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Ein seltner Mönch

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Textdaten
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Autor: Gustav Steinacker
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Titel: Ein seltner Mönch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 404–408
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[404]
Ein seltner Mönch.[1]
Von Gustav Steinacker.

Wer in den dreißiger Jahren an einem Sonntagmorgen zwischen neun und elf Uhr zu Pest in der Nähe des Franziscanerplatzes und des daselbst befindlichen Klosters seine Straße zog, dem mußte nothwendig jenes ungewöhnliche, still und feierlich dahinfluthende Menschengewoge auffallen, das seine Richtung nach oder aus der dort gelegenen Franziscanerkirche nahm. Er sah in der Nähe des Portals eine ganze Reihe schimmernder Carossen halten und das Ende der Predigt abwarten, um die derselben

[405]

Pater Joseph Stanislaus Albach.

mit beiwohnende vornehme Welt heimzufahren, während die übrige Menschenmenge, die über keine Carossen zu gebieten hatte, sich in endlosem Strome aus den Haupt- und Seitenthüren des Gotteshauses drängte und nach allen benachbarten Straßen, ja selbst nach den entlegensten Stadtvierteln hin vertheilte.

Wer sich nun aber, sei’s aus Andacht, sei’s aus Neugierde oder Gewohnheit, bewogen fühlte, noch vor Beginn der Predigt mit einzutreten in die geweihten Hallen, der fand, kam er nicht eine ganze oder halbe Stunde früher, in den um die Kanzel herum bis an den Hochaltar hinan dicht besetzten und gefüllten Räumen der keineswegs kleinen Kirche nach vielfachem Drücken und Drängen kaum mehr ein Plätzchen zum Stehen, geschweige denn zum Sitzen. Von den bereits Versammelten hatte gar Mancher erst einer ganz gewöhnlichen Franziscanerpredigt in ungarischer Sprache, die der betreffende Zuhörer oft nicht einmal verstand, sowie einer darauf folgenden katholischen Messe mit beigewohnt, blos um für die sich daranschließende deutsche Predigt einen sichern und bequemen Platz zu gewinnen. Und so war und blieb es volle zehn Jahre, von 1828 bis 1838, einen Sonntag wie den andern, im Winter wie im Sommer, bei gutem wie bei schlechtem Wetter.

Man fand da bei genauerer Umschau nicht nur alle Stände, Alters- und Gesellschaftsklassen, sondern auch alle Nationen und Confessionen der ungarischen Hauptstadt mehr oder weniger vertreten. Man gewahrte in den Logen und Gitterstühlen der Empore neben der streng lutherischen Erzherzogin Maria Dorothea, geb. Prinzessin von Würtemberg, der dritten Gemahlin des damaligen Palatins Erzherzog Joseph, die ersten und gefeiertsten Namen aus den Reihen der ungarischen Magnaten; neben der schöngeputzten eleganten Welt von Pest die ernsten Männer der Wissenschaft, neben dem schlichten Bürger und Handwerker im deutschen Rocke den bärtigen Magyaren in seinem reichverschnürten Attila mit dem ungarischen Kalpag. Neben dem behäbigen Ordensbruder und der andächtig ihren Rosenkranz betenden, eifrigen Katholikin erblickte [406] man in großer Menge Protestanten, A. B. und H. B., wie sie in Oesterreich genannt werden (d. h. augsburgischen und helvetischen Bekenntnisses), ja sogar den jüdischen Rabbiner, der, selbst ein beliebter und vielbesuchter Kanzelredner, mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Wort und jeder Bewegung seines Musters und Vorbildes folgte.

Offenbar war es nicht blos der Reiz der Neuheit und der Mode, der eine so zahlreiche und verschiedenartige Zuhörerschaft jahrelang um die Kanzel in der Franziscanerkirche versammelte. Es war, wenigstens bei der großen Mehrzahl, wirklich ein religiöses Interesse, ein religiöser Zug, allerdings im Sinn und Geiste der damaligen Zeit. Es war die Verehrung für die Person des Predigers, es war die geistige Macht seines Wortes weit mehr, als der besondern Kirche, in deren Dienst er stand, was diesen Zauber ausübte. Das sah man an dem Eindruck, den seine Rede auf die dichtgeschaarten Reihen der Zuhörer hervorbrachte; ein Eindruck, der weniger auf das Gefühl, als vielmehr auf den Geist und Willen wirkte, sich weniger in empfindsamen Thränen der Rührung, als in tiefernsten Mienen, in leuchtenden Blicken, in einer bis zum Schluß – und die Predigt dauerte gewöhnlich ihre volle Stunde und darüber – stets gespannten und gesteigerten Aufmerksamkeit, ja nicht selten bei besonders kraftvollen Stellen in einem leisen Gemurmel begeisterter Zustimmung und gegenseitigem Zunicken selbst unter sonst einander ganz Unbekannten äußerte. Ueberhaupt war es ein unsichtbares Geistesband, das die hier Versammelten mehr oder weniger unter einander verknüpfte. Man hatte seine Kirchenbekanntschaften, man grüßte sich beim Begegnen auf der Straße, ohne sich zu kennen, ohne eben mehr von einander zu wissen, als daß man sich sonntäglich in der Franziscanerkirche an derselben Stelle stehen oder sitzen sah.

Und er, der solche Manchem vielleicht ganz unbegreiflich dünkende Macht ausübte, er, den, wo er sich nur zeigte, Jedermann mit liebevoller Ehrerbietung grüßte, zu dessen Religions- und wissenschaftlichem Unterricht für ihre Zöglinge sich jede Erziehungsanstalt, in dessen Beichtstuhl sich die halbe Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt drängte, er, dessen Name noch jetzt in ganz Ungarn voll Verehrung genannt wird und dessen zur Tradition gewordene Wirksamkeit einen fruchtbaren Samen gestreut hat für die Ernte kommender Geschlechter – wer war er?

Ein schlichter, aber geistig hochbegabter, in seinem Wandel sittlich strenger Priester aus dem Orden des heiligen Franz von Assisi, deutscher Sonntagsprediger an der Kirche des Ordens zu Pest; ein Franziscaner, wie es freilich nur wenige gegeben hat und geben wird, mit Namen Joseph Stanislaus Albach, vom Volke gewöhnlich nur Pater Stanislaus oder Pater Albach genannt.

Ueber die früheren Lebensumstände des berühmten Franziscaners herrscht ein eigenthümliches Dunkel. Er selbst war in seinen Mittheilungen darüber äußerst zurückhaltend, selbst gegen seine vertrautesten Freunde, wie er es überhaupt nie liebte, über sich selbst viel zu sprechen. Er war am 28. Januar 1795 in Preßburg geboren, wo sein Vater, wenn ich nicht irre, in fürstlich Esterházy’schen Diensten stand. Die Sage, die so geneigt ist, das Jugendleben ausgezeichneter Männer mit ihren Dichtungen auszuschmücken, macht ihn zu einem natürlichen Sohn des damals lebenden alten Fürsten, der in diesem Punkte arg berüchtigt war, und stützt sich dabei unter Anderem auf die allerdings auffallende Thatsache, daß Stanislaus ebenso, wie sein einziger Bruder, angeblich in Folge eines mütterlichen Gelübdes, schon in zarter Jugend, ehe Beide noch die volle Bedeutung des verhängnißvollen Schrittes zu beurtheilen vermochten, dem Kloster geweiht wurde, der Eine als Franziscaner, der Andere als Benedictiner. Beide an Herz und Geist sowie in der treuesten Liebe zu ihrer Mutter verwandte Brüder liebten sich innig und standen fortwährend mit einander in Briefwechsel.

Seine Bildung erhielt Albach am katholischen Gymnasium und der geistlichen Präparandenanstalt seiner Vaterstadt. Wie dürftig dieser Unterricht von Haus aus gewesen, darüber wußte derselbe später noch Manches zu erzählen. Das Beste schöpfte er jedenfalls aus sich selbst und einem eifrigen, unermüdlichen Privatstudium während seines wechselnden Aufenthaltes in den verschiedenen Ordensstationen. Mit besonderer Vorliebe trieb er naturwissenschaftliche Studien, namentlich Botanik, Mineralogie und Meteorologie. Erstere pflegte er besonders in den letztern Jahren, während seines Aufenthaltes in Eisenstadt, auf seinen täglichen, meist fünf- bis sechsstündigen Wanderungen über Berg und Thal, die letztere durch ein sorgfältig bis an sein Ende geführtes Tagebuch, das blos meteorologische Beobachtungen und Notizen enthielt. Anderweitige Aufzeichnungen, Briefe und Papiere gab er mit weiser Vorsicht gewöhnlich der Vernichtung preis.

Sein freundliches, liebevolles Wesen verleugnete sich auch auf der Straße beim Erwidern der ihm von allen Seiten gespendeten Grüße nicht, vornehmlich aber äußerte es sich der Kinderwelt gegenüber, die er besonders warm im Herzen trug. In seiner stets von innen verschlossenen Zelle stand ein schöner Flügel, denn er war ein leidenschaftlicher Freund der Musik, die er fleißig übte, wie denn Natur, Kunst und Wissenschaft, als treue Begleiter auf seinem Lebenswege, ihm Ersatz boten für so manche schmerzlichen Kämpfe, Leiden und Entbehrungen, welche besonders durch andauernde Kränklichkeit sein Leben trübten. Nicht geringen Trost fand er auch in seiner Wirksamkeit als Prediger und Seelsorger, besonders seit seiner Versetzung nach Pest, wo ihm bald die allgemeinste Anerkennung zu Theil wurde und er mit den ersten, berühmtesten Männern Ungarns in Berührung trat. Zu seinen wärmsten Freunden gehörte auch der große Regenerator seines Vaterlandes, Graf Stephan Széchényi.

Die katholische Hierarchie hatte ein Interesse, ihn ungestört gewähren zu lassen, obgleich der Inhalt seiner Predigten keinen specifisch katholischen Charakter trug. Es schmeichelte ihr der Glanz, den seine vielbesuchten Vorträge über den Orden und die katholische Kirche verbreiteten, sie wollte es außerdem mit dem Adel auf dem Landtage nicht verderben, und überdies beobachtete Albach die kluge Tactik, sich, um seines so segensreichen Wirkungskreises nicht verlustig zu gehen, jeder Polemik gegen kirchliche Dogmen gänzlich zu enthalten.

Um so entschiedener trat er dagegen wider die sittlichen Gebrechen der Zeit auf, wobei er mit offenem Freimuth keinen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig kannte. So hielt er denn auch einmal im Jahre 1838 eine fulminante Predigt über den Ahnenstolz und geißelte mit unerbittlicher Strenge den Hochmuth und das frivole Treiben so vieler Großen in und außerhalb seines Vaterlandes. Das Unglück wollte, daß aber gerade der durch seinen Stolz bekannte damalige Judex Curiae, Graf Cz., in der Kirche war und unwillkürlich so mancher Blick der Zuhörer sich auf ihn richtete. Graf Stephan Széchényi, der ebenfalls der Predigt beiwohnte, äußerte sich mit Rücksicht auf diesen Umstand sogleich sehr besorgt über die Folgen dieser Predigt für seinen Freund und meinte, nun stehe er für nichts.

Er hatte nur allzuwahr geweissagt, denn bald darauf erfolgte die Versetzung – zwar nicht Albach’s allein, sondern, um den Schritt zu maskiren und weniger auffallend zu machen – des gesammten Ordenspersonals von Pest in das Kloster nach Eisenstadt. Alle Verwendungen einflußreicher Freunde, alle Petitionen der über den Verlust ihres geliebten Franziscanerpredigers untröstlichen Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt waren vergebens. Albach sah Pest nicht wieder, wenigstens nie mehr in seiner frühern Wirksamkeit. Auch die später wiederholte Bitte der Pester Bürgerschaft an den Primas, ihn wenigstens zeitweise zur Abhaltung von Fastenpredigten nach Pest zu senden, blieb erfolglos. Nur einmal noch war es dem gefeierten Kanzelredner vergönnt, durch sein diesfälliges Auftreten abermals, wenn auch nur für kurze Zeit, segensreich zu wirken und das Land mit seinem Ruhme zu erfüllen. Der auch als deutscher Dichter bekannte Erzbischof von Erlau, Ladislaus Pyrker, hatte durch den Ruf in früherer Zeit so viel Außerordentliches über die Beredsamkeit unsers Franziscaners vernommen, daß er dem Wunsche, ihn auch einmal predigen zu hören, nicht widerstehen konnte. Er äußerte denselben bei Gelegenheit des nächsten Landtags gegen den damaligen Primas und veranlaßte diesen, Albach zur Abhaltung der Fastenpredigten nach Preßburg kommen zu lassen. Dies geschah. Albach folgte diesmal der Einladung, und hielt einen Cyclus von Predigten über Glaube, Liebe, Hoffnung, worin er die ganze Macht seiner hinreißenden Rednergabe zusammenfaßte, indem er besonders auch die rechte Liebe zum Vaterlande in ergreifendster Weise abhandelte. Die gebildete Bevölkerung Preßburgs, seiner Vaterstadt, sowie die Landtagsabgeordneten strömten in seine Vorträge, und die letztern [407] reichten sich darnach die Hand zum Bunde und gelobten, in solchem Geiste für das Wohl des Vaterlandes zu wirken.

Dem Primas aber sammt den übrigen anwesenden hohen geistlichen Würdenträgern mochte es bei Albach’s Predigten oft grün und gelb vor den Augen geworden sein, ohne daß sie es gleichwohl wagten, die Reihenfolge derselben durch Entfernung des Redners gewaltsam zu unterbrechen. Dagegen wußten sie dafür zu sorgen, daß Albach seitdem nie wieder in die Lage kam, die Kanzel zu besteigen oder Fastenpredigten zu halten.

Welches lebhafte Gefühl Albach, wie für Recht und Wahrheit überhaupt, so insbesondere auch für die literarische und polilische Wiedergeburt seines Vaterlandes Ungarn in sich trug, geht am deutlichsten aus einer Stelle seines unterm 8. November 1841 an mich gerichteten Briefes hervor.

„Doch nun wollen wir ein bischen zanken. – – – Daß Sie mich auch noch als schlechten Patrioten verschreien, dafür brechen wir einst eine Lanze, die aber nicht schwerer, als zwei bis drei Pfund sein darf. Ich, der der ungarischen Sprache das freudigste Gedeihen wünscht, (verstände ich sie nur besser!) ich, der über eine Erscheinung in der ungarischen Literatur, wie Baron Eötvös ‚Carthausi‘[2] ist, eben so froh erstaunt, als von Bewunderung für des Verfassers Genie durchdrungen war – ich, der den Plan der Einigung beider protestantischen Confessionen mit der allerregsten Theilnahme begleitet – ich endlich, dessen (seit ich das ‚Pesti Hirlap‘ kenne und lese) höchster Heiliger am ungarischen Himmel Kossuth ist, dem jedes Wort dieses echten ‚Menschen‘ (nur eines bisher ausgenommen, wo er mir nicht weit genug ging) aus tiefster Seele genommen ist, ich, der – wie oft! – in seinem Kämmerchen aufjubelt, daß endlich auch in Ungarn die heiligen Worte Wahrheit und Gerechtigkeit verstanden und gewogen zu werden beginnen und einen Verfechter wie Kossuth gewonnen haben … ich ein schlechter Patriot?! – Ne, hören Sie man, det is zu arj!! – Wohl steht mir die deutsche Literatur ungleich höher, als die ungarische, und wird auch diese wahrscheinlich immer überragen; wohl gilt mir die ungarische Sprache nicht als Triumph der Eitelkeit, insofern damit wieder ein Milliontheil der Menschheit sich brüstend sagen kann: ‚Auch ich habe mein Eigenes‘; noch weniger als neue oder doch fester zu begründende Schranke zwischen den Kindern einer Erde – in all diesen Bezügen machen mich solche Erscheinungen nur traurig und unser Verurtheiltsein zum Nichtvollkommenwerden auf Erden beklagend – aber sie gilt mir als Mittel der Einigung in unserm Lande, des Compacterwerdens feindlichen Einflüssen gegenüber, der größern Sicherung der Constitutionalität, womit – vorausgesetzt, daß der Segen der Constitution nicht ein Kastensegen und somit die schreiendste Ungerechtigkeit bleibe, sondern ein allgemeiner werde – allerdings viel Positives, viel Schönes und Gutes im Sinne der reinsten Humanität gewonnen ist. Habe ich in meinem letzten Schreiben Anderes hierüber von mir ahnen lassen, so habe ich mich entweder schlecht ausgedrückt, oder Sie wollen mir nur den Nichtpatriotismus aufreden. Darum in Ihrem Nächsten entweder Widerruf, vagy Kardra! [oder auf Säbel!] Das ist ein besonderes Edict, sagen die Chinesen.“

Albach’s körperliches Befinden besserte sich im Verlauf des folgenden Jahrzehentes, während dessen unsere Correspondenz ununterbrochen ihren Fortgang hatte, leider nicht. Trotz dieses körperlichen Leidens blieb aber die Schwungkraft seines Geistes ungelähmt und ungebrochen. Den deutlichsten Beweis davon liefert ein vierzehn Seiten langer, höchst interessanter, Albach’s innerstes Wesen klar bezeichnender Brief vom 29. und 30. Juni 1848, aus welchem wir nur einige wenige Stellen hier mittheilen können.

… „Ich wußte, daß Du mir einst schreiben würdest; einst, wenn die ersten Sturmwogen des Europa durchschütternden ‚Weltgerichts‘ sich einigermaßen gelegt haben würden … In den ersten Wochen war ich fort und fort in zitternder, aber unendlich wohlthuender Aufregung und schwebte und schwelgte in stiller Seligkeit, wie nie in meinem Leben. Die endlichen Offenbarungen des großen Geistes der Gerechtigkeit, an dessen Dasein man während Louis Philipp’s Zeitepoche beinahe hätte verzweifeln mögen, ergriffen mich mit einer Allgewalt, erfüllten mich mit einer Freudigkeit – ach, was sind die matten Worte gegen der Seele brennendes Entzücken!“

„Denke Dir, mein lieber Gustav,“ schließt der Brief, „die dermaligen politischen Umwälzungen dringen mit ihrem Geiste bereits selbst durch unsere dicken Klostermauern. Laut Brief an mich fordert man auch in unserm Orden Umgestaltungen (die allerdings höchst Noth thäten) und hat mir die Ehre angethan, mich behufs Verwirklichung derselben vertrauensvoll zum nächsten Provincialvorsteher wählen zu wollen. Habe aber abgelehnt, theils meiner Kränklichkeit wegen, theils weil ich alles Umgestalten für überflüssig erachte, da ich der Aufhebung der Orden, will sich anders der dermalige Geist der Zeit nicht ein Dementi geben, was ich nicht besorge, mit Zuverlässigkeit entgegensehe. Ob ein paar Jahre oder Jahrzehnte früher oder später, aber geschehen wird es, muß es, so gut wie das Aufhören alles Einflusses der Geistlichkeit auf das Schulwesen. Geschähe Beides nicht, wäre es ein Unglück und Freiheit und wahre Bildung nährten ihre größten Feinde immer freiwillig in dem eigenen Schooße. In welchem Sinne ich denn auch meinen Brüdern geantwortet.“

Ueber den Inhalt der Albach’schen Briefe aus den Jahren der eingetretenen Reaction in Ungarn, sowie über die Stimmung und die persönlichen Anfechtungen, von welchen sie Kunde geben, gehen wir hinweg, so anziehend und belehrend auch eine oder die andere Mittheilung daraus erschiene. Nur die allgemeine Bemerkung sei hier erwähnt: „Auch über uns arme Leute hat der herrschende Arimansgeist seine Segnungen bereits zu verbreiten begonnen. Uns alten Leuten werden nun innere Missionen gehalten, uns Predigten vorgesagt, die wir eben so gut selber halten könnten etc., mit einem Worte das Mittelalter wird in optima forma zurückzuführen versucht. Eine der nächsten Folgen davon ist, daß die Clausur auf’s Strengste handzuhaben befohlen ist, was wieder die angenehme Folge hat, daß ich z. B. Deine Frau nicht mehr werde in meinem Kämmerlein empfangen können.“

Im April 1851 ward mir endlich die langerhoffte Freude zu Theil, den theuern Freund auf einige Monate zum Besuch bei mir in Triest zu sehen. Im ersten Augenblick erkannte ich ihn wegen des ungewohnten Civilanzugs, dessen er sich dabei bediente, um allein und ungestörter, als es in der „Uniform“ des Ordens möglich gewesen wäre, nach Herzenslust umher flaniren zu können, nicht wieder, als er, im Aussehen sehr verändert, stumm und schweigend vor mir stand; aber als ich den ersten Ton seiner Stimme vernommen, lagen wir uns mit Thränen der Rührung in den Armen. Es waren schöne, unvergeßliche Tage, die Tage dieses Wiedersehens und Zusammenseins, obgleich vielfach getrübt durch des Freundes Krankheitsleiden, das er aber mit bewundernswerther Stärke trug und von dem er am wenigsten zu sprechen liebte. Nur bedingte dasselbe eine Lebensweise, die uns kaum die Abendstunden zu gemeinsamem Genuß vergönnte. Fünf bis sechs Stunden mußte der einmal daran Gewöhnte täglich wandern, wollte er nicht von den heftigsten Schmerzen geplagt sein, vielleicht auch mir, um sie leichter zu ertragen. Des Mittags genoß er fast nie Etwas, lebte überhaupt beinahe ausschließlich von Kaffee und ausnahmsweise etwas Suppe. Er war gewöhnt, im Bett bis tief in die Nacht hinein zu lesen, dagegen erst spät aufzustehen, so daß uns auch die Morgenstunden dadurch verloren gingen. Er litt es nicht, daß seinetwegen die Hausordnung im Geringsten gestört werde, und hatte sich’s ausdrücklich ausbedungen, daß sich Niemand viel um ihn kümmern dürfe. In diesem Punkte trieb er die Zartheit oft bis zum Eigensinn, der keinen Widerspruch duldete. Seine geringen Bedürfnisse bestritt er selbst, und wollte man ihn nicht aufbringen, mußte man ihn in diesem Punkte ruhig gewähren lassen.

Großen Eindruck machte auf ihn während seines Triester Aufenthaltes die von mir angeregte Bekanntschaft mit Byron’s Schriften, namentlich dessen Dichtung „Kain“, in der er viele Berührungspunkte mit seinen eigenen Anschauungen fand.

Wahrhaft rührend war die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe zur Natur, die ihm Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen seines Lebens bot und zu einer unversiegbaren Quelle der reinsten Freuden wurde. Sprach er von ihr, so belebten sich seine Züge und der Strom seiner von den reichsten Kenntnissen und Erfahrungen zeugenden Rede fluthete in höchst fesselnder und spannender Weise dahin. Als Gesellschafter war er in seinen wenigen schmerzensfreien Stunden von hinreißender Liebenswürdigkeit und als [408] Freund ein Gemüth voll Hingebung, Opferwilligkeit und Treue, erprobt wie lauteres Gold.

Im Spätherbst 1851 schieden wir von einander, um uns nie mehr wiederzusehen. Seine rege Theilnahme an des Freundes spätern Schicksalen blieb unverändert, auch als sein zunehmendes Körperleiden, das sich vollends zum Magenkrebs mit Gichtanfällen ausgebildet hatte, ihm nur noch selten die Feder zu führen gestattete. Sein letzter Brief datirt vom 6. Januar 1853 und am 12. November desselben Jahres verschied der Treffliche nach unsäglichen Schmerzen. Ueber seine letzten Stunden habe ich trotz aller Bemühungen nichts Näheres in Erfahrung bringen können. In ihm ging ein reicher, in schweren Leiden und harten Seelenkämpfen geprüfter Geist, ein edles, für alles Wahre, Gute und Große hochbegeistertes, liebewarmes Herz der Welt verloren, aber das Gedächtniß dieses Franziscaners, der als leuchtendes Meteor am Himmel seiner Zeit und seines Vaterlandes glänzte, wird nicht untergehen im Herzen seiner Freunde und seines Volkes, so wenig, wie der Geistessame, den er ausgestreut, zur Ernte einer bessern Zukunft.



  1. Die jüngst in Pest erschienene sechszehnte Auflage eines in ganz Ungarn und weit darüber hinaus seine Herrschaft unter der katholischen Bevölkerung trotz alledem und alledem seit fünfunddreißig Jahren unausgesetzt behauptenden „katholischen Gebetbuches („heilige Anklänge“), welches durch den in ihm wehenden Geist, wie durch die seltene Popularität seines schon vor zwölf Jahren verstorbenen berühmten Verfassers ein eigenthümlich bedeutsames Schlaglicht auf die religiösen Stimmungen und neuesten Concordatskämpfe in Oesterreich zu werfen geeignet erscheint, veranlaßt uns, nicht länger mit der Veröffentlichung des vorstehenden Artikels zu zögern, von dem wir voraussetzten, daß er auch in außerösterreichischen Kreisen ein rein menschliches und culturhistorisches Interesse erregen dürfte. Unser Mönch macht eine so hervorstechende Ausnahme von der Regel, daß wir, denen man unablässig Animosität gegen das katholische Priesterthum zum Vorwurf zu machen pflegt, es für unsere Pflicht erachten, den großen Kreis unserer Leser mit dieser Zierde des katholischen Clerus näher bekannt zu machen.
    D. Red.
  2. „Der Karthäuser“ ein psychologischer Roman, und zugleich das erste bedeutende Dichterwerk des damals noch jugendlichen gefeierten Dichters.