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Eine Beichte

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Autor: Ernst Wichert
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Titel: Eine Beichte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25–26, S. 422–425, 439–444
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Beichte.

Novelle von Ernst Wichert.

Bei „Meinharts“ wurde heute schon vom frühen Morgen an silberne Hochzeit gefeiert. Die Nachbarn waren durch den Choral der Stadtkapelle aus dem Schlaf geweckt worden, und etwas später, so um die Kaffeezeit, hatte der Herr Oberst sogar die Regimentsmusik geschickt, die zwar im Garten hinter dem Hause spielte, aber straßenweit vernehmlich war. Hätte noch jemand zweifeln wollen, wem an diesem 20. Mai die Ständchen galten, so würden ihn die Laubgewinde zurechtgewiesen haben, die von geschäftigen Händen über Nacht um das Thürgerüst genagelt, um das Geländer der Vortreppe gewickelt und in Bogen aus den Fenstern des freundlichen Häuschens in der Kollegiengasse gehängt worden waren. Aber die ganze Stadt wußte auch ohne das alles, daß „Meinhardts“ silberne Hochzeit feierten.

Doktor Eduard Meinhart war erster Oberlehrer am städtischen Gymnasium, seit einigen Jahren schon durch den Titel Professor ausgezeichnet, die Hauptstütze der Anstalt, klassischer Philologe und Litterarhistoriker zugleich, ebenso beliebt bei seinen Schülern als bei deren Eltern – ja, man durfte dreist sagen: bei der ganzen Stadt. Er stellte gleichsam deren geistigen Mittelpunkt vor, nicht so sehr durch sein Amt, so viel Würde es ihm auch geben mochte, als durch persönliche Eigenschaften, durch seinen Geist, seine ungewöhnliche Begabung, seine Fähigkeit, die ganze Gesellschaft anzuregen. Er ließ sein Licht nicht in der Studierstube und im Schulzimmer verglimmen, sondern gern überallhin leuchten, wo man sich daran erfreute. Nicht leicht konnte etwas Gemeinsames unternommen werden, ohne daß er an die Spitze trat; und war es auch nur im Sommer ein Waldfest oder im Winter eine Schlittenfahrt, immer hatte er dabei eine Ueberraschung bereit, die kein anderer in dieser Weise bieten konnte. Er dichtete Prologe und Lieder, hielt ernste und launige Tischreden, ordnete Reigentänze und lebende Bilder an, schrieb sogar kleine Lustspiele für allerhand feierliche Gelegenheiten und übte sie als Regisseur ein. Er brachte regelmäßige Vorlesungen zustande, hielt den Journalzirkel in guter Ordnung, war der beste Berather des Buchhändlers, der die Leihbibliothek besaß, und mußte selbstverständlich jedem Ausschuß angehören, der sich mit öffentlichen Angelegenheiten nichtpolitischer Art zu beschäftigen hatte. Ihm war es zu verdanken, wenn die Provinzialstadt ein reicheres gesellschaftliches Leben entfaltete als mancher größere Ort, und man kargte auch nicht mit Dank. Das sollten der Professor Meinhart und seine Frau heute erfahren.

Frau Cäcilie – oder Cilli, wie man den Namen allgemein nach dem Beispiel ihres Mannes abkürzte – war nur wenige Jahre jünger als dieser und vielleicht niemals besonders schön gewesen; aber ihr schmales, von aschblonden Locken eingefaßtes Gesicht zeigte noch jetzt einen ungemein lieblichen Ausdruck und das große Auge eine wundersame Leuchtkraft. Sie schien sich die Aufgabe gestellt zu haben, ganz ihrem Manne zu leben, und sie versicherte, daß dies für eine Frau das beste Mittel sei, auch ihren Kindern etwas zu werden und der Gesellschaft nützlich zu sein. Was war das aber auch für ein reizendes eheliches Verhältniß! Wenn man von einer Musterehe sprechen wollte, wies man auf Meinhardts. Der Himmel ihres Glückes schien nie getrübt gewesen zu sein. Wie frei und doch wie rücksichtsvoll sie verkehrten! Was das eine that, war dem andern immer recht. Die Gesellschaft, so viel sie die beiden in Anspruch nahm, führte sie keineswegs voneinander ab. Wer freilich den vollen Genuß von ihnen haben wollte, mußte sie in ihrer ganz einfachen, vielleicht etwas altmodischen Häuslichkeit aufsuchen.

Sie hatten drei Kinder, alle wohl gerathen. Das älteste war ein Mädchen, vor kurzem an einen wohlhabenden Gutsbesitzer in der Nähe der Stadt verheirathet. Der Sohn studierte und war zum Fest von der Universität gekommen. Das jüngste Töchterchen zählte erst sechzehn Jahre, ähnelte der Mutter und besaß dabei die ganze Lebhaftigkeit und geistige Regsamkeit des Vaters, nicht zum wenigsten dessen Talent, Verse zu machen und Dramatisches mit wechselnder Stimme vorzulesen. Sie war des Hauses hellster Sonnenschein. In ihr schien vereinigt neu zu erstehen, was die beiden Alten einander zugebracht hatten. Es war nicht zu entscheiden, ob sie mehr ein Liebling des Vaters oder der Mutter war, deren Namen sie erhalten hatte. Aber die älteren Geschwister, denen sie das reizendste Spielzeug gewesen war, gönnten ihr auch neidlos diesen Vorzug.

Ich kannte Eduard Meinhart von alter Zeit her. Wir waren zusammen auf der Universität, sogar in derselben burschenschaftlichen Verbindung gewesen und hatten uns eng befreundet. Er war drei Semester hindurch unser Senior. Schon damals bewies er sich als ein in mancher Hinsicht ungewöhnlicher Mensch – streng sittlich ohne kleinliches Aburtheilen, heißblütig und verständig zugleich, fleißig und doch stets für uns zu haben, ebenso leicht angeregt als wieder anregend. Er verstand es trefflich, uns zusammen zu halten, für gemeinsame Zwecke in Thätigkeit zu setzen, eine idealistische Richtung zu geben. Er war unbemittelt, verdiente den größten Theil seines Unterhalts durch Stundengeben und als Korrektor einer Buchhandlung, schien aber nichts zu entbehren und erübrigte noch immer so viel, daß er seiner „Bude“ mit den Gipsbüsten unserer großen Dichter, für die er schwärmte, ein künstlerisches Ansehen geben konnte. Aus seiner Feder kamen nicht nur Kneiplieder, auf die wir stolz waren, so schwer sie sich auch singen ließen, sondern ebenso historische Trauerspiele, in denen die Helden den Mund gewaltig voll zu nehmen pflegten. Wir nannten ihn „Schiller“ und versprachen uns für ihn eine große Zukunft.

Ich wußte auch, daß er heimlich verlobt war, und hätte mich gewundert, wenn ein so leicht entzündliches Herz nicht früh Feuer gefangen hätte. Verlobt freilich –! Das Wort hatte einen philiströsen Beiklang. Ein Student, der schon ans Heirathen dachte –! Ich begriff, daß er darüber nicht gesprochen haben wollte. Selbst für mich war seine Braut nur immer „seine Liebe“. Ich erfuhr trotz unserer engen Freundschaft von dem [423] Verhältniß vielleicht nur, weil ich einmal in seiner Abwesenheit auf dem Tische seines Zimmers ein Heft mit Gedichten „an Cilli“ fand, das er wegzuschließen vergessen hatte.

Nun wurde ich sein Vertrauter. Das Mädchen sei arm, sagte er, aber ein Schatz von Herzensgüte und Edelmuth, ihm ganz ergeben. Hätte es sich sonst auch entschließen können, so lange auf ein eigenes Heim zu warten? Ich erlaubte mir schüchtern die Frage, ob es für einen Menschen seiner Art, ob es für seine dichterischen Pläne und Hoffnungen gut sei, sich so früh gefesselt zu haben. Allein er versicherte in stürmischem Erguß, von einer Fessel sei da gar nicht die Rede. Cilli sei die treibende Kraft seines Lebensschiffes, sie gerade begeistere ihn zu seinen Dichtungen, sie sporne ihn an zu wissenschaftlichen Arbeiten, sie stelle allen seinen Bemühungen ein würdiges Ziel. Was hätten da einige Jahre zu bedeuten, die sie so wenig zähle wie er. Er las mir Gedichte vor, welche die wärmste Begeisterung und echte Empfindung athmeten. Nach allem, was er mir mittheilte, konnte ich so wenig an der Aufrichtigkeit und Stärke seiner Neigung als an seiner Charakterfestigkeit zweifeln.

Wir waren dann nach den Studienjahren bei verschiedener Berufsthätigkeit voneinander ab-, gelegentlich auch wieder einmal zusammengekommen. Eduard hatte nicht ganz gehalten, was die Genossen einst sich von ihm versprochen. Er war freilich ein sehr tüchtiger Philologe geworden, der seine Examina gut bestand, aber nicht der große Mann, den sie erwartet hatten. Es fiel mir auf, daß er noch als Doktor eine Hauslehrerstelle in einem gräflichen Hause annahm, aber er erklärte mir’s damit, daß er von allen Mitteln entblößt sei und nothwendig einige hundert Thaler ersparen müsse, um sich über das Probejahr an einem Gymnasium hinwegzubringen. Die Frage, wie es mit der Poesie stehe, schien ihm unbequem zu sein. Zur Ausführung der großen Ideen, mit denen er sich trage, meinte er, habe sich bisher unmöglich die Zeit finden lassen.

Endlich erfuhr ich, daß er verheirathet sei. Ich hatte mich auf Reisen befunden und schon deshalb zur Hochzeit nicht eingeladen werden können. Nach meiner Rückkehr besuchte ich ihn in der kleinen Stadt, in der er seine erste Anstellung mit vier- oder fünfhundert Thalern Gehalt gefunden hatte, und traf ihn im Besitz seiner Cilli, wirklich einer prächtigen Frau, so glücklich, wie ich mir überhaupt einen jungen Ehemann denken konnte, freilich auch etwas abgespannt von der schweren und oft unerfreulichen Berufsarbeit. Die kleinen und hie und da wohl kleinlichen Anforderungen seines Amtes mochten es auch sein, welche manchmal etwas wie einen Schatten, wie einen dunklen Schein von Mißmuth in seinen Zügen hervortreten ließen. Doch Frau Cäcilie mit ihrer anmuthigen und theilnehmenden Art, die wie von selbst eine herzliche Freundschaft auch zwischen ihr und mir ermöglicht hatte, schien die Wolke zu zerstreuen, eigentlich ehe sie entstanden war. Wo die Gedichte und Trauerspiele Eduards geblieben seien, darüber machte ich mir wenig Gedanken. Wenn man ein Stück Leben kennengelernt hat, versteht man es ganz gut, daß nicht alle die schönen Blüthen, die ein junger Baum überkräftig treibt, Früchte ansetzen.

Ich sah ihn und seine Frau im Laufe der Jahre noch wiederholt, wenn auch selten, aber ich hörte oft genug rühmen, daß er ein sehr braver Schulmann geworden sei und sich in seinem Kreise großen Ansehens zu erfreuen habe. Er theilte mir nicht nur pflichtschuldigst die Geburt seiner Kinder mit, sondern trug mir bei dem jüngsten sogar eine Pathenstelle an, die ich natürlich mit Dank annahm. Auch daß er Professor geworden sei, schrieb er mir mit einigen humoristischen Bemerkungen, die mich doch darüber beruhigten, daß ihm die Auszeichnung Freude bereitet habe. Damals ließ er auch einfließen, daß seine silberne Hochzeit nicht mehr weit ausstehe, um die Hoffnung anzuknüpfen, daß ich dabei nicht fehlen werde. Und da ich jetzt nur wenige Stunden Eisenbahnfahrt von ihm entfernt wohnte und aufrichtig die Sehnsucht empfand, den alten Freund an dem Ehrentage seiner glücklichen Ehe ans Herz zu schließen, auch seiner Frau mit mehr als mit einigen schriftlichen Worten meine freudige Theilnahme auszudrücken, so folgte ich der Einladung gern und war schon zum Polterabend an Ort und Stelle. Das liebenswürdige Paar wollte mir durchaus nicht erlauben, ins Gasthaus zu gehen; ich mußte das Giebelstübchen beziehen, das für mich hergerichtet war, und wurde gebeten, mir gar nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wo der Herr Studiosus ein Unterkommen finde. Der Abend in der Familie war sehr erquicklich, und die Feier durfte ich nun nicht als ein fremder Gast, sondern als ein Hausgenosse mitmachen.

Das war eine Feier! Schon um elf Uhr waren alle Tische mit prächtigen Blumenkörbchen und Sträußen bestellt. Das Lehrerkollegium erschien vollzählig, und der Direktor überreichte·mit einer lateinischen Rede als Geschenk die kostbare Ausgabe eines Klassikers, sich in gutem Deutsch gleich darauf bei der lieben Frau entschuldigend, daß man die Wahl so einseitig getroffen habe. Die Kolleginnen hoben aber jedes Bedenken, indem sie vor der Frau Professor einen Teppich ausbreiteten, den sie gemeinsam gestickt hatten. Dann kam eine zahlreiche Abordnung· der Sekundaner und Primaner, dem geliebten Lehrer zu gratulieren und ein Album zu überbringen. Der Bürgermeister erschien für den Magistrat, der Stadtverordnetenvorsteher schloß sich ihm an. Die Geistlichen, die Richter, der Landrath, endlich auch der Oberst brachten ihren Glückwunsch an.

Von den angeseheneren Gewerbetreibenden, ihren Frauen und Töchtern wollte niemand fehlen, selbst viele Gutsbesitzer aus dem Kreise fuhren vor. Die Thür stand gar nicht still. Im Nebenzimmer sang die Liedertafel, Gedichte wurden aufgesagt, Geschenke überreicht. Und jeder, der sich einfand, mußte bleiben, so eng der Raum auch war. Die Frau Professor hatte für Speisen und Getränke in Ueberfülle gesorgt. Man zog in den Garten, wo Tische und Bänke aufgeschlagen waren, nahm die Bratenschüsseln, Flaschen und Gläser mit und blieb weit über die Mittagsstunde hinaus vergnügt beisammen. Das Fest sollte abends in der „Ressource“ mit Illumination und Feuerwerk fortgesetzt werden, wozu die Familie und ihre Hausgäste feierlichst eingeladen worden waren.

Ich hatte den wohlthuenden Eindruck, daß alle diese Leute sich mit aufrichtiger Hingebung betheiligten. Jeder schien es als ein Herzensbedürfniß zu empfinden, „Professors“ an diesem Tage zu zeigen, wie man sie liebe und hochschätze. Ich sprach viele von den Herren und Damen, und alle waren voll ihres Lobes. Dabei stand, wie ich bald bemerken mußte, die Frau keineswegs in zweiter Linie. Sie hatte Verehrer, die sehr geneigt waren, ihr sogar den ersten Platz zu geben. So der alte Arzt. „Ich kenne die beiden,“ sagte er mir, „so lange sie hier am Ort sind, und ich kenne sie besser als mancher andere, weil ich im Hause die ganze Zeit über Arzt war. Jetzt freilich verdiene ich mein Honorar mit Sünden, spreche alle acht oder vierzehn Tage einmal vor, sitze im Lehnstuhl und verplaudere ein Stündchen sehr angenehm; aber die Kinder sind auch einmal klein gewesen und haben so weit gebracht werden wollen, daß sie nun kräftige gesunde Menschen geworden sind. Aus dem Vollen war nicht zu greifen, es mußte sehr sparsam gewirthschaftet werden. Und der Mann hatte Bedürfnisse, die in so enger Häuslichkeit und mit so spärlichen Mitteln schwer zu befriedigen waren. Er wollte von aller Noth des Lebens möglichst unberührt sein, ruhig seine wissenschaftlichen Arbeiten fördern können, daneben genug guten Humor behalten, um sich auch schöngeistig zu beschäftigen und in stetem Zusammenhang mit der Gesellschaft bleiben, die seine Talente beanspruchte. Frau Cilli hat das Unmögliche möglich zu machen gewußt. Und doch, glaube ich, hat es Zeiten gegeben, in denen der liebe Mann an nervöser Verstimmung litt und ihr die Sorge nicht durch freundliche Anerkennung erleichterte. Es war etwas in ihm, das über die vermeintliche Enge des Hauses hinwegstrebte, und es gehörte eine ganz feine Art der Leitung dazu, ihn immer durch sich selbst die Grenzen ziehen zu lassen, die er nicht überschreiten durfte, ohne das häusliche Glück zu gefährden. Freilich mußte man schon ein so naher Hausfreund sein wie ich, um dergleichen leichte Trübungen überhaupt bemerken zu können. Ach, diese Frau! Man lernt sie gar nicht aus. Was der Professor uns geworden ist, liegt gleichsam auf der Hand; wir danken es ihm, daß er alle geistigen Kräfte angespannt und uns aus der erbärmlichen Kleinstädterei herausgeholfen hat. Aber daß er das konnte und zum Besten des Ganzen alle seine liebenswürdigen Eigenschaften rein zu entfalten vermochte, das kommt doch zum guten Theil auf Rechnung ihres stillen Wirkens. Und dieses Wirken hat sich niemals aufs Haus allein beschränkt. Ich selbst bin Zeuge ihrer Wohlthätigkeit und ihres tapferen Verhaltens in allerhand Nothständen gewesen. Sie besitzt eine Willenskraft, die man ihrer schwächlichen Gestalt und [424] ihrem milden Wesen nicht zutrauen möchte. Ohne daß sie je laut hervortritt, ordnet man sich ihr unter. Unsere Frauen wissen, was sie an ihr haben.“

Der alte Herr hatte sich ganz warm gesprochen und auch in mir das freundschaftliche Gefühl für Frau Cilli neu gesteigert; und wie sie jetzt mit dem Silberkränzchen auf dem blonden Haar vor uns stand, erschien sie mir nur noch ehrwürdiger. Als die Gäste endlich gegangen waren und wir „en famille“ in der Fliederlaube saßen und den Kaffee tranken, hatte ich eigentlich bloß noch Augen und Ohren für sie, wie sie zu jedem ihrer Kinder nach deren Alter und Lebensstellung ein anderes und immer das wohlthuendste Verhältniß fand und dem Schwiegersohn recht freundschaftlich gute Lehren gab, damit er auch einmal eine so fröhliche silberne Hochzeit feiern könne. Ihren Mann schalt sie, ohne sich ihm doch zu entziehen, wegen seiner Zärtlichkeit aus, die der Wein verschulde. Das wollte er aber nicht gelten lassen. „Es sind freilich mehr als dreißig Jahre darüber vergangen,“ sagte er, „daß ich den ersten Kuß bekommen habe – ja, ja! der Freund kann’s ungefähr nachrechnen – aber ich hoffe doch, daß dieser jetzige“ – er drückte ihn herzhaft auf ihren Mund – „noch lange nicht der letzte sein wird.“

Sie ließ ihm ihre Hand und lehnte sich an seine Schulter, doch nur, um sich gleich wieder aufzurichten. Eine Minute lang schien sie etwas zu bedenken; es war, als ob es in ihren hellleuchtenden Augen schon fertig dastände, während es sich hinter der Stirn erst fornte. Sie blickte still über den Kreis ihrer Kinder hin, nahm das Gesicht ihres Mannes zwischen ihre Hände und fragte: „Bist Du nun mit Deinem Geschick zufrieden, Eduard?“

Er schien zu stutzen, als hätte für ihn die Frage noch eine ganz besondere Bedeutung. Dann umarmte er sie und sagte: „Mein liebes, liebes Weib!“ – Er war ernster geworden, sah auf das Silbersträußchen in seinem Knopfloch hinab und fuhr im schlichtesten Ton fort: „Kein Mensch kann auf diesen Schmuck mit größerem Stolz, mit innigerer Freude blicken als ich. Wie hat man uns heute geehrt, wie viele gute Worte der Anerkennung haben wir vernommen, wie überzeugend aufrichtig hat man unser Glück gepriesen! Und wie wenig ist doch davon in die Erscheinung getreten, für alle sichtbar geworden! Was wir einander gewesen sind, wissen ja selbst die Kinder nicht ganz; kaum haben wir’s eines dem andern gestanden. Aber es ist gut, daß so ein Tag kommt, an dem Rechenschaft gehalten und ein klares Urtheil gesprochen wird. Ob ich glücklich bin? – Von ganzem Herzen!“

Es schien sie zu durchschauern. „Du hast recht,“ sprach sie verloren vor sich hin, „es ist gut, daß solche Stunden kommen. Da dürfen wir jene Augenblicke vergessen, wo wir nach dem rechten Weg zum Glück nur unsicher tasteten, wo so wenig, so ganz wenig fehlte und –“ Sie brach plötzlich ab, wie erschreckt durch die eigenen Worte und die fragenden Blicke, welche sie an ihren Zuhörern bemerkte.

„Verzeih mir, Eduard,“ wandte sie sich an ihren Mann, „Du weißt, wir sind über unsere Erinnerungen nicht Herr, weder über die freudigen noch über die andern.“ Die Augen waren ihr feucht geworden, sie stand auf, drückte einen Kuß auf Eduards Stirn und trat dann in den Gang hinaus, der hinter der Laube am Zaun entlang führte.

Mein Freund saß noch eine kleine Weile auf seinem Platz, sehr ernst und ein wenig verlegen. Dann erhob auch er sich und folgte ihr. Ich sah, daß er den Arm um ihre Schulter legte und mit ihr auf und ab ging. Sie sprachen leise miteinander.

Wir Zurückbleibenden hatten wohl sämmtlich das Gefühl, in die schöne Harmonie des Festes sei ein Mißklang gekommen, der sie wenigstens für den Augenblick störte und dessen Ursache sich uns verbarg. Nach längerem Schweigen versuchten wir ein Gespräch einzuleiten, das die Tagesereignisse zum Gegenstand nahm, brachten es aber nur zu kurzen Bemerkungen. Das Fräulein begann den Tisch abzuräumen, die verheirathete Schwester half. Der Studiosus forderte seinen Schwager und mich zu einem Gang durch die Stadt auf. Jener war gleich bereit. Ich hatte das Bedürfniß, nach diesen mit neuen Eindrücken übersättigten Stunden ein wenig auszuruhen, und bat, mich zu entschuldigen. So blieb ich allein zurück.

Den Kopf an einen Eckpfosten gelehnt, sann ich mit geschlossenen Augen über den räthselhaften Vorgang nach, der eben sich abgespielt hatte. Nur wenige Minuten mochte ich so in mich versunken gewesen sein, als ich durch ein Geräusch aufgeschreckt wurde. Ich sah Frau Cilli am Eingang der Laube. Sie war offenbar rasch eingetreten, hatte sich indessen schon wieder abgekehrt, um fortzuschleichen.

„Darf ich Sie bitten, zu bleiben, beste Frau Professor?“ rief ich ihr nach, „Sie stören nicht.“

„Ich habe aber schon gestört,“ antwortete sie, sich umwendend. „Es thut mir leid, allein ich vermuthete nicht …“

„Sie sehen, ich bin ganz munter,“ beruhigte ich sie. „Wo ist Eduard?“

„Ich habe ihn in sein Zimmer geschickt,“ sagte sie lächelnd, „damit er sich in seiner Art eine Erholung schafft.“

„In seiner Art? Er wird sich doch wie andere Menschen in diesem Fall aufs Sofa legen und ein Stündchen verschlafen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das würde ihn nur noch mehr ermüden. Nein, er muß ein wenig arbeiten, mindestens in einem Buche lesen, das seine Gedanken ablenkt und an anderer Stelle fesselt. Ich kenne ihn. Er ist durch die Gesellschaft leicht angeregt und dann voll Empfänglichkeit für ihre erheiternden Wirkungen. Aber sie darf ihn nicht zu lange zerstreuen wollen. Ich weiß, daß er sich vor diesem Tage im stillen nicht wenig gefürchtet hat – aus keinem anderen Grunde, als weil er dachte, vom frühen Morgen bis zum späten Abend Jubilar sein zu müssen. Nun konnte ich ihm gar keinen größeren Gefallen erweisen, als daß ich ihn selbst dazu drängte, den Schlafrock anzuziehen und sich an den Schreibtisch zu setzen. Sie sollen einmal sehen, wie munter und frisch er hinterher wieder sein wird. Er wollte sich freilich von mir nicht trennen, am Tage unserer silbernen Hochzeit, – wie schickt sich das! So sagte ich ihm denn, daß ich durchaus mit Ihnen noch ein bißchen ungestört plaudern möchte, und da fügte er sich.“

Natürlich sprach ich meine Freude über diese unverhoffte Gunst aus. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, die Plauderei wirklich in Gang zu bringen, jeder Anlauf mißglückte. Frau Cilli war offenbar unaufmerksam und zerstreut, ich selbst innerlich noch zu sehr mit den Gedanken beschäftigt, in welchen sie mich vorhin unterbrochen hatte. Ob sie in Wahrheit nur „ein bißchen ungestört plaudern“ oder mich über ihre Erregung von vorhin aufklären wollte?

Während ich unwillkürlich diese Frage zu entscheiden suchte, mußte ich wohl die Freundin mit recht forschenden Blicken angesehen haben. Denn auf einmal brach sie kurz ab und sagte:

„Es ist unmöglich, Sie über meine Bewegung wegzutäuschen, ich lese es in Ihren Augen; Sie ahnen, daß mein Kommen halb eine bestimmte Absicht hat und im Zusammenhang steht mit den Worten, die mir vorhin vielleicht sehr unbedacht entschlüpften. Sie sind meines Mannes ältester Freund, und ich glaube, auch für mich selbst ein wenig Ihre Theilnahme und Liebe gewonnen zu haben. Darf ich da nicht, um mein Gemüth zu erleichtern, zu Ihnen flüchten und am heutigen Tage Ihnen gleichsam eine Beichte ablegen? Wollen Sie mich gütig anhören?“

„Ich merkte wohl, daß es sich für Sie um ein außerordentliches Geheimniß handelte,“ versuchte ich im heitersten Ton zu entgegnen, um ihr die Eröffnung zu erleichtern. „Ich bin ganz Ohr, verehrteste Freundin. Was Sie zu beichten haben werden –“

„Wer weiß,“ fiel sie ein. indem sie mit einer nervösen Bewegung das lockige Haar von der Schläfe fortstrich, „wer weiß, ob Sie mich absolvieren werden. Fast hätte ich’s vorhin ausgesprochen, wie so wenig gefehlt habe, daß Eduard und ich diesen schönen Tag nie erlebten. Er erscheint Ihnen doch als ein schöner Tag? Und allen den andern auch, die ihn mit uns feierten, und uns selbst … ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, daß ich Eduard glücklich weiß. Ich darf’s doch? Das ist eben die Frage, die mich beschwert. Ich habe vielleicht ein großes Unrecht gegen ihn begangen. Vielleicht! Vielleicht auch nicht, und ich hoffe … aber diese Hoffnung kann wieder ein selbstsüchtiges Gefühl sein. Sie sollen entscheiden.“

„Es ist Ihnen bekannt,“ fuhr sie nach kurzem Nachsinnen fort, „daß Eduard Student war, als er sich mit mir verlobte. Daß er es that, war nicht das Ergebniß einer leidenschaftlich erregten Stunde. Wir hatten einander schon lange still im Herzen getragen und wohl auch durch Zeichen, die in solchem Fall beiden Theilen untrüglich scheinen mögen, zu verstehen gegeben, daß wir in unsern Empfindungen übereinstimmten. Eduard bat schriftlich [425] um meine Hand, nicht einmal unmittelbar nach einem Beisammensein, und ich antwortete ihm auf demselben Wege. Wir hatten beide Zeit gehabt zu kühlerer Ueberlegung, und es wäre unsere Schuld gewesen, wenn wir trotzdem voreilig dem Zwange eines noch unklaren Gefühls gefolgt wären. Meine zumal! denn so jung ich war, mein Verstand war in einer sehr herben Schule des Lebens früh ausgereift, und ich übersah mit aller Deutlichkeit den weiten und beschwerlichen Weg bis zum Ziele. Ich sagte ihm, daß ich an seine Liebe glaube und sie aus wärmstem Herzen erwidere, fügte aber mit einer Dringlichkeit, die er für aufrichtig halten mußte, die Bitte hinzu, nochmals sehr ernstlich zu prüfen, ob er sich und seiner Zukunft nicht ein Opfer des Herzens schuldig sei, das jetzt noch leicht wäre. ‚Ich weiß,‘ schrieb ich ihm, ‚daß Sie unverbrüchlich Ihr Wort halten werden, wenn Sie es gegeben haben – dafür bürgt mir Ihr Charakter. Aber um so mehr ist es Ihre Pflicht, nicht den Augenblick über Ihre ganze Zukunft bestimmen zu lassen. Wenn Sie je bereuten, würden Sie tief unglücklich sein und mich tief unglücklich machen – Sie müssen die Gewißheit fühlen, nie bereuen zu dürfen!‘ Er antwortete mit einem schönen Gedicht, dessen letzte Zeile lautete: ‚Ich liehe Dich und weiß, nie kann mich’s reu’n.‘ So sandten wir uns denn das Wort, das unseren Bund besiegeln sollte, und als wir einander darauf Aug’ in Auge blickten, brauchten wir es nicht erst noch auszusprechen, daß wir nur gethan hatten, was wir thun mußten – daß wir uns fürs Leben angehörten.

Wie heiter vergingen uns die Jahre! Wir waren ganz unserer Liebe froh, küßten und lachten, wenn wir beisammen waren, wie nur lebensfrisches junges Volk lachen und küssen kann, und schrieben uns in den langen Trennungszeiten Briefe voll unsinniger Zärtlichkeiten, doch auch voll ernster Selbstbekenntnisse, die uns bewiesen, daß unser Streben allewege Schritt hielt. Es war noch so lange, bis wir uns am Altar würden die Hände reichen können – wir dachten kaum flüchtig so weit voraus, lebten ganz der beglückenden Gegenwart. Ich wußte mich geliebt und war überselig, Eduard durch meine Liebe voll befriedigt zu sehen.

Er dichtete. Schon vor unserer Verlobung hatte er mir schüchterne Verse zugesteckt, und ich gestehe, daß sie ihm mein Herz nur um so rascher gewonnen hatten. Wenn man uns Mädchen so schön besingt –! Und daß man uns besingt, macht schon die Verse schön. Aber Sie kennen ja selbst viele seiner Liebeslieder und haben sie gelobt, wie er mir später einmal verrieth.

Daß ich sie nicht kritisierte, werden Sie verstehen. Was kümmerte es mich, ob ein Dichter vor ihm die Reime schon künstlicher verschlungen, den Jubel seines Herzens eigenartiger auszudrücken verstanden hatte; ich fand die Empfindung treu und schlicht, wie ich selbst sie in ihm geweckt hatte, sah mich in seiner Dichtung wie ein verschöntes Spiegelbild. Kein Wunder, daß ich ihn ermuthigte, seiner reichen Begabung alle Freistunden zu widmen.

Er schrieb indessen an mich nicht nur Verse, die wirkliche Herzenserlebnisse waren. Sie wissen ja, daß der dichterische Drang ihn auch zu epischen und dramatischen Versuchen trieb. Er hatte immer mit einem Uebermaß von Ideen zu kämpfen, die sich stets sehr rasch, aber so im ersten Anlauf unvollkommen gestalteten.

Er theilte sie mir unfertig mit, immer ganz Feuer und Flamme, und ich bemühte mich redlich, sie mir faßbar zu machen und ihm selbst näher zu bringen. Meist jedoch kamen meine Erwägungen schon zu spät. Er versicherte dann, längst sich selbst überzeugt zu haben, das sei doch nichts oder bereits verbraucht; etwas anderes aber verspreche den besten Erfolg. Und selten erging es diesem andern glücklicher. Er durchstöberte die ganze Weltgeschichte nach dramatischen Stoffen, plante, entwarf die Personenverzeichnisse und die Reihenfolge der Auftritte, führte wohl auch ganze Akte aus, um schließlich die Arbeit, die ihm nicht genügte, wieder liegen zu lassen. Einige Dramen wurden auch fertig, und ich selbst schrieb sie sauber für ihn ab, damit er sie einer Bühne einreichen könne. Aber sei es, daß dann die Lust schon verraucht war, daß er die Scheu nicht überwinden konnte, sich hinauszuwagen, oder daß die ersten Schritte schon auf Hindernisse stießen – er hatte die Freude daran verloren und vermied sogar, darüber zu sprechen. Etwas anderes – wieder etwas anderes!

Ich darf nicht verschweigen, daß ich mich zu diesen Erzeugnissen seiner Muse nicht ganz in gleicher Weise stellte wie zu seinen Liebesliedern. Auch sie schienen mir voll Talent, voll Kraft und Schwung zu sein, allein sie hatten für mich immer etwas Gemachtes, künstlich Erzwungenes, nicht aus seinem eigentlichen Wesen Herausgewachsenes. Sie waren gewiß so gut und in vieler Hinsicht besser als Stücke, die von den Theatern aufgeführt, von den Zeitungen mit Aufmerksamkeit besprochen wurden. Und dennoch sah ich nur zu deutlich, daß ihnen etwas fehlte, wofür Eduard gar kein Auge hatte und das ihnen doch erst die Theilnahme des Publikums sichern konnte – glaubte es wenigstens zu sehen.

Es war vielleicht ungeschickt, daß ich ihn darauf aufmerksam machte, ohne imstande zu sein, mich klar auszusprechen; aber ich dachte ihm zu nützen. Ich merkte bald, daß ich ihn verstimmte, und schwieg.

Das gefiel ihm noch weniger.“

[439] „Immer seltener theilte Eduard mir nun neue Entwürfe mit,“ fuhr Frau Cilli in ihrer Erzählung fort. „Wenn er von seinen dichterischen Bestrebungen redete, so geschah es mit recht unbehaglicher Ironie. Nicht daß er das Bedenken ausgesprochen hätte, sich in seiner Befähigung getäuscht zu haben. Gewiß nicht! Aber er fing an, zu klagen, daß er die Zeit nicht habe, sich in eine Arbeit zu vertiefen, die den ganzen Menschen in Anspruch nehmen müsse, wenn sie gelingen solle; daß ihn sein wissenschaftliches Studium austrockne und ernüchtere; daß er auch da nie die freien Höhen erreichen und befriedigende Ausschau halten, sondern in einem armseligen Schulamt verkümmern werde. Er sei kein Philologe nach dem Herzen gewisser bei ihren Fachgenossen hochberühmter Universitätsprofessoren; das ewige Wiederkäuen der alten Speisen mache ihn stumpf und dumm. Er erkenne, daß er seinen Beruf verfehlt habe; ganz mit Leib und Seele Schriftsteller hätte er werden müssen! Die Muse fordere volle Hingabe oder wende sich erzürnt ab. Ich glaubte darin nur den Unmuth lesen zu dürfen, daß ihm nichts recht nach Wunsch gelingen wollte, und vertröstete ihn auf die Zeit, in der er wieder mehr Freiheit haben werde, sich nach Neigung zu beschäftigen. Er brachte denn auch, was mit jenen Klagen nicht recht stimmen wollte, seine Examina nicht nur glatt, sondern mit Auszeichnung hinter sich. Freilich, der darauf folgende Entschluß, eine Hauslehrerstelle anzunehmen, betrübte mich; doch war ich weit entfernt, ihn durch den Vorwurf zu quälen, daß er unsere Vereinigung in immer weitere Ferne hinausschiebe. Er gab mir zu verstehen, daß die Absicht, Ersparnisse [442] zu machen, nur so mitlaufe; leitend für ihn sei vielmehr der Gedanke, sich einmal für längere Zeit in die ländliche Einsamkeit zurückzuziehen, um sich ganz seinen dichterischen Plänen hingeben zu können. Nun müsse sich’s zeigen, was er zu leisten vermöge.

Es zeigte sich nicht. In jedem Briefe beschwerte er sich, daß das gesellschaftliche Leben in dem reichbegüterten gräflichen Hause ihn abziehe und zerstreue, daß er’s mit lauter Menschen zu thun habe, die ihn nicht fördern. Es gelang ihm endlich doch, eines seiner älteren Dramen auf einer Provinzialbühne zur Aufführung zu bringen. Er selbst wohnte der Darstellung bei und berichtete mir noch in der Nacht sehr glücklich, das Spiel sei vorzüglich gewesen, das Publikum habe andächtig gelauscht und auch Beifall gespendet. Ein Rückschlag der Stimmung erfolgte nur zu bald bei ihm, als die Zeitungen von dem Achtungserfolg eines unbekannten, nicht talentlosen, aber offenbar ganz bühnenunkundigen Dichters sprachen, dessen rhetorisches Pathos zwar im Augenblick hinreiße, dem es jedoch noch nicht gelinge, eine packende Fabel zu erfinden und seine Figuren ausreichend zu individualisieren. Die Besprechungen schlossen mit einer freundlichen Ermunterung, auf dem beschrittenen Wege vorwärts zu gehen und bald ein neues Werk zu bringen, das bessere Aussicht habe, sich einen dauernden Platz auf der Bühne zu erringen. Der Direktor hatte nur eine Wiederholung gewagt.

Mich schmerzte diese Abfertigung tief, und das um so mehr, als ich den kritischen Richtern nicht Unrecht geben konnte. Niemals hätte ich dazu gerathen, gerade dieses Drama der Gefahr eines halben Erfolges, das hieß in diesem Falle eines Mißerfolges, auszusetzen. Sehr merkwürdig war mir aber die Erfahrung, daß Eduard, sonst so empfindlich gegen die zartesten Einwendungen, sich jetzt den Anschein zu geben suchte, gar nichts anderes als ein bedingtes Lob erwartet zu haben. Man habe ja nur zu sehr recht: er sei bühnenunkundig und überdies besser in den alten Schmökern als in der wirklichen Welt zu Hause. Man spreche ihm ja keineswegs die Begabung ab und ermuntere ihn zu glücklicheren Versuchen. Ach! wie mich diese Selbsttäuschungen des geliebten Mannes peinigten! Und ich durfte ihm nicht einmal zurufen, sich vorzusehen, er hätte das von mir nicht verstanden. Ich schwieg, wo ich ihm nicht beitreten konnte, und sprach nur die Hoffnung aus, dieses neue Werk, das entscheidend sein solle, werde nicht lange auf sich warten lassen.

Dann kamen seine Briefe seltener und unregelmäßiger, aber sie waren voll von Betheuerungen seiner Liebe, voll von Dankbarkeitsbezeigungen, daß ich so großmüthig Geduld mit ihm habe. Endlich blieben sie einen Monat lang ganz aus, und dann eines Tages …“

Frau Cilli sprach plötzlich mit schluchzender Stimme und deckte die Hand über die feuchtglänzenden Augen.

„Eines Tages –?“ fragte ich gespannt.

„Es muß doch gesagt sein,“ begann sie wieder, die schmerzliche Bewegung überwindend. „Eines Tages überraschte mich Eduard durch seinen Besuch. Er umarmte und küßte mich mit stürmischer Leidenschaft; und dann warf er sich mir zu Füßen und rief: ‚Ich liebe Dich, Cäcilie, ich liebe Dich noch immer so innig, wie ich Dich je geliebt habe. Ich werde unglücklich sein, wenn ich Dich verliere – aber nur so kann ich meinen Lebensberuf erfüllen, ein Dichter werden, Du hast ein großes Herz, eine edelmüthige Seele – gieb mich frei! Was ich mir bisher erarbeitet habe, hatte nur den Zweck, mir eine Lebensstellung zu gewinnen, die ich mit Dir theilen könnte. Ich muß diese Hoffnung abwerfen, wenn ich dem Genius folgen will, der mich zu sich hinaufruft. Nochmals muß ich neu beginnen und ich werde Jahre lang zu hungern und zu darben haben. Dir darf ich nicht anbieten, ein solches Los mit mir zu theilen; ich liebe Dich zu sehr, um mit leichtem Gemüth über die tägliche Sorge hinwegsehen zu können, die ich Dir bereiten muß. Nein, Liebste, nein! Lieber jetzt den tödlichsten Trennungsschmerz als später ein langsames erbärmliches Sichverlieren. Ich weiß jetzt, daß ich nur in voller Freiheit dichterisch schaffen kann. Sei edelmüthig – gieb mich frei! Du hast mein Wort und ich werde als ehrlicher Mann daran festhalten, so lange Du selbst es forderst – das kam ich Dir zu sagen. Aber zu Deinem eigenen Heil flehe ich Dich an: fordere es nicht! Es wäre unser beider Elend. Gieb mich frei, Cäcilie!‘

Ich war vom Schreck wie gelähmt. Das völlig Unerwartete war geschehen, Eduard verlangte sein Wort zurück. Nicht weil er mich nicht mehr liebte, nicht weil er an meinem Gefühl für ihn zweifelte, nicht aus irgend einem Grunde, der das Wesen unseres Herzensbundes berührte. Er wollte frei sein, weil er meinte, ohne seinen Lebensnerv zu vernichten, dürfe er das Amt nicht annehmen, auf das er sich so viele Jahre vorbereitet hatte. Ich hob ihn auf, schloß ihn in meine Arme, suchte ihn zu beruhigen. Er war entsetzlich bleich und zitterte am ganzen Leibe. Ich mußte ihn für krank, vielleicht für geistig gestört halten – er war mir im Augenblick ganz unfaßlich; nur daß ich ihn aufs tiefste zu bemitleiden hätte, war mir gewiß. Wir sprachen hin und her, er wiederholte immer dieselben Worte. Ich bat ihn endlich um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. ‚Entscheide Dich gleich,‘ rief er, ‚folge Deinem ersten Gefühl! Wie Du bist, kannst Du nicht anders als großmüthig handeln. Warum diese Qual verlängern? Du wirst einsehen, daß ich ein gewissenloser Mensch wäre, wenn ich gezögert hätte, Dir über mich die ganze Wahrheit zu sagen. Was kann ich Dir jetzt noch sein?‘

Allein mit jeder Minute wurde mir’s gewisser, daß ich mich sammeln, zu ruhiger Ueberlegung zwingen müsse. So blieb ich dabei, daß ich ihm erst am andern Tage Antwort zu geben vermöge. Ich forderte ihn auf, noch nicht fortzugehen: wir wollten versuchen, den wunden Punkt nicht zu berühren. ‚Glaubst Du mir Unmenschliches zumuthen zu können?‘ erwiderte er. ‚Ich sehe, daß Du mich schon nicht mehr mit jener Seelengröße liebst, mit der ich Dich liebe!‘ Er stürmte fort.

O diese entsetzlichen vierundzwanzig Stunden! Wie konnte ein Menschenhirn und ein Menschenherz mit ihnen fertig werden! Wenn ich eine gemeine Natur gewesen wäre, wenn ich es fertig gebracht hätte, mit Entrüstung von dem Abtrünnigen mich abzuwenden oder aus selbstsüchtigen Beweggründen ihn beim Wort zu halten, an das er sich ja doch gebunden fühlte! – Verstehen Sie mich recht, bester Freund. Die Frage war erlaubt und gar nicht zu umgehen, ob die gemeine Natur hier nicht guten Grund hatte, entscheiden zu wollen, ob es nicht eine Verirrung war, ihre Regungen gewaltsam niederzudrücken und eine höhere Warte zu erstreben, von der aus doch nur ein allwissender Gott richten konnte. Hatte ich nicht Grund, zu zürnen, mich stolz abzuwenden? Und andererseits – wer hätte mir’s verargen können, wenn ich bedachte, daß ich früh mein Schicksal vertrauensvoll in seine Hand gelegt, ihm die besten Jahre meiner Jugend hingegeben, eine berechtigte Hoffnung genährt hatte, die nicht durch eine Laune zu Schanden gemacht werden durfte? Und etwas Drittes gab es ja gar nicht, als ihn fortzustoßen oder ihn festzuhalten. Wenn ich diese natürlichen Regungen fernhielt und andere Gründe für meine Entscheidung aufsuchte, wer sagte mir, ob jene nicht doch im geheimen mächtig seien, ob ich mich und ihn nicht betrog, wenn ich mir einbildete, sie überwunden oder nie empfunden zu haben?

Wie schwer ist es, in solcher Lage ganz ehrlich zu sein! Und doch – es blieb mir nur dies übrig: mein Herz zu reinigen von Selbstsucht und zorniger Leidenschaft, so weit es ein Mensch vermöchte, und dann abzuwarten, ob mir ein Licht käme, das Dunkel zu erleuchten. Nein! ich zürnte nicht, wahrhaftig! ich zürnte nicht. Und wie sehr ich ihn liebte, wie viel ich mit ihm verlor, zu seinem Verderben wollte ich ihn nicht halten. Aber das gab noch kein Licht, kaum einen Dämmerschein. Sagte mir Eduard nicht, daß er mich liebe, daß er unglücklich sein werde ohne mich? Und das war keine Lüge, nicht einmal eine Selbsttäuschung. Es war gar nicht anders möglich, er liebte mich noch immer und er konnte nie wieder glücklich sein, wenn ich seinen Wunsch erfüllte; er hatte ein so warmes Herz und ein so zartes Gewissen! Und wenn ihn die Hoffnung, einen Ersatz zu finden, betrog? Wenn er nie ein Dichter wurde trotzdem – oder wenn er dennoch ein Dichter war … Das war das Furchtbarste. Wer deutete mir da den rechten Weg? Und gerade hier wurzelten alle meine Zweifel. Ich wühlte aus seinen Briefen die Gedichte heraus, die mir gewidmet waren; ich las die Dramen, von denen ich ihm Abschrift gefertigt hatte, mit peinlichem Eifer vom ersten bis zum letzten Wort, auch das aufgeführte, das er auf seine Kosten hatte drucken lassen – ich las die ganze Nacht hindurch und mit brennenden Augen in den Tag hinein … Wie geschah es nur, daß ich nicht glauben konnte? O mein Gott! wenn er irrte, wenn er sein Herz unselig machte und nichts dafür gewann – wenn eine Zeit kam, in der er seine Verblendung so klar erkannte wie ich jetzt? Dann war sein ganzes Dasein verfehlt – und ich trug mit ihm die Schuld. – –

[443] Als er dann kam, als ich in seine lieben Augen sah, war ich plötzlich entschlossen. ‚Ich habe Dein Wort,‘ sagte ich ihm, ‚und ich gebe Dich nicht frei. Thu’, was Du willst!‘

Das kam ihm offenbar unerwartet, aber es regte ihn nicht auf. ‚Ich hätte es wissen können,‘ antwortete er nach einer Weile in kaltem und schneidendem Ton. ‚Du bist ein Weib!‘ Damit kehrte er sich ab.

Ich ließ mich nicht beirren. ‚Höre auch dies,‘ fuhr ich fort; ‚Du sollst volle Freiheit haben, Dir Deine Lebensarbeit zu wählen. Erprobe, ob Du ein Dichter von Gottes Gnaden bist – ich werde Dich nicht hindern, und ich weiß, Deine Liebe wird Dir kein Hemmniß sein, wenn sie keine Pflicht mehr auferlegt. Du sollst meinetwegen kein lästiges Amt erstreben. Komm nach Jahren, wenn Deine freie Thätigkeit Dir reiche Frucht gebracht oder – wenn alle Deine Hoffnungen Schiffbruch gelitten haben, Du wirst mich finden, wie Du jetzt von mir gehst. Komm’ nie … aber ich lasse nicht von Dir.‘

Er ging, ohne mich noch eines Wortes zu würdigen. Erst nach Monaten erhielt ich von ihm wieder einen Brief. Sein Inhalt überraschte mich aufs äußerste. Er hatte die Hauslehrerstelle aufgegeben, nicht um in die Nähe des Theaters überzusiedeln oder ein Centrum litterarischer Thätigkeit aufzusuchen, sondern – um an einem Gymnasium Unterricht zu ertheilen, wo man ihm nach Ablauf der Probezeit eine Anstellung zugesagt hatte. ‚Ich halte mein Wort,‘ schrieb er, ‚bereite alles zur Hochzeit vor!‘

Im ersten Augenblick war ich tief erschrocken, auf mich fiel jetzt doch die ganze Verantwortung. Aber dann fühlte ich’s wie eine Erleichterung. Wenn der Genius in ihm so stark gewesen wäre, wie er damals meinte, nie hätte er sich so entschieden! Er selbst mußte schwankend geworden sein. Und wenn das möglich war, dann … Ach! verzeihen Sie mir, lieber Freund, wenn ich nach diesem Strohhalm griff, um mich aus einer verzweifelten Stimmung zu retten.

Heute vor fünfundzwanzig Jahren haben wir Hochzeit gemacht – es war kein froher Tag wie dieser. Eduard hätte freilich nicht der edle Mensch sein müssen, der er war, wenn er nicht bemüht gewesen wäre, mir ein heiteres Gesicht zu zeigen und beruhigende Worte zu sagen. Vielleicht hatte seine Liebe auch wirklich das peinigende Gefühl der Enttäuschung überwunden, vielleicht überwand sie es jetzt, da sich ihm ein doch langersehntes Glück erfüllte. Vielleicht – ach, nur vielleicht! Ich fühlte dennoch, daß er mir ein Opfer gebracht zu haben glaubte. Von der Höhe, auf die er mich gestellt hatte, war ich in seiner Schätzung tief, tief hinabgestiegen, er sprach mit mir gar nicht von dem, was vergessen sein sollte. Wie ein Druck lag es auf unseren Herzen, wir vermochten es nicht, ihn abzuschütteln. Was ich mir da am Altar gelobte … Nein! das läßt sich nicht in Worte fassen.“ –

Sie schwieg. Die Erinnerung hatte sie tief erschüttert. Ich ließ ihr Zeit, ihr Gemüth zu beruhigen.

„Und dann?“ fragte ich, da ich merkte, daß es sie drängte, ihre „Beichte“ fortzusetzen.

„Eduard widmete sich mit ganzem Eifer seinem Schulamt,“ fuhr sie fort, „und in den Freistunden wissenschaftlichen Arbeiten. Mit einem Eigensinn, der mir wohl begreiflich war, aber mich deshalb nicht weniger besorgt machte, enthielt er sich aller dichterischen Versuche und sprach nicht einmal von der Möglichkeit, sie wieder aufzunehmen. Ich hoffte, die Lust zum Fabulieren werde mit der Zeit schon übermächtig werden. Er mußte sich ja überzeugen, daß ihn seine Frau nicht hinderte, eher alles aus dem Wege räumte, was den freien Flug seiner Gedanken hätte niederhalten können. Allein es blieb so, und endlich meinte ich, es sei gar nicht mehr Eigensinn, daß er so sein einstiges Ich verleugne, sondern er wisse jetzt, daß ihm die Kraft versage, und wolle es nur nicht eingestehen. Und junge Eheleute, die sich aus wahrer Herzensneigung vereinigt hatten! Man konnte uns für sehr glücklich halten, und wir waren es auch. Das erste Kind wurde uns geboren und dann der Sohn. Eduard war ein so zärtlicher Vater! Er schien ganz vergessen zu haben, daß er sich das Leben anders gedacht hatte.

Und trotzdem blieb ein Rückschlag nicht aus, es kamen Jahre schwerer Sorge für mich, ob ich den Sieg behalten würde. Die beiden kleinen Kinder nahmen mich vielleicht zu sehr in Anspruch, ich mußte den lieben Mann zu viel sich selbst überlassen. Da verfiel er denn wieder in den grüblerischen Gedanken, daß sein Dasein verfehlt sei, daß ihm zu spät die Einsicht komme, er hätte für die Göttin etwas wagen sollen. Mit Unlust ging er zur Schule, verschob die Korrektur der schrifllichen Arbeiten bis auf den letzten Tag, träumte ins Weite und blieb die halben Nächte in seinem Zimmer auf. Ich merkte, daß er heimlich etwas schrieb, aber auch Papiere verbrannte. Vergeblich suchte ich mich in sein Vertrauen einzuschmeicheln, seine Haltung gegen mich wurde eine fast feindliche. Es kam über ihn wie eine tückische Krankheit, die sich lange in unzugänglichen Schlupfwinkeln versteckt gehalten hat und dann plötzlich vorbricht, um alle gesunden Säfte aufzuzehren. Einmal erfolgte eine heftige Aussprache. Er ließ ein Wort fallen von ‚Flucht aus dem Kerker‘. Ich griff es auf und antwortete ihm trotzig. ‚Du bist nicht gefangen – öffne die Thür und geh’, wohin Du willst; für mich und die Kinder werde ich sorgen!‘

Das brachte ihn wieder für längere Zeit zur Besinnung. Seine nächtlichen Arbeiten setzte er fort, ich wußte auch, daß er einen heimlichen Briefwechsel unterhielt. Und dann eines Abends reiste er wirklich ab, ohne auch nur von seinem Direktor Urlaub genommen zu haben. Ich glaubte ihn für uns verloren.

Doch nach vierzehn Tagen kam er wieder, völlig verändert in seinem Wesen. Ich empfing ihn mit heller Freude wie einen von der Reise zurückgekehrten lieben Hausgenossen, kein Laut des Vorwurfs kam über meine Lippen. Das schien ihm sehr wohl zu thun. Er umarmte mich, küßte meine Stirn und hielt mich lange an seine Brust gedrückt. ‚Du hast doch recht gehabt,‘ sagte er mild und herzlich, ‚hier ist mein Glück.‘ Er eilte zu den Kindern und konnte nicht aufhören, sie an sich zu pressen. Die Reise nannte er seine ‚letzte Irrfahrt‘, bat mich aber, nicht weiter darüber sprechen zu müssen, und ich ließ ihn gern gewähren. Nicht ohne unangenehme Folgen blieb sein Vergehen gegen die Amtsvorschriften, zumal er sich nicht mit ganzer Offenheit entschuldigen wollte oder konnte. Er sei krank gewesen, versicherte er, und einem übermächtigen Zwange gefolgt. Er erhielt einen Verweis und nahm ihn ohne Murren hin. Bald darauf bemühte er sich um seine Versetzung hierher; mit bestem Erfolg, da seine Lehrkraft sehr geschätzt war. Hier ist uns auch unser jüngstes Töchterchen geboren worden. Unser häusliches Glück war nun ungetrübt. Wie Sie Eduard gestern und heute gesehen haben, so zeigte er sich die ganze Zeit – mir, seinen Kindern, seinen Mitbürgern. Mit vollstem Recht genießt er die allgemeine Liebe und Achtung. Sie sind ja Zeuge gewesen, wie dankbar man ihm ist.

Mir jedoch, lieber Freund, hat’s nicht aus dem Sinn gehen wollen, ob meine Entscheidung damals wirklich die richtige gewesen ist. Verdiente ich dieses Glück? Sie, der Sie außen stehen und doch uns beiden nahe genug, sehen vielleicht mit klareren Augen. Ach, Sie wissen nicht, wie mir die Seele zagt – –“

Ich reichte ihr die Hand über den Tisch hinüber.

„Sie können ganz ruhig sein,“ sagte ich ihr, Sie waren sein guter Engel. Hätten Sie ihn seinem Schicksal überlassen, er würde sich im vergeblichen Kampf um den Lorbeer des Dichters zu Grunde gerichtet und der Welt nichts genützt haben. Es giebt solche Begabungen, die einen gewaltigen Anlauf nehmen, aber über eine halbe Höhe nicht hinaus kommen. Wohl dann noch denen, die sich auf der Spitze wähnen, weil sie nicht über sich sehen können! Wer aber den Blick in ferne Höhen hat und nicht das Vermögen, sich zu ihnen aufzuschwingen, der ist ein Unseliger, wenn er sich losgelöst hat von allem, was den Menschen am Menschen hält und uns Mittelmäßigen die Erde als einen schönen Garten erscheinen läßt, der die redliche Arbeit lohnt. Man will den Satz nicht gelten lassen, das Genie breche sich unter allen Umständen Bahn; aber ich glaube doch an ihn. Beweist es sich nicht, so ist es nicht. Und das soll man mir am wenigsten einreden, daß es nur bestehen könne bei einem Verzicht auf häusliches Glück und reinmenschliches Mühen. Es ist Geist vom Geiste und wird von des Lebens Wohlthat so wenig berührt als von des Lebens Noth. Hätten Sie unrecht gehabt, unser Freund wäre trotzdem geworden, was er nun, da Sie im Recht waren, nicht geworden ist. Aber durch Sie, durch Ihre Liebe ist er davor bewahrt worden, an seiner Unzulänglichkeit zu Grunde zu gehen. Wie viel ist das, daß er ein glücklicher Mensch geworden ist!“

Wir hatten beide nicht bemerkt, daß Eduard vor die Laube getreten war und jetzt am Eingang stand. Vielleicht hatte er meine letzten Worte gehört, da ich sie mit lauter Stimme sprach. Er nickte wie zustimmend und legte lächelnd die Hand auf die Schulter seiner Frau, die erschreckt zurückblickte.

„Nun?“ fragte er, „hast Du’s vom Herzen herunter, Liebste?“

[444] Frau Cilli fiel ihm um den Hals. „Eduard,“ rief sie, „bist Du ein glücklicher Mensch?“

„Ich bin’s,“ versicherte er, „und Dir danke ich es, daß ich’s bin. Es ist mir schlecht genug bekommen, daß ich einmal daran zweifelte. Höre denn heute auch mein Bekenntniß in Gegenwart dieses wissenden Freundes; es geht mir schwer über die Lippen, aber es wird Dich völlig beruhigen. Ich habe damals die Probe gemacht: das Drama, um das ich Weib und Kinder vergessen konnte, ist – kläglich durchgefallen, und ich selbst war der eifrigste, den Dichter auszuzischen, der sich zum Glück nicht mit seinem rechten Namen genannt hatte. Jedoch zum Hausgebrauch war mein Talent mehr als ausreichend, und so hat es denn auch dem Kreise gedient, in den ich durch meinen Beruf gestellt war. Hier“ – er zog ein Papier aus der Tasche und reichte es ihr hin – „hier hast Du Dein Carmen zur silbernen Hochzeit! Es ist soeben fertig geworden. Du siehst, die Tinte ist noch nicht recht trocken.“

Ihre Thränen fielen auf das Blatt. Nie habe ich einen Menschen so glückselig weinen gesehen.