Zum Inhalt springen

Eine Luftschifffahrt

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: August Silberstein
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Luftschifffahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 354-356
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[354]
Eine Luftschifffahrt.
Ausgeführt und beschrieben von August Silberstein.

Ich bin auf stürmischem Meere gefahren und auf leise hingleitendem Nachen im Strome; ich habe das Dampfroß benutzt in seinem rasendsten Ertrafluge und den schleichenden Bauernwagen im melancholisch murrenden Sande; ich habe auf elendem Klepper humpelnd mich fortgebracht und bin auf weitausholendem Rosse, dem Sturme gleich, über Haiden gejagt.

Nur Eins war mir neu und wie ein süßes Geheimniß räthselhaft, wie ein verschlossener Gral zu entsiegeln und den zauberischen Kelchduft in mich zu saugen – das war eine Fahrt in den Lüften, eine Reise hoch über allen Häuptern der Menschheit, allen Giebeln und Thurmzinnen, allen Bergspitzen und horizontumschließenden Nebeln dieser Erde!

Eine Verbindung mit dem eben in Wien anwesenden Luftschiffer ‘‘Berg‘‘ ermöglichte mir die Erfüllung dieser pulserregenden Sehnsucht, und am 19. Mai trug mich endlich und wirklich sein Ballon mit ihm in die Lüfte, in den großen Gotteshimmel hinein, dorthin, wo noch äußerst wenige Menschen waren!

Frage mich Keiner erst, wie so ein Ballon aussieht, wie er eingerichtet ist und ob er, wohl nicht für „Balken im Wasser“, aber in der Luft sorgt. Das sind Dinge, die man in einem technischen oder andern Lexikon nachsehen möge. Auch erlasse mir Jeder die Beschreibung der Vorbereitungen. – Da stand der fast ovalrunde, in seiner Form eigenthümlich elegante „Sack voll Luft“ in mächtigem Umfange, heute nicht weniger als 18,000 Kubikfuß Gas fassend und von strotzender Fülle zeugend. Bei dem leisesten Luftstoße schüttelte und rüttelte er die Arbeiter, die ihn bändigend zur Erde halten.

Es war in der Arena an der Schönbrunner Straße. Die Menge guckte ihn neugierig an und da ich mich bis zur Abfahrt von ihm entfernt hielt, thaten mir Freunde und Bekannte im Hintergründe den Gefallen, fortwährend zu fragen: „Haben Sie keine Angst?“ – „Haben Sie für Ihr Testament gesorgt?“ – „Wenn Sie fallen?“ und derlei liebliche Fragen mehr, die äußerst geeignet sind, den Muth zu erhöhen, auf mich aber glücklicherweise den Eindruck machten, wie der Schaum einer Welle auf den Matrosen.

Die losgelassenen kleinen Probeballons zeigten eine nordöstliche Richtung, nach dem Gewirre der Stadt zu, und ging der große Ballon ihnen nach, so war unsere Fahrt voraussichtlich eine – wie ich sie nur träumerischst ersehnt – über dem Babel, in dessen wirrem Gewinde mein Fuß bereits eine Reihe von Jahren herumgeirrt.

Freund Berg tummelte sich wacker um die Peripherie des Ballons, regulirte die Gasröhre, legte und hob die Ballastsäcke, prüfte und knüpfte die Taue, schalt und ermunterte die Arbeiter, ließ das Ungethüm endlich um mehr als eine Klafter heben, um das Fahrzeug daran zu binden – ich sah einen runden Korb von circa drei Fuß Durchmesser, bis zur Hüfte reichend und aus Tauen so durchsichtig und so luftig gefügt, wie etwa die Stahlkugeln, in denen die Damen ihre Strickwolle tragen. Das war das Nest der neuesten Frühlingsvögel, und es sah in der That luftiger aus, als irgend ein Vogelnest.

„Jetzt!“ rief Berg mir zu. „Kommen Sie!“

Es war die bestimmte Stunde – halb sieben Uhr Abends – ich sprang rasch ein – wir zogen die Taue an uns – ein Klingeln der Signalglocke – ein Schuß - und „Hurrah!“ schrie die Menge, denn, wie ein Pfeil in die Höhe geschossen, waren wir schon über ihr in den Lüften!

Ob ich zitterte? Ob ich Angst hatte? fragt gewiß Einer oder der Andere. Heute ist es vorüber und ich könnte, wie der junge Soldat nach der Schlacht, gestehen: „anfangs ist’s mir schlimm gegangen.“ Aber nein, meine Brust schwellte nur Sehnsucht, den großen Anblick zu genießen, und die Menge, der ich zum Abschied zugrüßte, ja Freunde, denen ich mich noch in der ersten Sehweite zuneigte und mit dem weißen Tuche ein besonderes Valet zuwinkte, werden mir bezeugen, daß nur die Freude mich bewegte.

Klingeln, Schuß, Hurrahgeschrei und Hochschweben in der Luft waren gleichzeitig das Werk eines Augenblickes. Wir stiegen wie die Flamme eines ruhig brennenden Lichtes gerade in die Höhe und das entzückte die Menge so sehr, daß sie in gewaltiges Schreien ausbrach. Im ersten Augenblicke suchend, wohin ich über all’ diese Weite mein Auge wenden sollte, fiel der Blick unwillkürlich auf die schreiende Menge; sie umstand uns nach einer Seite in weitem Halbkreise, bis über die breite Straße und tief hinein in die Felder. Als ich aus dem schwarzen Kreise diese emporgereckten weißgelben Gesichter, eins an dem andern, und die Totalität der tausend offenen Mäuler, aus denen das Schreien kam, das mir in der Höhe vielleicht zehn Mal stärker und sonderlicher klang, als unten, durch meine scharfen, eigens für den Zweck vorgesehenen Augengläser sah, mußte ich unwillkürlich in Lachen ausbrechen.

Und nun nahm ich einen vollen Athemzug der reinen Luft und sah weit, weit hinaus!

Mein schönstes Hoffen war erfüllt, der Zufall, der mir hätte hundert Mal ungünstig sein können, begünstigte uns diesmal, denn wir trieben nicht in's Feld, sondern nach Wien zu.

Die Luft war ruhig, majestätisch schwammen mir dahin, wie ein Schwan, der nur unsichtbar leise rudernd durch die klaren Fluthen langsam vorwärts kommt. Wir versuchten vorerst die Schnelligkeit; die ausgeworfenen Papierstreifen entfernten sich verhältnißmäßig nur langsam von uns; wir begannen, den Ballastsand auszuwerfen, und höher, immer höher stiegen wir dem Himmel zu, der sich immer weiter über uns breitete.

Was mich zuerst oben überraschte, war das Tosen, Sausen, Surren, Schnurren, Klappern, Brummen und Rollen unter uns. Sie haben sicherlich schon aus geringer Entfernung zwei aneinander vorbeifahrende Eisenbahnzüge gehört; denken Sie sich dieses schauerliche Lärmgewirre fortgesetzt, immer fort und fort von unten herauftönend, und Sie haben die Sprache der Menschheit, das Thun einer großen Menge, die Harmonie einer Groß- und Culturstadt genau in den Ohren.

Es gewinnt an Verständniß, wie da unten Einer den Andern nicht versteht, nicht erhören mag und nur sich selbst gehorchen will.

Es ist ferner ein schlechter Witz, wenn ich sage, daß die Allmacht Gottes da unendlich gewinnen muß, im Bedenken, daß er aus all’ diesem schauerlichen Lärm nicht nur Wiens, sondern aller Städte und Dörfer – auch Leipzig – den Einzelnen heraushören soll!

Freund Berg wollte haushälterischer mit den Sandsäcken umgehen, als ich; aber ich benutzte die volle Gelegenheit, dieser Gleiches gewohnten Menge einmal Sand in die Augen zu streuen und dadurch emporzukommen – und herab mußte eine Portion nach der andern – wir stiegen und stiegen!

Es war ein über alle Beschreibung entzückender, erhabener Anblick! – Es war ein zweifelhafter Tag gewesen und die Abendsonne zerstreute die Nebel, die heute nicht so dicht stiegen, weil eben der Tag nicht heiß war. Dies ließ uns Alles klarer erscheinen. Die ganze große Stadt mit ihrer meilenweiten Umgebung lag vor und unter mir, wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Zeilen ich mit einem Blicke übersah. Eine auslaufende Straße war mir [355] eine Pause und ein Dorf ein Strich- oder Schlußpunkt. – Die Leute erzählten mir später, der Ballon hätte ein lange nicht gesehenes, prachtvolles Schauspiel geboten, indem er geraume Zeit, scheinbar unbeweglich, eine Handfläche groß über der Stadt schwebte.

Ich selbst kam mir vor, wie ein Falter, der über einer farbenreichen Blume schwebt – jede Häusergruppe war mir ein Blatt in der Zentifolie und die Thürme und Zinnen waren mir die begehrenden emporgestreckten Staubfäden! – Mir war wohler, als dem Falter, ich durfte nicht einmal die Schwingen regen.

Wien ist weit schöner, wenn man darüber hinweg, als wenn man darin ist. – Die kleinlichen Krümmungen für den Gehenden und Fahrenden bestehen da oben nicht, da liegt fast Alles gerade, in rechten Winkeln; und denken Sie sich nun diese, ich möchte fast sagen, Harmonie der Confusion! – Die größten Baudenkmale, zu denen ich unten den Hals emporreckte, schienen mir nun unten vom Zuckerbäcker gefertigt; ich hätte mögen das Dragant-Burgthor oder die Stephanskirche mit ihrem Papiermache - Bijouthurm in den Korb hereinheben.

Ich hatte vor Jahren ein Modell Wiens gesehen, das ein Invalide in einer Bude zur Schau stellte und das er in langen Mußejahren – Haus für Haus getreu – gefertigt. – Da lag wieder das Modell des Invaliden vor mir – gleichgültig, ob die ganzen Generationen, die daran bauten und kleisterten und klebten, invalid waren oder nur der Eine – oder ob ich da war gegen eine kurze Reihe Groschen oder eine kurze Reihe Lebensjahre!

Und doch war das Alles so schön, so herzig und entzückend, daß ich es nicht hätte in Ewigkeit verlassen mögen!

Der Lärm von vorhin verminderte sich, er ward immer schwächer und schwächer, er drang immer weniger empor, ich hörte endlich gar nichts – wir waren über alle Schallwellen und alles Tonreich von unten, wir zogen nur selig dahin; und das so leise, o unfühlbar gleitend, daß nicht einmal die Taue zitterten oder beim Durchschneiden der Luft wie nachhallende Saiten hauchend sich regten.

Ich zeigte meinem Gefährten, der die Gegend nicht so kannte, wie ich, die einzelnen Häusergruppen, Gebäude etc. Er freute sich über diesen „Guide de Voyage“ und erkannte nun ebenfalls die Orte. Die großen Parke und Gärten erschienen uns da erst harmonisch, wie auf einer Planzeichnung, und namentlich der ungeheuere Prater und Kaiser Joseph’s Augarten, wie die etwas größern grünen Spielzeuge eines Knaben.

Wir waren, den Fußweg in gerader Richtung gerechnet, eine halbe Stunde vom Stephansplatze entfernt, ich sah doch mitten hinein auf das Thürmlein und Kirchlein; und die schwarzen Fleckchen noch tiefer, das waren unzweifelhaft Gruppen von Hunderten im Gucken so vielfach geübter, nimmermüder Wiener.

Wir sahen gleichzeitig das silberne Band des kleinen Donauarmes in seiner stundenweiten Ein- und Ausmündung, dann das große, silberschimmernde, breite Toison Brustband Oesterreichs, die große Donau, Brücklein und Schifflein aller Arten, die nahen ragenden Berge mit ihren kleinen Burglein, die nach Ungarn sich erstreckende, weite grüne March-Ebene – alles das mit einem einzigen Ueberblicke – recht niedlich da unten.

Der Eisenbahntrain kroch mühsam dahin und der schwarze Wurm, Waggonzug geheißen, mochte mich so dünken, als ein von einem müden Gaule geräderter Omnibus oder eine längere Droschke. Von einem Pferde oder gewöhnlichen Wagen, die sich tummelten, will ich gar nicht reden – das war vergebliches Wälzen, vorwärts zu kommen.

Ueber das Alles breitete sich nun der Thalnebel und begann es grau zu machen. Wir selbst strichen durch eine Nebelschicht, von unten als Wolke gesehen. Was ich sah? – Ich habe schon nichts gesehen in meinem Leben! Ich habe eine Menge neuer Journale und Romane gelesen – das ist sicher nichts; ich habe Preisstücke aufführen sehen: auch nichts; ich habe unsere greise Hofschauspielerin Z. eine junge Dame darstellen sehen – das ist auch noch nichts; ich habe geschriebene Betheuerungen, auch gedruckte – ganz gewiß nichts; aber so total nichts, so klar und deutlich nichts – das ist mir noch nicht vorgekommen!

Wenn dieses Nichts nicht einmal vorhanden war, als das Nichts in der Welt gewesen, so kann ich mir erst einen Begriff machen, warum das Alles in der Welt so nichtig ist, was aus jenem Nichts gemacht wurde!

Doch nur eine kurze Zeit und der entzückende, ungehemmte Ausblick kehrte wieder – wir waren durch und über die Nebel weggekommen. Die Abendsonne, die längst schon unten verschwunden war, verglühte purpurn noch für uns hinter den Bergen und unsere Augen waren die einzigen, die sie scheidend noch grüßten.

Fortwährend Ballast hinaus, um, trotz der in den Ballon dringenden atmosphärischen Luft, auf gleicher Höhe zu bleiben. – Wir zogen leise und selig über die Gewässer – kein Vogel in unserer Nähe, sie waren in ihrem höchsten Fluge unsichtbar unter uns. Ich holte das Meßinstrument hervor und wollte genau bestimmen – da rann mir das Quecksilber in die Hand, ich hatte es wahrscheinlich beim Einsteigen zerbrochen. Wir waren nach beiläufiger Berechnung 5000 Fuß hoch, tief in der Schneehöhe. Kälte empfand ich trotzdem wenig; ich war warm gekleidet und der Himmel über uns war bedeckt – das, wissen Sie, hält wärmer, als ganz lichte Witterung.

Ein herrlicher Zufall hielt uns in der Nähe des großen Donauzuges. Links der Kahlen- und Leopoldsberg mit Schlössern; am Fuße der Berge, an dem Donauufer, Stadt und Stift Kloster-Neuburg, dessen Klosterburg fast jede Residenz deutscher Fürsten beschämt; rechts abermals eine Bergkette und dahinter die unabsehbaren Ebenen des grünenden sprossenden Marchfeldes, des Schauplatzes unzähliger Schlachten, das Siegesfeld des deutschen Löwen, Held Karl’s von Aspern und Wagram; zwischen der beiderseitigen Berggasse hindurch das breite Demantband der Donau – ich sah wie ein gewaltiger Condor hinein in die Windungen und Bergschlängelung bis nach Ungarn – da sind keine Worte, das Entzücken dieses Schwebens und Schauens zu schildern!

Es darf sich Niemand über mich wundern – ich war sicherlich in gehobener und getragener Stimmung!

Wir bogen nun wieder, von sanftem Zuge geleitet, nach rechts in das Marchfeld ab. Was ich sprach und nur leise sprach, klang so hell und laut und rein – ach Gott, warum gibt man den Tenors nicht kleinere Gagen und pumpt lieber Luft aus den Theatern, um dieselbe dünner zu machen – ich versichere, ein Tenor singt drei Mal so lange, zu fünfundachtzig Jahren den Melchthal oder Papageno, auch den Tannhäuser, ja, er braucht nur leise zu tremuliren und es klingt wie Ander und Roger in Schreifloribus!

Ich versuchte zu schreien – ich glaubte in der That, ich sei ein hoher Tenor – kein Echo, kein Wiederhall! – Es schauderte mich einen Augenblick an, mir war’s, als sänke der Ton vor meiner Lippe todt nieder, als stürbe er daselbst. Und wahrlich, ich weiß nicht, was mich überkam, mir war’s, als müßte ich mein Echo haben, als wäre ich so etwas von dem traurigen Peter Schlemihl ohne Schatten, und ich erkannte das Süße des Wiederhalles – in der Menschenbrust! – Ich sang nochmals zur Probe. Ich sang – was glauben Sie?

„Was ist des Deutschen Vaterland!?“ So hoch hat das sicher noch kein Mensch in der Welt gesungen; auch ohne Wiederhall in den höheren Schichten; und gibt es einen bessern Ort, das zu singen, als in der Luft? So in die Luft hinein – das ist das Allerbeste, eigentlich das Gewöhnlichste. Vielleicht war ich auch so närrisch, zu glauben, da ich nun dem lieben Gott so viel näher sei, daß er mir eine Antwort auf diese sonderbare Frage geben und, besonders da wir so allein und sicher ohne Zeugen waren, etwas darüber anvertrauen werde.

Aber so weit die deutsche Zunge auch da reichte – o nein! nein! nein! – Ich empfand nur ein Drücken in den Ohren, als ob mir etwas in den Ohren oder an den Ohren läge – wer weiß, was es bedeutete! Warf auch Sand hinunter.

Einige Minuten schwebte ich lautlos dahin, an alle die erstorbenen Töne und auch dieses Liedes denkend; – da sagte ich plötzlich, nach der lautlosesten Stille, rasch zu meinem Begleiter: „Was ist das?“ – Es rollte wie ein rascher Wagen über eine kurze hölzerne Brücke – es hatte in der That in der zweiten Wolkenschicht, die im weiten Kreise hoch über uns stand, ein wenig gedonnert. Zur Erde ist wahrscheinlich davon nichts gedrungen. Galt es mir? Es klang so wie eine recht brummige Grobheit für mich! Etwa wie das bekannte „ich bitte mich Ruhe aus.“ War ich doch ein Eindringling in diese Privatgegend der Schöpfung, in das Elisee, auf dessen Pforten im Allgemeinen stand: „Hier ist der Eintritt verboten!“

Ich mußte doch wieder mein Auge von den weiten Aussichten nach Osten zurückwerfen nach Südwest. Ich sah nach Wien. Mein Gott! ist jene tieflagernde, fahlgraue, schmutzige, flache, fast an der Erde klebende Staubwolke Wien?

Denken Sie sich die zweimalige Länge eines ovalen Familientisches – die Gestalt der fahlen, flachen Wolke – mitten durch [356] blos ein Spitzlein herausragend – das war, sammt Umgebung, Wien und seine stolze Riesendomzinne.

Mein Eindruck war wahrhaft Bangen und Schrecken. In jener Atmosphäre athmen siebenmalhunderttausend Menschen, lebte auch ich! In jener qualmdicken Luftschicht wachsen Hunderttausende kleiner Wesen groß – sollen und mögen all werden – lechzen Tausende von Kranken um Genesung und herzerquickende Luft! – Es war wahrhaft peinlich; das Bild des Tisches mit dem Spitzlein blieb mir – ein „besteckter“ Tisch im großen Gasthof der Schöpfung, auf dem die Gäste allmählich den Tod zehren. – In dieser Pein schwellte ich doppelt so stark meine Brust, um den reinen, herrlichen Aether, in dem ich schwamm, mit vollen Sehnsuchtszügen in mich zu saugen. Ich konnte mein Auge lange nicht von dem länglichen, dicken, flachen Dunstkreis wenden.

Das waren siebenmalhunderttausend Herzen – Menschenherzen! – Das trieb und drängte im selben Augenblicke nach seinen hohen Zielen, da unten; das gebar eben und starb, hochzeitete und begrub, sah neidisch auf ein Kleid, auf ein Equipage-Würmchen, ein Haus – haha! Gelächter! Gelächter! Herr Berg thut gut, zwei geladene Taschenpistolen vor der Fahrt zu sich zu stecken – er weiß nicht, was aus seinem Gefährten für ein toller Geselle wird, und ihm eine Kugel in’s wirre Hirn ist besser, als mit ihm zerschmettert zur Erde gehen, in dem Glauben, wir seien Alle nur schrecklich komische Ameisen in einem verdammt muffligen und ekligen Ameisenhaufen!

Und denken Sie sich etwa – so ein blutiges, klaffendes Haupt, so eine wundgerissene, aufgeschlitzte Brust da oben in den Lüften hoch hinschweben, leise, lautlos über Allen hingetragen, vom Ballon wie von einer Riesenhand zum Himmel stumm klagend hinaufgezeigt – die blassen Wangen, die erbleichten Lippen, die eingesunkenen Augen – denken Sie sich diesen Sommerfaden eines vergangenen Lebens, den Sterbenden oder die Leiche überhangend da hinziehen nach den Sternen und den hereinhangenden Wolken – das heiße Blut rieselt in schweren, langen Tropfen da hinunter auf die Erde – ein rother, brennender Thau – vielleicht auf eine Hand, die zuckt und erbebt und …

Doch fürchte Niemand – ich lebe und bin gesund, und die Taschenpistolen haben wir sehr gemüthlich mit einander auf Erden entladen.

Wollte ich einen schlechten Witz machen, würde ich sagen: von ganz Wien sah ich da nur ein „Spitz’l.“ – Aber wahrhaftig, die Zeit ist vorüber, wo das träfe, und indem ich dies dachte, lächelte ich wieder über mich selber und alles Andere, und breitete segnend über das geliebte Vaterland die Hände!

Ueber der grünen Saat des ewig theuern Kampffeldes war nur schwer unser Fortkommen zu bemerken; nur ein verschwindendes Dorf, eine große, grüne entronnene Fläche, das waren unsere Kennzeichen und Wegezeichen. Ich hatte schon lange einen Druck in den Ohren empfunden, wollte aber nichts sagen, und hatte nur immer „noch höher! noch höher!“ gerufen und Sand ausgeworfen. Ich hätte gar zu gern wenigstens die Bekanntschaft der „Venus“ gemacht.

Doch der Ballon hegte irdische Neigungen, und begann endlich allmählich etwas tiefer zu gehen. – Plötzlich, nach einiger Zeit war es mir als wie im Bade, wenn sich das wasserverhaltene Ohr von seinen Banden löst, das Wasser sinkt und man mit Vergnügen wieder, wie in einer neuen Welt, zu hören beginnt. Das war ganz ähnlich, nur ohne jene begleitende Wärmeempfindung. Ich lauschte fast mit Entzücken – und horch! wir schwammen über einem Meere von Gesang – erst leise ziehender, dann immer deutlicherer, hellerer, reinerer Töne!

Es war Abend, und die Lerchen gingen zu Neste. Jedermann weiß es, daß sie den trauten Ort lange umschwirren, sich abermal und abermal erheben, und hoch in den Lüften ihr Lied schmettern. Der Wandelnde auf Erden sieht in die staunenswerthe Höhe empor, und bemerkt einen zitternden Punkt, die Lerche. Wie oft that ich das! Hier aber hatte ich nun die gefiederten Sänger tief, tief unter mir, und so wie ich dahinzog über ein förmliches Netz von Sängern, über einen wahren See von entzückenden Klängen – dazwischen schlugen auch Wachteln den Takt – und so viel ich mir dabei Mühe gab, einen Vogel zu entdecken, es war vergebens.

Entzückender, seliger Augenblick! Ein Märchen von tausend und einer Nacht, ein unsichtbarer, paradiesisch tönender Sängerchor, ein schmerz- und müheloses Gleiten über diese Sangeswogen dahin – jetzt erst erfaßte ich die ganze Wonne des Vogelsanges – ich vergesse das mein Lebelang nicht! Vielleicht hört man im Himmel aus allem Gewirre der Welt blos diese Lieder, und läßt sie darum dauern. Und das Alles tönte über dem Grunde, den Deutsche, den Heimathshelden mit ihrem Blute gedüngt. Es war mir, als würden die Liederseelen wach, und zögen die Sangesgeister leise, sanft klingend über den grünenden, üppigen, seligen Gräbern.

Langes, entzücktes, überseliges Dahingleiten. – Ich empfand wahrhaft, wie in höhern Regionen.

Und nun endlich – nach geraumer Weile – tiefer. Und nun deutlicher Häuser und Saaten und die Menschen und die frühern Wagenpunkte. Dorfbewohner zu Wagen fuhren von ihren Feldern schon in aller möglichen Eile der Gegend zu, wo sie unser Niederkommen vermutheten. Die Guten hatten vergebens ihre Gäule anzustrengen, der Horizont täuscht gewaltig.

Aber was mich bald in aller höhern Stimmung lachen machte – waren die Hasen. Wir waren noch in solcher Höhe, daß wir die hohen Fruchthalme sahen wie aus der Erde gekeimte Saatspitzen, und schon hatten die Hasen das hoch über ihnen schwebende Ungethüm erblickt, und liefen die Meister Lampe in merkwürdiger Menge und Verwirrung kreuz und quer durch die Gauen, im buchstäblichsten Sinne das berühmte Hasenpanier ergreifend!

Da wir aber sahen, daß wir in Saatfelder kämen und bedeutenden Schaden anrichten würden, warfen mir den letzten Ballastsack aus – wir hoben uns blitzschnell wieder – noch ein entzückendes Aufleuchten der Wonneflamme – wir schwebten in Kurzem in der Nähe eines Dorfes und sahen nicht fern eine brach liegende Fläche. Ein bedeutender Wind fing an, sich zu heben; wir durften nicht lange laviren – glücklicher Weise trug er uns dem erwünschten Ziele entgegen, und aus dem Ventil entbrauste das frei gemachte Gas. Wir strichen quer über die große Landstraße – ich entdeckte einen Wanderer, der mir noch immer keine Beine zu haben schien, höhlte meine Hände und schrie mit aller Kraft festgefügter Lungen: „Wo – sind – wir!?“ Nach mehrmaligem Rufen verstand der gute Mann oder errieth, was wir wollten und freuete sich, so seltsamen Reisenden Auskunft geben zu können. Er schrie mehrmals mit aller Anstrengung, und ich hörte endlich „Gerasdorf!“ Das war vier Stunden von den, Orte unserer Ausfahrt.

Nochmalige zahlreiche Hasenretraite – der günstige Wind trieb uns weiter in’s Brachfeld. – Den Anker hinaus! – Er strich am langen Seile dahin, und faßte endlich an einem Rain. Zwei Bauern, die schon eine geraume Strecke nachliefen, faßten unsere ausgehängten Seile – wir zogen mit aller Kraft am Ventile - die Dorfbewohner, die schon eine Viertelstunde ihre Beine tüchtig ausgeholt hatten, gelangten endlich in’s Feld hinaus, griffen nach den ausgeworfenen Seilen, und hielten das Ungethüm. Wir waren im Menschenkampfe und – erschrecken Sie nicht, wenn ich es sage, denn ich schreibe ja noch hinterher – auf dem Schlachtfelde von Aspern und Wagram gefallen! – Seliges Zugrundegehen!

Was soll ich die Leser mit der Beschreibung unserer nun beginnenden Arbeit auf Mutter Erde, mit der Zähmung des Ballonungethüms und der Landleute Hinhalten, die erschreckt losließen und davonliefen, wenn sie der seidene dickleibige Koloß ein wenig in die Höhe riß?

Kaum waren wir auf der Erde, so erhob sich ein heftiger Wind, und fünf Minuten länger hätten uns wer weiß wohin getrieben, das Niederlassen auf unbestimmt unmöglich gemacht, und in der Stadt hegte man bereits Besorgnisse. Der Ballon lag nach einer guten halben Stunde, wie ein Wäschbündel zusammengerollt, schwer auf dem Boden; – es war bereits dunkel, die Dorfbewohner gingen mit ihrer Entschädigung in’s Wirthshaus, und brachten einen Leiterwagen auf, der uns aus der unabsehbaren, bereits sternbedeckten Ebene zur Erquickung nach dem Dorfhotel und dann nach der Stadt führte.

Denken Sie: mit einer so seltenen, stolzen und hohen Equipage hinaus und mit einem Leiterwagen herein! Ja, ja, wir waren tief gesunken und ganz herabgekommen! Anderthalb Stunden hatten wir uns süß in der Luft gewiegt, vier volle Stunden stolperte uns der Wagen über die Erde und rüttelte uns vollends auf dem Pflaster die schwelgerischen Seelen hübsch prosaisch zusammen.

Aber wenn das ganze Lebensgeschick an mir rüttelt und zerrt und meine Seele zerarbeitet, im letzten Momente wird mich die Erinnerung ganz und wonnig heben und entzücken. – Wie wär’s - sterbend in dem Ballon und emporgetragen, hinauf, hinauf in den Aether, dahinschwebend - - höher – höher!

Doch der Wagen rüttelt und zerrüttelt mir fast den Witz: so hoch hat es noch kein deutscher Schriftsteller gebracht und noch weniger durch Parteinahme mit dem „Berg!“ – Das Alles ist ganz oder auch nicht im mindesten aus der Luft gegriffen, wie Sie wollen!

Der Ballon, zur Krönung des russisches Kaisers gefertigt, hieß „Moskau“; ich und Napoleon hatten durch Kaiser Alexander also einen ganz gleichen Rückzug von Moskau!