Zum Inhalt springen

Eine Epistel an die Rheinländer

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Emil Rittershaus
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Epistel an die Rheinländer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 793
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[793]
Eine Epistel an die Rheinländer.
Von Emil Rittershaus.


Es hat die Dichterzunft gesungen
So lang vom freien deutschen Rhein;
Durch alle Welten ist gedrungen
Das Lob von Rheinlands Volk und Wein.
Du frisch’ und rosig’ Bild, erblasse!
Schweig’ mit dem Lob, du Dichterschaar! –
Der Rhein ist noch die Pfaffengasse,
Wie er’s im Mittelalter war.

Wem will das Herz nicht überquellen
Vor Freude, wenn er rheinwärts zieht!
Aus Reben lugen die Capellen;
Es tönt der frommen Pilger Lied.
Mit Fahnen sind geschmückt die Dächer,
Im Laube jauchzt der Vöglein Chor;
Die Glocken läuten, und zum Becher
Winkt grüner Strauß an manchem Thor.

Schön ist der Rhein in Sommerzeiten,
Der Fürst der Ströme fern und nah –
Und wollt ihr in die Hütten schreiten
Am Strand, ein stolzer Sinn ist da.
Kein „Küß’ die Hand!“ Kein knechtisch’ Bücken!
Ich sag’ es diesem Stamm zum Ruhm –
Doch neigt und beugt sich Haupt und Rücken
Vor Einem, vor dem Priesterthum.

Das kommt nicht salbungsvoll von oben,
Liebt nicht die Augen zu verdreh’n,
Doch dort, wo Kegel wird geschoben,
Da kann man den Herrn Pfarrer seh’n,
Der weiß sein Liedlein mit zu singen,
Wo lust’ge Laune Wogen schlägt,
Giebt freie Bahn in allen Dingen,
Wenn die Vernunft nur Ketten trägt. –

Die ihr des Regimentes Zügel
In Händen habt, erkennt es klar:
Wer brach dem freien Geist die Flügel
Und gab die Macht der Pfaffenschaar?
Ihr nahmt die Herrn zu Bundgenossen,
Ließt frei sie schalten früh und spät –
Und nun? Ihr seht die Saaten sprossen
Und erntet jetzt, was ihr gesät.

Viel ist versäumt. Wohlan, zum Werke!
Noch lebt auch hier gesunde Kraft;
Im freien Volke sucht die Stärke
Und nicht in der Bedientenschaft!
Nur kein Vermitteln, feig und bange!
Hinweg die Schranken, groß und klein!
Die Schulen frei vom Priesterzwange –
Und anders wird das Volk am Rhein.

Nichts hoff’ ich zwar von jener Sorte,
Die stets nur mit dem Dasein spielt,
Die sich mit einem witz’gen Worte
An allem Ernst vorüberstiehlt.
Halb Pfaffenknechte, halb Hanswurste,
Im Herzen leer, im Sinne platt,
In einem groß nur, in dem Durste,
Und, ach, in allem Andern matt.

Die haben nur des Most’s Moussiren,
Doch nicht vom Weine Duft und Geist;
Die sind nur gut, wo Pokuliren
Und seichter Scherz die Losung heißt.
Gottlob, noch lebt am Rebenstrande
Manch’ hoher Geist, und ein Geschlecht,
Mit Liebe zu dem Vaterlande
Und einem Herzen, schlicht und recht!

Mit allen Ehren hat’s gestritten,
Als man zum Waffentanz gegeigt;
Treuherzig ist’s die Bahn geschritten,
Die ihm der Priester Hand gezeigt.
Hier laßt euch jetzt, ihr Freien, schauen!
Hierher! Hier ist des Kampfes Platz.
Zu spenden gilt’s den Rebengauen
Der Wahrheit, der Erkenntniß Schatz.

Kühn in die Welt, ihr Wissensreichen!
Nur frisch dem Volk euch zugesellt!
Ihr sollt dem Leuchtthurm nimmer gleichen,
Deß’ Strahl nur in die Ferne fällt.
Ihr, die ihr lebt, gekrönt vom Glücke,
Zerbrecht der Kasten alten Bann!
Die Bruderliebe schlag’ die Brücke
Vom reichen Mann zum armen Mann!

Du Volk im Land der Rebenranken,
Scheuch’ aus dem Herzen Spuk und Traum!
O, gieb dem Lichte der Gedanken
In deiner tiefsten Seele Raum!
Tritt kindlich fromm zu deinem Gotte,
Dien’, wie du willst, dem Herrn der Welt,
Nur laß beiseit die Pfaffenrotte,
Die zwischen Gott und dich sich stellt!

Sie lügen, die in Christi Namen
Dem Nächsten fluchen frech und dreist.
Sie sind vom Pharisäersamen
Und nicht aus der Apostel Geist.
Sie sind es, die den Götzen dienen,
Den Götzen Haß und Herrschbegier. –
Die Zeit ist da! Zum Kampf mit ihnen
Und kein Pardon! Sie oder wir! –

Du Volk am Rhein, wasch’ ab die Schande,
Daß du für Wahn die Lanze brichst,
Daß du im deutschen Vaterlande
Für Rom und seine Herrschaft fichtst!
Wach’ auf! Das Glück zukünft’ger Tage,
Die Freiheit bringt es nur allein.
Wach’ auf, daß man in Wahrheit sage
Und sing’ vom freien deutschen Rhein!