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Ein brasilianischer Urwald

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Textdaten
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Autor: Alexander Schöppner
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Titel: Ein brasilianischer Urwald
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 48–50
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein brasilianischer Urwald.

Die Urwälder, welche als Zeugen der schöpferischen Kraft des neuen Continents in ursprünglicher Wildheit und noch unentweiht durch menschliche Einwirkung dastehen, nennt man in Brasilien jungfräuliche Wälder. In ihnen weht den Wanderer europäische Kühle an, und zugleich tritt ihm das Bild der üppigsten Fülle entgegen; eine ewig junge Vegetation treibt die Bäume zu majestätischer Größe empor, und noch nicht zufrieden mit diesen riesenhaften, uralten Denkmälern, ruft die Natur auf jedem Stamme eine neue Schöpfung von vielen grünenden und blühenden Parasiten hervor. Statt jener einförmigen Armuth an Arten in europäischen, besonders in nördlichen Wäldern, entfaltet sich hier eine unübersehbare Mannichfaltigkeit der Bildungen in Stämmen, Blättern und Blüthen. Fast ein jeder dieser Fürsten des Waldes, welche hier neben einander stehen, unterscheidet sich in dem Gesammtausdrucke von seinen Nachbarn.

Wenn wir es versuchen, ein Gemälde von dem Innern einer tropischen Urwaldung zu entwerfen, dürfen wir nicht vergessen, auf das Verhältniß aufmerksam zu machen, welches rücksichtlich des Selbsterhaltungstriebes zwischen den einzelnen Individuen stattfindet. Bei einer so großen Fülle von Leben und einem so kräftigen Ringen nach Entwicklung vermag selbst ein Boden, so fruchtbar und üppig, wie der hiesige, nicht die nöthige Nahrung in gehörigem Maße zu reichen; daher stehen jene riesenartigen Gewächse in einem beständigen Kampfe der Selbsterhaltung unter [49] einander, und verdämmen sich mehr noch als die Bäume unserer Waldungen. Selbst die schon hocherwachsenen und einer großen Masse von Nahrungsstoffen bedürftigen Stämme empfinden den Einfluß ihrer noch mächtigeren Nachbarn, bleiben bei Entziehung der Nahrung plötzlich im Wachsthum zurück, und fallen so in kurzer Zeit den allgemeinen Naturkräften anheim, die sie einer schnellen Auflösung entgegenführen. Man sieht so die edelsten Bäume nach wenigen Monaten eines tropischen Leidens von Ameisen und anderen Insecten zernagt, vom Grund bis an die Spitze von Fäulniß ergriffen, bis sie plötzlich zum Schrecken der einsamen Bewohner des Waldes unter krachendem Geräusch zusammenstürzen. Im Allgemeinen machen die Landbauer die Bemerkung, daß Stämme, welche einzeln zwischen mehreren einer andern Art stehen, leichter von letzteren unterdrückt werden. Eine regelmäßige Forstcultur, an die freilich bis jetzt in diesen wenig bevölkerten Wäldern noch nicht gedacht worden ist, wird daher hier künftig nicht sowohl das Wachsthum der Stämme gedrängter Nachbarschaft befördern, sondern vielmehr dafür Sorge tragen müssen, daß die Pflanzen in der zweckmäßigen Entfernung von einander aufwachsen.

Es wäre zu weitläufig, hier das Pflanzenwachsthum des Urwalds näher zu charakterisiren. Leichter läßt sich das eigenthümliche Thierleben desselben veranschaulichen. Der Naturforscher, zum ersten Male hierher versetzt, weiß nicht, ob er mehr die Formen, Farben oder Stimmen der Natur bewundern soll. Den Mittag ausgenommen, wo alle lebenden Geschöpfe der heißen Zone Schatten und Ruhe suchen, und wo daher eine majestätische Stille über die im Sonnenlichte glänzende Tropennatur verbreitet ist, ruft jede Stunde des Tages eine andere Welt von Geschöpfen hervor. Den Morgen verkünden das Gebrüll der Heulaffen, die hohen und tiefen Töne der Laubfrösche und Kröten, das monotone Schmettern und Schwirren der Cicaden und Heuschrecken.

Ein brasilianischer Urwald.

Hat die aufsteigende Sonne den ihr vorangehenden Nebel verdrängt, so freuen sich alle Geschöpfe des neuen Tages. Die Wespen verlassen ihre schuhlangen, von den Zweigen herabhängenden Nester; die Ameisen kommen aus ihren künstlich von Lehm aufgethürmten Wohnungen, womit sie die Bäume überziehen, hervor und beginnen die Reise auf den selbst gebahnten Straßen, ebenso die das Erdreich hoch und weit umher aufwühlenden Termiten. Die buntfarbigsten, an Glanz mit den Farben des Regenbogens wetteifernden Schmetterlinge, besonders zahlreiche Hesperiden, eilen von Blume zu Blume oder suchen ihre Nahrung auf den Straßen oder, in einzelne Haufen zusammengestellt, auf besonnten Sandufern der kühlen Bäche, der blauspiegelnde Menelaus, Nestor, Adonis, Laertes, die bläulich weiße Joea und der große, mit Augen bemalte Eurylochus schwingen sich, Vögeln ähnlich, durch die feuchten Thäler zwischen grünen Hügeln hin. Die mit den Flügeln schnarrende Feronia fliegt eilig von Baum zu Baum, während die Eule, der größte der Nachtschmetterlinge, mit ausgebreiteten Flügeln unverrückt am Stamme festsitzend, den Abend erwartet. Myriaden der glänzendsten Käfer durchschwirren die Luft und blinken gleich Edelsteinen aus dem frischen Grün der Blätter oder duftenden Blumen hervor. Indessen schleichen Eidechsen von auffallender Form, Größe und Farbenpracht, düster gefärbte, giftige oder unschädliche Schlangen, welche an Glanz den Schmelz der Blumen übertreffen, aus dem Laube, den Höhlen der Bäume und des Bodens hervor und sonnen sich, an den Bäumen sich hinaufwindend und auf Insecten oder Vögel lauernd. Von nun an ist Alles voll thätigen Lebens. Eichhörnchen, Heerden von geselligen Affen ziehen neugierig aus dem Innern der Wälder nach den Anpflanzungen und schwingen sich pfeifend und schnalzend von Baum zu Baum. Die hühnerartigen Jacus, Haccos und die Tauben verlassen die Zweige und irren auf dem feuchten Waldboden umher. Andere Vögel von den sonderbarsten Gestalten und dem glänzendsten Gefieder flattern einzeln oder gesellig durch die duftenden Gebüsche. Die grün, blau und roth gefärbten Papageien erfüllen, auf den Gipfeln der Bäume versammelt oder gegen die Pflanzungen und Inseln hinfliegend, die Luft mit ihrem krächzenden Geschwätz. Der Tucan klappert mit seinem großen hohlen Schnabel auf den äußersten Zweigen und ruft in lauten Tönen wehklagend nach Regen. Die geschäftigen Pirolen schlüpfen aus ihren lang herabhängenden beutelförmigen Nestern [50] hervor, um die vollen Orangenbäume zu besuchen, und ihre ausgestellten Wachen verkünden mit lautem, zänkischem Geschrei die Annäherung des Menschen. Die einsam auf Insecten lauernden Fliegenschnäpper schwingen sich von Bäumen und Stauden und erhaschen raschen Fluges den dahin wogenden Menelaus oder die vorübersummenden glänzenden Fliegen.

Im Gesträuche verborgen thut indessen die verliebte Drossel die Freude ihres Lebens in schönen Melodien kund; die geschwätzigen Pipren belustigen sich, aus dichtem Gebüsche bald hier, bald dort in vollen Nachtigalltönen lockend, den Jäger irre zu führen, und der Specht läßt, indem er die Rinde der Stämme aufpickt, sein weitschallendes Klopfen ertönen. Lauter als alle diese wunderbaren Stimmen erschallen von der Spitze der höchsten Bäume die metallischen Töne der Uraponga, welche, den Klängen der Hammerschläge auf dem Amboße ähnlich, nach der Wendung des Sängers bald näher, bald ferner, den Wanderer in Erstaunen setzen. Während so jedes lebende Wesen in Bewegung und Tönen die Schönheit des Tages feiert, umschwirren die zarten Colibri’s, an Pracht und Glanz mit Diamanten, Smaragden und Saphiren wetteifernd, die prunkvollsten Blumen. Mit dem Untergang der Sonne kehren die meisten Thiere zur Ruhe; nur das schlanke Reh, das scheue Pecari, die furchtsame Agouti und der rüsselige Tapir weiden noch umher; die Nasen- und Beutelthiere, die hinterlistigen Katzenarten schleichen, nach Raub spähend, durch die Dunkelheit des Waldes, bis endlich die brüllenden Heulaffen, das gleichsam um Hülfe rufende Faulthier, die trommelnden Frösche und die schnarrenden Cicaden mit ihrem traurigen Liede den Tag beschließen, der Ruf des Macun, der Capueira, des Ziegenmelkers und die Baßtöne des Ochsenfrosches den Eintritt der Nacht verkünden. Myriaden leuchtender Käfer beginnen nun gleich Irrlichtern umherzuschwärmen und gespensterartig flattern die blutsaugenden Fledermäuse durch das tiefe Dunkel der Tropennacht.[1]




  1. Wir entnehmen, mit Autorisation der Verlagshandlung, Schilderung und Abbildung dem so eben bei J. J. Weber complet erschienenen: Hausschatz der Länder- und Völkerkunde von Al. Schöppner, ein mit 24 Ansichten in Tondruck verziertes Buch, das wir allen unsern Lesern empfehlen. Der Herausgeber eifert mit Recht gegen die Unzweckmäßigkeit und Langweiligkeit unserer geographischen Lehr- und Handbücher, welche die Jugend und den Mann des Volkes von dem Studium der Geographie im Allgemeinen abhalten, und glaubt, diesem Uebelstande am besten durch eine wissenschaftlich geordnete Zusammenstellung von Charakterbildern aus dem Bereiche der Länder- und Völkerkunde, den anerkannt besten Reisewerken der Neuzeit entnommen, entgegenzuarbeiten. Das 102 Bogen starke Buch macht einen so belehrenden wie unterhaltenden Eindruck.
    Die Redaction.