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Ein in seiner Art einziger „Orangutang“

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Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Ein in seiner Art einziger „Orangutang“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 594–595
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein in seiner Art einziger „Orangutang.“[1]

Was man auch von der ausgezeichneten Klugheit und Gelehrigkeit dieser größten Affenart erzählen mag, niemals gab es einen klügeren und gelehrteren als den, dessen Bild, wenn es in meiner Seele hervortritt, sie stets mit dankbarer, aber lachender Rührung erfüllt. Männer, die im ersten Viertel unseres Jahrhunderts in Göttingen Medicin studirten oder nur, wie ich selbst, ein naturgeschichtliches Colleg hörten, haben diesen weltberühmten Affen gesehen, gehört, bewundert, belacht, verehrt und geliebt. Wer auch hätte anders gekonnt, der in seinen Zauberkreis gerathen war! Selbst junge schöne Damen wurden, sobald ihnen Gelegenheit geboten war, die ungewöhnlichen und liebenswürdigen Eigenschaften des großen Orangutang kennen zu lernen, dermaßen von ihnen hingerissen, daß sie ihm recht ordentlich die Cour machten. Und doch war er ein alter und sehr häßlicher Affe.

In jenen ungemein stark besuchten Vorlesungen über Naturgeschichte pflegte der Docent von jedem Gegenstand, den er besprach, ein Exemplar in Natur vorzuzeigen, von Thieren meist ausgestopfte oder, wenn dies ihrer Größe wegen unmöglich war, doch Felle u. dgl. Wenn er den Menschen abhandelte, hatte er sich meist schon beim Belegen des Collegs den schönsten Studenten seiner Zuhörerschaft ausgesucht. Im Laufe des Vortrags sagte er nun: „Am liebsten führte ich Ihnen von den Thieren lebende Exemplare vor; ich kann aber begreiflicher Weise so viel Bestien nicht ernähren und das Auditorium nicht in einen Viehstall verwandeln. Vom Menschen und seinem Bruder, dem Orangutang, zeige ich Ihnen aber lebende Exemplare. „Herr N. N., haben Sie die Güte, sich einige Augenblicke zu erheben.“ Der genannte Student stand natürlich überrascht auf. „Sehen Sie, meine Herren,“ fuhr der Lehrer fort, „das ausgezeichnete Exemplar des Genus Mensch! – Herr N. N., ich danke Ihnen, überzeugt, daß der innere Mensch dem äußeren in Ihrer Person entspricht.“

Hatte er am folgenden Tage den Orangutang besprochen, so fügte er in trockner Weise hinzu: „Jetzt bleibt nur noch übrig, Ihnen das lebende Exemplar dieses Affen vorzustellen.“ Und sich hoch aufrichtend: „Sehen Sie mich an! Ich bin es selbst. Mensch und Affe sind in mir verschmolzen, aber meine äußere Gestalt ist die des Orangutang.“ Und nun ließ er die Arme nach Art des Orangutang hängen und verzog das allerdings sehr häßliche und wirklich an den Orangutang erinnernde Gesicht zu einer so scheußlichen Affenfratze, daß die ganze Zuhörerschaft in ein brüllendes Gelächter ausbrach.

Dieser joviale Lehrer war der Geheime Hofrath und Professor Joh. Friedrich Blumenbach. 1752 zu Gotha geboren, bei meiner Immatrikulation in Göttingen also bereits 71 Jahre alt, einer der gelehrtesten und berühmtesten Naturforscher, ein Stern erster Größe am deutschen Gelehrtenhimmel, eine der größten Zierden der Göttinger Universität, der gerechte Stolz seiner Vaterstadt Gotha und unter den durch Geistesthat ausgezeichneten Thüringern einer aus der ersten Reihe. Er ist einer der Bahnbrecher unter den vom Wust des Schlendrians verschütteten Naturwissenschaften gewesen und hat mehr als irgend ein anderer deutscher Professor Zuhörer gehabt. Das Alles weiß die Welt; denn die Annalen der deutschen Gelehrtengeschichte haben Blumenbach’s Namen als den des eigentlichen Begründers der Naturgeschichte für alle Zeit aufgenommen; sein unsterblicher Ruhm ist kein europäischer mehr, er ist ein tellurischer. Was aber die Welt nicht weiß, ist, daß dieser Mann auch ein trefflicher Mensch war mit einem reinen schönen weichen Kindergemüth, so ein alter tüchtiger köstlicher Knabe zu allen erdenklichen Scherzen, Possen und Faseleien aufgelegt, so ein alter Lacher und Schwänkemacher, wie sie leider abgestorben sind, ein echter deutscher Demokrit. Der ärgste Hypochonder, der größte Misanthrop mußte in Blumenbach’s Gesellschaft lachen und heiter werden; er geißelte die menschlichen Schwächen und Narrheiten lachenden Mundes und meist auf originelle und barocke Weise.

Freilich fielen nicht immer feine Späne ab, nichtsdestoweniger war er, wie schon gesagt, ein Liebling der Frauenwelt. Am schönsten und originellsten aber gab er sich auf dem Katheder. Unter den Studenten, seinen Zuhörern, befand er sich am wohlsten. Da setzte es köstliche Hiebe nach oben und unten, nach rechts und links; er schonte eigentlich Niemand und, wie wir gesehen haben, sich selbst am wenigsten. Und wer konnte einem so spaßigen Affen etwas übelnehmen? – Aber in dieser grotesken Schale barg sich ein süßer köstlicher Kern, ein Herz, das für alles Gute, Wahre und Schöne in reinster Begeisterung flammte, ein klarer hochgebildeter Geist, welcher durch unablässiges Streben zum Tabernakel hoher heiliger Wissenschaft geworden war. Wie bei allen lachenden Philosophen sprudelte hinter der grotesken bizarren Felswand ein weicher süßer unversiechbarer Lebensborn. Wie fast alle Thüringer liebte er sein grünes schönes Geburtsland und bewies das vorzüglich seinen speciellen Landsleuten, den Studenten aus Gotha. Man kann sich denken, wie wir Gothaer ihn liebten und verehrten!

Es kann mir nicht einfallen, Blumenbach’s Verdienste als Gelehrter zu beleuchten oder auch nur seine Lebensgeschichte zu schreiben, nur einige seiner prächtigen Späße aus dem Hörsaale will ich mittheilen, aus welchen man den an Geist und Gemüth kerngesunden und wackern Menschen erkennen wird.

Er hatte sein Auditorium in seinem eigenen Hause, eine Treppe tiefer als seine Wohnzimmer. Da geschah es denn zuweilen, daß die versammelte Zuhörerschaft den alten lustigen Herrn die Treppe herab mit dem Paradeschritt eines preußischen Grenadiers nach dem Takte des Dessauer Marsches, den er in hellen Tönen pfiff, stampfen hörte; so musicirte und marschirte er in’s Auditorium und auf das Katheder, wo er dann zum Schluß dieser seltsamen Improvisation ein verwünschtes Gesicht mit einem lautgeblökten „Pah!“ schnitt. Daß sich die Studenten nicht ganz ruhig bei dieser soldatischen Procedur verhielten, wird man ohne meine Versicherung glauben. Im Gesichterschneiden war Blumenbach überhaupt groß und seine Züge ganz für die schätzbare Kunst des Grimassiers gemacht, so daß er auch auf diesem Felde sich eine reichliche Existenz hätte schaffen können.

Es konnte natürlich nicht fehlen, daß viele Studenten, die den Beleg für den Besuch des naturgeschichtlichen Collegs bei Blumenbach zum Staatsexamen nicht nöthig hatten, dieses als sogenannte Hospitanten hörten d. h. es nicht bezahlt hatten. Sie konnten sich ja keine angenehmere und zugleich belehrendere Unterhaltung verschaffen. Wenn Blumenbach nun den Pelz des Eisbären vorzeigte, klopfte er stark mit dem Rufe darauf: „Motten, Schmarotzer, Hospitanten hinaus!“

Der ganze Vortrag vom Anfang bis zum Ende wimmelte von komischen Anekdoten, Witzen, burlesken Erzählungen aus seinem Leben und Wirken. Nicht selten ahmte er den Vortragton anderer Prozessoren der Universität carikirt nach, und da einige dieser Herren sich die zu machenden Witze auf den Rand ihrer Hefte geschrieben hatten, so las Blumenbach, der ja eigentlich nie ein Heft zu seinen Vorträgen brauchte, im näselndem oder schnarrendem Tone eine Stelle Naturgeschichte vor, aber in demselben Tone ohne Absatz auch den Witz, riß dann die Augen weit auf, schnitt ein verzweifeltes Gesicht, kratzte sich hinter den Ohren und rief: „Verdammt! da hab’ ich den Witz mit gelesen. So geht’s, wenn man die Witze aufschreiben muß.“ Ein ungeheures Gelächter bewies, daß die Zuhörer wußten, auf wen der Hieb ging.

Die Mineralogie bildete den Schluß der Vorlesungen; er zeigte dann von allen Steinarten und Metallen im rohen Zustande [595] Exemplare in kleinen Schachteln, die von Bank zu Bank, von Hand zu Hand wanderten. Zuletzt kam eine unscheinbare größere Schachtel.

„Hier, meine Herren“ sagte er, „sehen Sie einen werthlosen Haufen Steine, die nicht mehr in die Naturgeschichte gehören. Sie sind vielmehr gegen die Naturgeschichte und gehören der Geschichte der menschlichen Schwachheiten an. Allein Sie müssen auch diese Steine sehen, um zu begreifen, wie sehr der Mensch sich an der Natur versündigt, indem er Verdienste um die Menschheit, wirkliche und erlogene, mit geschliffenen Steinen belohnen will. Ich lobe mir die ungeschliffenen.“

In der Schachtel waren B.’s sämmtliche Orden, und er hatte sie dutzendweise von allen Potentaten der Welt, die größten und geschätztesten. Aber er trug nie einen am Rocke (nicht einmal das kleinste Bändchen), sie lagen Jahr aus, Jahr ein in der alten Schachtel, um zum Schluß eines Semesters die Reise durch den Hörsal zu machen, begleitet von den spöttischen Bemerkungen ihres Besitzers. Wenn die sämmtlichen Herren Hofräthe der Universität in der Akademie versammelt waren, aufgedonnert, aufgeputzt, die Brust mit bunten Sternen und Kreuzen bepflastert, nahm sich B. in seiner schlichten grauen Tuchjacke und gleichen Beinkleidern (ich habe ihn nie in andern Kleidern gesehen) seltsam genug darunter aus. Und ich glaube, er hatte mehr Orden, als alle Uebrigen zusammen. Da konnte man ahnen, welch’ ein bedeutender Mensch er war. Ja, ein wahrer und großer Mensch war dieser Mann, von echt deutschem Geist, von echt deutschem Gemüth, einer jener Glücklichen und Beglückenden, die über den tiefen heiligen Ernst des Lebens, der in ihnen wohnt, den rosigen Schleier des Frohsinns, des Scherzes, des Humors breiten. Wie oft hab’ ich später still geseufzt: „Ach, wären doch recht viele sogenannte Menschen solche Affen, wie weit besser würde es um die Welt stehen!“[2]



  1. Medaillon aus Storch’s Denkwürdigkeiten.
  2. Blumenbach starb 1840, wurde also fast 88 Jahre alt, und feierte als Universitätslehrer nicht nur sein eigenes 50jähriges Doctorjubiläum, sondern auch das 50jährige und 100jährige Gründungsfest der Universität, deren glänzendste Zeit er erlebt und mit herbeigeführt hatte.