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Ein deutscher Dichter, Denker und Dulder

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Textdaten
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Autor: Paul Weidenbach
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Titel: Ein deutscher Dichter, Denker und Dulder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 586-588
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein deutscher Dichter, Denker und Dulder.


„Sie sehen in mir nur das Fragment eines Menschen“ – dies waren die ersten Worte, mit denen Heinrich Landesmann, der unter dem Pseudonym „Hieronymus Lorm“ gefeierte Schriftsteller, in seinem Hause zu Dresden mich begrüßte. Und eine wie schmerzlich-wahre Illustration bildet seine äußere Erscheinung zu diesen Worten: vorgebeugten Hauptes, das Schmerz und Zeit geneigt hatten, wurde er am Arme seiner Gattin mir entgegengeführt; die fast erloschenen Augen versagten ihren Führerdienst. Als die Worte meines Gegengrußes dem beinahe erblindeten Schriftsteller durch eine Zeichensprache von seiner Begleiterin übermittelt wurden, drängte sich mir die traurige Gewißheit auf, daß Lorm auch – taub sei: fast blind und ganz taub und dazu noch von einer dem Fremden schwer verständlichen Sprache, die, nicht mehr controlirt und geleitet vom Ohr, eigenthümlich unklar geworden ist – fürwahr nur das Fragment eines Menschen!

Schon von seinem dreizehnten Jahre an litt er (Lorm ist am 9. August 1821 zu Nikolsburg in Mähren geboren) an den Augen und dem Gehör; mit dem fünfzehnten verlor er das letztere vollständig, und damit den angegriffenen Augen nicht ein gleiches Unglück widerführe, mußte er die bis dahin mit auffallendem Erfolg betriebenen Studien unterbrechen. Sein poetisches Talent hatte sich aber bereits geregt; schon in seinem fünfzehnten Jahre brachte die „Wiener Theaterzeitung“, das damals gelesenste Blatt Oesterreichs, von ihm einen Aufsatz über Jean Paul und einige Gedichte, in denen die Klage über sein Schicksal ohne Groll mit sanfter, kindlicher Schwermuth ausgesprochen war.

Das Verbot des Weiterstudirens erfüllte Lorm mit der grauenhaften, psychologisch begründeten Furcht, daß bei Verschlossenheit der Außenwelt das Versagen einer kräftigen, geistigen Unterstützung seiner Innenwelt einen Zustand des Blödsinns herbeiführen könnte. Endlich sah man ein, daß diese Angst in der That das bereiten könne, vor dem sie zurückbebte, und gab ihm die vielgeliebten Bücher frei. Mit einem brennenden Durst, der durch die zeitweilige Entsagung nur noch glühender geworden war, warf er sich auf das Studium der alten und neuen Sprachen, der Philosophie und Literatur.

Im Jahre 1846 trieb ihn die Mißwirthschaft des Metternich’schen Systems mit seinen unheilvollen Wirkungen auf das Geistesleben seiner Heimath zur Abfassung des Buches: „Wiens poetische Schwingen und Federn“. Um seiner Familie keine politischen Verfolgungen zuzuziehen, nahm er bei Herausgabe dieses Buches den Schriftstellernamen Hieronymus Lorm an. Er selbst siedelte nach Berlin über, wo er theils studirend, theils producirend thätig war, indem er für die „Europa“ kritische Aufsätze und die ersten Versuche im Feuilleton lieferte. Diese frühesten Arbeiten Lorm’s fallen in sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr, da er bis zu dieser Zeit eigene Produktion sich versagt hatte, um ausschließlich dem Studium sich hingeben zu können. –

In das befreite Vaterland zurückgekehrt, war Lorm bald einer der gesuchtesten Feuilletonisten der österreichischen Presse. Nach doppelter Richtung hin war er von nun an thätig: die eine umschloß theils belletristische Erzeugnisse, namentlich Novellen, gesammelt unter den Titeln „Am Kamin“, „Novellen“, „Erzählungen des Heimgekehrten“, theils aber Betrachtungen der Tagesereignisse, die sich durch graziöse Anmuth und Witz auszeichneten und nie gesammelt wurden, weil sie mit dem Tage selbst zu verwehen bestimmt waren; die andere Richtung umfaßte ernste Arbeiten, von denen nur eine überaus kleine Auswahl unter dem Titel: „Philosophisch-kritische Streifzüge“ erschien, die dem Verfasser den Titel eines Doctors der Philosophie von der Universität Tübingen einbrachte.

Inzwischen hatten die unausgesetzten Studien und Arbeiten seine schon ursprünglich schwachen Augen so sehr geschädigt, daß das Sehvermögen des einen gänzlich zerstört wurde, und von dem des anderen nach zwei Operationen nur noch ein kleiner Rest gerettet wurde, der keinen Aus- noch Ueberblick, keinen Genuß an der Natur und den Werken der Kunst mehr gestattet und gerade nur hinreicht, mittelst eines besonders construirten Apparates ein mühseliges Lesen und Schreiben zu gestatten.

Das Papier, dessen sich Lorm zu seinen schriftstellerischen Arbeiten bedient, ist wie ein Linienblatt präparirt, zwischen dessen dicke schwarze Querstriche die Buchstaben hineingekritzelt werden, da ohne diese Direction die Zeilen auf Abwege gerathen und sich in’s Bodenlose verlieren würden. Die Schriftzüge sind leidlich leserlich und erzählen eigentlich nur dem Eingeweihten von der körperlichen Pein, die ihre Entstehung ihrem Schöpfer verursacht. Nicht minder qualvoll ist das Lesen für Lorm: Buchstaben für Buchstaben muß er durch jenen Apparat sich zusammensetzen, bis dem durch eine so mühselige Lectüre nur zu schnell Erschöpften irgend ein Glied seiner Familie durch die Zeichensprache das Weitere „telegraphirt“.

Es bedeuten nämlich die Finger der Hand und ihre Theile bestimmte Buchstaben, so daß man durch Berühren der betreffenden Stelle an der Hand Lorm’s den bestimmten Buchstaben bezeichnet. Auf diese Weise nun kann man demselben einzelne Worte, Sätze, ja ganze Geschichten „telegraphiren“. Dies scheint zunächst zwar sehr langwierig und umständlich, die Uebung aber macht auch hierin zum Meister und mit bewundernswerther Schnelligkeit, Schritt haltend mit einem ruhig und stetig Sprechenden, verdolmetschen die Seinigen ihm Alles, während er dagegen mit liebenswürdigster Geduld auch den langsam-schüchternen Versuchen eines neugewonnenen Freundes Stand hält, der mühsam-unbeholfen an seiner Hand herumbuchstabirt. Erräth Lorm an den ersten [587] Buchstaben das ganze Wort, so erleichtert er auch wohl dem Anfänger die Mühe, indem er dasselbe ausspricht und ihm so die langsame Procedur erspart.

Sonst gestattet ihm, wie gesagt, die fast zerstörte Sehkraft seiner Augen keinen An- und Ueberblick, keinen Genuß an der Natur – nur da, wo die Bäume schattig dicht zusammentreten, wie z. B. im Friedrichsgrund bei Pillnitz, fällt ein Schimmer des grünen Lichtes in seine erloschenen Augensterne und von einem solchen Frühlingsgruß zehrt Lorm dann lange Zeit. Auch der blaue Strahl eines Kindesauges, der seiner Sehkraft erreichbar ward, übt einen seltsam ergreifenden Zauber aus auf das Gemüth des weltabgeschiedenen, duldenden Mannes.

Und doch fallen gerade in jene Zeit des größten körperlichen Elends, das einen Mann von Bildungsdurst und regsamem Geiste treffen kann, die Hauptwerke Lorm’s, welche die eigentliche Veranlassung geben, von ihm zu sprechen; es erschienen, außer jenen schon erwähnten philosophisch-kritischen Streifzügen, in diesem Zeitraume noch die „Gedichte“ (Hamburg 1870, 2. Aufl. 1875), „Geflügelte Stunden“ und „Der Naturgenuß, eine Philosophie der Jahreszeiten“ (Berlin 1876). Wie kein Leidender, der zufällig geistig producirt, eben um seines Leidens willen literarisch verherrlicht werden kann und darf, und wie ich deshalb auch bei der Werthschätzung der Lorm’schen Schriften gänzlich von dem Unglücke des Menschen absehe, den Schriftsteller Hieronymus Lorm absolut von dem Leidenden, Heinrich Landesmann, abscheide, so ist auch in seinen Büchern nichts enthalten, was auf einen persönlichen Schmerz zurückzuführen, aus einem solchen heraus zu erklären wäre: Lorm’s Schriften sind nicht das Spiegelbild seines subjectiven, erschütternden Elends, wiewohl es, wenn es so wäre, wahrlich nicht wunderbar sein könnte. –

Ein jetzt oft genannter Journalist hat in einem Essay „Hieronymus Lorm“ die Behauptung aufgestellt, Lorm sei der bisher berufenste dichterische Ausleger des Pessimismus, ein Vertreter derjenigen Weltanschauung, nach der alles, was da ist, vom Uebel ist. Dieser Satz ist falsch, ist aber nichtsdestoweniger durch alle Blätter gegangen und zu einem Gemeinplatze, zu einer im Publicum allgemein verbreiteten Ansicht geworden, die der Bedeutung, dem Verständnisse und vor Allem den Erfolgen der Lorm’schen Werke unendlich geschadet hat.

Lorm ist ein Anhänger des Optimismus, jener Lehre, nach welcher Alles gut und schön ist; er ist der Philosoph und Dichter des „Optimismus ohne Grund“, welcher ebenso die Ueberwindung des Pessimismus, wie die des gemeinen schönseligen Optimismus, der sich durch die Thatsachen der Welt für begründet hält, zur Voraussetzung hat.

Niedergeschmettert und fast überwältigt von der ungeheuern Last seines Leidens, wurde Lorm mit Naturnothwendigkeit zunächst – Pessimist; die Spuren dieser Thatsache finden wir in seinen Poesien, wie z. B. im „Sphärengesang“:

So lang die Sterne kreisen
Am Himmelszelt,
Vernimmt manch’ Ohr den leisen
Gesang der Welt:
„Dem sel’gen Nichts entstiegen,
Der ew’gen Ruh’,
Um ruhelos zu fliegen –
Wozu? Wozu?“

Mit dem zauberischen Wohllaut dieser Verse vermag sich nur noch das bekannte Heine’sche „Frühlingslied“ zu messen.

Denselben Standpunkt kennzeichnet auch jenes andere, in weiteren Kreisen bekannt gewordene Gedicht „Zwei Wanderer“:

Zwei Wand’rer schritten durch den Wald,
Den Schlag auf Schlag das Beil durchhallt.
Was jeder wünschte sehnsuchtsvoll,
Ihm aus dem Klang entgegenscholl.
Der Rüst’ge sprach: „Dort liegt der Strand;
Man baut ein Schiff nach fernem Land.“
Der Müde sprach: „Man baut ein Haus;
Die Liebe schmückt’s mit Blumen aus.“
Sie drangen durch das Baumgeflecht.
Und sieh! da hatten Beide Recht.
Man baut ein Schiff nach fernem Land,
Ein Haus, umpflanzt von lieber Hand.
Man zimmert, was der Wald verbarg,
Aus neuen Brettern einen Sarg.

Doch rang sich aus dieser Nacht des inneren Lebens Lorm’s Geist mit Riesenkraft empor:

Mein starkes Herz! In düstrer Einsamkeit
Fühlst du dich selig jetzt nach blut’gem Streit.
Wie hart das Schicksal, härter noch warst du,
Von meines Geist’s dämonscher Kraft gefeit.
Wohl stehn nach heißer Schlacht mit dem Geschick
Erschlag’ne Träume um dich her gereiht,
Wohl ruht dein Glück vor dir im Sarkophag,
Wohl liegt in Schutt der Jugend Märchenzeit –
Du aber wandelst stolz und stark dahin,
Durch wüste Trümmer der Vergangenheit;
Dein Pochen hallt die Harmonie zurück
Der Geister, die von ird’schem Staub befreit. –

Nachdem der Dichter so endgültig abgeschlossen mit den finsteren Mächten seines Lebens, schwingt er sich nach und nach bis zu jener Bergeshöhe der Weltbetrachtung empor, die schon von einem Sonnenstrahl logisch unbegreiflichen Glückes zeitweilig übergossen wird, und so steht denn als Lebenssumme unter jenem ergreifenden Menschenbilde der Spruch Lorm’s:

Und droht auch Nacht der Schmerzen ganz
Mein Leben zu umfassen –
Ein unvernünft’ger Sonnenglanz
Will nicht mein Herz verlassen.

So sind dem Dichter und Denker, je tiefer er in den Abgrund des Schmerzes zu versinken glaubte, desto heller die goldenen Sterne einer grundlosen Freude hoch über seinem Haupte an dem dunklen Himmel seines Lebens aufgegangen. –

Theoretischer, als es in den Gedichten geschehen konnte, hat Lorm dem „grundlosen Optimismus“ schon in der „Muse des Glücks“ und ausführlicher im „Naturgenuß“ Bahn zu brechen gesucht. Hier einige Gedanken unseres Philosophen:

„Das Glück ist weder ein Begriff noch ein Besitz, weder ein Kind der Vernunft noch des Reichthums, sondern ganz und gar eine angeborene Gabe, ein Talent, das sich zuweilen zum Genie steigert.“

„Die Kunst, glücklich zu sein, kann daher nicht gelehrt, sondern nur von Demjenigen, der sie kraft seiner Natur besitzt, geübt werden.“

„Die namenlose Muse des Glückes ist ein innerer Fonds von Lebensfreude, unabhängig von dem äußeren Inhalte des Lebens und nicht anders denn als ein Optimismus ohne Grund zu bezeichnen.“

„Die Muse des Glückes hat keine rationell darlegbare Logik und folglich keine Gründe, und sie kann denen, die ihr die Existenz oder das Recht dazu abstreiten, nicht wieder Gründe entgegensetzen.“

„Die Gründe des Pessimismus können daher alle Gründe des Optimismus siegreich widerlegen, vermögen aber doch den letzteren selbst, den Optimismus ohne Grund, nicht aus der Welt zu schaffen.“

Aber auch in praktischer Prosa hat Lorm diesen seinen Begriff vom grundlosen Optimismus verwerthet, in den „Geflügelten Stunden“, aus denen „Der ungerathene Sohn“ und „Drei alte Häuser“ als Musterstücke origineller Heiterkeit und echt deutschen Humors ausdrücklich mit diesen Bezeichnungen von einer Reihe deutscher Blätter nachgedruckt wurden. Auch die in demselben Werke enthaltene Novelle Lorm’s „Ein adliges Fräulein“ von Heyse in den „Novellenschatz“ aufgenommen, wurde von kritischen Autoritäten als eines der edelsten Producte dieser Gattung charakterisirt, während Buchholz in einer Schrift über den Zusammenhang der Lorm’schen Philosophie und Poesie den hohen bleibenden Werth aller jener Arbeiten betont.

Was war aber nun das literarische Schicksal dieser in ihrer Eigenartigkeit so merkwürdigen Schöpfungen Lorm’s? Sie blieben, nach einer fast beispiellos zu nennenden Würdigung durch die Kritik, von Seiten des Publicums total ungewürdigt: Deutschland und Oesterreich participiren in gleicher Weise an der Wiederherstellung der begründeten Sage „vom armen deutschen Poeten“. Was Lorm einst von Gutzkow sagte, daß in Deutschland der Lorbeer nicht zugleich der grüne Zweig sei, auf den ein Autor wie jeder andere Mensch zu kommen trachten müsse, das gilt leider auch nur zu sehr von ihm selber. Die überaus kleine erste Auflage der Lorm’schen Gedichte wurde fast ausschließlich von persönlichen Freunden angekauft: Robert Hamerling und Betty Paoli beeilten sich sofort nach ihrem Erscheinen in der Wiener „Neuen freien Presse“ auf diese außerordentliche Erscheinung aufmerksam zu machen, aber es giebt in Wien, das [588] sich stolz rühmt, seinen todten Dichtern Denkmäler zu setzen, wohl nicht zehn Familien, die sich veranlaßt gefühlt hätten, Lorm’s Gedichte in der Buchhandlung zu kaufen.

Und Deutschland? Obgleich Gutzkow, Bodenstedt und Andere Kritiken und Abhandlungen über Lorm’s Poesien veröffentlicht haben, hat doch der geringe Absatz derselben dem Verleger die Luft benommen, ein neues Bändchen der Lorm’schen Gedichte erscheinen zu lassen.

Nicht anders ergeht es seinen Prosawerken. Was hat es genützt, daß das „Magazin für die Literatur des Auslandes“ die „Geflügelten Stunden“ in den Rang einer „Production Lessing’s“ erhob, daß Eduard von Hartmann den „Naturgenuß“ eine „Bereicherung und Ergänzung der Schopenhauer’schen Aesthetik“ genannt?! – Indeß glaube man nicht, daß es Lorm dem Philosophen, daß es Landesmann, dem in Einsamkeit fernab von der großen Welt lebenden Kranken, um Zwecke der Eitelkeit, des Ehrgeizes zu thun sei! Er möchte nur mit dem Bewußtsein sterben können, daß sein Weib und seine Kinder an seinen Werken ein Erbgut haben werden. Wenn der verdiente Absatz sich nicht endlich findet, so wird „die Nation der Denker und Dichter“ an Lorm eines der traurigsten Beispiele ihrer literarischen Apathie aufzuweisen haben.

Die liebende Sorge um die Seinen charakterisirt überhaupt Lorm’s Optimismus in seinem Familienleben: seine Gattin und seine drei Kinder, alle blühend und gesund an Leib und Seele, sind des leidenden Vaters Glück und Freude; mit unbegrenzter Hingebung hängen sie an ihm, erleichtern sie ihm seinen Zustand durch tausend kleine, liebe Aufmerksamkeiten – rastlos thätig im Wettersturme des Lebens stehend und um den Ertrag seines geistigen Daseins ringend, erwirbt er mit seiner Feder den Unterhalt für seine Familie.

Lorm selbst, sich bescheidend im Denken wie im Sein, ist von wunderbarer Anspruchslosigkeit: ein Frühlingshauch, der Duft einer Blume, der Schimmer eines grünen Blattes füllt seine Seele, „als hätt’ sie nie entbehrt“.

Alljährlich bringt er einen Sommermonat hoch oben auf dem Borsberge bei Pillnitz zu – in seinem „Natur-Schriftstall“, wie er die Arbeitsstätte seiner schriftstellerischen Thätigkeit nennt; hier umweht ihn die frische Luft der sächsischen Schweiz; hier bilden sich in geheimer innerlicher Denkarbeit neue Schöpfungen seiner Muse; hier reifen seine gedankentiefen Schriften zu fester Gestalt aus, die er dann rasch und in einem Zuge in classisch-vollendeter Formenschönheit niederschreibt.

Die Abgeschlossenheit Lorm’s von der Außenwelt hat eine um so intensivere, ununterbrochene Geistesthätigkeit zur Folge, und wie Heine von sich sagen konnte, er trage in seinem Kopfe ein zwitscherndes Nest von confiscirlichen Büchern, so birgt auch Lorm’s Stirn einen reichen Schatz inhaltsschwerer ungeschriebener und ungedruckter Schriften, denen es nur an einem Verleger gebricht, um das Licht der Welt zu erblicken.

Diese unausgesetzt thätige Geistesarbeit Lorm’s, welche einen unglaublichen Vorrath an originelle Gedanken und geistvollen Aphorismen in seinem Gedächtnisse aufspeichert, macht den Verkehr mit ihm, so umständlich er auch ist, dennoch höchst reizvoll und anregend – welche Fülle blendenden Witzes, weittragender Ideen und geistvoller Kritik bieten auch nur wenige Stunden des Zusammenseins mit diesem so eigenartig-interessanten Manne! Für Alles weiß Lorm Anekdoten, Beispiele und Wortspiele, die er zwar immer irgendwo gelesen oder gehört haben will, die aber stets auf seinem eigenen Boden gewachsen sind.

Geistvoll und poetisch wie Alles, was Lorm spricht, ist auch die Art liebenswürdiger Galanterie, mit der er, „das Fragment eines Menschen“, die Herzen der Damen sich zu gewinnen weiß. Vom Borsberge herab nach Pillnitz führen zwei Wege: ein kürzerer, dessen Steilheit ihn für den fast erblindeten Dichter ungangbar macht, während der längere, sanfter absteigende seine gewohnte Straße ist. Als nun einmal die Kürze der Zeit Lorm nöthigte, mit einer befreundeten Familie den steilen Pfad herabzugehen und derselbe ihm aus irgend welchen Gründen weniger beschwerlich vorkam, erzählte er der vor ihm herschreitenden Dame Folgendes: Er habe ein Märchen gelesen von einem mühbeladenen Erdenpilger, dessen Elend die Gottheit endlich gerührt hätte. Diese habe ihm einen Engel herabgesendet, der nun vor ihm herschreite und ihm die Pfade ebne, sodaß er die Qual seines Weges gar nicht mehr spüre. – Das ist echt Lorm’sche Galanterie. – Doch genug davon!

Diese Zeilen, dem ergreifenden menschlich-schönen Bilde des deutschen Dichters, Denkers und Dulders Hieronymus Lorm gewidmet, werden, wie in alle Länder der brausenden Welt, so auch in das stille Arbeitszimmer des weltabgeschiedenen Dichters dringen; eine liebe Hand wird ihm dann das treue Abbild seiner selbst in der altgewohnten Zeichensprache übermitteln und ihm dadurch die Kunde, die frohe Botschaft bringen, daß es draußen in der großen Welt doch Derer noch genug giebt, die seiner in Verehrung und Liebe gedenken.

Dr. Weidenbach.