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Eine Binnenseestudie aus den deutschen Alpen

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Textdaten
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Autor: Arthur Müller
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Titel: Eine Binnenseestudie aus den deutschen Alpen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 500–503
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Binnenseestudie aus den deutschen Alpen.


„Kein Mensch kann das uns geben,
Die Minne selber nicht,
Das sonnenwarme Leben,
Das hier zur Seele spricht!

Laß unsern Kahn nur treiben!
Allum ist’s fein und schön;
Hier ist vom Weltenbauherrn
Ein Meisterstück geschehn.

Hier prangen Gottes Wunder
In still beredter Pracht;
Fahr’ ab, verfluchter Plunder,
Der elend mich gemacht!“

In solch drastischen Worten schildert der „Trompeter von Säckingen“, der vielumhergetriebene, der geheimnißkundige Prophet der ewigen Schönheitsoffenbarung, wie sie in den Wundern der Natur niedergelegt ist, – so schildert Joseph Victor Scheffel in seiner „Frau Aventiure“ den Eindruck, den der Chiemsee in Oberbaiern, welchem die nachfolgende Studie gewidmet ist, auf sein begeistertes Gemüth gemacht hat.

Und in der That, er hat tief und wahr empfunden: wer einmal in den Zauberbann der Nixen des Chiemsees getreten ist, der bleibt von ihm umsponnen Zeit seines Lebens. Als ich, verlockt durch Ludwig Steub’s, des liebenswürdigsten Ethnographen, verführerische Schilderung von Frauenchiemsee, wie sie in seinem prächtigen Werke „Das bairische Hochland“ zu finden ist, im Mai 1865 das gepriesene Eiland zum ersten Male betrat, in der Absicht, blos zwei oder drei Tage dort zu weilen, habe ich den Mond dort dreizehnmal hintereinander wachsen und schwinden gesehen. Erst der Krieg von 1866 vertrieb mich von dort. Es war damals für einen Preußen in Baiern nicht gut wohnen, selbst nicht einmal in jenem stillsten aller Erdenwinkel. Das ist freilich jetzt ganz anders geworden. Jetzt haben sich die aus dem Felde zurückgekehrten oberbairischen Soldaten das Wort gegeben, Jeden niederzuschlagen, der über die Preußen schimpft, – und in diesem Punkte ist bekanntlich weder mit den Ober- noch Niederbaiern zu spaßen. Ueber ein Jahr hintereinander also habe ich auf der Fraueninsel im Chiemsee zugebracht, habe das Aufblühen des Frühlings, das Reifen des Sommers, die Ernte im Herbst und die todesstarre Einsamkeit des Winters dort mit durchgelebt.

Einen Winter in Frauenchiemsee, einsam und allein, – die Künstler alle, mit denen ich die sonnendurchgoldeten Tage des Sommers und Herbstes auf dem traulichen Eilande verlebt hatte, sie wollten mir nicht glauben, oder sprachen es mehr oder weniger unverblümt aus, daß sie mich für einen Narren und Sonderling hielten.

Aber sie wußten nicht, was sie sagten. Ein Sonnenaufgang oder Untergang allein, der die beschneite Insel mit ihrem Kloster und ihren Fischerhütten in pfirsichblüthnes Licht taucht, oder eine Vollmondnacht, wenn sie in vollem Sternenglanze und reiner Winterklarheit über die Riesenhäupter der Alpen, den gewaltigen See und das stille Inselchen herniederblaut, – das sind Erinnerungen für’s Leben. Oder wenn die Frostnebel kommen und sich als Reif ansetzen, so daß die viele Hundert Fuß langen Fischernetze, wenn sie zum Trocknen aufgehängt sind, in jeder ihrer Maschen wie aus Silber gewebt erscheinen, und die gewaltigen Lindenstämme, die die Insel zieren, wie riesige weiße Korallen in

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Stürmische Heimfahrt auf dem Chiemsee.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Professor Carl Raupp in Nürnberg.

[502] das dunkle Nebelmeer hineinragen, und wenn dann der Wind aufsteht, die Nebelfluth zu wallen und zu wogen beginnt, und zuletzt vom blauen Himmel die Sonne durchbricht und die Silberfiligranarbeit des Winters, der auch das kleinste Spinnewebchen nicht vergessen hat, strahlensprühend blitzt und funkelt, – wer das gesehen und erlebt hat, wird die Herrlichkeit eines solchen Schauspiels nie vergessen.

Auch jener Morgen wird mir immer im Gedächtniß bleiben, da ich den See zum ersten Male in eine einzige Eisfläche verwandelt erblickte. Die sonst so leicht bewegte, vor jedem Windhauch sich kräuselnde lebendige Fluth, in der sich die wundervolle Landschaft mit all den ihr eigenen magischen Lichteffecten, die die Gabe des Schauens zu einer unerschöpflichen Quelle wahren Hochgenusses erhöhen, „feucht verklärt“ widerzuspiegeln pflegte, – eine einzige Nacht hatte sie in die Fesseln der Starrheit geschlagen. Stumpf und matt warf das Eis die Strahlen der Sonne zurück, die gestern noch auf den Kämmen der Wellen gefunkelt hatte, daß das Auge geblendet von dem Glanze sich abwenden mußte. Mit ängstlichem Klageschrei flogen die Wasserenten hin und wieder, eine offene Stelle im Wasser suchend, das die Natur ihnen doch zu ihrem Lebenselemente bestimmt hatte und jetzt mit einem Male so hartherzig entzog. Mir war zu Muthe, wie wenn der liebe, schöne See gestorben wäre. Und wie dann die Sonne höher und höher stieg, – welche Töne! Dies Stöhnen und Wimmern, dies Flüstern und Knistern, dies Heulen und Jammern, dies Donnern und Krachen, – es war unheimlich, dämonisch, wie wenn die Seele des Sees aus der Noth des Todes, die ihn so plötzlich umfangen, unter wilden Jammertönen sich wieder zum Leben emporringen wollte. Und auch die Nacht gab keine Ruhe, – im Gegentheil: all die schaurigen Naturstimmen, die hier laut wurden, klangen durch die grabesstille Finsterniß nur noch viel öder und ergreifender. Ja, sie sind von solcher Wirkung, daß die jungen weiblichen Zöglinge des Instituts, welches das Benedictinerinnenkloster auf der Insel beherbergt, stets in Weinen ausbrechen und in ihrer Angst kaum zu beruhigen sein sollen, wenn sie zum ersten Male den See in der Nacht seine Winterklagelaute anstimmen hören.

Aber auch Freuden bringt das Eis, Freuden, von denen der Bewohner der Ebene kaum eine Ahnung hat. Ganz abgesehen von der Gelegenheit, die eine nahezu zwanzig Stunden in der Runde umfassende Eisfläche dem Schlittschuhläufer bietet, – noch viel interessanter ist die Fahrt auf den Handeisschlitten, wie sie auf den deutschen Alpenseen gang und gäbe sind. Ein kleines hölzernes Bänkchen von vielleicht zwei Fuß Länge und ein Fuß Breite auf zwei mit eisernen, die schmale Seite dem Eise zugekehrten Bändern beschlagene Schlittenkufen gestellt, bildet ein Fahrzeug, auf welchem man vermittelst zweier in einer ebenfalls eisernen Spitze endenden Stöcken, die mit beiden Händen in gleichem Tempo auf die hartgefrorene Fläche aufgesetzt werden, mit athemversetzender Eile dahinfliegt über den tiefdunkelgrünen See, aus welchem gegen Süden zu in warmen Tönen und edelsten Formen eine Alpenkette von ungefähr sechsunddreißig Stunden vom Schafberg im Salzkammergut bis zum Breitenstein weit jenseits des Inn, vom Gipfel bis zu den Füßen in Schnee gekleidet, in blendendem Glanze zu dem tiefblauen Himmel emporsteigt. Gefährlich sind dabei nur die sogenannten „Schläge“, Sprünge im Eise von zehn, zwölf und oft noch mehr Fuß Breite, von den sich befreienden Gasen unter furchtbarem Krachen über die ganze Länge des Sees, also oft viele Stunden weit, gerissen. Aber auch damit ist’s nicht so schlimm bestellt; denn einmal erkennt man sie in der Regel schon von fern durch die von den täglich sich wiederholenden Explosionen umhergeschleuderten Eisschollen; dann aber auch pflegen die Inselbewohner, die genöthigt sind, ihren Bedarf an Brennholz und anderen Lebensbedürfnissen ebenfalls auf Schlitten – für den Transport sind Hornschlitten am gebräuchlichsten – aus der Umgegend herbeizuführen, diese Schläge durch Bretter zu überbrücken und die sichere Bahn durch grüne in das Eis gesteckte Tannenzweige zu bezeichnen. Gleichwohl kommen auf dem See im Winter durchschnittlich mehr Menschen um, als trotz aller Stürme während seiner eisfreien Zeit.

Wenn man nun von einer solchen Fahrt, die heute an dieses, morgen an jenes Ufer des Sees geführt hat, sein Fahrzeug mit der untergehenden Sonne, die Gold und Purpur mit verschwenderischer Hand über die ohnehin schon entzückende Landschaft streut, wieder der Insel zuwendet und aus den Schornsteinen ihrer Fischerhütten graue Rauchsäulen kerzengerade in den winterlichen Abendhimmel steigen sieht, weithin sichtbare Zeichen eines warmen, behaglichen Daheim und als solche schon von den frühesten Geschlechtern der Menschen geachtet, wenn dann an dem immer dunkler werdenden Horizonte Stern auf Stern hervorspringt und bald der ganze Himmel in goldenen, grünen, rothen, blauen Lichtern glitzert und funkelt und dann still und hehr der Mond über den beiden Staufen heraufschwebt, die Welt mit seinem zauberhaften Lichte überfluthend, – dann kann man sagen, daß man in tiefen, frischen, gesunden Athemzügen eine Luft genossen hat, gegen welche das Raffinement auch der größten Stadt in keiner Weise aufzukommen vermag.

Ist aber der Winter trotz Kälte und Einsamkeit, – denn die gesellschaftlichen Bedürfnisse des Culturmenschen finden hier nach keiner Seite hin eine irgendwie nennenswerte Befriedigung, – so reich an den reinsten, herzerquickendsten Genüssen, so wird sich der Leser selbst einen Begriff davon machen können, bis zu welcher Höhe diese sich steigern, wenn auf den Fittichen des „Sunnwinds“, wie die Eingeborenen den lenzbringenden Südwind nennen, der Frühling mit seiner Blüthenpracht von den Bergen herniedersteigt. Dann liegt, von der Höhe aus gesehen, die Insel in der blauen Fluth da, wie ein grünes Lotosblatt, auf welchem die Nixen des Sees sich zum Spielzeug ein Klösterlein und ein Dörfchen von Fischerhütten gebaut haben, deren altersgraue, steinbeschwerte Schindeldächer anheimelnd aus dem Blüthenschnee der Obstbäume hervorragen. – Ist das Jahr bis zu seiner Höhe vorgerückt, so ist es besonders ein Tag, der einen unverlöschlichen Eindruck mit sich zu bringen pflegt, der Sanct Johannistag. Da leuchten, wenn der Abend sich herniedersenkt, die uralt heidnischen Sonnwendfeuer, kaum zu zählen, von der viele Meilen langen Riesenwand der Alpen hernieder, vom Untersberg an, auf den Staufen, dem Watzmann, dem Hochfelben, dem Hochgern, Eckalpenkogel, Fellhorn, der Hochplatte, der Kampenwand, dem Zellerhorn, der hohen Riß, den Heubergen bis zum Wendel- und Breitenstein und spiegeln sich wieder in der dunklen Tiefe des mächtigen Sees.

Dieser Zeitpunkt ist es auch, von dem aus bis in den Spätherbst hinein der See die höchste Fülle seiner Reize zu entfalten beginnt. Denn mit ihm hat die Sonne ihre höchste Macht der Lichtentwickelung erreicht; dazu kommt, daß jetzt bis in den bunten Herbst hinein die Farben viel kräftiger zu wirken beginnen, und daß mit den nunmehr eintretenden, ich möchte sagen leidenschaftlicheren Stimmungen der Natur, die in den über den See hereinbrechenden majestätischen Gewitterstürmen ihre Spannung und Lösung finden, auch ein leidenschaftlicheres Interesse in der Brust des Menschen eintritt, wie denn überhaupt allwegs die Leidenschaft wie im Leben, so in der Kunst und Natur das höchste menschliche Interesse in Anspruch nimmt.

Einen solchen leidenschaftlichen Moment, wie er in dem Leben des Chiemsees während der Sommermonate häufig wiederkehrt und in die Erscheinung tritt, hat der Maler des im Holzschnitt beigegebenen Bildes, Herr Carl Raupp, Professor der Malerei an der Kunstschule zu Nürnberg, ein würdiger Schüler seines großen Meisters Piloty, in unnachahmlicher, sprechender Schönheit festzuhalten gewußt. Das junge Ehepaar war nach der „Au“ gefahren, um für die Bedürfnisse des Tages zu sorgen, wie die Ladung des alten, trotzigen, verwitterten Einbaues zeigt. Aber auf der Heimfahrt hat sie ein Gewitter überrascht; denn der Meister Sturm sattelt und reitet schnell in den wetterfrohen Bergen. Von Nordwesten fährt er daher, in regenschauernde Wolken gehüllt, aus denen in nur unsicheren Umrissen dort der Staufen, hier die hohe Kampe hervortreten. Mit all seiner Macht stürzt er sich in den See, wühlt die Wogen auf, kämmt ihnen in seiner Wuth die weißen Schaumkronen ab und reißt sogar die Tropfen, zu Fäden gedehnt, von den Rudern. Wohl zittert und stöhnt der zum Fahrzeug ausgehöhlte Eichenstamm unter dem wilden Drange, aber er ist ein sicherer, treuer Freund und hat sich schon in noch ganz anderen Proben als zuverlässig bewährt. Ruhig legt sich die jähe, elastische Kraft des Mannes in die Ruder; vorwärts geht es, gerade dem Wind entgegen, wenn auch langsam, so doch stetig und sicher. Sturmgewohnt ist auch sein Töchterchen, das sich der empörten Wogen sogar freut und mit ihnen spielt, und die junge Mutter, die das Ruder weggelegt hat, um den Jüngsten, der allerdings [503] noch mit erschreckten Augen das Toben der Elemente ringsumher betrachtet, beschwichtigend an die treue Brust zu drücken. Sei still, herzlieber Bub’! Dort hinten grüßen schon der altersgraue Glockenthurm und das Kloster von Deinem heimathlichen Inselchen herüber, und die herrliche Lindengruppe, unter deren vielhundertjährigem Schatten Du Dich so gern jauchzend im Grase wälzest. Nicht weit davon steht eine friedlich stille Hütte, und in der Hütte eine Wiege, und in ihr wirst Du bald ruhen, von tiefem Schlafe umfangen, und alle Deine Angst vergessen haben!

Welch eine Gegend, welch ein Leben, die zu solchen Bildern begeistern kann! Und wie viele ähnliche herrliche Schöpfungen sind nicht schon auf dieser Stätte empfangen und geboren worden! Wer kennt nicht das „Ave Maria“ von Ruben, sei es auch nur aus einem der zahllosen Stiche, Schnitte und Lichtbilder, die von ihm durch die Welt gehen? Wer nicht ein oder das andere Bild von Max Haushofer, dem Chiemseemaler vor Allen? Und in Wien im Künstlerhause hängt, von dem berühmten Norweger Hans Gude gemalt, ein Chiemseebild von solch bezaubernder Wirkung, daß ich im vorigen Jahre aus der Welt des fanatischen Preußenhasses, der mir während des Krieges, wohin ich mich in der Kaiserstadt an der blauen Donau auch wandte, überall in hellen Flammen entgegenschlug, mich oftmals zu ihm rettete und wenigstens im Geiste in diesem Eldorado der Schönheit, des Friedens und der Ruhe schwelgte, bis mich zuletzt das Heimweh nach dem See und seinen Bergen in so überwältigender Weise überfiel, daß ich krank geworden wäre, wenn ich meiner Sehnsucht nicht nachgegeben hätte. Und wer traf wenige Tage nach mir auf Frauenchiemsee ein, ohne daß wir voneinander wußten? Professor Raupp, der liebenswürdige Meister unseres schönen Bildes, mit dem und dessen Schülern zusammen ich schon im Herbst 1869 unvergeßlich schöne Wochen hier durchlebt hatte.

Ja, ja, sie kommen alle wieder, die der Nixenzauber des Chiemsees einmal fest und voll in’s Herz getroffen hat, alle diejenigen, die über die Schönheit der Natur auf häuslichen Comfort und die conventionellen Vergnügungen der Gesellschaft zu verzichten wissen. Denn mit diesen letzteren Lebensingredienzien ist es allerdings hier das ganze Jahr hindurch sehr dürftig bestellt. Seit des verstorbenen weitberühmten Dumbser’s Tode weist das Gasthausleben der Insel fast nur noch Schattenseiten auf. Bei dem für die Verhältnisse übermäßig hohen Pachtzins, den Graf Hunoltstein, Pair von Frankreich, der Eigenthümer der großen Insel „Herrenchiemsee“, von dem ihm ebenfalls zugehörigen Wirthshaus auf der Fraueninsel zu erheben pflegt, ist jeder Pächter schon von vornherein darauf angewiesen, seine Gäste zu schrauben. Tritt dann bei diesem noch gar das Bewußtsein, daß er auf der Insel als der einzige Wirth unvermeidlich ist, durch Launen und Chicanen zu Tage, wie denn z. B. der vorletzte „Gasthalter“ seinen Gästen den Nierenbraten erst dann vorzusetzen pflegte, wenn er selbst vorher erst aus ihm die Nieren herausgeschnitten und verzehrt hatte, – so kann nach dieser Richtung hin das Leben daselbst stellenweise recht ungemüthlich werden. Kommt dazu noch etwa gar eine längere Regenzeit und ist man innerlich für eine solche nicht mit einem siebenfachen Erze gegen die Langeweile gepanzert, dann bricht auf der Insel unter den Fremdlingen in der Regel die helle Verzweiflung aus, die nach spätestens drei Tagen in wilder Flucht ihr Heil zu suchen pflegt. Nur der Eingeweihte, der sich, mit den Verhältnissen vertraut, mit einem allzeit wasserdichten Shakespeare, Schopenhauer, Goethe und anderen dergleichen probaten Entoutcas vorgesehen hat, harrt, seiner Belohnung sicher, geduldig aus, denn, – wie wiederum J. V. Scheffel singt:

„als das Wetter vertoset war,
Da wiegte der See sich wie blühend;
Da lachte der Himmel rosig klar,
Die Ferne färbte sich glühend.

Am Ufer blieben die Schiffer stehn,
Aus der Zelle lauschte die Nonne:
Noch niemals spielte im Thau so schön
Der Wundergluthhauch der Sonne.

Bergelfen hatten ein Feierkleid
Gewebt um der Alpen Zinnen:
Der Hochgern blinkend und frisch beschneit,
Wie ein Freier im Hochzeitslinnen.

Der Teisenberg, die Staufen auch
Getaucht in rothschimmernde Düfte;
Eisblau, durchsichtig wie ein Hauch
Des Watzmann fernheimliche Klüfte.“ –

Kurzum, ich weiß mir trotz aller Unbequemlichkeiten keinen Ort, wo ich lieber leben und sterben möchte, als die Fraueninsel auf dem Chiemsee. Welche Ruhe, welcher Friede auf dem stillen Eilande! Kein Geräusch, als das Brausen des Windes, das Flüstern der Blätter, das Rauschen der Wellen, das Plätschern der Ruder, Glockenklang und Chorgesang der Nonnen. Still und geräuschlos gehen die freundlichen, treuherzigen Eingeborenen ihrer Arbeit nach, die sie zum größten Theil auf oder über den See führt, wohin sie auch in der Regel die Kinder mitzunehmen pflegen. Ja, es ist so still hier, daß die Hunde im Laufe der Zeit sogar das Bellen verlernen. Selbst den Schall des Fußtritts verschlingt der fast überall mit üppigem Gras bewachsene Erdboden! Das ist, ganz abgesehen von den unversiechlichen auf allen Seiten herzuströmenden malerischen Schönheiten der Insel und des sie umfluthenden Sees, ein Aufenthalt für Nervenleidende sowohl, wie für solche, die sich ungestört geistiger Arbeit hingeben wollen, wie kein zweiter. Die doppelte Leuchtkraft der Sonne am Himmel und der sie wiederspiegelnden kolossalen Wasserfläche erzeugt eine so in sich gesättigte wunschlose Seelenstimmung, daß man schier meint, hier wäre allem menschlichen Sorgen und Klagen eine unüberschreitbare Grenze gezogen, wie dies auch der Dichter unseres Mottos mit der letzten Strophe in hinlänglich bezeichnender Weise ausgesprochen hat, wenn er sagt:

„Fahr’ ab, verfluchter Plunder,
Der elend mich gemacht!“

Ja, gewiß, lieber Leser:

„Hier ist vom Weltenbauherrn
Ein Meisterstück geschehn,“

und wenn Dich die München-Salzburger Bahn an dem Chiemsee vorüberträgt, so achte es nicht für Raub an Deiner Zeit, die vielbesagte und belobte Künstlerheimstätte Frauenchiemsee zu besuchen. Nur Eines lasse Dir dabei rathen: mach’s wie ich, und gehe auch in diesem Jahre an dem Wirthshaus soviel wie möglich vorüber. Willst Du mich nach den Gründen fragen, so will ich sie Dir gern schriftlich auseinandersetzen; für die Oeffentlichkeit ist ihre Mittheilung nicht recht geeignet. Der Aufenthalt in den Privathäusern auf der Insel ist jedenfalls vorzuziehen.[1]

Arthur Müller.


  1. Historisches Material über die Insel, von kundiger Hand zusammengestellt, findet der Leser in Nr. 28 des Jahrgangs 1867 der Gartenlaube.
    D. Red.