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Eine Anklage gegen die Wiesenblumen

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Textdaten
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Autor: J.
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Titel: Eine Anklage gegen die Wiesenblumen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 271
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Anklage gegen die Wiesenblumen.

Wiesenblumen sind uns ans Herz gewachsen, und oft bereitet uns ein auf blumiger Au gepflücktes Sträußchen mehr Freude als die herrlichsten Bommels, die uns die Gärtnerkunst zu liefern vermag. Kein Wunder! Die ersten Freuden im Genuß der freien Natur pflegen ja den Kindern auf Wiese und Anger zu teil zu werden, unauslöschlich prägt sich da in unsre Erinnerung das fröhliche Bild des blühenden Lenzes ein; nach langer, öder Winterzeit ein grüner Wiesenteppich, mit gelben und weißen, roten und blauen Blümlein gestielt! Herrlich ist ein solches Gefilde anzuschauen und in der Kindheit lernen wir auch die nützliche Seite der Blüten kennen und schätzen, um die taufrischen Kelche summen die fleißigen Bienen und tragen tagaus tagein die süße Honigtracht in ihren Bau.

Tausende und aber Tausende bleiben ihr ganzes Leben hindurch warmherzige Freunde der blumigen Wiese, bei vielen aber weicht in späteren Jahren die schönheitstrunkene Anschauung einer praktischen Einsicht. Landwirte, Wiesenbesitzer sind es gerade, die eine solche Wandlung durchmachen. In ihren Augen werden Blumen, die der Städter bewundert, zum Unkraut, und sie lassen sich keine Mühe verdrießen, das Unkraut auszurotten. Und diese Blumenfeinde haben schon recht, denn die Wiesen sind dazu da, um saftige Weiden abzugeben um nahrhaftes Heu und gute Grummeternten zu liefern. Diesem Zwecke entsprechen aber nur die Gräser, und von den bunt blühenden Pflanzen sind nur einige wenige als Viehfutter brauchbar oder erwünscht. Das gilt von verschiedenen Kleearten und von dem aromatischen Kümmel, von den schönsten und dem Naturfreunde beliebtesten Wiesenblumen sind aber die meisten dem Vieh unnütz oder schädlich und ausrottungswürdig schon darum, weil sie dem nützlichen Grase auf dem Wiesenplane Nahrung und den nötigen Raum zur Entwicklung entziehen.

Erst neuerdings hat ein sachverständiger Forscher, Professor Dr. R. Braungart-München eine Anklageschrift gegen das blühende Unkraut erlassen. Die lehrreiche Broschüre ist unter dem Titel „Ueber den fehlerhaften Pflanzenbestand der Heu- und Grummetwiesen in Deutschland und Oesterreich (Leipzig, Hugo Voigt.) erschienen, und wir folgen den in ihr niedergelegten Aeußerungen, indem wir den Wert der Wiesenkräuter, die im Frühling unsere Augen entzücken, vom prosaischen Nützlichkeitsstandpunkte beleuchten.

Es ist April und frisches Treiben und Sprießen durchdringt die Natur. Auch das Grün der Wiesen hat frische saftige Farbe erhalten. Da erheben auf vielen Wiesen die Schlüsselblumen in ihren verschiedenen Abarten die Blütenköpfe über das niedrige Gras und in herrlichem Goldgelb prangt die Wiese auf grünem Grunde. Die Schlüsselblume, die uns als ein Sinnbild des Lenzes so lieb ist, muß kein schlechtes Futter sein, denn die weidenden Tiere verschmähen durchaus nicht die großen Blüten aber auf Mähewiesen ist sie völlig wertlos, denn bis zur Heuernte ist sie völlig verwelkt und während ihres Daseins hat sie nur Gräser verdrängt, welche bei der Ernte Futter liefern könnten.

Noch ehe die Schlüsselblume abgeblüht ist, beginnen die Wiesen sich weiß oder rötlichweiß zu färben. In Massen schießt jetzt die Blüte der Gemeinen Wiesenkresse oder des Wiesenschaumkrautes empor. Das Urteil der Sachverständigen über den Wert dieser Pflanze lautet sehr ungünstig. „Das Schaumkraut ist eine unerwünschte Wiesenpflanze; es ist sehr scharf, im hohen Grade giftverdächtig, es ist eine sehr schlechte Heilpflanze und als Grünfutter sollte man ein damit durchsetztes Gras wegen seiner Ungesundheit nicht verwenden. In derselben Zeit erscheinen auf dem Wiesenplane die zarten weißrötlichen Blüten des Buschwind- oder Hainröschens, die blaue Leberblume und die Gemeine Küchenschelle. Das Vieh läßt diese Pflanzen auf der Weide stehen und sie erzeugen in der That allerlei Erkrankungen, Magen- und Darmentzündungen, wenn sie in frisch gemähtem Grünfutter an Tiere verfüttert werden.

Im beginnenden Mai färben sich die Wiesen wieder lebhaft gelb, denn da rückt der Löwenzahn oder die Ringelblume mit der wuchtigen Blütenmasse vor. Hier und dort hat man behauptet, daß der Genuß dieser Pflanze die Milchergiebigkeit der Kühe steigere, aber als man die Sache prüfte, hat man diese Legende nicht bestätigen können. In dem dürren Jahre 1893 hat der Löwenzahn dank seiner tiefgehenden Pfahlwurzel, die Trockenheit überdauert, und während die Gräser zu Grunde gingen, hat er sich auf zahlreichen Wiesen in unglaublichen Massen vermehrt. Da konnte man die Kühe mit Löwenzahn füttern, aber die Milchergiebigkeit ging bei diesem Futter zurück. Wo der Löwenzahn stärker auftritt, ist er eine wahre Landplage, denn er ist zum Heumachen ungeeignet und verdrängt in hohem Maße den Graswuchs.

Von Mitte Mai ab wird das Gelb auf unseren Wiesen durch die Schar der Ranunkelblüten verstärkt. Die Ranunkeln sind durchweg böse Gesellen, je nach der Art mehr oder weniger giftig und in der Blütezeit am gefährlichsten. Verfüttert man den scharfen Hahnenfuß in größeren Massen in frischgemähtem Zustande, so ruft er schwere Erkrankungen und selbst den Tod der Tiere hervor. Leider haben sich auf manchen Wiesen die Hahnenfußgewächse derart angesiedelt, daß sie ein Viertel des Gesamtbestandes der Wiesenpflanzen ausmachen.

In das Gelb der Ranunkelblüten drängen sich häufig weiße Flächen hinein, die inselförmig die Wiesen bedecken und von den weißen Blüten verschiedener Doldengewächse gebildet werden. Da kommt zunächst der Wiesenkerbel oder der große Kerbel in Betracht. Er ist zwar nicht giftig, aber bildet holzige Stengel, die von dem Vieh ungern gefressen oder in der Krippe liegen gelassen werden. Den größten Schaden richtet er aber durch seine jeden anderen Pflanzenwuchs verdrängende Wirkung an.

Ende Mai und Anfang Juni belebt sich der Wiesenplan mit neuen bunten Farben. Da hüllen die Blüten der Kuckucks-Lichtnelke ganze Wiesenflächen in Purpurfarben da erheben sich die ziegelroten Blütenstengel des Großen Sauerampfers und nun sprießen auch in leuchtenden Farben die Knabenkräuter oder Orchideen hervor, der Landschaft einen originellen, oft entzückenden Schmuck verleihend. Dem Landwirt sind sie alle nicht erwünscht. Die Lichtnelke ist zwar unschädlich, aber als Futter geringwertig, der Sauerampfer besitzt durch seinen Gehalt an oxalsauren Salzen entschieden giftige Eigenschaften, und was die Orchideen anbelangt, so sind sie mindestens verdächtig. Keine ihrer Arten wird auf der Weide von den Tieren angerührt, was doch offenbar seine triftigen Gründe haben muß.

Diese Beispiele mögen genügen, um den Wert der blumigen Wiesen zu kennzeichnen. Aehnlich gestalten sich die Verhältnisse zur Zeit der Grummeternte, wo anderes Unkraut schädigend sich breit macht. Der Schaden, der dem Landwirte dadurch verursacht wird, ist doppelt, erstens liefern ihm solche verwilderte Wiesen ein geringwertigeres, an Nahrungsstoffen ärmeres Heu, zweitens bilden die Giftpflanzen im Futter häufig die Ursache von lästigen oder gefährlichen Erkrankungen der Nutztiere, die namentlich beim Beginn der Grünfütterung im Frühjahr sich einzustellen pflegen. Die Verbreitung des Unkrauts auf manchen Wiesen ist so groß, daß, wie die Zählung der Pflanzenarten ergab, nur 20% des Wiesenertrages aus Grasarten bestand. Es fehlt glücklicherweise nicht an Mitteln, diesen Uebelständen abzuhelfen, der Kampf gegen die Wiesenunkräuter wird wohl bald in größerem Maßstabe aufgenommen werden, nachdem deren Schädlichkeit einmal festgestellt worden ist.

Der Naturfreund braucht darum nicht zu verzweifeln, das Unkraut ist zähe, und es werden für ihn auch künftig Wiesenblumen in Hülle und Fülle sprießen und blühen. J.