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Ein fahrendes Lazareth

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Ein fahrendes Lazareth
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, 15, S. 167–171, 246–248
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[167]
Ein fahrendes Lazareth.
Von Fr. Hofmann.
1. Der Sanitätszug, wie er in’s Feld zieht.

Was wohl die französischen Bewohner der Ortschaften an der Eisenbahn von Chalons nach Toul in der letztvergangenen Weihnacht zu sehen glaubten, als eine lange Wagenreihe mit einer ihren Augen neuen, aber unverständlichen Beleuchtungspracht an ihnen vorüberfuhr? Aus den Fenstern von mehreren Wagen leuchteten die deutschen Christbäume mit allem Lichter- und Zuckerschmuck des heimathlichen Kinderwunsches auf die verdutzten Gesichter im fremden Lande hinaus. Und hätten sie erst die Gruppen drinnen gesehen, wie Alle über dem Anblick des Bäumchens selig waren und wie die Augen auch vieler blasser bärtiger Gesichter wieder in Kinderfreude glänzten, gar Mancher würde wenigstens einen Theil seines Hasses gegen die Landesfeinde verloren haben.

Die lange Wagenreihe bildete einen jener Sanitätszüge, die gegenwärtig von Deutschland aus in’s Feld geschickt werden, um Verwundete und Kranke auf eine möglichst gute Weise aus den Lazarethen im Feindeslande in die Heimath zurückzubringen.

Eine Gruppe solcher Leidensgefährten war an jenem Abende um die Christbäume versammelt, welche in mehreren der Wagen, namentlich dem der Beamteten des Zuges, das Herzensbedürfniß der von ihren Familien getrennten Männer geschmückt und beleuchtet hatte. Einer derselben erzählte mir, wie freudig der Abend in diesem seltsamen Kreise begonnen, und welche tiefe Ergriffenheit endlich Alle beherrscht habe, als Einer das alte liebe „O Tannebaum, o Tannebaum!“ angestimmt. Das Liedchen verlor sich in einzelne Stimmen, wie der berühmte Abschied der Esterhazy’schen Capelle. Die Verwundeten und Kranken aber blieben heiter, fuhren sie doch in heimathlicher Liebespflege dem Vaterlande entgegen.

Unser großer Krieg gewährte mehr, als alle früheren Kriege, stets ein Doppelbild: daheim harrt die begeisterte Nation auf jede Regung des Telegraphen; während der Sieg bei Leipzig erst nach Wochen in ganz Deutschland bekannt worden war, trug jetzt noch am Tage der Schlacht der Blitz am Draht die Siegeskunde aus Frankreich nach Berlin und sofort rauschte der Jubel durch alle deutschen Gauen, die Siegesfahnen wurden ausgesteckt, die Straßen wimmelten von frohen Menschen und die Vergnügungslocale faßten die glücklichen Zecher kaum. Ganz anders sah es am andern Ende des Bildes aus, wohin von dem strahlenden Glanze kein Schimmer mehr fiel, auf den fernen Schlachtfeldern. Ich schreibe diese Zeilen an einem der fernsten Orte vom Vaterlande, in Orleans. Hierher wurden täglich die Verwundeten aus den Gefechten an der Loire gebracht – und auf welche Weise mußte dies geschehen! Mir wurden Fälle erzählt, wo zwei- bis dreitausend Verwundete auf offnen Eisenbahnwagen, an denen Wände und Fußböden zerbrochen und durchlöchert waren, mit wenigen oder gar keinem Stroh bedeckt und mit ebenso armseligen Decken versehen, meilenweit in einer Kälte von zehn Grad fortgeschafft werden mußten, und als zur Heizung der Locomotiven das Feuerungsmaterial ausging, schleppten erbärmliche Pferde die Wagen noch zwölf Stunden weiter; von Nahrung, von einem erwärmenden Bissen in dieser ganzen Zeit keine Spur, – und so mußten, es war nicht anders möglich, die armen wunden Männer und Jünglinge nur allzu oft bis zu einer schützenden Stätte geschafft werden, wo ein Lazareth endlich diejenigen aufnahm, welche auf solcher Fahrt nicht gestorben waren. Welche Summe von Elend bei einem einzigen derartigen Transport – und welche unschätzbare Wohltat dagegen die Krankenfahrt im Sanitäts- oder Lazarethzuge!

Die Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit dieser Sanitätszüge hört aber nicht etwa mit dem Kriege auf, – im Gegentheil, jetzt, wo es, wenn der Friede unsere Heere heimführt, vor Allem gilt, viele Tausende verwundeter und kranker deutscher Soldaten nicht ungeschützt der französischen Krankenpflege zu überlassen, sondern sie sobald als möglich wenigstens in den Machtbereich der Deutschen zu transportiren, jetzt ist die Aufstellung möglichst vieler derartiger Sanitäts- oder Lazarethzüge eine der ersten Pflichten der Dankbarkeit gegen unsere Helden. Man täusche sich nicht über die Zahl der Unglücklichen, die sehnsuchtsvoll dieser Wohlthat entgegensehen. In Orleans allein liegen durchschnittlich sechs- bis siebentausend Verwundete und Kranke, die ganze Stadt ist nur ein großes Lazareth. Aber dasselbe gilt von allen nach West und Nord an den Bahnen liegenden Städten und Ortschaften; in Toury bei Orleans hat die Ueberfüllung schon den Hospitalbrand herbeigeführt! – Von den Insassen all’ dieser Lazarethe muß man sich deren Erlebnisse erzählen lassen, – wahrlich, man schaudert dann vor dem Gedanken zurück, Siege, die durch solche Opfer errungen worden, durch Fahnen und Feste zu feiern – man möchte Jedem, der einen unnöthigen Groschen in Deutschland ausgiebt, zurufen: Sündige nicht! Lege ihn zu den Gaben, welche für die Verwundeten bestimmt sind! Vor Allem aber, Ihr Reichen und in der werkthätigen Vaterlandsliebe Hervorragenden, sorgt mit dafür, daß die große Zahl der deutschen Verwundeten und Kranken in Frankreich auf die unschädlichste, sicherste und bequemste Weise nach der deutschen Heimath gebracht werden könne. Das Mittel dazu ist ja gegeben, es sind dies eben die Sanitätszüge.

Bekanntlich hat der große nordamerikanische Krieg die neue Verwundetentransport-Einrichtung in’s Leben gerufen. Leider ist, wie so oft, auch diese Nachahmung etwas spät bei uns versucht worden, und noch immer bedarf es der Anregung, um sie aus kleinem Anfange zu der nothwendigen Ausdehnung zu bringen. Bis jetzt sind etwa dreißig Sanitätszüge im Gange. Von diesen sind zehn von Preußen ausgerüstet, die übrigem von Württemberg (die ersten), Hamburg, Frankfurt a. M. etc. Die preußischen Sanitätszüge, von der Medicinalabtheilung des königlichem Kriegsministeriums in’s Leben gerufen, haben als nächste Oberbehörde die drei Evacuations-Commissionen zu Epernay, Forbach und Weißenburg. Diese Evacuations-Commissionen sind deutsche Militärbehörden, welchen aus allen vom Kriege berührten Städten und Ortschaften von den Militärärzten Anzeige gemacht ist, in wie weit die betreffenden Orte zur Einrichtung von Lazarethen tauglich sind. Dazu gehört die Bezeichnung der dazu passenden Häuser und die Zahl derselben, die Angabe der dort aufzubringenden Betten, Matratzen, Decken etc., und danach wird die Zahl der Verwundeten und Kranken bestimmt, die den einzelnen Ortschaften zugetheilt werden kann. Selbstverständlich hat jede der drei Evacuations-Commissionen ihr Bereich, dessen Grenzen ich jedoch

[168]

Das Innere des Forts La Briche vor St. Denies, am 30. Januar 1871. Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.
Caserne. Pulvermagazin. Casematen.

[170] nicht anzugeben vermag. Die Listen der Verwundeten und Kranken aller Lazarethe ihres Bereichs geben zugleich nach Nummern die Grade der Genesung der Lazarethinsassen an, und nach diesen bestimmen dann diese Commissionen das Maß der Räumung (Evacuation) der Lazarethe durch den Weitertransport der Transportablen bis zu deutschen Lazarethen oder in die Heimath.

Die Medicinal- und Lazarethbedürfnisse sind in reichem Maße jedem Truppentheile mitgegeben und zur zeitweisen Ergänzung derselben an bestimmten Orten Depots errichtet. Die Ortsapotheken der Lazarethplätze bleiben demnach unberührt vom Kriegsbedürfniß, und dies kann als eine nicht geringe schonende Rücksicht für die Bewohnerschaften angesehen werden.

Eine zweite Behörde, von welcher auch die Sanitätszüge ihre Weisungen zu empfangen haben, sind die Linien-Commissionen, welche jedem einzelnen Zuge auf den Bahnen des gesammten Kriegsbereichs in Frankreich und Deutschland ihre Fahrpläne zuzutheilen haben. Die Central-Linien-Commission hat ihren Sitz in Kassel; unter ihr stehen alle übrigen Linien-Commissionen; da ihnen alle Störungen durch Brückensprengungen, Schienenaufreißen etc. auf den Bahnen ihres Bezirks sofort gemeldet werden müssen, so sind sie allein im Stande, jedem Zuge, der zum Beispiel Kranke nach der deutschen Grenze hin befördern will, die Route vorzuschreiben, welche derselbe augenblicklich benutzen kann.

Und nun wollen wir den Zug und seine Einrichtung selbst betrachten. Ein preußischer Sanitätszug besteht in der Regel aus achtundzwanzig Wagen, nämlich: zwanzig Krankenwagen, dem Verwaltungswagen, dem Küchen-, dem Proviant-, zwei Depôt-, dem Holz- und Kohlenwagen, einem Wagen für die Aerzte und einem für die Diaconissinnen. In dem zur Fahrt geordneten Zuge nimmt der Küchenwagen die mittelste Stelle ein, neben ihm stehen der Verwaltungs- und der Proviantwagen, nach beiden Seiten hin folgen dann je zehn Krankenwagen unmittelbar aufeinander, an der Spitze derselben fährt der Wagen der Aerzte, am Ende der der Diaconissinnen und den Schluß des ganzen Zugs bilden die Depôt- und der Holz- und Kohlenwagen.

Sämmtliche Wagen, von dem der Äerzte- bis zu dem der Diaconissinnen, haben ihre Ein- und Ausgänge an der Schmalseite innerhalb des Bahngeleises und sind durch Brücken und Geländern so miteinander verbunden, daß der ganze Zug in der Wagenmitte einen langen Gehweg bietet, so daß von dem Aerztewagen und der Küche aus jederzeit und bei schnellster Fahrt in jeden Krankenwagen zu gelangen ist. Um die Kranken vor Luftzug zu schützen, ist innerhalb der Wagen an jeder Thür ein starker Vorhang (eine sogenannte getheilte Portière) angebracht, den man erst, wenn die Thür wieder geschlossen ist, bei Seite schiebt, um den Raum zu betreten. Die ganze Gehbahn der Wagen ist mit starken Läufern von Wachstwill belegt.

Ein Gang durch die Krankenwagen überzeugt uns, daß einer so eingerichtet und ausgestattet ist, wie der andere. Jeder zeigt auf seinen beiden Langseiten je drei gleichgroße Abtheilungen und jede derselben enthält zwei Lagerstätten, welche an vier starken, vom Boden bis zur Decke des Wagens reichenden Pfosten so hängen, daß die eine anderthalb Fuß vom Boden entfernt ist und die zweite in der Mitte des Raumes zwischen dieser und der Decke schwebt. Jedes Bett ist eine Trage oder Bahre, wie sie auch zum Transportiren der Verwundeten vom Schlachtfelde gebraucht werden; zwei je acht Fuß lange Stangen sind durch Querhölzer und Gurte verbunden und mit einem beweglichen Kopfende versehen, welches mittelst zweier gezahnter Bügel nach dem Wunsche des Kranken hoch und niedrig gestellt werden kann. Diese Bahren sind mit vortrefflichen Matratzen und Leinenbetttüchern belegt, und starke Wollendecken stehen dem Kranken nach seinem Bedürfniß zu Gebote. Alle Betten hängen mit ihren Stangenenden mittelst Tragriemen in Gummirollen, oder in Federhaken, Spiralfedern, an deren unterem Ende der Rand der Oese sitzt, in welcher der Lederriemen zur Aufnahme der Tragstange hängt. Da die Vorrichtung so getroffen ist, daß die Stangen selbst bei starker Erschütterung des Wagens nirgends anstoßen können, so ist eine schaukelnde Bewegung das Aeußerste, was der Kranke zu erdulden hat; dieses Wiegen des Lagers ist aber für die Mehrzahl der Verwundeten ein angenehmes, auch das alte Kind gern einschläferndes Gefühl.

Wenn unser Kranker sich auf seinem Lager zurecht gelegt hat, so findet er in handlicher Entfernung über sich ein Netz befestigt, in welchem er die unentbehrlichen Kleinigkeiten des Lebens, wie Taschentuch, Tabaksbeutel und -Pfeife oder Cigarren, Schnupftabaksdose, Notizbuch, Brieftasche u. dgl. unterbringen kann. Für seine sonstige Bedienung ist in jedem Wagen ein Krankenwärter oder „Heilgehülfe“ angestellt, der auf einem der Betten desselben sein Nachtlager hat; während der Nacht haben besondere Wachen, alle halben Stunden den Rundgang durch alle Wagen zu machen, um nach den Kranken zu sehen, ihre Wünsche zu befriedigen und, im Winter, das Feuer in den Oefen zu erhalten.

Diese Oefen nehmen den Raum von einem Bettenpaare in Anspruch. Können nämlich in der warmen Jahreszeit in den sechs Abtheilungen jedes Wagens zwölf Betten Platz haben, so nimmt in der Winterzeit den mittlern Bettraum einer Wagenseite der Ofen ein, dem zur Linken der Holz- und Kohlenkasten steht, zur Rechten ein Wasserfaß unter einem Tischchen, das für die Wasch- und sonstigen Reinigungsapparate zur Aufbewahrung dient. Von den zehn Betten jedes Wagens ist eines für den Wärter oder Heilgehülfen bestimmt, so daß jeder Wagen neun, folglich der ganze Zug von zwanzig Krankenwagen hundertachtzig Kranke aufzunehmen vermag. Rechnet man dazu die dazu gehörigen zwanzig Wärter und das Arzt-, Diaconissinnen- und Verwaltungs- nebst dem Küchenpersonal, so kommt eine Zugbesatzung von zweihundertsieben bis zweihundertzehn Mann heraus, die täglich fünfmal aus einer fahrenden Küche ihre Nahrung zu empfangen hat. Sicherlich verdient diese Kücheneinrichtung eine nähere Betrachtung.

Der Küchenwagen ist besonders die Freude aller Frauen, welche dem Zuge die Aufmerksamkeit eines Besuchs schenken. Wie jeder andere Wagen durch den Durchgang in zwei Hälften getheilt, zeigt er, vom Verwaltungswagen aus besucht, in der Mitte der rechten Seite sein Hauptstück, den eisernen Kochheerd, aus der bekannten Kayser’schen Maschinenfabrik in Berlin. Derselbe hat eine Länge von fünf und eine Höhe und Breite von je drei Fuß, zwei Wasserkasten von Messing mit Hähnen, ein Kochloch mit Ringen für Kochtöpfe von einem Viertel Quart bis zu bedeutender Größe, einen Bratofen mit Einsatzschieber für zwei Pfannen und eine Wärmeröhre mit drei Etagen. Die Koch- und Bratgefäße haben ihren Aufbewahrungsort in einem Repositorium zur Linken des Heerdes.

Rechts vom Heerd dient ein Repositorium von derselben Größe, zur Aufbewahrung der nöthigen Porcellan- und Glaswaaren, den Eckraum des Wagens nimmt ein großes, viereckiges, mit Zink ausgeschlagenes Behältniß zur Reinigung sämmtlichen Küchengeschirrs ein; das Geschirrbrett zum Ablaufenlassen des gereinigten Geschirrs ist rechts zum Ausklappen an die Wand angebracht.

Dem Kochheerd gegenüber, die Mitte der anderen Wagenseite einnehmend, steht der große Anrichtetisch mit zwei Schubkästen, der eine für Küchenmesser und Beile, der andere für die täglich zu wechselnde Küchenwäsche; über dem Küchentisch hängen die Wagschale, um für jede Person des Zugs die bestimmten Fleischportionen abzuwägen. Zur Rechten und Linken des Anrichtetisches sind in zwei gleichgroßen Repositorien die für jeden der zehn Krankenwagen vor und hinter dem Küchenwagen erforderlichen Porzellanenen Trinkbecher in Lattenverschränkungen so aufgestellt, daß sie beim Fahren nicht aneinanderschlagen können; darüber liegen in Charnieren je zehn hölzerne Präsentirteller, groß genug, um die für jeden Krankenwagen nöthigen Speisegeräthe oder Trinkbecher auf einmal zu befördern.

Die linke Wagenecke dieser Seite nimmt das große Wasserreservoir von Zink ein, das etwa sechszig Trage- (sogenannte Pferde-)Eimer Wasser faßt. Die beiden rechten Wagenecken sind für Bänke, Eimer, und sonstige Küchenbedürfnisse reservirt. – Vor jeder der beiden Wagenthüren, auf dem Trittbrette (Plattform) ist ein mit Zink ausgelegter Eiskasten zu ärztlichem Bedarf, sowie zugleich zur Conservirung von Fleisch und dergleichen befestigt.

Wie in jedem Wagen ist auch im Küchenwagen ein Verzeichniß aller in ihm enthaltenen Gegenstände angeschlagen; die Leser erlassen mir aber die Aufzählung des ganzen Inventariums, von den Quirlbrettern bis zu den Saucièren, Compotièren, Butterbüchsen und Zuckerdosen; ein Blick in eine größere Gasthofsküche giebt ihnen dafür Ersatz. Der Unterschied zwischen beiden ist eben nur der, daß jene feststeht und jedes Bedürfniß von außen her sofort befriedigen kann, während die unsere in die Welt hineinfährt. Und Alles, was sie braucht, bei sich haben muß.

Für die Möglichkeit dazu haben die drei folgenden Wagen zu sorgen:

[171] 1) Der Magazinwagen, der, wie bereits bemerkt, seinen Platz neben dem Küchenwagen einnimmt. Er hat zu beiden Seiten des (zweiundeinhalben Fuß weiten) Durchgangs vier Kammern, die verschließbar und mit festen Gestellen versehen sind, um mit Sicherheit während der Fahrt die in Säcken, Kisten, Fässern, Flaschen und Gläsern aufbewahrten Vorräthe aller Art zu lagern. Zwei dieser Kammern enthalten sämmtliche Leinen- und Wollensachen, die zur Ausrüstung des Zugs, zur Bekleidung und Pflege der Kranken etc. aufgespeichert sind, ingleichen das Reservegeschirr für dieselben. – In den beiden anderen Kammern sind sämmtliche Materialwaaren und Getränke, wie sie zur Speisung und Verpflegung der Kranken erforderlich sind, angehäuft. Von der speciellen „Nachweisung“ dieser „Ausrüstungsgegenstände“ theilen wir nur einige Hauptzahlen mit, um unsern Lesern einen Begriff von der Reichhaltigkeit derselben zu geben. Im Verzeichniß zerfallen sie in A. Oekonomie-Utensilien, B. Chirurgische Utensilien und Bandagen und C. Materialien.

Zu A gehören unter Anderem zweihundertzwanzig Leib-Matratzen zu acht Pfund Füllung, vierzig Kopfmatratzen von Roßhaar zu drei Pfund Füllung, sechshundertsechszig wollene Bettdecken, vierhundertsiebenzig ordinäre Bettlaken, zweihundertzwanzig Halstücher, zweihundertachtzig ordinäre Handtücher, zweihundertzwanzig Hemden, zweihundert Paar wollene Socken, ebensoviel wollene Jacken und Taschentücher, fünfundsiebenzig Leibbinden, sechszig Ellen Wachsleinwand, vierzig Schlummerrollen, zwanzig Sitzkissen (für Kranke, die sich durchgelegen haben), fünfzehn Armkissen, vierzig Steckbecken und in entsprechender Zahl Krankenröcke und -Hosen, Flanellmäntel, Arm- und Fußbadewannen, Wärmflaschen, Waschbecken und alle zur Reinigung der Menschen, der Zimmer und der Geschirre nöthigen Schwämme, Besen, Lappen etc. – Zu B gehören zwanzig graduirte (das heißt nach einhalb, ein bis vier Theelöffel und einhalb bis ein Eßlöffel Inhalt durch Querstriche bezeichnete) Porcellanbecher, eine reichliche Menge Verbandzeug, Schwämme, Spritzen, Eiterbecken, die Apparate zum Gypsverbande und alle nothwendigen chirurgischen Instrumente. Daran schließen sich Apparate an, um Desinfektionen vorzunehmen. – C endlich enthält einen Vorrath von je fünfzig Pfund Hafergrütze, gebranntem Kaffee, Weizengries, Salz, Butter, Backpflaumen, weißem Zucker und Cacaomasse, je 25 Pfund Zwieback, englisches Biscuit, condensirte Milch, präservirtes Ochsenfleisch, Kalbsbraten, Kalbscarbonnade und Fleischextract, die entsprechenden Vorräthe von Reis, Thee, Schinken, Kartoffeln, Sago, Eiern, Citronen, comprimirtem Gemüse, Gewürz, zweihundertfünfzig Flaschen Bordeauxwein, ingleichen Cognac, Jamaica-Rum, Capwein, sechshundert Siebenachtel-Quart baierisch Bier, zweihundert Halbe Selterwasser und endlich Waschseife, Lichte, Wachsstöcke, kurz ein ziemlich vollständiges Materialwaarengewölbe, wie es vielleicht manche kleine Stadt nicht aufzuweisen hat.

2) Zur Ergänzung dieses Magazinwagens, namentlich um alle größeren Raum in Anspruch nehmende Kisten und Fässer und für längere Fahrzeit aufgenommene Vorräthe unterzubringen, sind dem Sanitätszuge noch zwei Depôtwagen beigegeben, wozu man gewöhnliche Güterwagen benutzt. Gegenwärtig sind in denselben etwa noch zweihundert Wolldecken, vierzig Matratzen, zwanzig Tragbahren, sechszig Gummiringe und dergleichen placirt; außerdem dienen sie zur Aufnahme der schmutzigen Wäsche und des nothwendigen Materials zur Ergänzung der einzelnen Theile der Eisenbahnwagen in einem Werkzeugs- und Reserve-Werkzeugskasten; auch finden sich da ein Paar Wagenwinden, Taue, Leinen und Leitern, um bei einem etwaigen Unglücksfall sofort das nöthige Rettungsmaterial bei der Hand zu haben.

Diesen Depôtwagen schließt sich der Kohlenwagen an, der mit Steinkohlen, Koaks und gespaltenem Holz für den Bedarf sämmtlicher Wagen beladen ist. –

Auf dem einen Flügel der Krankenwagenreihe befindet sich der Wagen der Diaconissinnen. Auch er hat zwei Ein- und Ausgänge für den allgemeinen Durchgang durch die ganze Wagenreihe, ist aber durch eine Bretterwand mit Schiebthür in zwei Abtheilungen geschieden, von welchen die eine als Wohn-, die andere als Schlafzimmer dient, und die beide mit dem nöthigen Comfort ausgestattet sind. Das Wohnzimmer hat einen Ofen, zwei Tische und vier Stühle, das Schlafzimmer zwei Betten, zwei verschließbare Wandschränke, eine Waschtoilette und das Closet.

Den andern Flügel der Krankenwagenreihe bildet der Wagen des zugführenden Arztes, ein bequemer Salonwagen, dessen innerer Raum in drei Abtheilungen geschieden ist: ein Wohnzimmer mit Sophas, Schreibtisch, Ofen und Stühlen, ein Schlafzimmer mit zwei Divans, die als Lagerstätten dienen, und zwischen beiden, durch Schiebthüren getrennt, auf der einen Seite die Waschtoilette, auf der andern Seite das Closet.

Neben dem Küchenwagen finden wir endlich den Wagen des Verwalters, der zugleich die Apotheke und die chirurgischen Instrumente des Zugs enthält. Derselbe ist eingetheilt: in das Wohnzimmer, welches mit einem Kochofen, einem Bureau, einem Regal, einem Tisch und vier Stühlen versehen ist; – in das Schlafzimmer, welches durch eine hölzerne Wand mit verschiebbarer Thür vom Wohnzimmer getrennt und mit zwei Betten (Eisengestelle mit Matratzen und Wollendecken), zwei verschließbaren Wandschränken und einem Waschtisch ausgestattet ist; – und einem Vorraum, welcher auf der einen Seite zu einem Closet führt, auf der andern eine Bank für den dienstthuenden Wärter hat. – Dieser Wagen wird gewöhnlich zugleich als Aufenthalt der Herren Aerzte und des Verwalters benützt, weil von ihm aus, als im Mittelpunkt des ganzen Zugs befindlich, sämmtliche Wagen leicht zu controliren sind.

Und am Schreibtische eines solchen Wagens saß ich im Bahnhof zu Orleans, um den Lesern der Gartenlaube diesen Artikel zu liefern; sie werden mir nun gern erlauben, ihnen auch Einiges von der Her- und hauptsächlich von der Heimfahrt mit den Verwundeten und Kranken zu erzählen.

[246]
2. Der Sanitätszug auf der Heimfahrt.

Gerade in diesem Augenblick, wo die Räumung der französischen Lazarethe von den Tausenden unserer Verwundeten einen Artikel der Friedensbedingungen ausmacht, haben auf den Schienen Frankreichs und Deutschlands die Sanitätszüge die wichtigste Pflicht zu erfüllen. Möge dies ihnen weniger schwer gemacht werden, als es mit dem Sanitätszug der Fall war, welchem ich mich hatte anschließen dürfen.

Derselbe fuhr am zwölften Januar früh zehn Uhr vom bairischen Bahnhof in Leipzig ab und war nach Epernay bestimmt. Von Militärzügen aufgehalten, gelangte er erst am 10. Nachts nach Nanzig und war am 20. Abends auf der Fahrt nach Chalons hin bereits bei der Station Blesme angekommen, als von der „Evacuationscommission“ zu Epernay an den dirigirenden Arzt Dr. St. der Befehl eintraf, seinen Zug auf der hier einmündenden Bahn nach Orleans zu führen. Diese nahe an hundert Meilen lange Strecke der Schienenverbindung von Weißenburg und Straßburg bis Tours, war als die südlichste im Machtbereich der Deutschen den Angriffen der Franctireurs am häufigsten ausgesetzt, erst seit ein paar Tagen von den letzten Zerstörungen wieder hergestellt und in ihrer ganzen Länge mit starken Feldwachtposten versehen, in der ersten und schlimmsten Hälfte meist von preußischer und sächsischer Landwehr. Wir hatten auf der ganzen dreitägigen Fahrt fabelhaftes Glück. Nicht selten an schauerlich aufstarrenden Trümmern von Häusern und Villen, Dörfern und Städten und zertrümmerten, über aufgerissenen Schienen entgleisten Eisenbahnwagen vorüber und, wie wir, Gottlob, erst später in den Zeitungen lasen, mehrmals zwischen „feindlichen Abtheilungen“ hin, kamen wir unangefochten an das befohlene Ziel.

Am Dreiundzwanzigsten, Abends zwischen acht und neun Uhr, fuhren wir in den Bahnhof von Orleans ein. Unser Aufenthalt daselbst schien ein sehr kurzer werden zu sollen. Die Kunde von der Ankunft des ersten Sanitätszugs an diesem fernen Lazarethorte wurde von Aerzten und Kranken mit Freude begrüßt, und schon für den zweiten Tag nach unserer Ankunft war Alles zur Beladung unserer Krankenwagen vorbereitet.

Am 25. früh neun Uhr wurde dieses Geschäft begonnen. Noch heute fühle ich das Grauen und den tiefen Schmerz nach, der mich ergriff, als ich in Leipzig dem ersten Transportwagen mit Schwerverwundeten begegnete. Es waren zwei Franzosen und deren Köpfe wackelten bei jedem Stoß des Wagens wie die von Todten hin und her. Dasselbe Gefühl wollte wieder Herr über mich werden, als man die ersten Bahren mit Verwundeten und Kranken herbeitrug und auf dem Perron des Bahnhofs hinstellte. Diesmal galt es aber, alle Scheu und alles Grauen niederzukämpfen, denn mein Wille und meine Pflicht war, hier, so viel ich vermochte, helfende Hand mit anzulegen. Vor der Hand waren die Kranken ganz in Wollendecken eingehüllt, ihre Verstümmelungen waren dem Anblick entzogen, und aus den Augen Aller, ohne Ausnahme, leuchtete das Gefühl der Freude über die Hoffnung, in die Heimath zurückzukommen. Nach und nach füllte sich der Perron, die Bahren standen zu Dutzenden da, denn das Hereinheben der Einzelnen in die Krankenwagen und in die Betten ging nicht so rasch vor sich, als das Herbeischaffen aus den Lazarethen der Stadt. Uebrigens mußten nicht alle Verwundeten und Kranken getragen werden, manche humpelten, von zwei Cameraden geführt, daher, andere wurden von kräftigen Männern rittlings auf dem Rücken herzugetragen und einige, namentlich an den Armen Verwundete und Brustkranke, kamen auch nur von einem Cameraden geführt zu den Krankenwagen.

Bis drei Uhr waren hundertsiebenundsechszig Verwundete untergebracht. Die letzten schwer Transportabeln wurden in den letzten, außerhalb der Halle im Freien stehenden Wagen gleich auf den Bahren hineingeschoben. Eben hob man einen solchen, der einen Fuß verloren hatte, zur Plattform des Wagens hinauf und vier lagen noch auf ihren Bahren davor, als ein Eisenbahnzug herbeikam, voll von neuen und blutjungen Truppen mit nagelneuen sauberen Uniformen und frischen Gesichtern mit kräftigrothen Backen. Der Contrast war ergreifend. Ich sah manches dieser Antlitze sehr ernst und lang werden und manches sich verfärben. Sie hatten so fröhlich zum Bahnhof herein gesungen, aber Wagen um Wagen, wie er vor dieser Scene vorüber fuhr, schwieg, und als alle vorbei waren, waren auch alle still geworden.

Punkt vier Uhr sollte der Sanitätszug abfahren, in Tonry warteten noch zwölf Verwundete auf ihn. Da, nur noch fünf Minuten vorher, meldete eine telegraphische Depesche aus Sens, bei La Rochelle hätten die Franctireurs eine Eisenbahnbrücke gesprengt. Der Zug mußte bleiben, um genauere Nachrichten abzuwarten. Anstatt einer tröstlichen Kunde kam die von der Zerstörung einer zweiten und noch wichtigeren Brücke, der bei Fontenay, zwischen Toul und Nanzig.

Die Erklärung der Sachverständigen, daß unter acht bis vierzehn Tagen die Herstellung von Nothbrücken nicht möglich sei, führte die Nothwendigkeit herbei, sämmtliche Kranke und Verwundete wieder auszuladen und in ihre Lazarethe zurückzubringen. Das war eine harte, aber unumgängliche Maßregel. Der Sanitätszug darf nicht mehr sein wollen, als er ist: ein möglichst bequemes Transportmittel für die Verwundeten, aber nicht Heilanstalt, nicht Lazareth; wie der Gesunde muß auch der Kranke sich während der Fahrzeit mancherlei Beschränkungen seiner Lazarethgewohnheiten und Bequemlichkeiten gefallen lassen, die ihm solange nicht lästig sind, als die fahrende Bewegung ihn dafür mit der Freude entschädigt, der Heimath mit jedem Ruck näher zu kommen; denselben Beschränkungen und Bequemlichkeitsentbehrungen wochenlang ausgesetzt sein, das würde die Mehrzahl der Kranken unerträglich gefunden haben. Dies wurde den so bitter getäuschten Insassen der Krankenwagen so mild und freundlich, als nur möglich, zu Herzen geführt, und so fügten sich Alle der Nothwendigkeit, aber nicht Alle auf einmal; einzelne der Kranken, namentlich Officiere, hatten bis zum fünften Tage die Hoffnung auf die rascher ermöglichte Abfahrt festgehalten, bis auch sie von der Vergeblichkeit derselben überzeugt waren. Der Anblick der Armen, wie sie mühsam von ihren Betten wieder herabgehoben und auf die Bahren gelegt wurden, um dahin zurückgetragen zu werden, wo sie, wenn auch dankbar, doch gern geschieden waren, die Verstimmung, die sich in den verschiedensten Graden der Aeußerung kund gab, war mir fast schwerer zu ertragen, als die erste grausige Erscheinung der entsetzlichen Verstümmelungen. Ein brustkranker Holsteiner war während der einen Nacht im Wagen gestorben; das gab wenigstens einen Fingerzeig für die möglichst sorgsame Auswahl der Kranken für den Sanitätszug.

So stand nun die stattliche Reihe der achtundzwanzig Wagen da, „vom Vaterland getrennt“, und einzig darauf angewiesen sich in ihr Schicksal zu fügen und höchstens den Kriegszustand zur vorsichtigen Füllung ihrer Depotwagen durch Requisitionen zu benutzen, um die Kosten der Unterhaltung des Zugs dem Staate nach gesetzlicher Möglichkeit zu erleichtern. Das war die schwere Aufgabe für den Inspector H., der dabei eine Umsicht und Thätigkeit entfaltete, die unsere Bewunderung verdiente.

Auch in Orleans gab es Zeichen der nahen Kriegsgefahr; nicht nur wurden fast täglich Gefangene aus den Gefechten mit den Franctireurs eingebracht; auf den beiden Loirebrücken standen Doppelposten an höchst verdächtigen Stellen, wo sie jedem Vorübergehenden das Rauchen untersagten: man hatte hier Minen gelegt, um bei einem Angriff vom linken Ufer her durch Sprengung beider Brücken die Stadt vor einem Ueberfall zu sichern.

Wir erlebten in Orleans noch die Capitulalion von Paris und feierten sie, aber sie half für unsern Zweck uns nichts, weil auch die directe Eisenbahnverbindung von Paris mit Lagny noch nicht hergestellt war. Erst am 6. Februar kam die Nachricht, daß die ganze Bahnstrecke von Orleans bis Nanzig wieder fahrbar sei und der Sanitätszug am Neunten seine Rückkehr antreten solle.

Diesmal war das Einladen der Verwundeten und Kranken bereits geschehen, als ich am Achten Nachts von meiner Pariser Fahrt zurückkam. Am Neunten früh noch einen Abschiedsgang durch Orleans, und Nachmittag vier Uhr erschallte das Hurrah, welches die zahlreich auf dem Perron versammelten Cameraden den in die deutsche Heimath Abfahrenden nachriefen.

Als die Thürme der prächtigen Kathedrale zum heiligen Kreuz [247] von Orleans meinen Augen entschwunden waren und der „Wald von Orleans“, aus dem so manche Todeskugel unsere Braven getroffen hatte, zur Rechten die Ebene begrenzte, machte ich mit Dr. St. einen Gang durch die Krankenwagen. Sie beherbergten hundertzweiundneunzig Mann, darunter zwanzig Hessen, sechzig Baiern, die Uebrigen waren Norddeutsche; in drei Wagen lagen dreißig Officiere beisammen. – Den schlimmsten Anblick boten, natürlich nur während des Verbindens, die Amputirten. Es waren deren siebenundfünfzig, und zwar kamen zweiundvierzig nur mit einem Bein und fünfzehn nur mit einem Arm aus dem Kriege heim. Sie waren aber fast durchweg die Heitersten im ganzen Zuge, denn da ihre Wunden der Heilung zuschritten, so plagte sie nichts als ein ungeheurer Appetit, der ihnen reichlich gestillt werden konnte. Von den Uebrigen trugen die Meisten schwere Schußwunden und Kopfverletzungen durch Granatsplitter. Die Stillsten waren die durch Bajonnetstiche in die Brust Verwundeten; von ihnen hatten sich mehrere aufgelegen. Diese vor Allen trieb die Sehnsucht in die Heimath, wo mancher sein frühes Grab finden wird. Einige lagen in Folge des Typhus im höchsten Grade der Erschöpfung da und andere litten noch schwer am Gelenkrheumatismus. Am bejammernswürdigsten waren zwei bairische Artilleristen, die in der Hitze des Kampfs dasselbe Geschick erreicht hatte: das Versehen, ihre Hinterlader nicht gehörig zu schließen, hatte verursacht, daß die Pulverentladung ihnen Hände und Gesicht verbrannte. Einer davon war bereits erblindet, der Andere dem Erblinden nahe, und welch’ gräßlichen Anblick boten diese Köpfe! – Ein Paar der Kranken mußten unterwegs wieder in Lazarethen untergebracht werden, weil sie das Fahren noch nicht vertragen konnten. Diese traurigen Ausnahmen abgerechnet, herrschte durch alle Wagen ein heiterer Geist, der Einem in dieser Umgebung außerordentlich wohl that.

Die erste Nacht verbrachten wir in Corbeil, wohin von Chaumont am selben Tage der Sitz der deutschen Eisenbahnbetriebs-Commission über die Bahnstrecke von Tours bis Blesme verlegt worden war. Hier gab’s zum bestellten Abendessen auch Bier. War das eine Lust, zu sehen, wie besonders unsere Süddeutschen nach so langer Entbehrung das erste Glas des geliebten Labsals an den Mund setzten! – Am Morgen begleitete ich Dr. St. beim Verbinden. Gleich im ersten Wagen fragte er den im untern Bett links liegenden Baiern: „Nun, wo fehlt’s?“ Da hebt der die Decke weg und zeigt statt des rechten Beins ein kurzes Stummelchen. „Armer Mann!“ fuhr’s mir heraus. Er aber meinte: „’s ist allweil besser so, als gar nit heimkumme.“ Bei der Abnahme des Verbandes staunte ich über den Haufen Charpie, der aus der Umhüllung der Wunde hervorquoll, bis endlich der Knochen mit seiner Fleischumgebung bloß lag. Im Bette über diesem Leidensgefährten streckte sich ein hessischer Jäger, ein hübscher junger Mann, dem der linke Fuß fehlte, der aber in dem Eisernen Kreuz auf seiner Brust vollen Ersatz dafür gefunden zu haben schien, denn auch er begegnete meiner bedauernden Miene mit den Worten: „Mancher gäbet alle zwoi Boin’ drum her, wenn er das Kreuzche da derfür haben kunnt’.“ – Ihm lächelte gegenüber ein Armloser zu, d. h. er hatte den linken Arm verloren und die rechte Hand war schwer verletzt; er war damit einverstanden und meinte: „Es wird halt immer besser, je näher es der Heimath geht.“ – Auf[WS 1] seinem Parterrebette – die Soldaten nannten scherzweise die unteren Lager so zum Unterschied von denen „zum ersten Stock“, den oberen – saß ein durch die Brust Geschossener; er sah recht elend aus, aber den ganzen Tag leuchtete die Freude aus seinen Augen, weil ihm das Sitzen so wohl that.

Aehnliches wiederholte sich in allen Wagen; in allen aber war es schade, daß nicht ein Stenograph die Mittheilungen der Erlebnisse niederschreiben konnte, mit denen die Leute sich die Zeit verkürzten und versüßten. Während man in einem Wagen den Erzählungen zuhörte, wie viel versäumte man da in den übrigen neunzehn Wagen! So viel ich übrigens erhorchen konnte, sprach man durchweg weniger von den Gefechten und Verwundungen, als von den furchtbaren Strapazen der Wintermärsche, den Leiden nach den Kämpfen und den Racheacten gegen die Franctireurs, gegen welche namentlich die Baiern in Haß glühten. Sie hatten besonders in den Loirekämpfen entsetzlich gelitten. Officiere, welche drei Tage später über die Schlachtfelder ritten, fanden noch von Mann und Roß Todte und Verwundete am Wege liegen. Den furchtbarsten Eindruck hatte diesen abgehärteten Männern der Anblick in einem Schlosse bei Blois gemacht. Es war ein erster Zufluchtsort der Verwundeten gewesen und mußte eiligst geräumt werden, um als Einquartierungsplatz zu dienen. Man fand nicht nur alle Räume hoch mit Stroh und Schmutz bedeckt, als man den Unrath wegschaffte, fand man unter denselben nicht nur eine Anzahl Leichen und Arme und Beine von Amputirten liegen, sondern auch noch mehrere Verwundete! – Ein baierischer Jäger des Zugs behauptete, daß er Einer dieser Verwundeten sei. Er erzählte, er sei zweimal gefunden worden, das erste Mal auf dem Schlachtfelde, wo er schon ganz erstarrt gewesen, das zweite Mal in einem großen Hause, wo er mit einigen hundert oder gar tausend Verwundeten zusammen gelegen. „Ich lag in einer Flur, so groß wie ein Saal, und mitten inne stand ein Tisch, auf welchem die Doctoren immer ihrer etliche Mann zugleich unter’m Messer hatten. Und wie ich nun sah, wie bald ein Stück Arm, bald ein Fuß oder gar ein Bein von dem Tisch herunterflog auf den Boden, und hörte das Mordgeschrei, da bekam ich eine Angst wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Ohne zu wissen, was ich that, riß ich mit beiden Händen alles Stroh und Heu an mich, das ich erreichen konnte, und schob es über mich, um mich vor den Doctoren zu verbergen. Das muß mir nicht schlecht gelungen sein, denn als man plötzlich alle Verwundeten wieder auspackte, und weiterschaffte, wartete ich vergeblich auf’s Wiederkommen der Krankenträger. Sie hatten mich nicht gesehen, oder für todt gehalten, und da lag ich in meinem Elend und schrie aus Leibeskräften, aber es war zu spät. Ich fühlte nach links und rechts und spürte nichts, aufrichten konnte ich mich nicht, warm lag ich wohl, aber so einsam, so schrecklich einsam, und es kam die Nacht. Ich muß endlich eingeschlafen oder ohnmächtig worden sein, denn ich kam erst wieder zu mir, als ich einen Stoß verspürte und mit dem Haufen Stroh und Schmutz über mir mit fortgeschoben wurde. Da raffte ich noch einmal alle Leibeskraft zusammen zu einem Schrei, den ich selber mein Lebtag nicht vergesse. Und da haspelten sie mich aus dem Unrath heraus, nicht schlecht verwundert, und meinten: Nu wär’s klar, warum der Dreck so schwer gewesen sei. So bin ich zum zweiten Mal gefunden worden und verlang’s kein drittes Mal zu erleben. Wegen dem Bein hat’s Verstecken freilich nichts geholfen, das ist doch weg, aber ich bin noch da.“

„Da kommt sie!“ rief ein Krankenwärter, durch den Wagen rennend.

„Was denn?“

„Die gesprengte Brücke!“

Ich eilte vor die Thür auf die Plattform. Richtig, da flatterte, noch weit in der Ferne, die schwarze Fahne bei der verdächtigen Stelle. Aus dem nächsten Wagen trat die Diakonissin, Schwester Gertrud, heraus und rief: „Ach, wenn nur nichts geschieht! Ich habe kein Bangen um mich, aber um diese armen Menschen da drinnen!“

Sie sprach auch mein Gefühl aus, die brave Schwester. Wir waren herwärts über vier solcher Nothbrücken gefahren, und damals hatte sogar der Wagenzugführer gestanden, der Anblick sei so schauerlich gewesen, daß er die Augen davor habe zudrücken müssen; ich war ruhig geblieben. Aber jetzt kam auch mir der Gedanke: wenn die Balken die Last nicht tragen, was wird aus all den hülflosen Verwundeten! – Indeß donnerten bereits die ersten Wagen darüber, und nun kamen auch wir daran, wir schauten durch die Balkenlage hinab in die brausende Yonne – und überstanden war’s, drüben lag La Rochelle, der für den Franctireursfrevel des 25. Januar hart gestrafte Ort, und vor uns lag die Aussicht, am kommenden Tage noch fünf solcher Brücken zu überfahren.

Schwester Gertrud war seelenfroh und erzählte mir von mancher ähnlichen Gefahr, die sie erlebt. Sie hat, trotz ihrer Jugend, schon eine reiche Vergangenheit ihres Wirkens hinter sich. Ihre Erlebnisse während der Typhusnoth in Preußen, im Kriege von Sechsundsechszig, wo ein von ihr verbundener Österreicher sie zum Dank dafür durch einen Pistolenschuß verwundete, und im jetzigen Kriege, wo sie unter Anderen durch ihre nimmermüde Sorge einem Officier das Leben gerettet – „und er hat sich nicht einmal dafür bedankt“ – das Alles verdiente erzählt zu werden; aber wie noch so Manches, das zu dieser Fahrt gehört, muß auch dies für mein Reisebuch bei Seite gelegt werden.

Es war wieder Abend geworden und ich hatte eine Einladung [248] zur „Musikalisch-declamatorischen Soirée“ in den Officierswagen erhalten. Im Sanitätszuge? Allerdings, und es gab auch große Tafel dabei und war die originellste Lustbarkeit. Wer von den dreißig Officieren nur irgend sein Lager verlassen konnte, der humpelte, hinkte oder schlich in den mittleren der drei von ihnen besetzten Wagen. Alle Schemel und Stühle aus der Wagennachbarschaft waren in den engen Gang zusammengeschleppt zu Sitzen für ein hochansehnliches Publicum. Eine Laterne mit einem Talglicht hing an der Wagendecke; in, an und zwischen den äußersten vier Betten war die Capelle versammelt, und die getheilte Portière stellte den Vorhang für die scenischen Ueberraschungen vor. – Das Programm war reichhaltig. Erst die große Frohnleichnamsmusik vom ersten Trompetenstoß bis zum letzten Trommelschlag nebst allen Ehrensalven; dann eine Capuzinerpredigt über die Frauensleut’; die Ouverture zum „Tannhäuser“, dann Vorstellung eines Käsperles-Theaters, die üblichen Charakterpuppen des Todes und des Teufels aus einem Stiefelknecht und einer kurzen Tabakspfeife fein hergestellt; Solo mit Brummchor, dann diverse Declamationen – und mittendrin überraschte die Abendmahlzeit auf den großen hölzernen Präsentirtellern Darstellende und Publicum. Wer sich nicht in einem der zehn Betten befindet, nimmt die liebe Gottesgabe in die Hand und ißt sie aus freier Faust; die in den Betten benutzen ihre Beine als Tisch, wenn sie deren noch zwei haben. Das ist aber nicht immer der Fall, denn gleich der Capellmeister, ein bairischer Hauptmann, und sein Nachbar, Husarenrittmeister und Trompetenvirtuos, haben jeder nur noch ein Bein – und mehrere andere Künstler müssen das Essen mit einem Arme lernen. Aber es geht, im Nothfall mit Hülfe getreuer Nächstenliebe. Der Wein muß nicht immer aus Weingläsern getrunken werden; es thun dazu auch andere Gefäße gut; man ist ja im Kriege. Und nach der Tafel das Programm noch einmal von hinten mit Variationen, und „Bravo!“ – „Hier bleiben!“ – „Zulage kriegen!“ bis zur Mitternacht. Wenn die Franzosen draußen im hellen Mondenschein solchen Jubel hinter dem rothen Kreuze hörten, sollten sie nicht auf den Gedanken kommen: „Wenn die deutschen Kranken so sind, was ist da gar mit den Gesunden anzufangen?“

In Chaumont, das wir am nächsten Nachmittag wiedersahen, wimmelte der Bahnhof von Reconvalescenten aller deutschen Völker und Waffen, wie sie der Krieg in die Lazarethe zusammengeworfen hatte. Für sie wurden noch drei Personenwagen dem Zuge angehängt. Viele trugen Wollendecken und ihre ganze Armatur bei sich und alle sahen noch ziemlich hinfällig aus; einige mußten sogar auf den noch freien Betten des Sanitätszuges untergebracht werden.

Bei Fontenay passirten wir die letzte gesprengte Brücke; der Ort lag niedergebrannt da, und diesem Bezirk Französisch-Lothringens kostete die Heldenthat der Besatzung von Langres zehn Millionen Franken Strafe – auf kaiserlich deutschen Befehl.

In Nanzig blieben wir nur wenige Nachtstunden; der Morgen des zwölften Februar führte uns den Vogesen und dem neuen und alten Deutschland zu. Auf der ganzen Bahn lauerte ich auf die Station, wo das Volk zuerst deutsch sprechen werde. Das war in Saarburg. Ein hübsches Mädchen kommt mit einer Flasche und mit einem Glas daher.

„Was giebt’s da, Mädel?“

„En Cognac!“

„Ist er gut?“

„Ei ja, mein Herr! Wollen’s Einen?“

„Hurrah, da geht Deutschland los! Gieb Einen her!“ –

Durch die herrlichen Vogesen war’s jetzt eine ganz andere Fahrt: sie waren nun unwiderruflich deutsch und auf allen Bahnhöfen flatterten die deutschen Fahnen. – Aber erst im alten Vaterlande begann für unsere Kranken wieder die Freude der Liebesgaben: in Landau, Neustadt an der Haardt etc.; jenseits des Rheins, den wir am frühen Morgen des Dreizehnten wieder begrüßten, nahm der Abgang vom Sanitätszug seinen Anfang. Viele Officiere begaben sich nach Wiesbaden; in Babenhausen und Darmstadt blieben die Hessen, in Würzburg die Baiern zurück, und als wir am Vierzehnten die sächsische Grenze wieder erreichten, bestand die Besetzung des Zuges noch aus etwa hundert Kranken, darunter siebenzehn Officiere. Sie Alle wurden von den Jungfrauen der Stadt Plauen im Voigtland mit schönen Sträußchen geschmückt, und ein grünes Blättchen rief allen zu: „Den deutschen Siegern über französischen Uebermuth freundlichsten Gruß!“

Um zehn Uhr Nachts fuhren wir im Magdeburger Bahnhof zu Leipzig ein, und meine große Fahrt mit dem Sanitätszuge war vom Anfang bis zum Ende glücklich vollbracht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Aus