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Eine Bitte an deutsche Frauen

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Textdaten
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Autor: Fr. W. Gallus
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Titel: Eine Bitte an deutsche Frauen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 695–696
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[695] Eine Bitte an deutsche Frauen. Die Grundlage für ein gedeihliches Volks- und Einzelleben ist die Familie, die mit ihren tausendfachen Beziehungen den Menschen an seinen Nebenmenschen kettet. Alle Einrichtungen, die darauf hinauslaufen, Familienglück und Wohlstand zu befördern, haben daher in erster Linie Anspruch auf unsere volle Beachtung. Zu diesen Einrichtungen gehört unstreitig die der Lebensversicherung, welche es bekanntlich Jedem durch Zahlung von jährlichen, halb- oder vierteljährlichen Beiträgen (Prämien) möglich macht, daß nach seinem Ableben einer oder mehreren Personen ein bestimmtes Capital von der Versicherungsgesellschaft ausgezahlt wird. Die verschiedenen Institute versichern Summen von 1000 bis 50,000 Mark und darüber, und mir sind in meiner Praxis doch schon Leute bekannt geworden, die – selbstverständlich bei [696] mehreren Gesellschaften zusammen – auf ihr Leben die Summe von 100,000 bis 200,000 Thaler versichert hatten.

Ganz abgesehen von solchen außergewöhnlichen Fällen ist es doch Pflicht eines jeden Menschen, der einen Hausstand begründet hat oder zu begründen beabsichtigt, dafür zu sorgen, daß sein etwaiges unerwartetes Hinscheiden die Seinigen nicht in die bitterste Noth und Sorge versetzt. Vor ungefähr fünfzig Jahren war eine solche Vorsorge in unserem deutschen Vaterlande kaum ausführbar; unsere drei ältesten deutschen Lebensversicherungsgesellschaften, die zu Lübeck, Gotha und Leipzig, werden erst in den nächsten Jahren in der Lage sein, ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern zu können. In dieser kurzen Spanne Zeit hat sich jedoch die Erkenntniß von dem Segen der Lebensversicherung so gewaltig verbreitet, daß ich gegenwärtig in Deutschland die Zahl der versicherten Personen auf 700,000 mit etwa 2 Milliarden Mark Versicherungssumme schätze.

So erfreulich einerseits dieser Fortschritt der guten Sache ist, so ist doch auch andererseits sehr zu beklagen, daß gar Viele davon noch nicht Gebrauch gemacht haben, obwohl es ihnen gewiß schon nahegelegt worden ist. – Man versichert, obgleich man in einer Stadt mit guter Feuerwehr und in einem solid gebauten Hause wohnt, sein Mobiliar gegen Feuersgefahr und thut wohl daran, aber sein Leben zu versichern unterläßt man, obwohl für den gesündesten Menschen die Gefahr, in der Blüthe der Jahre hingerafft zu werden, mindestens zwanzig bis dreißig Mal so groß und noch größer ist, als unter den erwähnten Umständen abzubrennen. – Man sollte doch meinen, daß jeder verständige Mensch zuerst dort seine Vorkehrungen zu treffen sucht, wo die Gefahr am größten ist, daß daher Jeder, der Frau und Kinder zu versorgen hat, ganz aus sich selbst heraus zur Lebensversicherungsgesellschaft kommen müßte, um seinen Antrag zur Versicherung zu stellen. – Wie anders sieht es aber in dieser Beziehung in der Praxis aus!

„Dem Abschlusse einer Lebensversicherung geht stets ein Kampf voraus,“ sagte mir einmal ein überaus tüchtiger Agent. Man wird mich fragen: Wie ist das möglich, wie kann ein verständiger Mensch derartig segensreiche Einrichtungen auch nur einen Augenblick zurückweisen, ja dagegen ankämpfen? – Daß ich es Ihnen nur gleich offen sage: Die schlimmsten Gegner der Lebensversicherung sind bei diesem Kampfe die Frauen. Ja, meine verehrten Frauen, es ist, als ob ein böser Geist Sie dabei regierte, gegen Ihr eigenstes Interesse und das Ihrer Kinder anzukämpfen, wenn Sie den Mann, der Ihre und Ihrer Kinder Zukunft durch eine Lebensversicherung sicher zu stellen beabsichtigt, daran verhindern. Welcher vernünftige Grund kann Sie dabei leiten? Ihr Verstand ist es nicht, sondern eine krankhafte Seite Ihres Gefühlslebens, der Aberglaube. Sollte man es meinen, daß der Aberglaube: wenn der Mann sich versichere, müsse er bald sterben, so weit und so fest, selbst in gebildeten Kreisen verbreitet sei, wie es thatsächlich der Fall ist? – Vor etwa acht Tagen sagte mir ein Herr wörtlich: „Ich werde mich versichern, obwohl ich meiner Frau das Versprechen gegeben habe, es nie zu thun.“ – heiliger Augustinus, Verstand dunkel. Einbildung groß!

Und in solchen Fällen nützen alle vernünftigen Gegenvorstellungen nicht: man will sich nicht belehren lassen.

Ich will hier nur die Erfahrung weiter reden lassen. Der Cantor O., Agent unserer Gesellschaft in dem kleinen Orte L… im Altenburg’schen, schrieb unter’m 13. November vorigen Jahres der Direction folgendes:

„Vor ungefähr drei Jahren forderte ich nach Rücksprache mit Dr. Böhme den jungen Besitzer einer hiesigen Handschuhfabrik, der uns wohl geeignet erschien, zum Beitritt auf; seine junge Frau war mit allem Eifer dagegen. Vor wenigen Tagen haben wir ihn begraben, und seine mittellose Wittwe muß nun das Geschäft verkaufen. Es hatte sich bei ihm ein Leiden ausgebildet, dessen erste Anfänge jedenfalls erst nach dem vertraulichen Urtheile des sehr gewissenhaften Herrn Dr. Böhme sich zeigten.“ –

Ich will zu dieser schlichten Schilderung eines Vorgangs, der sich bei uns tausendmal wiederholt, nichts hinzufügen. Das unglückselige, kurzsichtige Weib muß nun die Folgen ihrer Thorheit tragen.

„Ja,“ sagte mir einst ein tüchtiger Lebensversicherungsinspector, „es passirt mir sehr häufig, daß, wenn ich mit dem Manne wegen Lebensversicherung unterhandle und die Frau merkt, um was sich unser Gespräch dreht, diese mit verweinten Augen umhergeht und mich wie einen Unglücksboten, an dessen Fersen der Tod haftet, betrachtet.“

Kann man sich wohl etwas Alberneres denken als diesen Aberglauben? Was soll das Versichertsein auf den Betreffenden für einen ungünstigen Einfluß ausüben? – Umgekehrt, das Gefühl, die Seinigen versorgt zu wissen, auch wenn die Krankheit einen Ausgang nehmen sollte, den man nicht wünscht und erwartet, kann nur beruhigend und wohlthuend auf den Kranken einwirken. Wie anders, wenn der Kranke an seinem Bette die unversorgte Frau und Kinderschaar sieht! –

Wo sollten überhaupt die Lebensversicherungsgesellschaften bleiben, wenn der Aberglaube Recht hätte, man müsse bald sterben, wenn man sich versicherte; dann müßten über kurz oder lang alle Lebensversicherungsgesellschaften sich bankerott erklären.

Gewiß sterben auch von den eben Versicherten, welche Arzt und Gesellschaft für vollkommen gesund hielten, in Jahresfrist so und so viele. Das ist eben das unbeugsame Gesetz der Natur, dem wir Alle ohne Ausnahme unterworfen sind.

So wurden z. B. bei meiner Gesellschaft, der alten Leipziger Lebensversicherungsgesellschaft, im Jahre 1874 neu aufgenommen 2564 Personen mit 4,242,700 Thalern Versicherungssumme; davon starben noch im Laufe desselben Jahres sieben Personen, eine Versicherungssumme von 8600 Thlr. repräsentirend. Das zeigt aber am schlagendsten, welchen Werth die Lebensversicherung hat und welche Wohlthäterin sie für die hinterbleibenden Familien ist.

Nun, meine verehrten Leserinnen, wollen Sie thun, um was ich Sie bitte? Zerstören Sie in all’ den Kreisen, mit welchen Sie in Berührung kommen, schonungslos den von mir bloßgestellten Aberglauben! Nehmen Sie fürderhin nicht mehr eine feindliche Stellung zur Lebensversicherung ein, sondern suchen Sie diese segensreiche Einrichtung in all’ den Familien zu verbreiten, in denen der Versorger bisher diese heilige Pflicht gegen seine Familie noch nicht erfüllt hat! Sie werden damit viel, viel Gutes stiften.

Fr. W. Gallus.
Director der Lebensversicherungsgesellschaft zu Leipzig.