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Ein verborgenes Schloß in Tirol

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: R. A.
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Titel: Ein verborgenes Schloß in Tirol
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 281, 290
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[281]

Die alte Burg des Erzherzogs Sigismund in Meran.

[290] Ein verborgenes Schloß in Tirol. (Mit Abbildung S. 281.) Wer einmal zur Herbstzeit das im Schmuck seiner Reben und Kastanienwälder prangende Meran sah, der weiß auch zu erzählen von den altersgrauen Schlössern Tirol, Schönna, Katzenstein, Planta u. a., welche dem wundervollen Landschaftsbild noch den Reiz geschichtlicher Erinnerung hinzufügen. Mindestens die Hälfte der fußwandernden Touristen aber verläßt Meran ohne eine Ahnung davon, daß sein allermerkwürdigstes Schloß von ihnen ungesehen blieb, weil es nicht gleich den anderen auf freier Höhe, sondern versteckt mitten in der Stadt liegt, hinter den „Tuchlauben“, der verkehrsreichen, bogenüberwolbten Hauptstraße.

Man muß schon genauer zusehen, um den Thoreingang zu finden, welcher zu der alten landesfürstlichen Burg führt. Erzherzog Sigismund hat sie sich im 15. Jahrhundert zur Sommerresidenz erbaut, nach ihm hausten hier Kaiser Max und Ferdinand I. mit Familie, sie schätzten alle die „gute Luft“ in Meran, wiewohl sie im Innern ihrer Burg nicht viel davon genossen haben können.

Denn enge ging es hier zu! Schon der schmale Pförtleinsausschnitt im großen Thor muthet seltsam an; durch ihn steigt man in den kleinen Hofraum, wo kaum zwei Berittene wenden konnten. Dann geht es über schräge, hölzerne Treppen und Galerien, die frei unter dem vorspringenden Dache liegen, ins Innere. Alte Wandmalereien und Wappenschilder schmücken die ziegelbelegten Vorplätze, verhältnißmäßig viel Raum nimmt die Hauskapelle ein, dann folgen die wenigen Zimmer, wo sowohl das Ingesinde als die kaiserlichen Kinder in mehrschläfrigen Betten liegen mußten, sollte der Raum überhaupt reichen. Holzvertäfelte Erkersitze an den Fenstern der Wohnzimmer, große Thonöfen in den Ecken, geschnitzte Truhen und Trühelchen geben den Räumen ein anheimelnd behagliches Gepräge. Da und dort steht ein uraltes getriebenes Kupfergefäß; eine Wanduhr ohne Kasten mit seltsamen eisernen Zahnrädern und Gewichten zeigt die erste unbehilfliche Konstruktion der Nürnberger Erfindung. Es ist ein völliger Schritt ins Mittelalter, den man hier thut, und die Empfindung davon umfängt den Besucher mit merkwürdiger Lebhaftigkeit – nicht am wenigsten in der kleinen, armseligen Küche zu ebener Erde, wo eine offene Feuerstelle mit Rauchfang, ein Wasserstein und Schöpfkrug die ganze Einrichtung ausmachen. Kein Backofen! Braten wurden am Spieße gemacht, die Lebküchlein und Gewürzzelten auf Blechen zum Bäcker getragen. –

Und vollends die Spielplätze der Kinder, wenn draußen schlechtes Wetter war, die engen Galerien und Estriche! Auf einer der ersteren saß, als ich das Schloß besuchte, die Kastellanin an ihrer – Nähmaschine wie eine Verkörperung der überall eindringenden Neuzeit ... R. A.