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Eine Hôtel-Unsitte!

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Titel: Eine Hôtel-Unsitte!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 578
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[578] Eine Hôtel-Unsitte! „Ueberziehen Sie mir doch die Steppdecke, wie es sich gehört, mit einem ordentlichen Bettüberzuge, statt nur ein Laken darum zu schlagen, welches bei der geringsten Bewegung sich herunterschiebt und veranlaßt, daß man die bloße Decke auf dem Körper hat, nachdem sich jede Nacht damit ein Anderer in gleicher Weise zugedeckt hat!“

„Wir haben keine Bettüberzüge,“ erwidert das von mir angeredete Zimmermädchen, „auch wird so Etwas nie verlangt.“

„Nun, so verlange ich dies wenigstens, denn es ist eine Ferkelei sich so zudecken zu sollen! Wenn Sie keine weißen Bezüge für Fremdenbetten haben, so ist vielleicht ein gestreifter grober Bezug von Gesindebetten da! Nur rein und sauber will ich es haben! Für die bloße Umlegung eines Lakens danke ich und verlange für mein Geld eine vollkommene Lagerstätte!“

Diese Unterhaltungen haben sich auf meinen vielen Reisen und in den besten und größten Hôtels (in Deutschland namentlich am Rhein, Westfalen, Süddeutschland etc.) zwischen mir und den Hôteldomestiken so oft wiederholt, und trotzdem ist seit den vielen inzwischen vergangenen Jahren noch nicht die geringste Abhülfe dafür geschafft, daß ich doch endlich an den bessern Geschmack und den Sinn für Reinlichkeit und Sauberkeit aller Reisenden appelliren muß, um zu ermöglichen, daß man auch einmal gegen diese Unsitte energisch Front mache!

Nachdem man auf dem besten Wege ist, der Trinkgelderbettelei der Hôtelbediensteten ein Ende zu schaffen, wäre es wirklich an der Zeit, auch für die Beseitigung der oben gerügten Unsitte mit aller Kraft einzutreten. Viele Hôtelwirthe, die durch guten und oft kaum verdienten Zuspruch der Fremden ein hübsches Vermögen erworben haben, glaubten den Ansprüchen der Zeit zu genügen, wenn sie ihre bescheidneren Gasthäuser zu den elegantesten Hôtels mit herrlichen Speisesälen, Marmortreppen etc. umbauen ließen, und während man durch derlei äußeren Glanz die Gäste in größerer Zahl heranzulocken sich bestrebte, waren die letzteren in den meisten Fällen einfältig genug, sich davon blenden zu lassen und nebenher die alten Unsitten und Gebräuche mit in den Kauf zu nehmen.

Ich habe in den besuchtesten und elegantesten Hôtels, neben den geschmackvollsten Conversations- und Speisesälen, nicht nur Zimmer mit rauchenden Oefen, gewisse Orte unsauber, vor allen Dingen aber gefunden, daß man dem Fremden nicht einmal eine ordnungsmäßig überzogene Steppdecke oder für den Winter, anstatt des lächerlichen Plumeaus, ein anständiges gutes Deckbett geben konnte! Sollte man es glauben, daß hiergegen kaum Einer der vielen Reisenden seine Stimme erhoben hat, und daß meine vereinzelten Einwendungen nur staunende Mienen hervorgerufen haben?

Man denke sich einmal recht in die sehr unerquickliche Situation hinein, fast jede Nacht auf der Reise in einem andern fremden Bette schlafen zu müssen, in welchem vorher wer weiß welch gesunder oder kranker Mensch gelegen hat! Nun ist wenigstens Unterbett und Kopfkissen mit geschlossenem reinem Ueberzuge bedeckt, an Stelle eines ebensolchen Deckbettes oder einer Decke erhält man aber die oben beschriebene Decke mit dem umgelegten Laken! Verkennen ohnehin die meisten Gastwirthe oder Hôteliers schon den eigentlichen Zweck ihres Geschäfts, daß sie dem Reisenden den Aufenthalt angenehm machen und ihn die Entbehrung häuslicher Bequemlichkeit vergessen lassen sollen, so sollten sie doch wenigstens so viel guten Geschmack besitzen, daß sie ihren Gästen nicht zumuthen, unter inficirten wollenen Decken schlafen zu müssen.

Das Hôtelwohnen ist nur dann angenehm, wenn dem Fremden saubere Zimmer und Betten, gute Speisen und Getränke bei anständiger Bedienung und alle sonstigen Bequemlichkeiten in damit harmonirender Weise geboten werden, wenigstens ähnlich den soliden Verhältnissen, in denen sich ja doch wohl die Mehrzahl der Reisenden daheim in der eigenen Familie bewegt. Nicht prunkhafte Säle und reichhaltige „Menus“, nicht betreßte Portiers oder Marmortreppen – alles nur für die kleinste Zahl der vielen Touristen ein gewohnter Luxus – vermögen die Behaglichkeit bei den meisten Reisenden zu erzeugen und die gerügten Unsitten zu verdecken.

Vielleicht trägt gegenwärtiger kleiner Hinweis dazu bei, die Reisenden aufzumuntern, sich für ihr theures Geld in den Hôtels nicht Alles bieten zu lassen.