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Ein deutsch-böhmischer Minister Oesterreichs

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Textdaten
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Autor: Alfred Meißner
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Titel: Ein deutsch-böhmischer Minister Oesterreichs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 60–61
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein deutsch-böhmischer Minister Oesterreichs.

Vier bürgerliche Männer und nur drei Herren vom Adel in einer Großmachts-Ministerium! In welchem Lande ist so Außerordentliches möglich geworden? Im Lande Metternichs! – Kein Wunder, daß die Namen der vier Bürger-Minister Giskra, Brestel, Berger und Herbst nicht blos in Oesterreich, sondern in ganz Deutschland von Mund zu Mund gehen; ist doch jeder Einzelne derselben ein würdiger Gegenstand theilnehmendster Beachtung und zwar nicht blos wegen der Thatsache, daß er in Oesterreich Minister geworden, sondern auch wegen des Weges, auf welchem er dahin gelangt ist. Heute sei Herbst, der Justizminister, im Doppelbild der Illustration und des Wortes unseren Lesern vorgestellt.

Als im Jahre 1861 der böhmische Landtag der bisherigen ständischen Vertretung folgte, that sich gleich in den ersten Sitzungen ein Mann hervor, der mit seltener Schlagfertigkeit, Schärfe und Entschiedenheit gegen die Regierungspartei auftrat. Es war dieser Mann der Professor des Strafrechts an der Prager Universität, Eduard Herbst.

Es war ein neuer Name, bisher nur den Juristen bekannt. Die Bewegung des Jahres 1848 hatte ihn nicht in den Vordergrund gebracht. Er hatte sich damals als Professor in Lemberg befunden, welches beinahe die einzige Stadt im Kaiserstaat war, welche für ihn so gut wie ruhig geblieben, weil dort nur Kämpfe zwischen Polen und Ruthenen stattfanden. Er mußte sich darauf beschränken, den dort lebenden Deutschen ein Interesse an der freiheitlichen Strömung einzuflößen, und er hat dies durch die Gründung einer Zeitung gethan, die er durch längere Zeit redigirte.

Als Oesterreich nach einer langen und schweren Reactionsepoche wieder aufthaute und das Volk sich nach Vertretern umsah, war es einigermaßen in Verlegenheit. Die Namen von 1848 waren mit einem Banne belegt. Der traurige Ausgang der Revolution war von den Regierungsfreundlichen trefflich benutzt worden. Ein Theil der ehemaligen Größen war ausgewandert oder lebte im Lande selbst als gleichsam verbannt. Ein anderer Theil, und beinahe der größere, war durch fette Staatsanstellungen gewonnen worden und hatte über seine eigene Vergangenheit wie über eine Zeit jugendlicher Thorheit lächeln und spotten gelernt. Von den früheren Parteimännern sah man mit wenig Ausnahmen völlig ab. Es galt neue Kräfte zu finden, was in einem Lande, in welchem zehn Jahre lang alles öffentliche Leben geruht hatte, keine kleine Aufgabe war. Die Comité’s, welche zu diesem Zwecke gebildet waren, hatten manchen Mißgriff auf dem Gewissen. Und doch wollte es ein gutes Geschick, daß das Vertrauen der Bevölkerung auf mehrere Männer fiel, welche das seit 1848 unterbrochene Werk im freisinnigen Geiste fortsetzten.

Herbst hatte bald durch Clubbildung eine gewisse Festigkeit in die Partei gebracht und so einiges Vorgehen ermöglicht. Er wurde, der Deutschböhme aus Warnsdorf, nun mit Brinz, dessen Scheiden aus Oesterreich Minister Belcredi veranlaßte, der Führer der Deutschen in Böhmen.

In den Kämpfen, welche die unsern Lesern ja hinlänglich bekannte Czechenpartei anregte, deren Streben deutlich dahin geht, innerhalb Deutschlands ein zweites Kleinrußland zu gründen und die Unterjochung der Deutschböhmen weit über das errungene Sprachzwangsgesetz hinaus zu betreiben, in diesen Kämpfen war es namentlich Herbst, der für die Interessen der Deutschen in Böhmen einstand. Die Sitzungen im Hause auf dem Fünfkirchenplatz der Kleinseite Prags nahmen bei solchen Gelegenheiten einen tumultuösen Charakter an. Mit jeder Rede wuchs die leidenschaftliche Erregung in beiden Lagern. Den ganzen Platz füllten dichte Volksmassen, welche das Resultat der Sitzungen spannungsvoll abwarteten. Die Galerien waren überfüllt und unterbrachen die Redner nicht selten mit wilden Rufen. Von Morgens neun bis Abends zehn dauerte der Kampf. Nach einer solchen Sitzung, in welcher Palacky eine Stunde, Herbst zwei Stunden lang gesprochen, wurde mit Hülfe der deutschfreundlichen Fraction der Großgrundbesitzer der den Deutschen ungünstige czechische Antrag auf Aenderung der Wahlordnung abgelehnt. Von dieser Sitzung angefangen war der Einfluß Herbst’s in der deutschen Partei sowohl, als in der des sogenannten verfassungstreuen Adels der vorherrschende.

Nicht weniger hervorragend war die Thätigkeit, welche Eduard Herbst im Reichsrath zu Wien entwickelte. Bald gab es keine wichtige Angelegenheit, in welcher er nicht ein entscheidendes Wort mitgesprochen hätte. Scherzhaft nannte man ihn den Reichsrathsomnibus, weil er in allen Fragen Bescheid wußte. Ein Gegner des Schmerling’schen Scheinconstitutionalismus, war er Führer der Linken und mußte sich nur zu oft mit moralischen Siegen und der großen Wirkung seiner Reden begnügen, da die Regierung und ihre damals noch zahlreiche Partei das Haus beherrschten. Erst heute wird das Abgeordnetenhaus auf die Principien zurückkommen, welche Herbst damals entwickelte.

Herbst, der Professor des österreichischen Strafrechts, war allmählich die hervorragendste Capacität in Finanzsachen geworden. Er wurde Berichterstatter der Bankacte, beanspruchte die größte Unabhängigkeit der Bank vom Staate und errang im Hause den Sieg, denn die von ihm vertretene Fassung der Bankacte ging durch, allerdings um nur wenige Jahre gehalten und durch die Finanzoperationen von 1866 gebrochen zu werden, welche dann die Ueberfluthung mit Staatsnoten hereinführten. Thatsächlich wurde Herbst der erste Finanzmann des österreichischen Reichsrathes, und es ist bezeichnend, daß der österreichische wie der ungarische Finanzminister in wichtigen Fragen nicht bei den Wiener Geldgroßmächten, sondern bei Herbst Vorfrage hielten.

Seine Thätigkeit in Finanzsachen brachte ihn in die Staatsschuldencontrolcommission – bei der finanziellen Lage Oesterreichs die schwerste und undankbarste Thätigkeit! Er behielt diese Stelle auch nach der bekannten „Sistirung der Verfassung“ unter Belcredi, zog sich jedoch nicht wie andere seiner Collegen zurück, weil er in der Rettung einer auch nur theilweisen Controle schon einen Vortheil für das Land sah.

In den Landtagsberathungen, welche das Ministerium Belcredi nach Königgrätz aufrief, war die des böhmischen Landtags von größter Bedeutung. Hier traten die Freunde des Ministeriums, der feudale Adel und die Czechen für Belcredi in die Schranken, hier hielt aber auch Herbst die Anklagerede gegen das Ministerium, die dessen Stellung erschütterte. Abermals gab es eine Abendsitzung von wild-dramatischem Charakter. Herbst’s Rede wurde in Tausenden von Exemplaren verbreitet, die Städte Deutschböhmens wetteiferten durch Votirung von Adressen und Ernennung zum Ehrenbürger den verdienten Führer auszuzeichnen. Eine Reise durch Nordböhmen, die er damals unternahm, glich einem Triumphzuge.

Seitdem ist man von den Principien des Sistirungsministeriums zurückgekommen, der Reichsrath hat seine gebührende Stellung im österreichischen Staatsleben wieder erhalten. Die erste Adresse desselben hat Herbst zum Verfasser. In der Concordatsfrage suchte er den gordischen Knoten, den Rom geflochten, nicht sowohl zu zerhauen, als zu lösen, indem er beantragte, Gesetze unbekümmert um das Concordat zu votiren und die Regierung zu deren Sanctionirung zu zwingen. Die Entschiedenheit, mit der dieser Standpunkt festgehalten werde, drängte die Regierung auf die Bahn, welche die kaiserliche Beantwortung der Adresse der Bischöfe kennzeichnet.

In die Deputation gewählt, welche die Grundlagen des finanziellen Ausgleichs mit Ungarn berieth, wurde Herbst in hervorragendster Weise thätig, eine bei seiner Kenntniß aller Daten gleich gesuchte Persönlichkeit; auch die Mitglieder der ungarischen Deputation traten seinen Anträgen bei.

Es ist begreiflich, daß bei solchen Erfolgen es nicht an Versuchen fehlte, Herbst zur Uebernahme eines Ministerportefeuilles zu bewegen. Freiherr von Beust kam wiederholt darauf zurück, aber Herbst blieb lange hartnäckig in der Ablehnung. Der Grund davon lag nicht sowohl in seiner allzu genauen Kenntniß der österreichischen Finanzlage, die fortwährend von einer Krisis bedroht ist, als in seinem Mißtrauen, daß der vom Reichsrath entworfenen liberalen Verfassung zwar nicht die Sanctionirung, doch aber die energische Durchführung fehlen werde.

Unterdeß wurde der Ausgleich mit Ungarn in legislativem Wege vollendet, die ihn besiegelnden Gesetze waren im Reichsrathe angenommen worden. Fürst Karl Auersperg wurde mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt. Der Ruf: „Rechtsgleichheit mit Ungarn!“ war Schlagwort der Parteien geworden. Die neue [61] Regierung mußte eine parlamentarische sein. Nur wenige Tage waren zu deren Bildung gegönnt und es galt ein Heer von Schwierigkeiten zu besiegen. Die Furcht der Capacitäten des österreichischen Reichsrathes, die Zügel der Regierung zu ergreifen, war noch immer keine ungerechtfertigte, aber die patriotische Rücksicht auf den Staat, die Zusagen der ungarischen Minister, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln das cisleithanische Ministerium zu stützen, endlich feierlich gebotene Garantien gaben den Ausschlag. Das neue Ministerium kam zu Stande, und Herbst übernahm das Portefeuille der Justiz.

Eduard Herbst.

Von nun an nimmt er Theil an der Lösung jener ungeheuern Aufgaben, die den neuen Räthen der Krone in Oesterreich gestellt sind. Es handelt sich in der That um nichts Geringeres, als um einen Neubau des Reichs, aber auf dem unerschütterlichen Grunde staatsbürgerlicher Freiheit. Unzufriedene Parteien wird es in dem Völkermischmasch, das Oesterreich bis jetzt noch darstellt, immer geben, aber wenn Deutsche, Ungarn und Polen befriedigt sind, kann die Opposition der kleinen politisch lebensunfähigen Nationalitäten nur damit enden, daß sie entweder ihre Sonderstellung aufgeben und in die verfassungsmäßige Opposition eintreten, oder es über sich ergehen lassen müssen, grollend, abseits stehend, ignorirt zu werden.[1]

Der Charakter des neuen Ministeriums ist ein deutscher. Im Programm Herbst’s, Berger’s und Giskra’s steht der Punkt oben an, der Oesterreich verpflichtet, für die Erhaltung des Friedens besorgt zu sein, und der Sinn dieses Punktes ist kein anderer, als Deutschland und Italien in ihren Grenzen zur Entwickelung gelangen zu lassen. Mag Italiens langgehegter Wunsch, Rom als Hauptstadt zu sehen, erfüllt werden, mag Nord- und Süddeutschland sich zusammenschließen, Oesterreich wird, so lange das jetzige Ministerium besteht – und hoffentlich ist es kein vorübergehendes – nicht neidisch diese unaufhaltsame Einigung stören wollen. Die Majorität seiner Völker ist befriedigt, warum sollte es nicht die Befriedigung der ihm benachbarten Völker gern sehen? …

Als Vierziger mit braunen Haaren trat Herbst in den österreichischen Reichsrath; der Aufenthalt in demselben hat ihn schon nach wenig Jahren grau gemacht, wie auch unser Bild ihn zeigt. Aber unter diesen frühgefallenen Schneeflocken arbeitet der Kopf rastlos fort in unermüdeter jugendlicher Thätigkeit. Möge der Deutsche in Oesterreich, ob nun die Zeit der Krisen für den hartgeprüften Kaiserstaat noch immer nicht vorüber, oder ob eine bessere Zeit für ihn im Aufgehen begriffen sein sollte, noch recht lange auf diesen Staatsmann von umfassender Sachkunde und erprobtem Charakter zählen können!
Alfred Meißner. 


  1. Wie hart der deutschfeindlichsten dieser kleine Nationalitäten, der czechischen, diese Unterordnung ankommen wird, davon zeugt der jüngste Scandal an der Prager Universität, wo, am elften Januar, czechische Studenten und andere mit ihnen verbundene Personen durch Schreien und Toben eine Berathung deutscher Studenten unmöglich machten, weil dieselbe ein Ehrenfest für Herbst, als deren ehemaligen Rechtslehrer, betreffen sollte.
    D. Red.