl sagend auf Nimmerwiedersehen, dem atlantischen Ocean zu. Es war höchst interessant, zu beobachten, wie unser Schiff, welches auf dem Delaware nur südliche Richtung hatte einschlagen können, nun im weiten Ocean Schwenkung machte und seine Richtung direct nach Osten nahm. Herrlich war der Anblick der Sonne, wie sie jeden Morgen in gerader Richtung vor dem Bugspriet aufging, den Tag über nach Süden, auf der rechten Seite des Schiffes ihren Lauf nahm, um des Abends hinter dem Schiffe im weiten Meere niederzutauchen! Wir hatten acht Tage lang wundervolles Herbstwetter, günstigen Wind und bedeutende Wärme, so daß wir die leichtesten Sommerkleider tragen mußten. Am ersten Samstag nach unserer Abfahrt (im Oktober) hatten wir besonders schönes Wetter und freuten uns königlich der herrlichen Seeluft, welche erquickend und stärkend auf uns einströmte. Diese Stimmung wurde noch erhöht durch den Gedanken, daß wir mit jedem Knoten, welchen das Schiff zurücklegte, unserer lieben Heimath näher gebracht wurden. Aber ach, Freude, Glück und Wohlbehagen wurden ebenso unangenehm als unschön dadurch gestört, daß, da jetzt erst die eigentliche Seefahrt begonnen hatte, dieselbe die bekannte Wirkung auf Nerven und Magen der Reisenden ausübte. Das Meer machte mit Unerbittlichkeit seine Ansprüche. Ein Passagier nach dem andern erbleichte, zog sich in seine Koje zurück oder eilte zur Schiffsplanke. Am meisten wurden die Frauen heimgesucht; einzelne, doch nur sehr wenige, hielten sich fest und kamen unbelästigt durch. Bei einem Frauenzimmer hatte die Seekrankheit so kräftig gewirkt, daß es wie neugeboren aus derselben hervorging und hinfort eine Eßlust entwickelte, wie nie zuvor. Aus diesem Uebel kam also Gutes!

Wie schon gesagt, hatten wir die ersten acht Tage das schönste Wetter, so daß auch die übrige Reisegesellschaft schnell sich erholte, um so mehr, als sie den ganzen Tag, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, auf dem Verdeck sich aufhielt; denn bei Beginn der Fahrt war der Mond in das erste Viertel getreten und hatte täglich hellere Strahlen auf Schiff und Meeresspiegel geworfen. Solche klare Mondnächte auf hoher See haben einen besondern Reiz und lassen keinen Schlaf in die Augen kommen. Während dieser Mondschein-Abende und Nächte hatten wir ein seltenes und höchst ergötzliches Schauspiel an einer besondern Art von Fischen, sofern dieselben alle am Vordertheil des Schiffes in großen Schaaren sich sammelten und theils voraus, theils auf den beiden Seiten des Schiffes mit ungeheuerer Schnelligkeit schwammen, genau der Richtung des Schiffes folgend. Ihre Gestalt war ganz deutlich zu erkennen, ebenso jede ihrer Bewegungen, indem sie alle so hell leuchteten wie das feinste Milchglas einer brennenden Lampe. Ganz merkwürdig war es, zu sehen, wie ihre Kameraden, die während der Fahrt das Schiff gewahr wurden, mit Pfeilschnelle von hinten, von den Seiten oder auch von vorne in geradester Richtung auf die am Schiffe versammelte Schaar zustürzten, daß man hätte meinen können, sie verlegen den andern den Weg. Aber wenn sie auf Körperlänge herbeigestürzt waren, so machten sie ebensoschnell Schwenkung, um die Richtung des Dampfers an der Seite ihrer Genossen zu nehmen: auch nicht ein einziges Mal stieß einer am andern an! Die Offiziere sagten uns, daß das Erscheinen dieser Fische, die etwas mehr als 30 Centimeter lang schienen, immer auf kommenden Sturm deute, welcher in der That auch einige Tage darauf heranbrauste und leider volle 6 Tage andauerte.

Während wir nun des Abends unser Ergötzen an diesen leuchtenden Fischen hatten, bereiteten uns andere Fische an den sonnenhellen Tagen noch ein anderes Vergnügen. Es waren die gefräßigen und gefährlichen Haifische, meist jüngere, welche 10 – 12 Fuß lang und auch länger, in ganzen Schaaren dem Schiffe folgten und spielend einander nachjagten. Sie sprangen mit der ganzen Körperlänge in Halbkreisform aus dem Wasser und stürzten sich wieder hinein, immer dem Schiffe folgend oder auch vorauseilend. Doch wie uns bei hellen Mondnächten außer den Leuchtfischen auch fliegende Fische in Spannung versetzt hatten, so erregte an sonnigen Tagen unsere Aufmerksamkeit im höchsten Grade neben den spielenden Delphinen das Erscheinen mehrerer Walfische, welche oft 4 – 6 und manchmal noch mehr an der Zahl in die Nähe unseres Schiffes kamen, ihre Wasserstrahlen in die Luft spritzten und theilweise ihren großen Leib über Wasser hoben, so daß sie ziemlich sichtbar wurden. An einem Tage genossen wir dieses Schauspiel vom Morgen bis zum Abend. Aber leider machte dieser interessanten Erscheinung die Veränderung des Wetters ein Ende; zuerst trat eine völlige Windstille ein, so daß die Segel an den Masten und Raaen schlaff herabhingen, dann kam ein Ostwind, welcher den Lauf des Schiffes verlangsamte. Darauf erhob sich plötzlich ein Westwind, welcher Regen brachte und endlich zu einem Sturm sich gestaltete, der haushohe Wellen dahertrieb, welche anprallten und sich über dasselbe hinstürzten. Da der Wind unaufhörlich tobte, mußte sich das Schiff nach rechts auf die Seite legen, während seine linke Seite sich hoch erhob; da konnte man nicht mehr gehen. Jeder mußte im Schiffsraum bleiben, sich auf den Bänken oder selbst auf seinem Lager festhalten, um nicht zu fallen und Schaden zu nehmen. Alle Lücken des Schiffes mußten verschlossen bleiben, um das Wasser abzuhalten, aber auch die Luft wurde dadurch zur Plage der geängsteten Reisenden abgeschnitten. Die sechs Sturmtage waren eine sehr traurige, ja höchst gefährliche und unendlich lang erscheinende Zeit; wir schwebten beständig [176] in Todesgefahr; besonders am Donnerstag der zweiten Reisewoche tobte der Sturm so heftig, daß das Schiff aus allen Fugen krachte und wir meinten, es müsse zusammenbrechen. Alles Geschirr, selbst große Koffer, wurden von einer Seite zur andern geschleudert; die Leute schrieen oft heftig auf und ließen Klagetöne hören; mehrere wurden in Folge der heftigen Bewegung des Schiffes und aus Angst krank. Eine Frau kam einmal während des heftigsten Sturmgebrauses an unsere Koje, jammernd und weinend sprach sie: „Ach, ich glaube wir sind verloren!“ Wir trösteten sie, so gut wir konnten, machten uns jedoch mit großem Ernst auf das Entsetzlichste gefaßt: auf ein nasses Grab, wenn es Gott gefiele! aber wir beteten mit aller Inbrunst des Herzens zu Gott, daß er uns erhalten möge nach seiner großen Gnade. In dieser Lage wurden auch Solche, die sonst viel Leichtsinn und Unglauben gezeigt hatten, äußerlich recht still und ernst. Wie es in ihrem Innern ausgesehen haben mag, konnte freilich außer ihnen selbst nur Gott wissen. Auch der Schiffsmannschaft konnte man den Ernst unserer Lage deutlich vom Gesicht ablesen, obwohl sie kein Wort sprach, auch nicht sprechen durfte; außerdem hatte sie sich großen Anstrengungen zu unterziehen; denn Tag und Nacht mußte sie abtheilungsweise das in das Schiff eingedrungene Wasser auspumpen, wobei sie selbst bis an den Leib im Wasser stand; als einige der Reisenden bemerkten, daß die Matrosen an den Rettungsboten arbeiteten, da wurde der Schrecken erst recht groß, weil man daraus entnehmen mußte, daß auch der Kapitän auf das Aeußerste sich gefaßt machte. Doch Gott hatte Erbarmen, trotz großer Ueberladung des Schiffes, trotz geschädigter Maschine, trotz des eingedrungenen Wassers erhielt er uns bei Sturm und Wellen! Dies mußten wir um so mehr als völlig wunderbar betrachten, als wir später, nach der Landung, erfuhren, daß das schöne und gute Schiff Ville-de-Havre im selben Sturm auf gleicher Heimfahrt nach Europa untergegangen war! [191]

Nach einer sechstägigen Angstzeit durften wir wieder dankbar aufathmen; denn der Sturm legte sich. Ist wohl im Herzen der Menschen, welche so herrliche Rettung aus der Todesgefahr erfahren durften, der Dank gegen Gott ebenso groß, als zuvor die Angst und der Hilferuf gewesen war?

Wie es sonst im Leben vorkommt, so traf es auch in unserer Sturm- und Angstzeit zu, daß neben dem Erhabenen und Ernsten das Komische sich zeigt: mitten in unsere Beklommenheit herein spielten sich oft plötzlich äußerst heitere Auftritte ab. So z. B. stürzte der Untersteward bei einem heftigen Stoß des Schiffes die ganze Treppe aufrecht herab, von Stufe zu Stufe springend mit beiden Füßen zugleich und kam wohlbehalten unten an; aber während dieser Treppenfahrt flog der Pudding aus der Schüssel, die er fest in den Händen behalten hatte, auf den Boden sammt der guten Weinbrühe, welche uns hatte laben sollen. Ein ander Mal brachte ein Koch, welcher vorsichtiger sein wollte, den Braten selbst zu Tische; glücklich kam er mit seiner duftenden Last bis vor den Tisch hin: aber pauf, da lag er rücklings am Boden! Ein heftiger Stoß hatte ihm diesen Streich gespielt; der Braten selbst flog hoch auf, über die Köpfe der Tischgesellschaft [192] hin und fand seine Ruhe erst am Boden! Ebenso komisch war es, wenn die Leute bei Tisch saßen und ein neuer Stoß alle Teller, aus denen sie eben die Speise nehmen wollten, klirrend auf die andere Seite des Tisches warf und sie nöthigte, in größter Hast nach den Tellern zu tasten. Nur ein Unfall ereignete sich trotz der vielen Gefahren: ein Matrose stürzte und brach das Bein. Auch nachdem der Sturm schon vorüber war und die Leute zur Erholung wieder auf Deck sich begeben hatten, kam manchmal noch ganz unverhofft eine Sturzwelle daher und näßte etliche ganz tüchtig, worüber die Verschonten waidlich lachten.

Von der Sturmzeit an war es sehr kalt geworden, doch endlich kam auch die liebe Sonne wieder, und bald sahen wir zu unbeschreiblicher Freude die Kreidefelsen von England. Hier nahm das Meerwasser, welches im eigentlichen Ocean schwarzblau ausgesehen hatte, eine grüne Farbe an; bald kam der ersehnte Lootse in Sicht, bestieg unsern Dampfer und brachte denselben durch den Kanal zwischen England und Frankreich glücklich durch die Nordsee, auf welcher wieder ein anderer Lootse uns bis an die Mündung der Schelde führte. Bei Vließingen, wo wir mit einem rothen bengalischen Feuer begrüßt wurden, warf unser Schiff Nachts 10 Uhr Anker und blieb liegen bis zum andern Morgen (Sonntags), um mit Eintritt der Fluth weiter zu fahren. Nun kam ein dritter Lootse, um die Stromfahrt auf der Schelde bis Antwerpen zu leiten, aber schon Mittags um 1 Uhr lief zu unserem Schrecken das Schiff auf eine Schlammbank auf und saß eine Stunde lang fest. Ein anderer Dampfer kam zu Hilfe, legte sich an die Hinterseite des unsrigen und schob mit aller Dampfkraft vorwärts. Wir wurden wieder frei. Nach etlichen Stunden erkannten wir bei langsamer und vorsichtiger Fahrt die Thürme von Antwerpen, dessen Hafen wir bei einbrechender Nacht zwischen 5 und 6 Uhr endlich glücklich und dankbar erreichten. Die Grenzwächter durchsuchten Koffer und Gepäck; es war finster geworden, und ein Beamter der Dampfschiffgesellschaft erschien mit der Erklärung, daß alle Reisenden wegen der Dunkelheit noch bis zum andern Morgen im Schiffe zu verbleiben hätten. Der Schreiber dieser Zeilen fand dies zu hart für sich und seine Angehörigen und bat um Erlaubniß, aussteigen zu dürfen. Diese wurde freundlich gewährt, und so betraten wir nach achtzehntägiger schwerer Fahrt überglücklich den festen Boden des heimischen Erdtheils: welche Lust war dies, zumal nach so ergreifenden Erlebnissen!

Wer Lust hat, gleich’ interessante Erfahrungen zu machen, der gehe flugs zur See, bestelle sich einen Sturm und sehe! Es kostet etliche 100 Mark, etwas guten Muth und – starken Magen!

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