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Ein deutsches Fischgut

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Textdaten
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Autor: Emil Peschkau
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Titel: Ein deutsches Fischgut
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 592, 594–596
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[592]

Ein deutsches Fischgut.

Von Emil Peschkau.

Es ist nun ungefähr ein Jahr her, daß ich gelegentlich einer Reise von Frankfurt nach Würzburg ein paar Bekannten meine Absicht äußerte, einen „Schritt vom Wege“ zu thun, um irgendwo interessante Eindrücke in mich aufzunehmen. Daraufhin empfahl mir der eine, in Gemünden auszusteigen und dort ‚Bratwürstel aufzunehmen‘. Die seien einzig in ihrer Art, namentlich in Verbindung mit Frankenbier. Wir lachten, dann aber sagte ein anderer, der ein theilnehmender Freund meiner Naturstudien ist: „Auch ich würde Ihnen zu Gemünden rathen. Ein paar Wandertage in der wenig besuchten Rhön werden Ihnen manche Beute bringen, und dann sollen sich in der Gegend große Fischzuchtanlagen befinden, wie man sie ja nur selten zu sehen bekommt. Das aber ist sicher etwas für Sie: den kleinen Fischlein zuzugucken, wie sie aus ihren Eiern herausschlüpfen.“ Diese Mittheilung genügte natürlich vollständig, um mich für Gemünden zu begeistern, und so nachhaltig war die Begeisterung, daß ich jetzt, nach einem Jahre, den Seitensprung, zu dem es damals nicht kommen sollte, doch noch unternahm.

Gemünden liegt in Unterfranken, an den Abhängen des Spessart und der Rhön. Saale und Sinn fließen hier in den Main, und zwei der meist befahrenen Bahnlinien – von Süd nach Nord und von West nach Ost – kreuzen sich in der Nähe des Städtchens. Dieses selbst zeichnet sich wirklich durch seine Bratwürste und sein Bier in hervorragender Weise aus. Aber auch sonst ist es gar nicht übel, und wenn man die lange, etwas holperige Hauptstraße hinaufschreitet, sieht man die schönsten alten Häuser und auf den Stufen davor, arbeitend oder neugierig lächelnd, noch viel schönere junge Mädchen. Dazu das Gebirge, das hinter dem malerischen Gemäuer ziemlich jäh aufsteigt, die halbzerstörten Schloßmauern, die über den Dachgiebeln emporragen, und der liebliche Blick in grüne Thäler und nach sanft geschwungenen, bewaldeten Höhen – das giebt ein gar trauliches Zusammenspiel, an dem man nicht gern flüchtigen Fußes vorübergeht. Aber wir wollen ja tiefer hinein in die Berge, und so wandern wir zurück nach dem Bahnhof [594] und besteigen einen Zug der Sekundärbahn, die von Gemünden nach Hammelburg führt. Das ist so eine Art Dampfschnecke, die behaglich von Ort zu Ort schleicht – man merkt kaum, daß man weiter kommt, aber man kommt doch weiter und könnte dabei all die anmuthigen Landschaftsbildchen des Saalethales mit Gemüthsruhe in sein Skizzenbuch zeichnen. Endlich, nach einer guten halben Stunde, hält die Schnecke zum dritten Male – wir sind an unserem Reiseziel – dem „Fischgut Seewiese".

Aber . . . „was hat’s denn eigentlich mit solch einem Fischgut für eine Bewandtniß?“ haben nun wohl schon die meisten der Leser gefragt. „Warum züchtet man überhaupt Fische?“ „Reichen die Bewohner unserer Gewässer nicht aus, um das vorhandene Bedürfniß zu befriedigen?“

Was die letzte Frage betrifft, so müßte sie eigentlich anders gesteltt werden. Man müßte fragen, ob die in den Gewässern enthaltenen pflanzlichen und thierischen Nahrungsstoffe, die für den Menschen unmittelbar nicht verwendbar sind, durch Umwandlung in möglichst werthvolles Fischfleisch nicht weit besser ausgenützt werden könnten als bisher. Das sind auch Weideplätze, und was sie tragen könnten, geht bei uns leider größtentheils verloren. In England, wo man der Fischerei seit jeher besondere Aufmerksamkeit zugewendet hat, ist das ganz anders. Da ist zum Beispiel ein schottischer Lord, dem ein kleines Flüßchen jährlich die Summe von 120 000 Mark – für Angelkarten einbringt. Und die Angler sind zumeist kleine Leute, Arbeiter, die sich ein Sonntagsvergnügen machen und dabei ihren Tisch für ein paar Tage aufs billigste versorgen – noch dazu mit Fischen, wie sie bei uns in der Regel nur Millionäre und Defraudanten zu speisen pflegen. Wer das überlegt, wird sich leicht sagen, nach wie viel Richtungen hin unsere sozialen Verhältnisse werkthätig beeinflußt würden, wenn unsere Wasserläufe etwas mehr in den Vordergrund des öffentlichen Interesses träten. Neuerdings ist ja durch die segensreiche Thätigkeit der Fischereivereine schon vieles besser geworden, aber immer noch gehen ungeheure Summen für den Nationalwohlstand einfach verloren, weil so viele prächtige Weideplätze eben nicht – abgegrast werden.

Aber warum werden sie nicht abgegrast? Warum haben wir so wenig werthvollere Fische?

Die Antwort auf diese Frage giebt zugleich auch die Antwort auf die andere: Warum züchtet man Fische? Denn eine große Zuchtanstalt, wie das Fischgut Seewiese, beschäftigt sich eigentlich nur nebensächlich damit, feiste Lachse und Karpfen auf die Tafel zu bringen, wenn auch allein an Forellen etwa 30 Zentner im Jahr verschickt werden. Die Haupttäthigkeit ist der Heranzucht der Brut werthvoller Arten gewidmet, die dann in Flüssen, Bächen, Seen und Teichen ausgesetzt wird. So sehen wir denn auch im Augenblick, da wir die Anlage betreten, den Abgesandten des „Deutschen Fischereivereins“ sorgsam über eine Wage gebeugt, und in der Wagschale erblicken wir ein sonderbares Gewimmel winziger, dunkelschimmernder Geschöpfe – sie gehören zu den 150000 Lachsen, die der Anstalt eben entnommen werden, um den Neckar zu bevölkern. Und so gehen von Seewiese im Jahre durchschnittlich zwei Millionen Eier und eine Million junge Fischlein in die Welt. Diese „künstliche“ Bevölkerung der Wasserläufe aber ist nöthig, weil die Fortpflanzung der Fische eigentlich nur vom Zufall abhängt und oft unter störenden Einflüssen aller Art zu leiden hat. Auch haben sowohl die Eier wie die junge Brut zahlreiche Feinde – oder, wenn man will, „Liebhaber“ – aus dem Thierreich. So ist es kein Wunder, daß der Fischstand da oder dort, wenn er nicht besonders gepflegt wird, erheblich zurückgeht und daß werthvolle Arten bisweilen ganz verschwinden. Diesen Verlusten entgegenzuarbeiten, ist die Aufgabe der künstlichen Fischzucht.

Man züchtet allerdings auch Karpfen (Cypriniden) in Seewiese, aber entsprechend dem kühlen Bergwasser, das zur Verfügung steht, widmet man sich in erster Linie den Salmoniden, von welchen besonders die Bachforelle, der Saibling, die Seeforelle, der Rheinlachs, der schottische Lochleventrout, der nordamerikanische Bachsaibling, die kalifornische Regenbogenforelle und die Aesche (der Lieblingsfisch des Fürsten Bismarck) mit Erfolg gezogen werden. Daneben hat man auch Versuche mit anderen Arten, wie mit dem amerikanischen Forellenbarsch, dem Zander, der Maränte des Madüsees etc. gemacht, die indes bis jetzt nur zum Theil geglückt sind. Jede Art hat eben ihre besonderen Lebensbedingungen, erfordert besonderes Studium und besondere Pflege, und es giebt Fische, die so empfindlich und anspruchsvoll sind wie eine Primadonna oder ein Heldentenor.

In Seewiese haben sie es übrigens herrlich, und das Leben wird ihnen dort beneidenswerth leicht gemacht. Zwei köstliche Forellenthälchen senken sich hier rhönabwärts nach der Fränkischen Saale, das Thal der Schondra und das des Fischbachs, und das Wasser des letzteren wird für die Anstalt benutzt. Es ist so rein und frisch, wie sich’s eine Forelle nicht besser wünschen kann, und überdies entspringen ein paar Quellen auf dem Gute, die das ganze Jahr über immer kühles Naß spenden. Das Thälchen ist umgeben von bewaldeten Berghängen, so daß es weder an Schatten noch an reichlicher Insektennahrung fehlt, und ein paar Schritte weiter stießt die Saale vorbei, in der sich immer so viel Weißfische finden, als man zur Speisung der Lachse und Forellen bedarf. Man kann also den Fischen – was für die Zucht am günstigsten ist – genau dieselbe Nahrung bieten, die sie sich unter natürlichen Verhältnissen suchen, und andererseits ist in unserem nordischen Frühlingsklima kaltes Brutwasser ja auch eine Hauptbedingung für den Betrieb der künstlichen Fischzucht. Die Fischgattungen, um die es sich hier handelt, laichen in der späten Herbstzeit, und es gilt nun, das Ausschlüpfen der jungen Thiere möglichst zu verzögern, damit die Brut, wenn sie im Frühling ausgesetzt wird, den Tisch schon gedeckt findet. Je kälter aber das Brutwasser ist, desto langsamer geht auch das Brutgeschäft vor sich, desto später im Frühjahr kann man die Fischchen den Flüssen und Bächen übergeben.

Was nun die künstliche Fischzucht selbst betrifft, so ist sie keine Erfindung unserer Tage. Sie wurde schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von einem Deutschen Namens Jakobi ausgeübt, der sein Verfahren im „Hannoverschen Magazin“, Jahrgang 1763, ausführlich beschreibt. „Wenn die Forelle ordinär im Dezember den Laich ablegt,“ heißt es da u. a., „so nimmt man ein Weibchen und drücket von selbigem die Eier aus, welches durch ein sanftes Streichen aus dem Bauche des Fisches sogleich erfolgt, ohne daß man dem Fische etwas zu Leide thut. Wenn der Fisch aber geschlachtet werden soll, wird der ‚Laich‘ herausgethan, in eine thönerne Schüssel gegeben und zum Gebrauch hingestellt. Sodann nimmt man ein Männchen von der Forelle, streichet solches gleichfalls, lässet die davon kommende ‚Milch‘ auf die in der Schale befindlichen Eier fließen und rührt solches durcheinander. Mit dieser Schale geht man zu dem Bruttrog, dessen Boden ungefähr zwei Zoll hoch mit grobem Kiessand bedeckt ist, streut den Laich auf den Kiessand und gießt das Wasser in den Trog. Dann macht man den Deckel zu und beobachtet, daß das Wasser seinen beständigen Lauf behält.“

Das ist das Prinzip der künstlichen Fischzucht, und von ihm ausgehend haben sich nun verschiedenartige Systeme entwickelt, die im einzelnen zu besprechen hier natürlich nicht der Ort ist. Wir folgen vielmehr unserem Führer und treten in eine kühle geräumige Halle, in der ein beständiges Rieseln und Rauschen ist – das Bruthaus – und hier haben wir Gelegenheit, das keimende und wachsende Leben zu verfolgen, soweit dies eben angeht. Ist die künstliche Befruchtung vollzogen, so besteht die weitere Aufgabe des Züchters darin, die befruchteten Eier bis zum Ausschlüpfen und dann die junge Brut bis zur Selbständigkeit vor den Gefahren und Schäden zu bewahren, denen sie während dieser Zeit in der freien Natur ausgesetzt wären, und das geschieht eben im Bruthaus, in den Brutapparaten. Wir sehen hier, mit den Rückseiten aneinanderstehend, zwei Reihen von Tischen, auf welchen die Tröge angebracht sind – Kasten, die ungefähr 2 Meter lang, 60 Centimeter breit und 20 Centimeter tief sind. In diese Kasten fließt nun beständig das Wasser, das vorher 11 Filterkammern durchlaufen hat, die abwechselnd mit Kies und Schwamm gefüllt sind. Würde das Wasser einfrieren, so wäre eine Summe von 12000 Mark verloren – der Werth der eben in den Apparaten befindlichen Eier. Aber auch abgesehen von dem ununterbrochenen Zulauf des Wassers gilt es da manche Schwierigkeiten zu überwinden. Für Ei und Fischbrut müssen eben Bedingungen geschaffen werden, die den natürlichen möglichst entsprechen, alle Feinde und andere zerstörende Einflüsse wie Ungeziefer, Schlamm und so weiter müssen ferngehalten werden und anderes mehr. In [595] Seewiese setzt man nun in jeden dieser Tröge eine größere Anzahl kleiner Kästen, deren Boden – rostartig – durch Glasstäbe gebildet wird, und auf diesen Glasstäben ruhen die Eier.

Die Befruchtungsarbeit erfolgt, wie aus dem bereits Gesagten hervorgeht, im Spätherbst, im Winter. Da stelle sich der geneigte Leser einen Mann in hohen Stiefeln vor, der in einem Porzellangefäß die Eier und die „Milch“ zusammen rührt – der Mann ist in diesem Augenblick etwas wie ein Schöpfer.

Im Bruthause.
Nach der Natur aufgenommen von Hofphotograph C. Hertel in Mainz.

Hat er tüchtig, aber vorsichtig gerührt, dann werden die nun befruchteten Eier abgewaschen und auf die Roste aus Glasstäben hübsch nebeneinander gelegt. Es sieht aus, als ob man sorgsam geordnete Reihen kleiner gelber Erbsen vor sich habe. Da eine einzige Pfundforelle oft 1000 Eier liefert (der Karpfen hat auf das Pfund Körpergewicht etwa 100000 Eier!), so benöthigt man nur einer geringen Anzahl von Weibchen, um das Bruthaus zu versorgen. Dafür ist die Arbeit der Beaufsichtigung dann um so peinlicher und mühevoller, da die frisch befruchteten Eier auch gegen jede Bewegung äußerst empfindlich sind. Hat sich das junge Lebewesen dann soweit entwickelt, daß seine Augen im Ei als zwei schwarze Punkte sichtbar werden, so ist die gefährliche „Anbrütungsperiode“ vorüber. Die Eier sind nun weniger empfindlich und können – zwischen feuchte Watte oder Moos verpackt – auf die weitesten Entfernungen verschickt werden. Hat das durch die Brutapparate laufende Wasser eine durchschnittliche Temperatur von 21/2° R., so werden bei Forelleneiern die Augen als schwarze Punkte nach ungefähr 80 Tagen sichtbar, hat es aber eine Temperatur von 5°, so erscheinen die Augenpunkte schon nach 40 Tagen. In weiteren 40 Tagen schlüpft dann in letzterem Falle der junge Fisch aus. Wenn man also die Eier mittels Anwendung von Eis so verpackt und befördert, daß die sie umgebende feuchte Hülle sich während der Dauer der Reise nicht über 5° erwärmt, so kann der Transport ohne Schaden 30 bis 35 Tage dauern. Erhält man die Temperatur der Eier auf 21/2°, so können sie sogar 70 Tage lang reisen. Auf diese Weise ist es möglich geworden, den kalifornischen Lachs und andere Salmoniden Amerikas nach Europa überzusiedeln, und so ist es auch möglich, daß das Fischgut Seewiese seine Eier nicht bloß nach den meisten Staaten Europas, sondern auch nach überseeischen Ländern versendet.

Bleiben wir nun vor einem der Tröge stehen! Da liegen die kleinen „Erbsen“ still auf ihren Glasstäben unter dem krystallhellen, leise fortrieselnden Wasser, und nichts mahnt an Leben. Auch hier – einen Schritt weiter – ist alles still; nur hie und da hat eine der Erbsen ein Paar schwarzer Punkte, und da . . . ist es nur das Rieseln des Wassers – die Spiegelung – ein Schatten . . . oder bewegt sich das Ei wirklich, schwebt es wirklich gespenstisch wie ein seltsames Nebelgebilde daraus hervor? Wir nehmen einen Glasheber, suchen das Ding zu fassen, und jetzt . . . wahrhaftig, es ist kein Ei mehr, es ist ein Fisch, oder wenigstens das Gespenst eines Fisches, ein unheimlich anzusehendes träges Schattenwesen, das sich neben der Erbse, an der es haftet, in dem schimmernden Nasse fast verliert. Und nun machen wir wieder einen Schritt weiter, und da sind es keine Gespenster mehr, sondern wirkliche kleine Fischlein, die schon munter umherschwimmen, wunderbar munter, obgleich sie alle einen schweren Sack mit sich schleppen – die ganze, ganze Erbse. Aber diese Erbse ist eben das Glück der kleinen „Dotterlinge“. Sie kommen auf die Welt und brauchen weder Mama noch Papa noch einen Waisenvater, sie haben ihren „Dottersack“. Der hält so lange an, bis sie majorenn sind, bis sie sich selber durch die Welt helfen können.

Die Fischzuchtanlage Seewiese in der Rhön.
Nach der Natur aufgenommen von Hofphotograph C. Hertel in Mainz.

Ist der Dottersack aufgezehrt, bedürfen die kleinen Fische der Nahrung, dann ist es Zeit, sie in die Gewässer zu bringen, sie „auszusetzen“, wobei natürlich darauf zu sehen ist, daß sie die ihrem Alter und der Gattung entsprechenden Lebensbedingungen vorfinden. Ich habe schon erwähnt, daß Seewiese mehr Eier als Brut versendet – von ersteren zwei Millionen, von letzterer eine. Die Eier werden auf Rahmen gelegt, die mit Wollbarchent bespannt sind; eine Anzahl solcher Rahmen bringt man dann, nachdem sie mit Wasser getränkt sind, in einer Kiste unter, und zwar so, daß an allen Seiten etwa 8 Centimeter Raum bleibt, der mit nassem Waldmoos oder nasser Torfstreu und daneben mit Eis ausgefüllt wird. Die kleinen Fischchen verschickt man in kannenartigen Blechgefäßen, die, von Moos und Eis umgeben, in Körbe gestellt werden; für die Beförderung der größeren Thiere werden Holzfässer benutzt. Die [596] Brut, die in der Anstalt selbst ausgesetzt wird, kommt in Teiche, von denen das Fischgut Seewiese nahe an 30 enthält, die thalaufwärts an beiden Seiten des Fischbachs angelegt sind.

Der Bach ist am oberen Ende der Besitzung durch ein Wehr abgeschlossen, und von hier aus strömt das Wasser nach rechts und links beständig durch die Teiche – eine dritte Leitung geht nach dem Bruthaus. Ein Theil der Teiche ist der Aufzucht der jungen Brut gewidmet, in den anderen befinden sich, nach Gattungen und Jahrgängen geordnet, die größeren Fische, 6 Teiche werden allein von dem „Laichmaterial“ beansprucht, den Thieren, welche im Herste die Anstalt wieder mit Eiern versehen sollen. Die Teiche haben – damit das Wasser leicht vollständig abgelassen werden kann – geneigten Boden, sind am unteren Ende drei Meter tief und sämmtlich mit Schutzvorrichtungen gegen Verschlammung, Hochwasser etc. versehen. Dort wo das Thal sich verbreitert und der Waldschatten spärlicher wird, ist stellenweise Baum und Busch gesetzt, und kleine Inseln mit Strauchwerk beschatten die größeren Teiche von ihren Mittelpunkten aus – zugleich locken sie die Insekten an, die ja von den Forellen bekanntlich mit besonderer Vorliebe geschmaust werden. In jedem der Teiche befindet sich überdies – einen halben Meter unter dem Wasserspiegel – ein Speisetisch, auf welchem den Herrschaften ihre Mahlzeit vorgesetzt wird, was übrigens nicht geschieht, um ihnen „Lebensart“ beizubringen, sondern weil es praktisch von größter Bedeutung ist. Man kann sich auf diese Weise überzeugen, wie ihr Appetit beschaffen ist, und andererseits ist dafür gesorgt, daß das Futter nicht im Teiche liegen bleibt, dort in Fäulniß geräth und so das Wasser und damit die Fische schädigt. Eine Wanderung von Teich zu Teich, während die Tafeln besetzt werden, bietet ein Vergnügen eigener Art, und ich habe mir die Gelegenheit denn auch nicht entgehen lassen, mich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie gut es den Zöglingen von Seewiese schmeckt. Man bekommt wahrhaftig selber Appetit, wenn man ihnen so zusieht, und gefährliche Visionen von blaugesottenen Forellen, thymianduftenden Aeschen und braunen Karpfen stellen sich ein. Zuletzt kostete es auch wirklich ein paar der munteren Gesellen das Leben.

Zu dem Fischgut gehören übrigens auch noch einige außerhalb der Besitzung gelegene Teiche, in denen Karpfen einquartiert sind. Auch sind in der Umgebung Fischereien gepachtet: so die der Schondra, 53 Kilometer lang, dann eine Strecke der Sinn und der Jossa.

Die Erkenntniß, daß die Entvölkerung unserer Fischwasser ein erheblicher Schaden für unser Nationalvermögen ist, verbreitet sich in immer weitere Kreise, es steht aber glücklicherweise in unserer Macht, diesem Schaden entgegenzuarbeiten. Und wie häufig bieten sich dem Landwirth ertragslose Flächen, die ohne große Kosten in nutzbare Fischwasser umgewandelt werden könnten! Das ist natürlich nur möglich, wenn man geeignetes Zuchtmaterial beziehen kann, und in Seewiese hat man denn auch bereits erfreulicherweise alle Hände voll zu thun. Die Besitzer des Fischgutes, die Herren Oberstlieutenant v. Derschau und G. Schellhorn-Wallbillich, werden für ihre Mühen und ihre Opfer durch das ihnen aus allen Welttheilen entgegengebrachte Vertrauen reichlich belohnt, und wenn man, gleich mir, längere Zeit in Seewiese verbringt, dann bekommt man nicht bloß Visionen von blaugesottenen und gebackenen Flossern, man fühlt auch die Lust erwachen … Briefmarkensammler zu werden.

Aber nun zum Schluß, denn wir wollen ja nicht bloß Fische studieren, sondern auch Berge, Thäler, Menschen. Und so nehmen wir Abschied von dem Rieseln und Rauschen und steigen rhönaufwärts in die einsamen Wälder, wo in der Morgenstille noch der Auerhahn balzt. Und dann hinunter nach Kissingen, wo uns vielleicht wieder eine Forelle aus Seewiese begrüßt … blau gesotten natürlich!