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Ein Welttyrann

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Textdaten
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Autor: W. Berdrow
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Titel: Ein Welttyrann
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 176, 178–179
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Welttyrann.

Ein Blick in die Schatzkammern der Erde.
Von W. Berdrow.

Nicht nur Bücher, auch andere Dinge „haben ihre Geschicke“. Das lehrt ganz besonders die Geschichte der Edelmetalle. Man könnte heute das verbreitetere unter ihnen das Silber, mit Recht eine gefallene Größe nennen, während das weit seltenere Gold mehr und mehr Aussicht hat, als unumschränkter von keinem Nebenbuhler mehr gestörter Alleinherrscher die Schicksale der ganzen Welt zu lenken.

Die Geschichte des Goldes ist so alt wie die Geschichte überhaupt. Schon in den Sagen der alten Kulturvölker spielt das unzerstörbare, blendende, von den Menschen so sehr geliebte gelbe Metall eine Rolle. Alt-Indien, Aegypten wußten Jahrtausende v. Chr. Geburt von gegrabenem und gewaschenem Golde; Nubien und Aethiopien, ja das sagenhafte dunkle Land der Hyperboräer wurden in den Gedanken der Alten durch den Glanz gelben Goldsandes verklärt.

Um den Gebrauch des Goldes und des in der Wertschätzung ihm stets zunächst stehenden Silbers war man nie verlegen. Schon die im Kunstgewerbe noch gänzlich unerfahrenen Völker des Jagd- und Nomadenzustandes haben sich gerne mit rohen Zieraten geschmückt, und was konnte zu solchen geeigneter befunden werden als das weiche leicht formbare und doch allen Einflüssen der Verwitterung trotzende funkelnde Gold? Die Goldschmiedekunst sehen wir schon im Altertum in hoher Blüte stehen, als Tauschmittel sind Goldkörner und -barren ebenfalls stets im Gebrauch gewesen, und wenn wir auch geprägte Goldmünzen erst aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. besitzen - und zwar griechischen und kleinasiatischen Ursprungs - so verlegt doch sichere Kunde den Beginn der Goldmünzenprägung in Aegypten mm mindestens 1000 Jahre weiter zurück.

Die Benutzung des Goldes als eines gemünzten Zahl- und Tauschmittels ist seitdem mit der vermehrten Goldgewinnung gewachsen, und diese Art der Verwendung spielt auch heutzutage in den Geschicken des roten Metalls eine entscheidende Rolle. wenngleich in dieser Hinsieht durch lange Jahrhunderte das Silber dem Golde an Bedeutung überlegen war. Oft hat sich überhaupt die Wertschätzung des Goldes dem Silber gegenüber verschoben. Vor 1400 bis 1500 Jahren schätzte man das Gold durchschnittlich auf den 12fsachen Wert des Silbers, seit 1890 galt das Silber nur noch halb soviel wie zu jener Zeit, dann ist es im Preise von Jahr zu Jahr weiter gesunken, und jetzt, nach den gewaltigen Kursstürzen welche es im letzten Jahre auszuhalten hatte, wird ein Pfund Silber annähernd 30 mal geringer geschätzt als das gleiche Gewicht Gold. und die jährliche Silbergewinnung der Erde, welche nach dem 1870 gültigen Silberpreise der Goldgewinnung an Wert gleichgekommen wäre. erreicht an Wirklichkeit nur noch die Hälfte derselben. Wie sich diese beispiellose Entwertung des Silbers allmählich vollzogen hat, ist nicht so leicht zu erklären. Die immer zunehmende Neigung aller Nationen, die Silberprägungen einzustellen oder doch das Silber nur als Scheidemünze für den kleinen Geldverkehr beizubehalten und im übrigen alle Zahlungen in Gold zu vermitteln (man nennt das „Goldwährung“), ist in den letzten zwanzig Jahren wohl die Hauptursache gewesen, welche den Wert des Goldes erhöhte und den des Silbers herabdrückte. Weiterhin aber war von wesentlichem Einfluß die jeweilige Höhe der Gold- und Silbererzeugung. So oft die Goldgewinnung. wie z. B. in den ersten fünfzig Jahren nach der Entdeckung Amerikas, im vorigen Jahrhundert nach der Erschließung der brasilianischen und in unserem durch die Ausbeutung der kalifornischen und australischen Goldfelder, den Silberertrag der Erde bedeutend überwog, sanken die Goldpreise und das Silber ward etwas höher geachtet, um in den dazwischen liegenden weit längeren Fristen seiner überwiegenden Gewinnung beständig wieder zu fallen. Beide Gründe aber reichen zur vollen Erklärung der Silberentwertung doch nicht aus; denn trotz der um sich greifenden Neigung zur Goldwährung ist bis jetzt noch nicht die Hälfte des seit der Entdeckung Amerikas überhaupt gewonnenen Goldes als Münze im Umlaufs, und in den letzten Jahrzehnten ist die sinkende Bewegung des Silbers von irgend welchen Verändernden in der Gewinnung überhaupt nicht mehr aufzuhalten gewesen. Der Preisfall ist so groß, daß die in allen Kulturstaaten im Umlauf befindliche Menge von Silbergeld[1] plötzlich auf die Hälfte ihres Wertes zusammenschmelzen würde, wenn man die Münzen nicht mehr als Prägegeld, hinter dem die Einzelstaaten mit ihrem Kredit stehen, sondern nur noch als einfache Metallbarren in Rechnung zöge.

Nun aber zurück zum Golde, zu seiner Gewinnung und Verwertung und vor allem zu der wichtigen Frage, ob die bekannten [178] oder noch zu vermutenden Goldschätze der Erde dem wachsenden Bedarf noch länger genügen werden, wenn bei der fortschreitenden Einstellung der Silberprägung der Goldverbrauch der Erde noch weiter wächst.

Wo das Gold zum Gegenstand wirklichen, in die Tiefen der Erde eindringenden Bergbaues gemacht wird, findet es sich meist, mit Silber, auch wohl mit Platin, Kupfer, Eisen oder anderen Metallen vereinigt, in den jüngeren vulkanischen Gesteinen oder in den Quarzgängen einiger Schiefergebirge. In seinen Schuppen oder Blättchen haftet es am Gestein oder ist auch in Gestalt kleiner Körnchen, selten in größeren Stückchen darin eingesprengt. Obwohl wir nun in diesem Vorkommen die eigentliche und ursprüngliche Stätte des Goldes annehmen müssen, so hat man doch kaum den achten Teil des bisher gewonnenen Metalles auf bergmännischem Wege gefunden. Das Wasser, das überall ans der Erdrinde seine Spuren fast umfangreicher und tiefer eingegraben hat als die feurigen Elemente, hat auch hier bereits in den Urzeiten mächtig vorgearbeitet. Regen und Frost haben das Urgestein gesprengt und zersetzt; Eisgeschiebe oder Wasserströmungen führten die Trümmer ins Thal, wo sich neue, sogenannte Alluvialschichten daraus aufbauten, und in ihnen fand der schwere Goldsand von neuem und vielleicht wiederum für Hunderttausende von Jahren eine Stätte. Diese Alluvialschichten liefern seit Jahrhunderten den größten Ertrag an Gold, und selbst jetzt, wo zufällige Entdeckungen in den Weststaaten Nordamerikas einige fast unerschöpflich scheinende Gold-Silberminen in vulkanischen Gesteinen erschlossen haben, denen man jährlich viele Millionen abgewinnt, selbst jetzt ergiebt noch das Schwemmland, dem das meiste Gold von Kalifornien, Australien, Rußland und Afrika entstammt, zwei Dritteile der ganzen Produktion.

Bemerkenswert ist dabei, wie das Verfahren zur Gewinnung bei den großen Betrieben der Neuzeit genau den umgekehrten Weg einschlägt von dem, aus welchem jene Alluvialschichten und ihr Goldgehalt entstanden sind.

Ursprünglich waren allerdings die Werkzeuge des Goldwäschers – und in vielen Teilen der Erde ist man von der ursprünglichen Uebung auch heute noch nicht weit abgewichen – die allereinfachsten von der Welt. Eine Schüssel von Holz oder Blech, je nachdem auch wohl bloß eine Kürbisschale, wurde mit dem mechanisch zerkleinerten Schutt der goldführenden Schichten gefüllt und unter Wasser solange hin und hergeschüttelt und gerüttelt, bis die sandigen Bestandteile sich aufgelöst, Sand, Kies und Lehm sich allmählich über den Rand des Gefäßes in den Waschbach gespült und die Goldblättchen, beinahe zehnmal schwerer als ihre unedle Bereitschaft, sich im Gefäß zu Boden gesetzt hatten. Daß bei dieser Art des Goldwaschens oft bis zu 50 Prozent des ganzen Gehaltes verloren ging, wird man gern glauben, und sicher ist es schon eine ganz hübsche Leistung, wenn ein Mann mit solchen Werkzeugen täglich bis zu acht Centnern goldhaltigen Rohstoff verarbeitete. Doch mit der Zeit stellten sich auch die Verbesserungen ganz von selbst ein. Aus der Schüssel wurde ein Trog, der auf Rollen hin und hergeschaukelt wurde, während der Sand schaufelweise hineingeworfen und ein Wasserstrom darüber hingeleitet ward. Aus dem Trog wurden lange Rinnen, sogenannte „Schleusen“, die sich gar nicht mehr bewegten, sondern, mit Sand gefüllt, nur noch vom Wasser durchströmt wurden und ebenfalls den schweren Goldsand am Boden sich ablagern ließen, wo er durch eingeschüttetes Quecksilber aufgelöst ward. Jetzt konnte man die Arbeitsleistung eines Mannes bereits fünfundvierzigmal höher steigern als bei der Verwendung der einfachen Goldschüssel, aber dem Massenbedarf der letzten Jahrzehnte genügte auch das nicht mehr, und so bildete sich in Kalifornien der hydraulische Abbau aus, mittels dessen heute ein Mann in einem Tage mehr Goldsand auswaschen kann als früher in zwölf Jahren; allerdings gebraucht er dabei täglich eine größere Menge auf 4 bis 5 Atmosphären gepreßten Wassers, als eine Stadt von 30 000 Einwohnern in derselben Zeit ans ihrer Leitung entnimmt. Schon diese Ziffern sprechen für die Großartigkeit, mit welcher der hydraulische Abbau der Goldschichten heutzutage betrieben wird. Um das dazu nötige Druckwasser herbeizuschaffen, sind in den Gebirgen hochgelegene, mächtige Stau-Becken gemauert worden, gewaltige Leitungen führen ans ihnen die Gewässer au den Ort des Verbrauchs, und dort prasseln aus geeignet aufgestellten Rohren die Wasserstrahlen mit derartiger Wucht gegen die geneigte Wand der goldführenden Bergschichten, daß ein jeder Strahl täglich gegen 1000 Kubikmeter oder 30- bis 40 000 Centner Gestein und Lehm zertrümmert und fortspült. Durch tiefe Gräben wird der losgerissene Gesteinsschlamm von den gewaltigen Wassermassen zu großen Schleusen weggeführt, wo, wie früher geschildert, die Lehm- und Gesteinsmassen fortgewaschen werden, während sich das Gold zu Boden senkt. Ein tiefes Thal nimmt endlich die sich bald zu Hügeln und Bergen türmenden Schwemmmassen auf, welche sich nun, ihres Goldes ledig, zu neuen Alluvialschichten aufhäufen, über deren Bedeutung vielleicht wieder spätere Zeiten grübeln.

Die weitere Behandlung des mit seinen Nebenmetallen nunmehr aus dem Gestein losgelösten Goldes müssen wir hier übergehen: nur soviel sei davon erwähnt, daß die Ausscheidung des reinen Goldes zunächst durch kochende Schwefelsäure und dann durch verschiedene andere Prozesse geschieht und seit einigen Jahrzehnten so vervollkommnet ist, daß man jetzt mit Vorteil aus alten, unabsichtlich mit Gold versetzten Silbermünzen das edlere Metall herausziehen kann. So ließ die deutsche Reichsregierung in den Jahren 1873 bis 1879 durch die Roeßlersche Gold- und Silberscheideanstalt zu Frankfurt a. M. nahezu 35 000 Centner silberne Landesmünzen, worunter über 400 Millionen vor 1856 geprägter Thaler, scheiden und gewann daraus etwa 769 Kilogramm oder reichlich 2 Millionen Mark an purem Golde.

Was das Vorkommen des Goldes betrifft, so sind alle fünf Erdteile, wenngleich in sehr verschiedenem Maße, damit gesegnet, Europa allerdings, das Gebiet des größten Goldverbrauchs, das noch heute über zwei Drittel alles gemünzten Goldes der Erde besitzt, weitaus am wenigsten. Oder in Zahlen: von allem bis jetzt auf der Erde gewonnenen Golde – das mögen etwa 12 bis 13 Millionen Kilogramm oder 1000 Eisenbahnwagen voll oder ein Block von 8 1/2 Meter Höhe, Breite und Dicke sein – hat Europa höchstens den fünfundzwanzigsten Teil geliefert, aber mindestens zwei Drittel sich angeeignet und in Gebrauch genommen. Von den übrigen Erdteilen scheint einer so ergiebig wie der andere, wenn auch die jährlichen Ausbeuteziffern oft beträchtlich auf und nieder schwanken. In Asien besitzt Rußland so ergiebige Goldlager, daß im Jahr 1892 der Ertrag der sibirischen Bergwerke mit 100 Millionen Mark beinahe ein Fünftel der Gesamtgewinnung der Erde ausmachte. Allerdings hat Rußland schon weit ertragreichere Jahre gesehen, doch hängt hier das Sinken und Steigen mehr von dem Umfang der fiskalischen Betriebe ab als von dem Reichtum der Goldfelder, die vom Uralgebirge bis zum Großen Ocean reichen und noch ganz unermeßliche Schätze des gelben Metalles bergen. Außer Sibirien kommt in Asien nur noch China als Goldquelle in Betracht, doch sind über den Umfang seiner Gewinnung genauere Zahlen noch nicht bekannt geworden. Afrika besitzt Gold an verschiedenen Stellen seiner Küste und seines Inneren und nur die langdauernde Unbekanntschaft der Kulturstaaten mit diesem Erdteil war schuld daran, daß bis in die achtziger Jahre hinein Afrika nur mit wenigen Prozenten an der Goldausbeute der Erde beteiligt war. Seitdem hat sich indessen, besonders in Natal und Transvaal, die Förderung so schnell gesteigert, daß heute in Afrika fast ebensoviel Gold gewonnen wird wie in Asien. Von dem ganzen bisher der Erde entnommenen Goldvorrat verdanken wir Afrika etwa den zehnten Teil. Was endlich Amerika und Australien betrifft, so brauchen wir nur die Namen Kalifornien und Neu-Süd-Wales oder Viktorialand zu nennen, um die Erinnerung an die märchenhaften Goldströme der fünfziger und sechziger Jahre zu wecken. Allerdings ist der Ertrag beider Goldgebiete seitdem zurückgegangen, doch nicht in dem Maße, wie es zeitweise den Anschein hatte. Wenn in Kalifornien einzelne Minen verarmten, so erschlossen sich dafür beständig andere in den übrigen Staaten des westlichen Nordamerika; Nevada, Colorado, Montana, Neu-Mexiko und vor allem Alaska wachsen mehr und mehr zu gewaltigen Goldlieferern heran und werden das in dieser Beziehung allmählich verarmende Kalifornien, das allerdings vorläufig noch immer den zehnten Teil der ganzen irdischen Goldgewinnung ergiebt, in Zukunft ersetzen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Australien, das zur Zeit des großen Goldfiebers Jahreserträge bis zu 146 Millionen Mark erreichte, dann in den achtziger Jahren bis auf 110 Millionen fiel und heute bereits wieder 143 Millionen erreicht hat, 1892 sogar an die Spitze aller goldspendenden Länder getreten ist.

Wo bleibt nun diese gewaltige, seit mehr als vier Jahrzehnten [179] gegen 500 Millionen Mark jährlich an Wert betragende Goldförderung? Vermünzt ist davon das Wenigste, denn wenn auch die seit vierzig Jahren in den Kulturstaaten vollzogene Prägung von Goldmünzen sich sogar noch um 5000 Millionen Mark höher beläuft als die ganze Goldgewinnung in derselben Zeit, so bestehen doch diese Prägungen zum größten Teil in der bloßen Umformung abgegriffener in neue Goldstücke. Thatsächlich vermehrt hat sich der Goldmünzenbestand der Erde zwischen den Jahren 1831, wo er 2¼ Milliarden, und 1891, wo er schätzungsweise 15¼ Milliarden Mark betrug, nur um 13 Milliarden oder jährlich um 200 Millionen gegen eine mehr als doppelt so starke Goldvermehrung. Für Münzzwecke würden wir also noch lange Gold genug besitzen, selbst wenn alle Länder der Erde die reine Goldwährung einführten und wenn wir die mit dem Umlauf des Goldes verbundene Abnutzung in Betracht ziehen, welche sich jährlich auf rund 1100 Kilogramm Gold oder 3 Millionen Mark beläuft. Ueberdies steht es bei dem in allen Staaten immer weiter um sich greifenden Kreditwesen sehr in Frage, ob die jetzt vorhandene Gesamtsumme gemünzten Geldes – etwa 30 Milliarden an Gold und Silber – sich in Zukunft noch wesentlich vermehren wird.

Indessen hat das Gold für seine Verwendung noch einige andere Abflüsse, welche die Ausmünzung an Masse sogar übersteigen. In jedem Jahre verbrauchen nämlich allein die europäischen Staaten und Nordamerika nahezu für 400 Millionen Mark an Edelmetallen für industrielle Zwecke, für das Kunstgewerbe, für Metallgießerei, Gerätefabrikation, Photographie etc. und da man nach statistischen Ausweisen nur ein Fünftel dieses Verbrauches auf die Umschmelzung alten Metalles anrechnen darf, so ergiebt sich für die gewerblichen Zwecke der genannten Gebiete ein jährlicher Edelmetall-Bedarf von 320 Millionen Mark, worunter etwa 230 Millionen Gold, also annähernd die Hälfte der ganzen irdischen Goldausbeute!

Der Rest endlich geht verloren in dem beständigen Gold- und Silberabfluß zum Orient, der mit Silber schon seit Jahrhunderten, mit Gold seit etwa 60 Jahren beständig von England und den Vereinigten Staaten versorgt wird. Ostindien sowohl als China und Japan haben von jeher einen starken Bedarf an Silber und neuerdings, seit in Indien die Silberprägung eingeschränkt und zuletzt ganz abgebrochen wurde, auch an Gold gehabt. Indien allein hat seit 60 Jahren aus Amerika und Australien, und zwar meist durch die Vermittlung Englands, mehr als 2 Milliarden Mark in Gold bezogen, um es zu verprägen, gewerblich zu verwenden oder auch einfach aufzuspeichern, und addieren wir diese 30 bis 35 Millionen jährlich zum Bedarf der Kulturnationen, so wissen wir annähernd genau, wo all das viele Gold bleibt und weshalb auch die Jahre der gewaltigsten Ausbeute den Preis des roten Metalles nicht herabzudrücken vermochten, vielmehr dasselbe mehr und mehr zum alleinigen Wertmesser und metallischen Beherrscher der Völker machten.

Und nun endlich noch einige Worte über das Gold des Meeres, dessen Gewinnung ja freilich stets als aussichtslos gegolten hat, durch die chemischen Wirkungen der Elektrizität aber möglicherweise – neuere Erfindungen beschäftigen sich bereits mit dieser Frage – doch einmal dem Menschen zum Teil zugänglich gemacht werden könnte. Daß wir im Meerwasser nachweisbare Spuren von Silber sowohl als von Gold besitzen, ist längst bekannt. Neuere Analysen von C. A. Münster in Norwegen stellten den Edelgehalt eines Kubikmeters Seewasser auf ein Fünftel Gramm Silber und etwa ein Viertel davon an Gold fest0 Das sind nur Spuren, wenn man das Wasser literweise nimmt; es sind aber märchenhafte Reichtümer, wenn man es kubikkilometerweise in Rechnung bringt. Ein Kubikkilometer Seewasser würde danach einen Goldreichtum von 140 Millionen Mark enthalten; um aber den Goldgehalt aller Weltmeere auszudrücken, wäre eine Zahl mit drei Ziffern und fünfzehn Nullen nötig, denn derselbe geht hoch in die Billionen und übertrifft die ganze bisherige Goldlieferung der Erde mehr als zwölf Millionen mal. Hoffen wir also, daß wir auch von dem „Meergolde“ noch etwas zu sehen bekommen!



  1. Nach einer von dem Münzdirektor der Vereinigten Staaten von Nordamerika neuerdings ausgearbeiteten Tabelle beträgt die Gesamtsumme des in Umlauf stehenden Silbergeldes rund 16000 Millionen. die des Goldes 14000 Millionen Mark.