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Ein kleines Erlebniß aus dem letzten Kriege

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: T.
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Titel: Ein kleines Erlebniß aus dem letzten Kriege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 336
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[336] Ein kleines Erlebniß aus dem letzten Kriege. „Wir waren,“ so erzählt ein preußischer Lieutenant, „mit klingendem Spiele eines schönen Abends in ein böhmisches Städtchen eingerückt, und wie ein dürstender Hirsch nach frischem Wasser schreit, sehnte sich meine hungrige Seele nach einem guten Quartier und soliden Abendbrode. Bald sah ich auch meinen sehnlichen Wunsch erfüllt und steuerte direct auf ein Häuschen los, das sich durch seinen saubern Anstrich vor seinen Nachbarn vortheilhaft auszeichnete. Ein junges Tischler-Ehepaar, von dem das Haus allein bewohnt ward, nahm mich freundlich auf und erquickte mich, was die Hauptsache war, mit einem gediegenen Abendbrode. Um jedoch das Städtchen, dem wir morgen schon wieder Adieu sagen sollten, wenigstens etwas kennen zu lernen, wurde auf den matten Beinen noch ein kleiner Spaziergang unternommen, und als ich mich todtmüde zurückschleppte, stand schon der Mond am Himmel. Kaum war ich in’s Haus getreten, als ich meinen gastlichen Wirth, einen Deutschen, bat, mir mein Nachtlager anzuweisen.

‚Fürchten Sie sich, Herr Lieutenant?‘ fragte er mich ernst ansehend.

‚Ich glaube gar,‘ polterte ich heraus, ‚wie wird sich ein preußischer Soldat fürchten!‘

‚Auf Ihrem Zimmer stehen nämlich Särge,‘ fuhr der blonde Jünger der edlen Tischlerkunst fort, ‚und ich pflege im Winter, wenn ich weniger zu thun habe, dergleichen auf Vorrath anzufertigen. Da aber manche Menschen eine abergläubische Scheu haben, in der Nähe von Särgen zu schlafen, so erlaubte ich mir die Frage, mit der ich Sie indessen keinesfalls kränken wollte.‘

Mein Wirth zündete jetzt ein kurzes Licht an und führte mich auf mein Schlafzimmer, ein niedliches Stübchen, dessen eine Seite Särge bis zur Decke aufgestapelt einnahmen, und wünschte mir eine ‚gute Nacht‘.

Beim Anblick der Särge konnte ich mich eines leichten Schauders kaum erwehren, da wir Soldaten doch dem Tode alle Tage so nahe standen. Das frisch überzogene schwellende Bett lockte indeß nicht vergebens und bald lag ich in den weichen Kissen und sah auf die weißen Särge, auf die der Mond sein bleiches, geisterhaftes Licht warf; ein leichenartiger Firnißgeruch er Särge erfüllte das ganze Zimmer. Eben als sich der Schlaf mir auf die Augenlider senken wollte, tönte mitten aus den vom geisterhaften Mondlicht beschienenen Särgen ein recht klagendes ‚Ach!‘ Mir ward unheimlich zu Muthe; sollte das, dachte ich bei mir, nicht vielleicht eine Ahnung sein, daß ein naher Verwandter sehr krank ist, oder etwas dem Aehnliches? Ein abermaliges deutliches ‚Ach!‘ schreckte mich aus meinen Betrachtungen auf und deutlich vernahm ich den Ton aus den Särgen; jetzt brach mir der Angstschweiß aus und ich zog mir die Decke über die Ohren, um nichts zu hören und nichts zu sehen, und erst sehr spät schlief ich ein. Als ich am andern Morgen erwachte, fiel mir sogleich der Vorfall des vorigen Abends ein, da durchtönte plötzlich dasselbe ‚Ach!‘ das Zimmer, diesmal aber von einem recht gemüthlichen Gähnen begleitet, und gleich darauf wie zur Bekräftigung schob sich das schlaftrunkene Gesicht des Tischlerjungen zwischen den Särgen hervor und sagte: „Guten Morgen, Herr Lieutenant!“

Am Abend vorher hatte der Junge, um die Bettstelle für mich zu räumen, seine Betten in einen großen Sarg gebracht und darin göttlich geschlafen, und er war der Urheber des gespenstischen ‚Ach!‘ gewesen.“
T.