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Ein wälscher Ballhorn hinter ehrbarer Maske

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Textdaten
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Autor: Alfred Edmund Brehm
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Titel: Ein wälscher Ballhorn hinter ehrbarer Maske
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[39] Ein wälscher Ballhorn hinter ehrbarer Maske. In der Verlagsbuchhandlung von Baillière und Sohn in Paris erscheint gegenwärtig ein Buch unter dem Titel: „A. E. Brehm. Wunder der Natur. Der Mensch und die Thiere“. („Merveilles de la nature. L’Homme et les animaux.“) Die erste Lieferung, welche mir vorliegt, enthält in wörtlicher Uebersetzung folgende Sätze:

Seite 13. „Das Knochen- und Muskelsystem, von übertriebener Ausbildung, giebt ihrem (der Süddeutschen) Körper etwas Schwerfälliges in seinen Formen. Ihre Nase ist breiter und weniger vorstehend (als bei den Celten); ihre Backenknochen sind stark hervortretend; ihre Kinnladen endlich zeigen eine Ausbildung, welche im Verhältnisse steht zu den Bedürfnissen ihres Magens, obwohl die Eßlust dieser Bevölkerungen gar nicht zu vergleichen ist mit derjenigen der Norddeutschen. … Schwaben erzeugt nicht viel mehr als Hafer und Kartoffeln, dennoch aber leben die Einwohner der Ueberzeugung, daß ein Fremder, welcher sich einige Zeit bei ihnen aufhält, dies nur aus dem Grunde thut, sich einmal recht satt zu essen. Diese Naivetät geht natürlich Hand in Hand mit dem tiefsten Aberglauben. Die württembergischen Bauern z. B. haben die Gewohnheit, bei jedem Neubaue einen lebendigen Hahn unter dem Grundsteine einzumauern. Dieser Aberglaube hat bis jetzt durch nichts erschüttert werden können. Gewohnheit stellt sich bei ihnen jedem Fortschritte entgegen.“

Seite 14. „Die Formen der Norddeutschen sind noch massiger, als die der Süddeutschen. Eine körperlich so gebildete Race mußte naturgemäß mit einem riesigen Appetite begabt sein, und dem ist auch so. Der Kauapparat hat bei ihnen eine ungewöhnliche Entwickelung erlangt. – Die Sinnlichkeit herrscht bei den Norddeutschen vor, aber diese Sinnlichkeit ist weniger auf geschlechtliche Verhältnisse gerichtet, als der Verdauung zugewendet, sodaß die Sitten ziemlich rein geblieben sind. Thatkräftig, zähe, thätig, richtet der Deutsche seine Verstandesgaben nicht auf das Ideal, sondern auf die Sinnlichkeit und sucht das Nützliche mehr als das Schöne. Er ist bestimmt, praktisch und wunderbar begabt für die materielle Seite der Gesittung. Daraus folgt, daß die Künste auf die tiefste Stufe gestellt werden. – Der mecklenburgische und holsteinische Bauer arbeitet oft fünfzehn Stunden des Tages. Aber welche ungeheure Menge von Nahrung vertilgt er auch dabei! Wahr ist freilich, daß auch diejenigen Individuen, welche nicht arbeiten, nichts desto weniger eine wahrhaft wunderbare Menge von Nahrung zu sich nehmen.“

Seite 17. „Wir müssen noch etwas sagen über die Preußen, das heißt über die Bewohner Mecklenburgs, Pommerns, Brandenburgs und Schlesiens. Man verwechselt gewöhnlich die Preußen mit den Deutschen, aber schon vor einigen Jahren hat Herr Gordon, welcher sie genau kennt, gesagt: ‚Die Preußen sind weder Deutsche noch Slaven – sie sind Preußen.‘ - Sie sind das Ergebniß eines Gemenges von ureingeborenen Völkern mit Slaven und Finnen. Später vermischten sich einige germanische Völker mit ihnen, und zuletzt, nach Widerrufung des Edictes von Nantes, fand in Preußen eine französische Einwanderung statt. Diese Verschiedenheit des Ursprungs erklärt uns die Verschiedenheit, welche man zwischen den Sitten und dem Charakter der Preußen und der Deutschen beobachtet. Wir haben die Rohheit der ersteren, ihre Grausamkeiten, ihre Raubsucht kennen gelernt. Die Rauhheit der preußischen Sitten erinnert an die Slaven des Nordens und trennt die preußische und germanische Race vollständig.“

Die Leser, welche mein schriftstellerisches Wirken verfolgt haben, erkennen in vorstehend wiedergegebenem sinnlosem Geschwätz sicherlich ohne weiteres eine grobe Fälschung, denjenigen aber, welche mit meinen Schriften nicht vertraut sind, erkläre ich hiermit; daß ich niemals etwas Aehnliches geschrieben oder auch nur zu ersinnen vermocht habe, wie dies in dem genannten, erbärmlichen Machwerke mir unterstellt wird, daß ich mit Herrn Baillière niemals in Verbindung gestanden, noch solche anzubahnen versucht habe, daß ich endlich weder den kindischen Schreiber, welcher sich unter meinem Namen an dem gesunden Menschenverstande versündigt, kenne, noch bis zu dem Augenblicke, welcher mir die „Wunder der Natur“ in die Hand spielte, etwas von dem Erscheinen eines derartigen Buches gewußt habe.

Ich bin gewohnt, unter den rauhen Händen der Jünger und Nachfolger Ballhorn’s Spießruthen zu laufen und in Folge dessen ziemlich unempfindlich geworden. Ich habe erlebt und ertragen, daß mein „Thierleben“ in einer mich anwidernden Gestalt denen geboten wurde, für welche ich das Beste kaum für gut genug erachte; ich erfahre ohne Kümmerniß, wenn meine Werke von Halbwissern und Vielschreibern aller Art als verborgen, aber ergiebig fließende Quelle angesehen und ausgebeutet werden; ich lese mich oft und meist so, daß ich mich selbst kaum wieder erkenne; ich gestatte wohl oder übel, daß eines meiner Werke französischen Leserkreisen in einer Umwandelung geboten wird, wie sie der Uebersetzer der französischen Bildung für angemessen halten mag: aber ich gestehe Niemand die Berechtigung zu, unter meinem Namen, also gewissermaßen durch meinen Mund, mein eigenes Volk zu schmähen oder zu verunglimpfen, und ich trete der maßlosen Dreistigkeit Desjenigen entgegen, welcher solches versucht. Denn ich gehöre meinem Volke an mit jeder Faser meines Seins und achte, ehre und liebe es wie meine Mutter.

Aus diesem Grunde brandmarke ich den namenlosen wälschen Schreiber und seine Helfershelfer, welche sich des Namens eines geachteten deutschen Schriftstellers bedienten, um ihrem bedeutungslosen Grolle auf Deutschland und die Deutschen Luft zu machen, als ehrlose Fälscher und Verleumder.

Ich wünsche dieser meiner Erklärung die weiteste Verbreitung zu geben und ersuche deshalb alle Redactionen deutscher Zeitungen und Zeitschriften, meine Abwehr unterstützen zu helfen. Die Redactionen französischer Zeitungen aber, welche einem Deutschen gegenüber die Begriffe der Ehre noch nicht verlernt haben, fordere ich auf, in meinem Namen zu erklären, daß der Wechselbalg, welcher bei Herrn Baillière das Licht der Welt erblickt hat, französischen, nicht aber deutschen Ursprungs ist, ich wenigstens unschuldig bin an der Geringschätzung französischer Durchschnittsbildung, welche ein so klägliches Erzeugnis von in Deutschland undenkbarer Unwissenheit und Geschmacklosigkeit in jeder Zeile bekundet.

Berlin, am Neujahrstage 1878.
A. E. Brehm.