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Ein dunkler Punkt

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Textdaten
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Autor: Dr. -a-
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Titel: Ein dunkler Punkt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 686–688
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[686]
Ein dunkler Punkt.

Ein ängstliches Mutterherz erbat sich kürzlich von uns darüber Beruhigung, ob es wirklich durch die Entwickelung bedingt sei, daß die weiche Stelle auf dem Kopfe ihres zweimonatlichen Erstgeborenen noch nicht die Härte der übrigen Nachbartheile erlangt habe. Am Schlusse waren die Worte hinzugefügt: „Ist es der Wissenschaft überhaupt möglich, den Grund des Vorhandenseins dieser Stelle zu erklären?“

Diese Anfrage über das Schreckgespenst jeder jungen Mutter kann an und für sich kaum als wunderbar bezeichnet werden, aber interessant und zugleich bedauernswerth für den Fachmann ist sie deshalb, weil man deutlich erkennt, wie wenig der Laie an den großartigen Fortschritten der medicinischen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten theilgenommen hat. Alle Specialfächer haben sich fast gleichmäßig an diesem glänzenden Aufschwunge betheiligt, nur Eines wird von Tag zu Tag mehr in den Schatten gestellt – die populäre Medicin.

Ein populär-medicinischer Artikel der Jetztzeit muß, wenn er nur irgendwie Befriedigung und Nutzen hervorrufen soll, eine höhere Anforderung an die Geistesthätigkeit der Leser stellen, als dies früher geschah; diese Anstrengung wird ihm aber meistens nicht zu Theil; er wird überschlagen, und Verleger und Autor verlieren die Lust zu weiteren Versuchen. Der Verfall dieses Zweiges der Wissenschaft bietet aber zugleich den Hauptgrund für die Erklärung, wie es möglich sein kann, daß bei der zunehmenden Allgemeinbildung des deutschen Volkes der Einzelne noch nicht in den Stand gesetzt ist, selbstständig die Spreu vom Weizen zu sondern, denn Aberglaube, Naturpfuscherei und Spiritismus wuchern relativ stärker als je zuvor.

Bei der Beantwortung der obigen Frage ist es daher auch unbedingt nothwendig, in aller Kürze auf anatomische Gewebsverhältnisse einzugehen, ohne welche ein Verständniß nicht herbeizuführen ist.

Der kleinste organisirte Bestandtheil unseres Körpers ist die Zelle. Die unendliche Mannigfaltigkeit, welche diese Gebilde in Bezug auf Größe, Gestalt und technischen Inhalt in dem vollendeten Organismus erlangt, ist vorzüglich bedingt durch die Stätte seiner Entwickelung. Schon von der ersten Bildungsstufe an lassen sich zwei gesonderte Zellenarten unterscheiden, [687] welche auch später zu jeder Zeit ihre Eigenthümlichkeit bewahren. In der scheibenartigen Keimanlage heben sich zuerst vier Schichten, von den Zellen des Hauptkeimes gebildet, ab. Hier ist der Ort der Entwickelung unserer zum Leben unumgänglich nothwendigen Organe. Nervensystem, Verdauungs- und Athmungsapparat, Drüsen und Muskulatur entstehen aus diesen Zellen, welche nach einem besonderen in ihnen selbst beruhenden Wachsthumsgesetze zu ihrem jedesmaligen Zwecke sich umformen. Sind diese vier übereinanderliegenden Zellenschichten entstanden, dann wächst ringsherum von außen aus einer Art Dottermaterial die zweite Zellenart dazwischen hinein. Der wesentliche Unterschied zwischen Beiden besteht darin, daß den jetzt erst hinzukommenden Zellen nicht, wie den schon vorhandenen, die Nothwendigkeit innewohnt, daß sie sich zu einer bestimmten Gewebsart entwickeln müssen, sondern es gehen aus gleichen Zellen verschiedenartige Produkte hervor, vorzüglich bedingt theils durch die Wachsthumsverhältnisse der Zellen, in welche sie hineinwuchern, theils durch die Lage, ob ihnen Ruhe oder Bewegung gegönnt ist. So verschieden auch die späteren Gebilde sich verhalten mögen, aus ein und derselben Anlage entwickeln sich Knochen, Sehnen, Knorpel und Bindegewebe. Nur diese letztgenannten Zellen sind für unsere Frage von Wichtigkeit.

An gewissen Stellen scheiden sie nämlich, in reger Theilung begriffen, eine Zwischensubstanz um sich aus; es entsteht der Knorpel, welcher in den späteren Zeiten als glänzender Ueberzug der Gelenke bekannt ist.

Verwickelter ist der Aufbau des bekanntesten Gewebes, des knöchernen Skeletts. Knorpel oder gewöhnliches Bindegewebe wird zu seiner Entwickelung benutzt. Bildet Knorpel das Muttergewebe, so beginnt der Proceß mit einer Verkalkung der Knorpelzellen, an welche sich unmittelbar eine Hineinwucherung von Blutgefäßen und Erweichung dieser Stellen anschließt. Der Knorpel wird dadurch zu einem tropfsteinartigen Gebilde, theils aus noch normalem Knorpel, theils aus so veränderten mit weicher Masse und Blutgefäßen erfüllten Lagunen umgewandelt. Bald bedecken sich diese Höhlungen tapetenförmig mit kleinen Rundzellen, welche, zu sternförmigen Gestalten mit einer Menge von Ausläufern auswachsend, eine gleichmäßige Grenzsubstanz um sich bilden. Diese verleiht dann durch Erfüllung mit Knochenerde diesem Gewebe seine eiserne Festigkeit. Concentrisch folgt so Schicht auf Schicht, bis jede der unzähligen kleinen Höhlen durch feste Substanz erfüllt ist und im Innern ein Blutgefäßchen zur Ernährung übrig bleibt. Auf diese Weise wird nach und nach sämmtlicher Knorpel durch neugebildeten Knochen verdrängt.

Die Entstehung aus Bindegewebe unterscheidet sich nur insofern, als die Entwickelung auf einer weichen, einer Schweinsblase ähnlichen Grundlage stattfindet. Von einer bestimmten Stelle, den Verknöcherungspunkten, schießen Kalknadeln nach außen, welche ganz die gleiche obige Umwandlung in Knochengewebe durch Blutgefäße, Höhlen und knochenbildende Zellen erleiden. Eine Bindegewebsschicht nach außen bewirkt das Dickenwachsthum des angelegten platten Knochens. Beide Entwickelungsarten finden bei dem Baue der knöchernen Schädelwand vor der Geburt ihre Anwendung.

Denkt man sich eine Kreislinie, von den Augenbrauen beginnend, über die Ohrlöcher nach dem hervorragenden Höcker des Hinterhauptes gezogen, so ist mit Ausnahme geringer Stellen der obere Theil häutig, der untere knorplig angelegt, eine Verschiedenheit, welche für die Entwickelung des darunter liegenden Gehirnes von der allergrößten Wichtigkeit ist, da ein allgemeines und schnelles Wachsthum dieses wichtigen Centralorganes durch eine vollkommen knorplige Decke nicht ermöglicht werden könnte. Deshalb befinden sich auch unter der häutigen Anlage gerade die Theile, welche bei dem Menschen durch die schnelle Zunahme ihrer Größenverhältnisse bekannt sind, die großen Gehirnlappen mit dem Sitze der Intelligenz. Sind diese, wie es bei manchen Thieren, z. B. den Haifischen, der Fall ist, äußerst klein, so genügt eine allgemeine knorplige Decke für dieses vegetative Dasein.

Im achten Monat entwickeln sich am Embryo in beiden Anlagen die Verknöcherungspunkte und zwar an Stellen, wo sie durch Druck und Zug am wenigsten in ihrem Wachsthum gestört werden. Zu beiden Seiten des Scheitels und am Hinterhaupt, ebenso rechts und links von der Mitte der Stirn, letztere als die später bei Manchen so heraustretenden Stirnhöcker bekannt, finden wir die ersten knöchernen Anfänge des häutigen Daches. Da nun die peripherische Größenzunahme an allen Punkten gleichzeitig, also rund geschieht, so ist klar, daß, wenn durch die stattgefundene Größenzunahme eine Berührung der einzelnen Knochen eingetreten ist, zu gewissen Zeiten an ihren Enden freie Stellen bleiben müssen, noch nicht verknöchert, sondern mit ihrer häutigen Grundlage. Eigentlich sollte dies an vier Theilen jedes Schädelknochens zu bemerken sein, doch ist es nach der Geburt nur die weiche Stelle über der Stirn, welche an den früheren allgemeinen Zustand erinnert. Sie ist also die noch nicht erfolgte Vereinigung der Knochenpunkte von beiden Seiten des Scheitels und der Stirn.

Am klarsten und einfachsten erlangt man eine Anschauung dieses Vorganges, wenn man zwei Paar runde Münzstücke dicht voreinander hinlegt. Die Mittelpunkte der vorderen stellen die Verknöcherungspunkte der Stirnbeine, die der Hinteren der beiden Seitenwandbeine dar. Zur Zeit der Geburt haben sich soviel concentrische Knochenleisten um diese Mittelpunkte entwickelt, daß nur die bewußte weiche Stelle im Innern, die große Fontanelle genannt, übrig bleibt. Fügt man noch unter das Hintere Paar eine gleiche Münze als Hinterhauptsschuppe hinzu, so erhalten wir in dem leeren Dreiecke die kleine Fontanelle, welche indeß ebenso wie die nach unten von den beiden Seitenwandbeinen gelegenen kurz nach der Geburt verknöchern. Zur schnelleren Bedeckung der letzteren trägt noch der Umstand bei, daß der untere Rand der beiden Seitenwandbeine durch den über dem Ohre befindlichen Knochenpunkt, die Schläfenschuppe, überwuchert wird, da die größere Breite der beiden Gehirnlappen den oberen Theil des Seitenwandbeines nach außen und den unteren hierdurch etwas nach innen beugt. Nach und nach fängt auch die große Fontanelle an, sich mit Knochensubstanz zu erfüllen, bis sie zu Anfang des zweiten Jahres die Härte der übrigen Schädelknochen erlangt hat. Die Berührungsstellen verbleiben dann überall nur als Linien, Nähte genannt, und ermöglichen durch das zwischen ihnen befindliche Bildungsmaterial das bis zu dem Ende des zwanzigsten Jahres fortdauernde Wachsthum unseres Schädels. Natürlich ist auch hier der Mann mit einer rauheren und eckigeren Form beschenkt worden, als die Frau, welcher die gütige Natur eine gefälligere Rundung und mehr künstlerische Vollendung verlieh. Freilich wird auch diese Schönheit durch den reichlichen Haarwuchs der Neuzeit auf das anatomische Museum beschränkt, wo man allein eine unentstellte Schädelform bewundern kann.

Doch noch in einer andern Beziehung müssen die mütterlichen Besorgnisse beschwichtigt werden. Wodurch wird das Auf- und Abwogen, die Pulsation, an diesem Orte hervorgerufen? Unter dem Schädel und der obersten Gehirnhaut umspült eine nicht bedeutende Menge wässeriger Flüssigkeit das von zahlreichen Blutgefäßen umsponnene Gehirn. Der durch jede Herzzusammenziehung vermehrte Blutgehalt dieser Gefäße erfordert einen größeren Raumbezirk als vorher. Bei dem Erwachsenen wird deshalb zugleich mit dem Pulsschlage ein Theil des Gehirnwassers nach der Rückenmarkshöhle gedrängt, um in der Herzpause wieder zurückzufließen. Der Neugeborene dagegen besitzt in seiner großen Fontanelle ein bequemeres Mittel zum Ausweichen; die wässerige Flüssigkeit buchtet sie einfach mit jedem Herzschlage etwas nach außen.

Was ergiebt sich aber in praktischer Beziehung aus unserer Betrachtung? Die Weichheit dieser offenen Stelle und des ganzen neugebildeten Knochengewebes macht die Schädeldecke in den ersten Zeiten abnormen Druckverhältnissen leicht zugänglich. Es erklärt sich daraus die Unsitte verschiedener Nationen, durch Bretter und Bandagen die gewöhnliche Kopfform zu den merkwürdigsten Gestalten zu verändern. Der herrschenden Geschmacksrichtung der Aristokratie der alten Peruaner entsprach z. B. ein oben breitgedrückter, manchmal in der Mitte noch sattelförmig eingebogener Schädel; Andere erzielten durch Umwickelung des Hinterhauptes ein etwas spitzes, aber dafür natürliches Chignon. Das Gehirn muß sich aber dann stets anderen Wachsthumsgesetzen anpassen, und wenn auch Geisteskrankheiten nicht als sofortige Folgen zu beobachten waren, so mußte doch mittelbar ein derartig modificirtes Organ für krankhafte Einflüsse leichter empfänglich sein. Besser ist es daher, in jeder Beziehung den leichtesten Druck zu vermeiden, vorzüglich das Einpressen des [688] Kopfes in enge Schraubstöcke von Hauben, eine nur unnöthige Spielerei, bei der höchstens die Garnitur und Häkelei bewundert werden soll.

Wichtiger ist die Frage, wie man sich mit der Reinigung der betreffenden Stelle zu verhalten habe. Während die eine Mutter sie auf gleiche Weise abrumpelt und kämmt wie die übrigen Theile, kennzeichnet die etwas verdächtige dunkle Färbung darauf die übergroße Vorsicht einer anderen. Die Methode jener Bauerfrau, durch ein darauf gelegtes Mutterpflaster den bedenklichen Fleck ihren mütterlichen Blicken zu entziehen, dürfte kaum als Allgemeinsitte einzuführen sein. Wie sich schon aus der obigen Entwickelung ergiebt, muß gerade hier ein Mittelweg eingeschlagen werden. Durch leichtes Darüberstreichen mit einem Schwamm kann man auf die einfachste Weise den dunkeln Punkt vermeiden, ohne die darunterliegenden Theile zu reizen. Eine fortdauernde zu starke Reibung hat vermehrten Blutzufluß zur Folge, wodurch wiederum eine vorschnelle Verknöcherung bewirkt werden könnte. Dies wäre als ein krankhafter Proceß zu betrachten, welcher dem raschen Schädel- und Gehirnwachsthum ein zu frühes Ziel steckte. Hand in Hand geht aber die normale Schädel- und Gehirnvergrößerung mit der Zunahme der geistigen Thätigkeit; mithin ist die offene Stelle nur die Vorgängerin eines offenen Kopfes.

Dr.a