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Ein leeres Grab und ein Mann ohne Namen

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Autor: H. M–n
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Titel: Ein leeres Grab und ein Mann ohne Namen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 680–683
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: angeblicher Ludwig XVII. von Frankreich
Anmerkung des WS-Bearbeiters: Eine DNA-Untersuchung im Jahre 2000 widerlegt die Intention dieses Artikels. Danach ist Ludwig XVII. im Alter von 10 Jahren gestorben. Siehe Wikipedia-Artikel Louis Charles de Bourbon
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[680]
Ein leeres Grab und ein Mann ohne Namen.
Palastmysterium aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Am 11. August 1853 erwachten die Bewohner des Städtchens Villefranche, welches am Ufer der Rhone ungefähr vier Meilen von Lyon entfernt liegt, in einer eigenthümlich neugierigen Spannung. Zwei Tage zuvor hatte die Gräfin von A***, die Stammhalterin einer der ältesten und reichsten Legitimistenfamilien des Lyonnais, ihre Equipage nach dem Bahnhofe gesandt und war trotz des spitzigen Steinpflasters und ihrer siebenzig Jahre am Arme ihres einzigen Sohnes, des Grafen Maurice, dem Wagen zu Fuße gefolgt. Bei der Ankunft des Zuges hatte der Graf sich einem Waggon genähert und, den Hut in der Hand, einen noch rüstig aussehenden alten Mann begrüßt, dessen einfache Kleidung gegen sein schneeweißes Batistjabot merklich abstach.

Der Fremde hatte lächelnd den Gruß des Grafen erwidert und mit ihm den Perron verlassen, aber – und alle Welt bemerkte es mit Erstaunen – der Graf war ihm mit entblößtem Haupte gefolgt. Im Wartesaal harrte die Gräfin, und die Reisenden konnten hier eine jener Verbeugungen des vorigen Jahrhunderts bewundern, die man in unsern Tagen belächelt, sollte man sie einmal auf der Bühne sehen. Der Fremde stieg in den ihn erwartenden Wagen, und man sah, daß er die Gräfin einlud, mit ihrem Sohne darin Platz zu nehmen, was Beide unter mehrmaliger Verbeugung auch thaten.

Der Wagen der Gräfin von A*** war schon lange in ihrem Schlosse Vaulx-Renard angekommen, als das Gespräch der guten Kleinstädter noch fortdauerte und tausende von Hypothesen die Persönlichkeit des räthselhaften Fremden aufgestellt wurden. Am nächsten Morgen steigerte sich die Spannung noch mehr, denn ein Bote hatte den Dr. V. eiligst auf’s Schloß beschieden, und dieser war eine Stunde später nach Villefranche zurückgekehrt und hatte erzählt, daß der Fremde in der vergangenen Nacht am Schlagflusse gestorben sei.

Den ganzen Tag über fuhren Diener des Schlosses nach Lyon und kehrten einige Stunden später zurück; gegen Abend kamen zwei Särge, ein hölzerner und ein bleierner, an, in Begleitung eines mehr als achtzigjährigen Priesters, der sich sogleich zum Parochialpfarrer begab und diesen mit auf das Schloß nahm. – Der letzte Zug, der um 18 Uhr 45 Minuten von Paris eintrifft, brachte einige zwanzig – fast nur alte – Herren mit, die sich direct auf’s Schloß begaben und unter denen man Herzöge und Fürsten zu erkennen glaubte.

Am 12. um 10 Uhr setzte sich ein Trauerzug von der Kapelle des Schlosses aus in Bewegung. Einige fünfzig Personen folgten zu Fuße, den greisen Priester an der Spitze. Aus dem Kirchhof von Villefranche angekommen, fand man ein frisch aufgeworfenes Grab. Der Priester sprach die üblichen Gebete – der Sarg wurde in die Erde gesenkt, und die Begleiter, größtentheils Fremde, verließen mit dem nächsten Zuge Villefranche.

Acht Tage später kam ein Leichenstein aus Paris an, der bei Nacht auf das Grab gesetzt wurde und auf dem die erstaunten Besucher des Kirchhofes lasen:

Hier ruht
Louis Charles von Frankreich,
geboren in Versailles
den 27sten März 1785,
gestorben im Schlosse Vaulx-Renard
den 10ten August 1853.

Jetzt erst begannen die Bewohner des Städtchens zu begreifen, welch einen hohen Gast das Schloß eine Nacht hindurch beherbergt hatte, und das Räthsel schien vollständig gelöst, als sie in den Pariser Zeitungen die Nekrologe über den sogenannten „Baron von Richemont“ lasen, dessen eifrige und zahlreiche Anhänger ihn für den aus dem Gefängnisse des Temple entsprungenen Ludwig den Siebzehnten hielten.

Das Schicksal schien sich verschworen zu haben, der Einbildungskraft jener guten Leute mehr und mehr Nahrung zu geben. Im Jahre 1857 bereiste ein Mitarbeiter des ultraclericalen und legitimistischen Blattes „Le Monde“ jene Gegend, und als er zufälliger Weise die obengenannte Grabschrift las, schickte er eine überaus entrüstete Correspondenz an sein Journal, in der er, den Cultus vergessend, welchen jedes Grab verdient, die Regierung, die „solche Entweihung der vaterländischen Geschichte duldete“, auf das Heftigste angriff.

Gewöhnlich giebt die Napoleonische Regierung sehr wenig auf Ermahnungen, die ihr von legitimistischer Seite zukommen. Dieses Mal jedoch – wir wissen nicht, aus welchen Gründen – schien sie die Sache sehr ernst zu nehmen, denn am 12. November kam der Präfect des Rhonedepartements, der kürzlich verstorbene Senator Vaïsse, in Begleitung seines Generalsecretärs, des Untersuchungsrichters und einiger Gensd’armerie-Officiere, in Villefranche an und begab sich, nachdem er den Bürgermeister und den Parochialpfarrer zu sich hatte bescheiden lassen, von einer großen Menschenmenge gefolgt, auf den Kirchhof, wo er durch einige Arbeiter den Grabstein umreißen und an dessen Stelle ein in der Eile verfertigtes hölzernes Kreuz aufstellen ließ.

Im Augenblicke, wo er den Kirchhof verlassen wollte, überbrachte man ihm eine telegraphische Depesche, die er mehrere Male überlas; dann kehrte er zu dem Grabeshügel zurück und befahl den Todtengräbern das Grab zu öffnen. – Man denke sich das Erstaunen der Umstehenden! – Während der Arbeit unterhielt sich der Präfect leise mit seinem Generalsecretär, dem er die erhaltene Depesche zeigte und der, nachdem er sie gelesen, dieselbe mit einem ungläubigen Lächeln seinem Vorgesetzten wieder überreichte.

Als die Todtengräber bis zum Sarge gegraben hatten, hielten sie inne und erwarteten neue Befehle des Präfecten. Er hieß sie fortfahren und den Deckel des Sarges lüften. Sie gehorchten, und da das Holz von der Feuchtigkeit des Bodens sehr angegriffen war, so war in einem Augenblicke der Befehl vollzogen. Als der Deckel gehoben war, fand man einen zweiten Sarg von Blei. Der Präfect befahl auch diesen zu öffnen. Hunderte von Augen spähten begierig – der Deckel des bleiernen Sarges fiel …

Ein Schrei des Erstaunens entfuhr allen Umstehenden. – Der Sarg war leer! – –

Kein französisches Journal erwähnte dieses Vorfalles, nur in ausländischen Zeitungen wurde er besprochen. –

Vielleicht werden die ernsten Leser dieses Blattes uns mit jenen Schriftstellern verwechseln, welche der Geschichte einen Rahmen geben und es für nothwendig halten, die nackten Facten durch ihre Phantasie zu beleuchten. Wir fühlen uns veranlaßt, jeglichen Vorwurf dieser Art zurückzuweisen. Wie unglaublich das Nachfolgende dem Leser auch erscheinen möge, er darf fest überzeugt sein, daß die regste Phantasie, die überschwenglichste Einbildungskraft nicht im Stande sind, mit der Wirklichkeit zu rivalisiren, wenn die letzte sich einmal die Mühe giebt, dem Leben gewisser Menschen einen außergewöhnlichen Stempel aufzudrücken. Nebenbei machen wir den Leser noch darauf aufmerksam, daß alle Actenstücke, die wir citiren oder andeuten werden, bei Herrn J. Savigny, Advocaten am kaiserlichen Cassationshof in Paris, deponirt sind. –

Der Glaube an die Errettung aus der Gefangenschaft im Temple und an die spätere Existenz des unglücklichen Sohnes Ludwig des Sechzehnten ist in alle Classen der französischen Gesellschaft gedrungen, bei Einigen im Stadium des Zweifels geblieben, bei Anderen jedoch zur festen, unerschütterlichen Ueberzeugung geworden, und diese allgemeine Tendenz, den Tod des Dauphin nicht als eine unumstößliche Thatsache anzusehen, schaffte den verschiedenen Prätendenten, die nach dem Falle Napoleon’s ihre Identität mit dem verschwundenen Prinzen geltend zu machen suchten, viele Parteigänger.

Einige durch Zufall aufgefundene Actenstücke wurden dem zweifelnden Theile des Publicums als Basis des Glaubens an die Existenz des Dauphin oder vielmehr des rechtmäßigen Königs Ludwig’s des Siebenzehnten hingestellt, und so wurde die Regierung der Restauration selbst gezwungen, Maßregeln dagegen zu treffen.

Das erste Schriftstück, welches das Publicum in Erstaunen setzte, war der von den Aerzten am 12. Juni 1795 (vier Tage nach dem Tode) ausgestellte Todtenschein, in welchem die Doctoren Pelletan und Dumangin erklärten, daß man ihnen den Cadaver eines Knaben gezeigt und „ihnen gesagt hätte“, es sei der des Sohnes des verstorbenen Louis Capet (Ludwig XVI.).

Die Art und Weise der Redaction dieses Attestes erregte Erstaunen, [681] da es in seinen Ausdrücken von der gewöhnlichen Form solcher Schriftstücke abwich. Es wäre dies jedoch vielleicht unbemerkt vorübergegangen, wenn man nicht ein vom 14. Juni (26. Prairial) datirtes Decret des Convents gefunden hätte, das allen Behörden den Befehl gab, „den jungen Capet nach allen Richtungen hin zu verfolgen.“

Die Prätendenten stützten sich hauptsächlich auf diese beiden Actenstücke und suchten, von ihnen ausgehend, ihre Identität zu beweisen.

Nur drei Personen haben öffentlich und gerichtlich ihre Ansprüche geltend gemacht:

1. Mathurin Bruneau, Holzschuhmacher aus Vezins, Departement Maine et Loire,
2. Carl Wilh. Naundorff, Uhrmacher, gebürtig aus der Niederlausitz, wohnhaft in Spandau,
3. der sogenannte Baron von Richemont, mit dem dieser Artikel sich speciell beschäftigen wird.

Mathurin Bruneau trat am Ende des Jahres 1815 auf, und bald darauf hatte die Polizei sein ganzes vergangenes Leben von dem Tage seiner Geburt bis zum Augenblicke seiner Verhaftung aufgespürt. Seine kurze königliche Würde endete mit einer Verurtheilung zu sieben Jahren Zuchthaus wegen Betrugs, und Béranger setzte der Beschämung der Anhänger des sogenannten Prinzen von Navarra die Krone auf mit seinem bekannten Liede: „prince, faites-nous des sabots etc.“ (Prinz, mache uns Holzschuhe.)

Kaum hatte Naundorff sich in Frankreich gezeigt, kaum hatte er dort einige Anhänger gefunden, als die französische Regierung in Deutschland Nachforschungen über ihn anstellte und von der preußischen Regierung die vollständigsten Beweise erlangte, daß Carl Wilhelm Naundorff ein aus einer polnisch-jüdischen Familie entsprungener gemeiner Abenteurer sei, der, nachdem er zehn Jahre in Spandau bei Berlin als Uhrmacher gelebt und nebenbei Wucher (?) getrieben hätte, nach Brandenburg gezogen war.

Der Baron von Richemont jedoch, der dritte der Prätendenten, hat der französischen Regierung die Herausforderung hingeworfen, ihm zu beweisen, daß er nicht der sei, für den er sich ausgebe, und trotz aller dazu angewandten Mittel (der Leser wird einsehen, daß während beinahe eines halben Jahrhunderts es einer Regierung wie der französischen hätte leicht werden müssen, irgend einen entschiedenen Beweis der lügnerischen Anmaßung dieses Menschen, hätte eine solche existirt, zu finden) gelang es fünf in ihren Principien ganz entgegengesetzten Regierungen nicht, die Frage des Publicums: „Wenn der Baron von Richemont nicht Ludwig der Siebenzehnte ist, wer ist er?“ – zu beantworten. –

Einhundertsiebenzehn Actenstücke liegen uns vor, und unter den vielen Namen, welche die Prätentionen des Baron von Richemont bekräftigen, machen sich einige bemerklich, denen jeder Mensch einen unbedingten Glauben schenken muß.

Der Dauphin soll am 19. Januar von den Herren von Frotté und Ojardias, Emissären des Prinzen von Condé, in einem Pferde von Pappe verborgen, aus dem Temple entführt worden sein. Die berüchtigte Familie des Schusters Simon war durch Geld bewogen, sich dieser Entführung nicht zu widersetzen. Ein taubstummes Kind, das, von einer skrophulösen Krankheit befallen, am Rande des Grabes stand, der Sohn eines Baron von Tardif, ward statt des Dauphins in den Temple gebracht. Die Entführung wurde dadurch erleichtert, daß am selben Tage Simon seine Entlassung nahm und der einige Stunden später eingesetzte neue Wärter das Kind nicht persönlich kannte.

Den vorstehenden Zeilen kann wohl kein besseres Zeugniß beigelegt werden, als die Worte des General-Staatsanwaltes, der im Processe gegen Mathurin Bruneau sagte: „Was die Flucht des Dauphin aus dem Temple anbetrifft, so haben die Nachforschungen, die ich angestellt habe, mich zu der Ueberzeugung gebracht, daß sie unbestreitbar ist.“[1]

Der Aufenthalt des Herrn von Frotté in Paris war der Regierung gänzlich unbekannt, während Ojardias sich seit längerer Zeit bewacht wußte. Der Letztere benutzte diesen Umstand, und während der Herr von Frotté mit der äußersten Vorsicht den Dauphin nach der Vendée geleitete, reiste Ojardias öffentlich, von dem zehnjährigen Sohne des Herrn Morin de Guerivière begleitet, in einer vierspännigen eleganten Reisekutsche nach Puy.

Der Plan gelang vollständig; in Puy wurden beide arretirt, der Abgeordnete Chazel kam direct von Paris, um das Kind zu recognosciren, überzeugte sich aber nach einigen Tagen, daß es der Dauphin nicht sei, und befahl Beider Freilassung. Mittlerweile war Herr von Frotté schon mit seinem Schützlinge in der Vendée angelangt.

Welche Gründe den Prinzen von Condé bewogen, den Dauphin aus seiner Nähe zu entfernen, das kann hier nicht erläutert werden; aber wer den Charakter Ludwig des Achtzehnten genauer kennt, wird Condé vollständig beistimmen, das durch ein Wunder errettete Kind aus jenes Lager entfernt zu haben. Condé, der am besten wußte, welche Gefahr seinen königlichen Schützling bedrohte, nahm seine Zuflucht zu einem, man könnte sagen, romanhaften Mittel, welches aber ganz mit seinem chevaleresken Charakter in Einklang steht. Er veranstaltete eine geheime Zusammenkunft mit dem republikanischen Generale Kleber, seinem berühmten Gegner, und vertraute nicht allein diesem das ganze Geheimniß von der Flucht des Dauphin, sondern übergab das Kind selbst dem General, dessen Ehrenhaftigkeit er vollkommen vertraute.

Die königliche Waise wurde von Kleber für seinen Neffen ausgegeben, und als Bonaparte dem General befahl, ihm nach Aegypten zu folgen, wollte dieser das ihm anvertraute Pfand nicht in dem immer noch bewegten Frankreich zurücklassen, sondern nahm es mit sich. Der vierzehnjährige Knabe machte den ganzen Feldzug in Aegypten mit; als jedoch Bonaparte sich entschloß, nach Frankreich zurückzukehren und den Oberbefehl dem General Kleber zu übergeben, hielt dieser es für gerathener, sein Mündel einem Waffenbruder, der sich in Begleitung des Obergenerals einschiffte, anzuvertrauen. Er konnte Niemanden besser wählen als den braven General Dessaix, und dieser nahm gern und willig die Vormundschaft an.

Alle Welt kennt den glänzenden Sieg, den der aus den Wüsten Afrikas zurückkehrende Feldherr in der Ebene von Marengo errang; aber wenn Frankreich den 14. Juni 1800 sich als einen seiner glorreichsten Tage anrechnen kann, so ward dieser doch ein ewiger Trauertag im Leben des Dauphin – Dessaix fiel bei Marengo am Tage, wo Kleber in Cairo ermordet wurde! – Nach dem Tode seiner beiden Beschützer griff der fünfzehnjährige Knabe zu einem Mittel, welches schon dem Prinzen von Condé gelungen war – er suchte Schutz bei seinen Feinden. Im Jahre 1802 begab er sich nach Paris und entdeckte sich Lucian Bonaparte, dem Bruder des ersten Consuls. Dieser führte den jungen Prinzen bei seiner Schwägerin Josephine ein, welche sich lebhaft für ihn interessirte. Fouché, der mit in das Geheimniß gezogen ward, rieth auf schleunige Entfernung aus Frankreich und aus Europa. Der Rath wurde befolgt, und der junge Mann schiffte sich, reich mit Geldmitteln versehen, in Hâvre nach New-York ein. Während seines Aufenthaltes in Paris hatte er die Frau des berüchtigten Simon im Hospital aufgefunden und war von dieser auf der Stelle wiedererkannt worden!

Bis 1809 lebte er in Nordamerika und widmete diese Zeit hauptsächlich seiner so ganz vernachlässigten Ausbildung. Am Ende dieses Jahres begab er sich nach Brasilien, wo er von dem Infant-Regenten Don Juan mit königlichen Ehrenbezeigungen empfangen wurde. Den Bitten und Ermahnungen dieses Prinzen widerstehend, schiffte sich der Dauphin im Jahre 1810 nach Europa ein, wurde aber gleich beim Aussteigen aus dem Schiffe in Civita-vecchia verhaftet und nach Paris geführt. Glücklicherweise wurde er, ohne vorher verhört zu werden, alsbald dem Polizei-Minister vorgeführt, der ihn am folgenden Tage wieder nach Hâvre bringen ließ, von wo aus ein Schiff ihn von Neuem nach Brasilien trug. Hier genoß er abermals die Gunst des Infant-Regenten, welcher ihn fünf Jahre lang am Hofe behielt und ihn im Jahre 1812 mit der Pacification der Insel Goa beauftragte, die unter Anführung des Erzbischofs sich gegen die Regierung empört hatte. Der Prinz erreichte den günstigsten Erfolg seiner Mission und lebte am brasilianischen Hofe bis zum Jahre 1815, mit Ehren überhäuft. Nachdem er den Sturz Napoleon’s erfahren, schiffte er sich nach Europa ein, wo er die Restauration, zum zweiten Male von der heiligen Allianz eingesetzt, auf dem Throne Frankreichs in der Person Ludwig des Achtzehnten fand. Sein erster Schritt nach seiner Ankunft in Frankreich war natürlich, den Prinzen von Condé aufzusuchen, der ihn sogleich wiedererkannte und sich zunächst bemühte, eine Verständigung zwischen dem Prinzen und der regierenden königlichen Familie zu Stande zu bringen.

[682] In den ersten Tagen des Monat Mai 1816 wurde Ludwig der Siebenzehnte der Herzogin von Angoulême, seiner Schwester, im Beisein des Herzogs von Berry, des zukünftigen Thronfolgers, im Parke von Versailles vorgestellt.

Der Graf von Pons, damaliger Page des Grafen von Artois (des späteren Carl des Zehnten), befand sich mit drei anderen Pagen, den Herren von Curial, von Mentbrun und Baron d’Arjuson, in einer Seitenallee des Parkes, und einer von ihm unterzeichneten Declaration entnehmen wir, daß er folgende Worte deutlich gehört:

Die Herzogin: „Gehen Sie, gehen Sie, Sie sind schuld an allem Unglück unserer Familie.“

Der Unbekannte, die Hände ringend: „Ach, meine Schwester, meine Schwester!“

Eine andere von einem an demselben Tage in Trianon Wacht habenden Officiere abgegebene Erklärung berichtet, daß er die Herzogin und den Herzog von Angoulême im eifrigen Gespräche mit dem Herzoge von Berry begriffen gesehen und folgende Worte gehört hätte:

Der Herzog von Berry: „Aber ich bitte Sie, es ist Ihr Bruder.“

Die Herzogin: „Ich, ein Ungeheuer anerkennen, der das Todesurtheil meiner Mutter unterzeichnet hat?“

Wahrscheinlich dachte die Herzogin an jene himmelschreienden Angaben, die der Dauphin als achtjähriges Kind unter Drohungen und Mißhandlungen Simon’s unterschreiben mußte und die der Königin Marie Antoinette vor dem Gerichte in ungemein brutaler Weise vorgelesen wurden, worauf sie das bekannte „Ich appellire an alle Mütter!“ antwortete.

Jetzt begriff der Dauphin, daß Alles für ihn verloren war, daß er unmöglich gegen seine ganze Familie kämpfen konnte. Eine momentane Entmuthigung bemächtigte sich seiner; er, welcher so lange Jahre hindurch ein freies, unabhängiges Leben geführt hatte, fing an, sich zu fragen, ob ein königlicher Rang, ein Thron selbst das Opfer aller seiner Neigungen werth sei.

Von Neuem verließ er Frankreich, von seinem väterlichen Freunde, dem Prinzen von Condé, mit Allem reich ausgestattet, und nahm seine Residenz in Edinburg. Von hier aus sandte er am 1. Juni 1816 einen Protest an die europäischen Cabinete, in der er seine Rechte beanspruchte und feierlich gegen die Verträge von 1814 und 1815, die Frankreich zerstückelten und demüthigten, protestirte. Nachdem er darauf achtzehn Monate lang Asien und Afrika bereist hatte, wagte er sich wieder nach Europa, aber schon nach einigen Wochen ward er erkannt und auf Ansuchen des französischen Gesandten in Wien den 12. April 1818 in Mantua verhaftet und in das Gefängniß von Mailand abgeführt.

Sieben Jahre, sechs Monate und zwölf Tage verbrachte der unglückliche Prinz in den Kerkern der österreichischen Regierung. Unaufhörlich forderte er Richter, begehrte er wenigstens den Namen des ihm vorgeworfenen Verbrechens zu kennen, sieben Jahre Pein, Leiden, Verzweiflung waren die stumme Antwort auf sein unaufhörliches Fragen. Wer von unseren Lesern kennt nicht das Buch Silvio Pellico’s? Silvio Pellico bewohnte eine Zeit lang im Gefängnisse die Zelle neben der des Prinzen, und man kann nicht ohne inniges Interesse die Unterhaltungen der beiden Unglücklichen im Buche des italienischen Märtyrers lesen. Nach dem Tode Ludwig des Achtzehnten jedoch wurde der Prätendent mit vieler Aufmerksamkeit im Gefängnisse behandelt; mehrere Erzherzöge besuchten ihn daselbst, und am 25. Oetober 1825 im Augenblicke, wo er glaubte, daß er verurtheilt sei, sein Leben hier zu beschließen, öffneten sich die Thore des Gefängnisses und wurde ihm die Freiheit angekündigt. Seine Freilassung wie seine Verhaftung geschah, ohne daß ihm der Grund der einen oder der andern mitgetheilt wurde. Seine persönliche Meinung jedoch war, daß er seine Freilassung einem Briefe verdankte, der trotz der Aufsicht, die ihn umgab, bis zum Kaiser von Rußland gelangte.

Er lebte jetzt einige Jahre in der Schweiz, und am 12. August 1830 sandte er wiederum einen Protest an die europäischen Regierungen gegen die Erhebung Louis Philipp’s auf den Thron von Frankreich.

Der schreckliche Tod des Prinzen von Condé, den man am 27. August 1830 in seinem Schlafzimmer auf dem Schlosse St. Leu erhängt fand, ist bekannt, aber auch noch ein unaufgeklärtes Räthsel. Man kann begreifen, welch einen Verlust der Dauphin, der auf seinen Reisen den Namen Baron von Richemont angenommen hatte, hierdurch erlitt. Eine andere hohe Persönlichkeit suchte jedoch den Verlust zu ersetzen. Es war dies die verwittwete Herzogin von Orleans, die Mutter Louis Philipp’s, welche, wie wir aus den uns vorliegenden Schriftstücken ersehen, dem unglücklichen Prinzen vollständig huldigte, und es ist vielleicht ihrem moralischen Einflusse zuzuschreiben, daß die Polizei den Dauphin einige Jahre ruhig in Paris leben ließ. Kaum jedoch begriff die Juli-Regierung, daß er Beweise genug in Händen hatte, um den Legitimisten durch einen öffentlichen Eclat schädlich zu werden, als sie Alles anwandte, einen solchen Eclat herbeizuführen. Am 29. August 1833 wurde er arretirt und nach fünfzehn Monaten Voruntersuchung unter der Anklage der „Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates“ vor das Geschwornengericht des Seinedepartements gestellt.

Dieser Proceß, welcher in den Annalen der französischen Jurisprudenz für immer einen außergewöhnlichen Platz behaupten wird, befindet sich in der Gazette des Tribunaux vom 3., 4. und 5. November 1834 mitgetheilt. Die Staatsanwaltschaft ward durch die große Masse von Zeugnissen fast gezwungen, die Identität des Baron von Richemont mit dem aus dem Temple geretteten Dauphin anzuerkennen, und mußte stumm bleiben, als der Angeklagte ihr die Frage vorwarf: „Wenn ich nicht Ludwig der Siebzehnte bin, wer bin ich dann?“ Der Proceß schlug der legitimistischen Partei in der That eine gefährliche Wunde, und einige Enthüllungen, die er mit sich brachte, ließen das Publicum klar und offen in die Intriguen der verjagten Dynastie schauen. Merkwürdig vor Allem sind die Worte, welche der Präsident des Gerichtshofes beim Schlusse des Processes an die Geschworenen richtete: „Meine Herren, wer ist der Angeklagte, der heute vor Ihnen steht? Was ist sein wahrer Name, seine Herkunft, seine Familie, was sind seine Antecedentien, was sein ganzes Leben? Ist er ein Werkzeug der Feinde Frankreichs, die in unser Land überallhin den Bürgerkrieg zu tragen streben? oder ist er vielmehr nur ein Unglücklicher, der, wie durch ein Wunder, den Schrecken einer blutigen Revolution entronnen ist, der, geächtet und durch seine Geburt selbst mit dem Bann belegt, keinen Namen und keine Zuflucht findet, wo er sein Haupt niederlegen kann?“

Wir überlassen dem Leser den Commentar über solche Worte im Munde des Präsidenten eines Gerichtshofes. Die Geschworenen konnten auf die Frage der Identität des Dauphin nicht eingehen und fanden ihn schuldig der „Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates“, in Folge dessen er vom Gerichtshofe zu zwölf Jahren Gefängniß verurtheilt wurde.

Ein in den Annalen der Justiz vielleicht noch nie dagewesener Fall trat jetzt ein. Unter welchem Namen den Angeklagten verurteilen? Ihn unter dem von ihm geforderten zu verurtheilen, hieß ihm diesen Namen und Alles, was damit verbunden war, zuerkennen, und soweit wollte die Juli-Regierung sich doch nicht compromittiren. Die Staatsanwaltschaft fand einen Ausweg, indem das Urtheil alle die Pseudonymen anführte, die der Dauphin auf seinen vielen Reisen geführt.

Der Prinz wurde in das Gefängniß von St. Pelagie geführt, wo er die Chefs der republikanischen Partei, Armand Marrast, G. Cavaignac, Bache etc. als Gefangene fand, die seinem Charakter und seinem Unglücke die nothwendige Achtung nicht versagen konnten und mit denen er Beziehungen anknüpfte, die sich nach langen Jahren noch als freundschaftliche bewiesen. Im Jahre 1835 fand man eines Tages den politischen Theil des Gefängnisses leer – die Gefangenen waren während der Nacht entsprungen.

Der Baron von Richemont zog sich nach der Schweiz zurück. Hier lebte er bis zum Jahre 1840, wo ihm die allgemeine Amnestie erlaubte, wieder nach Frankreich zurückzukehren. Im Jahre 1842 wurde er von Neuem verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen.

Die Revolution im Jahre 1848 gab seiner Existenz eine neue Wendung. Seine Anhänger zeigten sich jetzt frei und ohne Scheu, sie gründeten ein Journal, dessen Name L’Inflexible war, welches die Aufgabe hatte, die Frage von der Existenz Ludwig des Siebzehnten in der Person des Baron von Richemont der Oeffentlichkeit zu übergeben und das Publicum, dessen unumstößlicher Richterspruch die öffentliche Meinung bildet, als Jury anzuerkennen.

In der kurzen Zeit des Erscheinens dieses Blattes gewann der Baron von Richemont Tausende von Anhängern; verborgene, längst vergessene Thatsachen kamen an’s Licht; Zeugen, an die Niemand mehr dachte (unter Andern der frühere Gesandte eines deutschen [683] Staates am Bundestage), belegten mit Documenten Erzählungen, die man bis dahin für unglaublich gehalten hatte. Wenige Monate noch, und das erwünschte Ziel, die Aufgabe seines ganzen Lebens wäre erreicht gewesen … da spielten die Legitimisten ihr va banque und gewannen die Partie. –

Der Baron von Richemont war 64 Jahre alt, ein Schlagfluß hatte ihm eine Seite des Körpers gelähmt, er hatte in seinem Leben unmenschlich viel gelitten; man muß den greisen, fast verkrüppelten Mann nicht zu streng richten, wenn die Energie ihn nahe am Ziel seines harten Kampfes verließ.

Aus besonderen Rücksichten ist es uns unmöglich, auf die Gründe einzugehen, die so plötzlich eine gänzliche Veränderung in der Gesinnung des Barons hervorriefen. Vielleicht werden unsere Leser aus den nachstehenden Thatsachen sich selbst eine Meinung bilden. Das Journal stellte seine Publicationen ein, der Baron reiste nach Italien, wo er am 20. Februar 1849 vom Papste Pius IX. in Gaeta in einer mehrstündigen Audienz empfangen wurde. Nach seiner Rückkehr sagte er sich nach und nach von seiner bisherigen Umgebung los, frequentirte nur Geistliche und alte Legitimisten, machte eine Reise nach Niederbronn, wo eine paralytische Nonne, welche vorgebliche Ekstasen hatte, ihn als König und Gesalbten des Herrn begrüßte, ließ sich vom Bischof von Straßburg noch einmal confirmiren – kurz, fiel ganz und gar in die Hände einer Partei, die ihm die Theilnahme aller derer zu entziehen wußte, welche ihm wenigstens ihr aufrichtiges Beileid nie versagt hatten.

Das Kaiserthum ließ ihn ruhig seine Prätentionen an den Tag legen und sah zu, wie sogar Mitglieder der Napoleonischen Familie mit königlichen Ehrenbezeigungen nicht karg gegen ihn waren. Man sagt, daß die Herzogin von Angoulême auf ihrem Todtenbette ihn öffentlich als ihren Bruder hätte anerkennen wollen, aber von ihrem Beichtvater daran verhindert worden und daß ein ansehnlicher Jahrgehalt an Stelle der öffentlichen Anerkennung getreten wäre. Wir haben keine Beweise für oder gegen diese Erzählung, die im Kreise seiner Anhänger circulirte.

Sein plötzlicher Tod im Schlosse Vaulx-Renard und das Verschwinden seines Leichnams haben zu mancherlei Gerüchten Anlaß gegeben, die wir für unnütz halten zu wiederholen. Ein letztes Factum jedoch, das vielleicht den Leser interessiren wird und für dessen Glaubwürdigkeit wir Bürge sind, ist folgendes. Bei seiner letzten Abreise nach Lyon, einige Tage vor seinem Tode, verfehlte er den Zug und trat mit einer ihn begleitenden Person in ein nahegelegenes, im Augenblicke leeres Kaffeehaus. Auf einem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch; es war der „Graf von Montecristo“ von Alex. Dumas. Nachdem er einen Augenblick darin geblättert hatte, wandte sich der Baron an die Person, die bei ihm war, und sagte: „Glauben Sie, daß es möglich sei, daß durch die Wirkung des Haschisch eine Person Tage lang für todt gehalten, begraben und noch lebend aus dem Grabe gebracht werden könne?“




Um den Lesern diese interessante Persönlichkeit noch bekannter zu machen, wollen wir ein Fragment aus einem seiner Briefe wörtlich anführen.

„… Was ich eigentlich will, welches der Zweck meines Kampfes, der über ein halbes Jahrhundert jetzt dauert, ist, fragen Sie mich? – Ich will Ihnen darauf antworten. Es ist Ihnen wohl noch nie eingefallen, daß ich jetzt noch daran denke, den französischen Thron zu besteigen; es wäre ein sehr großes Unglück für mich, aber wahrhaftig ein noch größeres für Frankreich, und man könnte von uns Beiden sagen, wir verdienten mit Recht all unser Unglück; noch weniger denke ich daran, mich durch meine Anerkennung reich und hochgestellt zu machen. Sie wissen, daß für mein Leben gar wenig nothwendig ist, und daß für dieses Wenige reichlich gesorgt ist. Mich rächen? Es kommt ein Alter, lieber Herr, wo das Blut langsamer durch die Adern rinnt, und wo man eine unaussprechliche Wollust im Verzeihen fühlt. Also? – was ich will – was ich begehre – warum ich unermüdlich streite, ist Folgendes, lieber Herr: ich möchte gern vor meinem Tode allen Denen, die mir mit so vieler Ergebung und Uneigennützigkeit gefolgt sind, die unumstößliche Ueberzeugung einflößen, daß nicht ein politischer Abenteurer, sondern die königliche Waise des Temple ihnen so oft mit wahrer Freundschaft und mit dem herzlichsten Danke für ihre Aufopferung die Hand gedrückt hat.“ – Aus einem Privatbriefe einer Person, die lange Jahre mit dem Baron von Richemont verkehrte, jedoch seine Ansprüche für unbegründet hält, entnehmen wir endlich folgende Einzelheiten über seine äußere Erscheinung.

„Unser ‚Dauphin‘ ist immer noch derselbe; es ist und bleibt eine merkwürdige Erscheinung, vielleicht eine der merkwürdigsten, die in diesem Chaos von verschiedenen Welten, die man Paris nennt, existirt. Da Sie ihn nicht kennen, will ich Ihnen eine Beschreibung dieses Menschen geben. Er ist von mittlerer Größe, und obgleich er viel an Rheumatismus leidet, geht er doch gerade und aufrecht; seine schneeweißen Haare liegen glatt auf seinem Kopfe und sein ganzes Aeußere macht den Eindruck eines vollständigen Gentleman im strengsten Sinne des Wortes. Sein blaues Auge hat einen seltsamen Ausdruck von Güte und Wohlwollen; man sieht diesem Auge an, daß manche herbe Thräne ihm entflossen ist. Er spricht langsam und immer freundlich und äußerst gewählt; seine Stimme hat einen festen, energischen Klang und scheint vom Alter gar nicht gelitten zu haben. Er behandelt alle Gegenstände, die ihn betreffen, mit der äußersten Ruhe, man möchte sagen mit Gleichgültigkeit; ich habe noch nie ein herbes Wort von ihm gehört. Wenn er von Ludwig dem Achtzehnten spricht, ziehen sich seine Augenbrauen zusammen, ohne daß jedoch der Klang seiner Stimme sich verändert. Kommt das Gespräch auf Louis Philipp, so bemerkt man ein verachtungsvolles Lächeln auf seinen Lippen; bei der Erwähnung Marie Antoinette’s schüttelt er traurig den Kopf, und wenn man von der Kaiserin Josephine spricht, hat er eine stehende Phrase: „ce n’était pas une femme, c’était un ange.“ (Das war keine Frau, das war ein Engel.)

„Merkwürdiger Mensch! Sie könnten Jahre lang mit ihm umgehen, ohne daß er Ihnen nur ein einziges Mal von seinen Prätentionen spräche; fangen Sie aber davon an, so wird er unerschöpflich, und ich muß es Ihnen gestehen, dieser langsame, kalte, würdige Vortrag eines unerhörten Unglücks aus dem Munde des Märtyrers selbst macht mehr Proselyten, als die Deklarationen seiner Advocaten. Er ist unermüdlich im Wohlthun: ich selbst weiß von nicht unbedeutenden Summen, die er im vorigen Winter selbst an Arme vertheilt hat. Er nimmt fast nie Geschenke von Werth an, sehr gern aber kleine Souvenirs, besonders Handarbeiten von Damen, gegen die er äußerst zuvorkommend ist, namentlich wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Er ist äußerst wohlwollend gegen Jedermann und übt durch diese sich nie verändernde Güte einen großen Einfluß auf seine ganze Umgebung aus. Sein Portier und dessen ganze Familie, die ihn nur als Monsieur Louis kennen, schwärmen für ihn. Was mich so sehr an seinen Umgang fesselt, ist die Abwesenheit alles Theatralischen in seiner Person; er weiß ganz gut, daß ich von seinen Prätentionen nichts halte, und doch ist es ihm nie eingefallen, mich überzeugen zu wollen. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir von den Tagesneuigkeiten, von Diesem oder Jenem, nie jedoch von Ludwig dem Siebenzehnten.“ …

Wer mag das Räthsel ergründen, das uns dieser merkwürdige Baron Richemont vorlegt? wer wagt zu entscheiden, ob er Betrüger, ob Betrogener, ob er wirklich der Mann war, für den er sich ausgab? Sollte sich Keiner unserer historischen Schriftsteller veranlaßt finden, seine Forschungen einem Gegenstande zuzuwenden, der jedenfalls unser größtes Interesse in Anspruch nimmt, wenn ihm auch jetzt kaum noch eine praktische Bedeutung beigelegt werden kann?

H. M-n. 

  1. Dieser Ausspruch, welcher bei der Gerichtsverhandlung vom Correspondenten der „Gazette des Tribunaux“ aufgenommen ward, ist allerdings später vom Staatsanwalt abgeleugnet worden.