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Eine Geschichte der letzten österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition in Bildern

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Textdaten
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Autor: E. Z.
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Titel: Eine Geschichte der letzten österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition in Bildern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 595-596
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[592] 

Schneesturm im Packeise während der Winternacht des Jahres 1873.
Nach der Natur gezeichnet von Julius Payer und gemalt von Adolf Obermüllner.

[593] 

Verlassen des „Tegetthoff“ nach der Rückkehr der Schlittenreisenden.
Nach der Natur aufgenommen von Julius Payer und gemalt von Adolf Obermüllner.

[595] Eine Geschichte der letzten österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition in Bildern. (Mit Abbildungen S. 592 und 593.) Hinter der großartigen Wasser- und Felsenscenerie des Nordens liegt eine Welt voll geheimnißvoller Reize verborgen, gleich wichtig für den wissenschaftlichen Forscher wie für den denkenden Menschen überhaupt. Seit Jahrhunderten ist der Nordpol das Ziel kühner und in ihren Erfolgen oft bedeutungsvoller Unternehmungen gewesen, aber noch immer sind die höchsten arktischen Regionen uns geblieben, was sie schon den alten Deutschen waren, der unentweihte Sitz der Götter, irdischem Trachten unerreichbar; denn noch keine unter den Forschungsexpeditionen hat ihre Aufgabe völlig gelöst; noch keine hat jenen äußersten und letzten Erdpunkt gefunden, der, den Berechnungen der Geographen zufolge, die höchste nördliche Breite, aber gar keine Länge repräsentirt.

Einen Schritt weiter in die nordische Eiswüste als die früheren Unternehmungen hat indessen die letzte österreichisch-ungarische Expedition gethan. Sie hat an mehr als einer Stelle den Schleier gelüftet, der uns die Wunder jener geheimnißvollen Erdregionen verhüllte; sie hat diese Erfolge errungen durch eine Reihe der schwersten Gefahren und Drangsale, welche in ihrer fast übermenschlichen Größe und Furchtbarkeit den Hörer beinahe wie ein Märchen gemahnen.

Der Gang dieser Nordpolfahrt und die Schicksale ihrer Mitglieder sind allbekannt. Für fast drei Jahre ausgerüstet, ging die Expedition am 13. Juni 1872 mit dem Schraubendampfer „Tegetthoff“ von Bremerhafen in See, erreichte Mitte August die Barents-Inseln und gerieth schon am 21. desselben Monats auf eine riesige, zuerst nach Nordosten, dann nach Nordwesten treibende Scholle, auf welche sie, von Eis ringsum eingeschlossen, für die Dauer von zwei Jahren festgebannt war. Am 28. Oktober brach die arktische Nacht über die willenlos dahin Treibenden herein. Der blaßgrünen Dämmerung folgte die lange schwarze Polarnacht von hundertneun Tagen. Wehmüthig blickten die hülfelosen Schiffer den gen Süden ziehenden Vögeln nach – dann schien jede Spur des Lebens vertilgt, und über dem stillen Reiche lagerte undurchdringliche Finsterniß. Fünf bange Monate waren die Lampen in der Kajüte des „Tegetthoff“ die einzigen Lichtspender in dieser Wüste der Nacht; nur wenn der Mond schien, schimmerten die Taue gleich silbernen Strahlen über das Schiff hin.

Am 16. Februar 1873 endlich ging die Sonne wieder auf, und am 31. August sahen die verwegenen Segler etwa vierzehn Meilen vor sich im Norden – Land. Ein erhabener Augenblick! Es waren die nachher als Kaiser-Franz-Joseph-Land bekannt gewordenen Eisregionen. Aber erst Ende Oktober betraten die Entdecker, über geborstenes und hoch gethürmtes Eis drei Meilen hinwegschreitend, eine öde, traurige Insel, die Wilczek-Insel. Dann wieder, vom 22. Oktober an, tiefe Polarnacht, diesmal hundertfünfundzwanzig Tage dauernd. Der 24. Februar brachte das lang ersehnte Sonnenlicht zurück, und nun begann mit den Schlittenreisen zur Erforschung des Kaiser-Franz-Joseph-Landes eine für die Resultate der Expedition überaus wichtige Zeit. Auf diesen höchst gefahrvollen Schlittenexcursionen traten alle Schrecken des Landes den unverzagten Forschern in der drohendsten Gestalt entgegen: Kälte, Hunger und Nässe mußten ertragen, gefährliche Eisspalten und von Meereswasser überfluthete Landesstrecken überschritten, Schneestürme und alle Unbilden des Wetters erduldet werden. „Allen Lebens bar lag das Land vor uns,“ heißt es in Julius Payer’s Mittheilungen, „überall starrten ungeheure Gletscher von den hohen Einöden des Gebirges herab, dessen Massen sich in schroffen Kegelbergen kühn erhoben. Alles war in blendendes Weiß gehüllt, und wie [596] candirt starrten die Säulenreihen der symmetrischen Gebirgs-Etagen.“ – Da die Abbringung des „Tegetthoff“ von der Eisscholle unmöglich war, der Mangel an Proviant und der geschwächte Gesundheitszustand der Mannschaft aber eine Rückkehr nach Europa dringend erheischten, so wurde der Entschluß gefaßt, das Schiff zu verlassen und mit Schlitten und Booten die Heimkehr anzutreten.

Am 20. Mai 1874 wurde der „Tegetthoff“ seinem Schicksale überlassen, nachdem die Flaggen an seine Masten genagelt worden. Die Rückkehr in die Heimath begann. Die Ausrüstung war eine sehr karge. Niemand nahm mehr mit sich als die Kleidung, die er gerade trug, und eine Decke. Anfangs drei, dann vier Boote, auf Schlitten ruhend, drei große Schlitten mit Gepäck, Proviant, Munition etc. daneben – das war die ganze Karawane des Nordens. Am 14. August langten die Unverzagten an der Eisgrenze an und sahen den offenen Ocean vor sich. In der Dunenbai nahm der russische Schiffer Voronin die Schiffbrüchigen auf und führte sie nach Varolö in Norwegen, von wo sie in die Heimath zurückkehrten.

Das in kurzen Zügen die bekannten äußeren Schicksale der letzten österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition – ein äußerst reichhaltiger Stoff nicht nur für die nacherzählende Feder, sondern vielleicht noch mehr für den nachbildenden Stift. Der letztere ist gefunden. Der schon oben erwähnte Julius Payer, einer der Führer der Unternehmung und durch seine Theilnahme an zwei früheren Polarexpeditionen und seine Forschungen in der Hochalpenwelt längst bekannt, hat unter dem Titel „Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition 1872–1874“ soeben bei Bruckmann in München und Berlin und G. Capellen in Wien zwölf vortreffliche photographische Landschaftsbilder aus jenen höchsten arktischen Gegenden erscheinen lassen und denselben einen erläuternden Text, der uns bei Abfassung obiger Mittheilungen vorgelegen, beigefügt. Die beiden von uns wiedergegebenen Landschaften gehören zu den vorzüglichsten der Sammlung. Großartig ist der Gegenstand der einen – ein Schneesturm im Packeise während des Winters von 1873, eine Scene, welche im Leben unserer kühnen Nordpolfahrer nicht zu den Seltenheiten gehörte: zwei Männer verfolgen im fürchterlichsten Schneeorkan einen Eisbären, welcher einen Schiffshund fortgeschleppt hat. Die Naturstimmung dieses Bildes ist erhaben und in hohem Grade bezeichnend für den düsteren Charakter des Nordens. Auf der anderen Darstellung sehen wir (eine oben schon angedeutete Scene) die Mannschaft des „Tegetthoff“ das Schiff verlassen, um die Rückkehr in die Heimath anzutreten. Der wehmüthig ernste Augenblick, wo es hieß, den treuen Retter aus Noth und Tod, den sicheren Beschützer gegen all die harten Angriffe des rauhen nordischen Klimas, das schirmende und bergende Schiff zu verlassen, – dieser Augenblick war vielleicht der traurigste der ganzen Fahrt; ohne Frage war er der entscheidendste; denn es handelte sich nicht nur um die zweifelhafte Rettung des Lebens der viel umhergeschleuderten kühnen Seefahrer, es galt auch mit der Rettung der Männer selbst die Bergung der gesammten Resultate der Expedition. Mit welchen Gefühlen mochten die Tapferen von ihrem „Tegetthoff“ scheiden! Alles stand auf dem Spiele, und viel wahrscheinlicher als ein glückliches Umarmen von Weib und Kind in der fernen, sonnigen und warmen Heimath war den Verwegenen ein nasses Grab in der Nacht und dem Eise des Nordens. Der Moment ist anschaulich und lebhaft wiedergegeben und bringt eine der wichtigsten Episoden der Expedition mit greifbarer Lebenswahrheit zur Anschauung.

Zum Schlusse erübrigt uns noch, der trefflichen Ausführung rühmend zu gedenken, mit welcher der mit der höchsten Alpen- und Gletscherwelt vertraute Landschaftsmaler Adolf Obermüllner in Wien die nach den Skizzen Payer’s wiedergegebenen Landschaften hergestellt hat. Mit Recht rühmt Payer ihm in einem Briefe nach, daß er in seinen grandiosen Landschaftsbildern das feine künstlerische Empfinden mit treuer Wiedergabe der arktischen Natur habe zu vereinen gewußt.

Das Payer-Obermüllner’sche Prachtbilderwerk verdient seines interessanten Gegenstandes und seiner genialen Ausführung wegen den besten Landschaftswerken, die wir besitzen, beigezählt zu werden.
E. Z.