Zum Inhalt springen

Ein Postengel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Postengel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 496
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[496] Ein Postengel. Es war im Jahre 18.. in einer kleinen neumärkischen Stadt. Der Postverkehr ist auch heute noch in ihr nicht eben groß. Eine Eisenbahn läßt dort noch nicht ihr Geräusch vernehmen, eine Locomotive ist den alten höchst conservativen, für Knak schwärmenden Ackerbürgern des Städtchens eine unbekannte Erscheinung, der Postenlauf ein höchst einförmiger: eine zur nächtlichen Zeit kommende und bald darauf wieder abgehende Post beunruhigt die Einwohnerschaft wenig, da ihr die Post ihre Gaben, d. h. Briefe, Pakete und Gelder in der That schlafend giebt. Der Expeditions-Vorsteher braucht daher dort nicht ein mit allen Chicanen gehetzter Beamter zu sein; es reicht schon eine mit leidlichen postalischen Kenntnissen ausgerüstete Persönlichkeit aus. In der Regel wird dazu ein Mann befördert, der in seiner bisherigen Lebensstellung Unglück gehabt hat und nun, nachdem schnell die nöthigen Kenntnisse erworben sind, in den Hafen der Post als in seinen Glückshafen einläuft, was die von unten auf dienenden Postbeamten manchmal wunderbar finden. So war auch in jenem Städtchen ein ältlicher Herr im Postdienst und hatte eine Reihe von Jahren seinem Amte pflichttreu vorgestanden. Er wurde allmählich gebrechlich, und es wollte mit seiner postalischen Thätigkeit nicht mehr so recht gehen. Dennoch wollte er, da er noch mehrere unversorgte Kinder hatte, noch nicht auf Pension gehen, die gewiß noch dürftiger ausfallen mußte, als sein ohnehin schon schmales Einkommen. Es wuchs ihm nun eine Gehülfin heran in einer jugendlich schmucken Tochter. Diese erachtete es als ihre Kindespflicht, der Familie das Einkommen des Vaters so lange als möglich zu erhalten. Mit Leichtigkeit eignete sie sich die nöthigen Kenntnisse an und besorgte fortan alle Schreibereien und inneren bureaulichen Geschäfte, so daß der Vater im Grunde nur nach außen hin das Postamt repräsentirte und sich zeigte, wenn ein Postrevisor eintraf. Da begab es sich, daß der Vater sogar bettlägerig wurde und sich nicht im Geringsten mehr um sein Amt kümmern konnte. Die gute Tochter verdoppelte nun ihren Eifer und versah das ganze Postgeschäft mit großer Sorgfalt und Treue, fertigte die Posten ab mit einer Gewandtheit, als ob sie ein routinirter Postbeamter wäre. Das ging eine geraume Zeit so fort, ohne daß das Geringste im Amte versehen worden wäre.

Da war eines Tages im Städtchen ein Ball arrangirt, immerhin ein wichtiges Ereigniß für die tanzlustige Jugend einer kleinen Stadt. Auch unsere Posthalterin hatte eine Einladung dazu erhalten. Ihre Gegenwart wurde sehr gewünscht, nicht blos, weil sie gegenwärtig gleichsam die Spitze einer Behörde darstellte und das Publicum in Stadt und Umgegend in gewissem Sinne von ihr abhängig war, sondern weil sie ein hübsches, tanzlustiges, frohes, heiteres Mädchen war. Aber sie gedachte an ihre Pflicht. Die Post mußte bis sieben Uhr Abends geöffnet bleiben, die laufenden Geschäfte mußten besorgt, die Post in der Nacht expedirt werden. Der Dienst stand dem Mädchen schlechterdings höher als das Vergnügen, soviel Beamtengeist war schon in sie gedrungen. Und doch regte sich in ihrer Brust der Wunsch, den Ball mitzumachen und die Huldigungen zu empfangen, die ihr in Aussicht gestellt waren. Es ließ sich am Ende Beides vereinigen, das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, was schon Horaz angerathen hat. Gedacht, gethan. Sie machte alle Vorbereitungen dazu, legte den Ballstaat zurecht, saß bis sieben Uhr im Postbureau, legte darauf schnell das Ballkleid an, flocht die Blumen in ihr schöngelocktes Haar und eilte in die Tanzgesellschaft. Daß sie im Tanz der Post, der schnell dahineilenden, alle Ehre machte, versteht sich von selbst. Es wurde zum Cotillon angetreten. Auch unsere Postaspirantin war unter den Engagirten. Aber trotz der Musik im Saale hatte sie ihre Ohren auf jedes Geräusch draußen gerichtet. Und als sie, wenn auch aus weiter Ferne, die Töne eines Posthorns hörte, für die alle Orangefarbenen ein feines Gehör haben, da wandte sie sich an ihren Tänzer und flüsterte leise, sie kann’s nicht verschweigen: „Entschuldigen Sie mich eine kleine Weile, ich bin bald wieder an Ihrer Seite.“ Und schnell eilte sie, in ein Umschlagetuch gehüllt, hinaus, hin zu dem nicht fern gelegenen Postbureau. Sie saß bereits mit ehrbarer Amtsmiene auf ihrem gewöhnlichen Sitze, als der Postwagen vorfuhr. In gewohnter Weise nahm sie die Meldungen entgegen, ertheilte den Postbedienten die nöthigen Weisungen, ließ die Pakete zuwiegen und was sonst zur Expedition einer Post gehört.

In ihrem Amtseifer beachtete sie nicht sonderlich die mitgekommenen Passagiere. Unter diesen befand sich ein Herr, der in einen weiten Mantel gehüllt war. Er wollte eben durch die halbgeöffnete Thür in das Bureau eintreten, als er ganz betroffen stehen blieb. Was sich seinen Augen darstellte, war ihm, der schon manches Postbureau betreten, in der That noch nicht vorgekommen. Er war der Postinspector des Bezirks und auf einer Inspectionsreise begriffen; er wollte auch die Krankheitsangelegenheit des Expeditionsvorstehers ordnen, und hatte schon unterwegs an einen Stellvertreter desselben gedacht. Und jetzt sah er, wie der kranke Mann sich einen Vertreter aus dem Himmel verschrieben hatte. Denn für einen Gast aus den Himmelshöhen mußte er die Erscheinung halten, die ihn so betroffen machte, und die er durch die Thürspalte beobachtete. Er sah dort ein weibliches Wesen, gekleidet in weiße Seide, Blumen in den lockigen Haaren, ein niedliches Sträußchen vor der Brust, einen Anflug von Röthe im Gesicht, kurz so wie ihm im Jugendunterricht, als es noch keine Regulative gab, die Engel geschildert worden waren. Und dieser leibhaftige Engel saß in der Poststube und fertigte die Post ab mit der Gewandtheit des routinirtesten Beamten. Er wußte in der That nicht, ob er wachte oder träumte. Er hörte die Stimme dieses Engels im Postfach, lieblich, holdselig, aber es war doch die deutsche Sprache, sogar im neumärkischen Dialekt. Spricht man denn droben bei den Himmlischen neumärkisch? Ueberhaupt legt man sich im Himmel auf das Postfach? Werden die Engel im Postdienst einexercirt? Solche Fragen gingen ihm durch den Kopf, als er diesen Engel im Bureau vom Flur aus beobachtete. Er wartete noch so lange, bis die Post expedirt war, dann trat er ein, begrüßte die holdselige Erscheinung und fragte nach dem Postvorsteher. Die blumenbekränzte, schöngelockte Postdame witterte natürlich sofort etwas Höheres vom Postfach, entschuldigte den Vater auf das Beste, erklärte das Auffallende ihrer Erscheinung mit etwas verlegener Miene, und war bereit, als der fremde Herr sich als den Postinspector kundgegeben, Alles zur Revision vorzulegen. Der Inspector hatte indeß aus dem Wenigen, das er beobachtet, die Ueberzeugung geschöpft, daß in dieser Postanstalt Alles in bester Ordnung sein müsse, und daß er dem kranken Expeditionsvorsteher keine bessere Vertretung senden könne, als er schon habe.

Ob jener Engel aus der Poststube, nachdem die Revision beendet, wieder den unterbrochenen Cotillon aufgenommen, weiß Berichterstatter nicht zu sagen. Sicher ist nur das Eine, daß der blonde Engel, dessen Herz auf jenem Balle den süßen Regungen der Minne nicht ganz fremd geblieben zu sein scheint, den liebgewordenen Dienst am Schalter einer noch mächtigeren Liebe halber quittirte und, den Vater mit sich nehmend, einem Manne folgte, der sie noch heute den Engel seines Lebens zu nennen pflegt.