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Ein Musterkrankenhaus

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Textdaten
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Autor: Livius Fürst
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Titel: Ein Musterkrankenhaus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 344–347
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[344]
Ein Musterkrankenhaus.
Von Dr. med. L. Fürst.


Wir Deutsche sind so sehr daran gewöhnt, in großen Reformen Nachtreter des Auslandes zu sein, daß wir erst allmählich die Energie gewinnen, welche zur Beseitigung veralteter Mißbräuche nothwendig ist. Man kann behaupten, daß diese Errungenschaft, zu welcher neben aller wissenschaftlichen und theoretischen Gründlichkeit doch auch Thatkraft und ein rasch erfassender, praktischer Sinn erforderlich sind, erst mit dem Aufschwunge unseres nationalen Bewußtseins so recht lebendig geworden ist. Mit der Ueberzeugung, ein großes, einheitliches, tonangebendes Volk geworden zu sein, haben wir es auch rasch gelernt, den Nationen, welchen wir jetzt politisch ebenbürtig sind, ihre besseren Eigenschaften abzulauschen. Mit der Leichtigkeit und Eleganz des Franzosen suchen wir die technische Geschicklichkeit des Engländers und das praktische Verwaltungs- und Organisationstalent des Nordamerikaners zu verbinden. Der Stolz auf unsere nationale Stellung, welche uns eine einflußreiche Stimme auf dem Gebiete der Politik sichert, hat das Streben, es in allen Einrichtungen und Neuerungen den anderen Völkern zuvorzuthun, in einem hohen Grade wachgerufen.

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Das neue städtische Krankenhaus zu Leipzig.

[346] Mit der Vervollkommnung unserer Waffen und unserer Armee-Organisation, welche sich glänzend bewährt haben, ging das Streben nach Verbesserung der Krankenpflege Hand in Hand. Die Sorge für die Verwundeten war das Gegengewicht, welches die Menschlichkeit und Bruderliebe bot im Gegensatz zu der Sorgfalt, welche man den Mitteln der Zerstörung gewidmet hatte. Die Wunden, welche die eine Hand geschlagen hatte, suchte die andere zu heilen und so vereinigten sich grimme Wuth und milde Barmherzigkeit auf denselben Feldern. Vor Allem galt es, jenen unsichtbaren Feind zu bekämpfen, welcher in den Hospitälern und Lazarethen die Säle verpestete und alljährlich Hunderte, ja tausende von zusammengepferchten Verwundeten, Operirten oder Kranken dahinraffte. Daß die schlimmsten Feinde die verborgenen sind, offenbarte sich bei diesen Hospitalkrankheiten, die nicht minder verheerend als der Kugelregen unter Denjenigen wütheten, welche die Lazarethe zu ihrer Heilung betreten hatten, und die selbst in Friedenszeiten mit schauerlicher Wirkung die Gesundheit der Hospitalbewohner untergruben, die geringsten Wunden zu gefährlichen machten, den leichtesten, unter günstigen Privatverhältnissen unbedingt gefahrlosen Operationen einen oft tödtlichen Verlauf bereiteten. Die Spuren jenes in den Krankensälen offenbar vorhandenen Ansteckungsstoffes äußerten sich in bestimmten Krankheitsbildern, welche man mit den Namen Eitervergiftung, Wundrose und Hospitalbrand belegte; aber auch innere, besonders typhöse Erkrankungen schienen ihre Quelle in diesem unheimlichen Contagium zu haben, dessen Gang man verfolgen und dessen Einfluß man doch nicht bannen konnte.

Noch heute sind die Untersuchungen über das Wesen dieses Krankheitsstoffes nicht völlig abgeschlossen. Nur so viel weiß man, daß mit größter Wahrscheinlichkeit die Luft und zwar in derselben befindliche Pilzsporen die Träger sind und daß jede ungenügende Ventilation, jede übermäßige Anhäufung von Kranken oder Verwundeten in einem Raum, jedes Baumaterial, welches – wie der Abputz der Wände – schwammartig-porös ist und daher jenen Stoffen eine willkommene Aufnahme gewährt, daß alle diese Ursachen den Ausbruch solcher Leiden begünstigen. Gerade in Bezug auf solche Ursachen war aber die bisherige Krankenpflege, besonders in Kriegszeiten, schlecht bestellt.

Es würde hier zu weit führen, wollte man die geschichtliche Entwickelung des Systems rationeller Hospitalbauten betrachten. Paris mit dem Hospital Lariboisière machte 1788 den Beginn, und dennoch schlummerte die bedeutende Reform, bis im nordamerikanischen Kriege die Noth auf das Barackensystem zurückführte und der Krieg von 1866 auch in Deutschland zur Herstellung derartiger Lazarethe veranlaßte. Zur Anwendung für die Zwecke eines Krankenhauses im Frieden waren bisher Baracken in größeren Verhältnissen nicht gelangt. Da kam im Beginne des Jahres 1868 Leipzig in den Fall, an einen Neubau seines Krankenhauses gehen zu müssen, da das bisherige am Rosenthale gelegene Jakobs-Hospital für die große Krankenzahl nicht mehr ausreichte. Dasselbe, zu der Zeit der berühmten Professoren Ernst Platner und Gehler 1798 zweckmäßig umgestaltet und zu zehn Sälen mit achtzig Betten erweitert, war zwar seit dem Beginne des Jahrhunderts durch Um- und Neubauten, dem Wachsthum der Einwohnerzahl entsprechend, vergrößert worden; allein abgesehen davon, daß es im verflossenen Jahrzehnt die Zahl der Hilfsbedürftigen nicht mehr fassen konnte, erwies es sich überhaupt als untauglich, weil es in einem sumpfigen, feuchten Terrain lag und der Sitz der gefährlichsten Hospitalkrankheiten geworden war. Da sich inzwischen das Barackensystem sowohl während der jüngsten Kriege als auch in Friedenszeiten in vereinzelten Fällen gut bewährt hatte, beschloß man, diese werthvolle Verbesserung der Hospital-Hygiene hier zum ersten Male in großem Maßstabe anzuwenden und zwar derart, daß man das große, durch seine gesunde Lage ausgezeichnete neue Waisenhaus, welches bereits 1866 vortreffliche Dienste als Lazareth geleistet hatte, entsprechend umbaute und mit einem Barackenlazareth verband.

Es war ein anfangs befremdender Gedanke, beide Systeme, das bisherige und das neue, zugleich in Anwendung zu bringen. Mancher glaubte darin nur eine halbe Reform, ein Spiel des Zufalls, einen unvollkommenen Nothbehelf zu erblicken. Dennoch aber mußte man zugeben, daß diese Vereinigung eines festen großen Krankenhauses mit Baracken viel für sich habe, einmal im Hinblicke auf unsere klimatischen Verhältnisse, dann aber auf die Thatsache, daß gewisse Krankheiten sich weniger für die Behandlung in Baracken eignen. Es war daher geradezu als ein glücklicher Zufall zu bezeichnen, daß in gesündester Lage sich ein Gebäude von vorzüglichster Zweckmäßigkeit als Centralpunkt für ein daran sich schließendes großartiges Barackenhospital fand und daß die Umgebung noch ein großes, für anderweitige Universitätsbauten verwendbares Terrain darbot. Auf diesem sind in den letzteren Jahren wahre Musterbauten, das sogenannte „Lateinische Viertel“, entstanden. Ein physiologisches und ein chemisches Laboratorium von großartigen Dimensionen, von einer bis in’s Einzelne ingeniösen Ausstattung, stehen hier bereits und bilden Anziehungspunkte für die fernsten Ausländer, da die Berühmtheit ihrer Leiter, Ludwig und Kolbe, sowie die Vollendung der Einrichtung sie den ersten derartigen Anstalten zur Seite setzen.

Neben dem chemischen Laboratorium erhebt sich das imposante Krankenhaus, zunächst das feste Gebäude, welches einen Mittelbau und zwei Seitenflügel darstellt, und hieran sich schließend eine förmliche Barackenstadt von interessanter Anordnung. Der Anblick dieses Gebäudecomplexes ist besonders von einem eine Ueberschau gestattenden höheren Standpunkte ein überraschender und bietet im ersten Augenblicke durchaus nicht das Bild, das man von einem Krankenhause gewöhnt ist. Man wähnt vor einem industriellen Etablissement zu stehen und erräth erst bei genauerer Besichtigung die Bestimmung dieser für uns noch befremdenden Gebäudegruppe. Von der südöstlichen Ecke des festen Gebäudes aus erstrecken sich zwei geschlossene Gänge, der eine nach Osten, der andere nach Süden zu. An diese Gänge schließen sich östlich sechs, südlich vier Baracken, von welch letzteren eine zur Operationsbaracke bestimmt ist, während die übrigen neun mit Kranken zu belegen sind. Außerdem befinden sich an der Ostgrenze des Grundstückes mehrere isolirte Baracken, welche hauptsächlich für ansteckende Krankheiten dienen und bereits durch die gegenwärtige Pocken-Epidemie eingeweiht wurden, an der Westgrenze aber das Badehaus, Kesselhaus, Waschhaus und Eishaus. Der südwestliche Winkel ist für Wirthschaftsgebäude bestimmt. Die ganze Südseite liegt frei und gestattet der frischen Luft und dem Sonnenlichte ungehinderten Zutritt zu den Parkanlagen, welche zwischen den Baracken und in dem ganzen Mittelraume den Kranken und Reconvalescenten einen angenehmen gesunden Aufenthalt bieten sollen.

Ueberhaupt ist die Lage des Krankenhauses, auch des festen Gebäudes, eine günstige. Die beiden Höfe sind zwar von drei Seiten geschlossen und, da sie nach Norden gelegen sind, auch sonnenarm; da aber ihre offene Seite dem baumreichen Johannisthal gegenüber liegt und die hohe Lage dieses Gebäudes einen frischen Luftzug begünstigt, so ist anzunehmen, daß auch nach dieser Seite hin die Verhältnisse nicht ungünstig sind. Ein an der Straßenmauer liegendes unscheinbares, aber höchst wichtiges und in seinem Innern sehenswerthes Gebäude ist das Reservoir, in welchem der desinficirte Inhalt sämmtlicher Closets gesammelt, nach der ingeniösen Süvern’schen Methode gesondert und geklärt und wo durch diese Behandlung der Excremente jede Weiterverbreitung ansteckender Stoffe unmöglich gemacht wird. Am nordöstlichen Ende schließt sich der unzertrennliche Begleiter jedes Krankenhauses an, das pathologisch-anatomische Institut und hinter demselben der Friedhof, wo Diejenigen, welche lebend oder todt der Wissenschaft genützt haben, ihre endliche Ruhe finden.

Ist schon die Anlage dieses Hospitals im Ganzen derart, daß die Bezeichnung eines Musterkrankenhauses völlig gerechtfertigt erscheint, so gilt dies nicht minder für die innere Einrichtung, bei der Zweckmäßigkeit und Rücksicht auf alle möglichen Fragen der Hospital-Hygiene, umsichtige Benutzung und Umwandelung der gegebenen Räume und ein mit den neuesten Erfindungen ausgestatteter Comfort zu bemerken sind. Wenn irgend die sorgfältigste Erwägung aller Bequemlichkeiten und die Abhaltung aller uns bisher bekannten Schädlichkeiten genügen, um die Heilung, die Wiederherstellung und das Wohlbefinden der Kranken zu unterstützen, so darf man hier die günstigsten Erfolge erwarten. Man vergißt fast, in einem Krankenhause zu sein, so angenehm ist der Aufenthalt in diesen luftigen, lichten Räumen.

Die Leiter des Hospitales, die Kliniker Wunderlich und Thiersch, haben durch Schaffung dieser vortrefflichen Anstalt ihrem auf dem Felde der medicinischen und chirurgischen Klinik längst bewährten Namen den nicht minder ehrenvollen von Gründern und Vorkämpfern eines zum ersten Male in ausgedehntem Grade angewendeten [347] reformatorischen Systems des Krankenhaus-Baues hinzugefügt und sich besonders um die ärmere Bevölkerung, der ja ein öffentliches Krankenhaus vorzugsweise zu Gute kommt, sehr verdient gemacht. Indem sie mit diesem Humanitäts-Werke „den Besten ihrer Zeit genug gethan“, haben sie ihren Namen ein „Leben für alle Zeiten“ in der Geschichte der Stadt Leipzig und klinischer Institute überhaupt gesichert. Daß ihre Pläne eine so praktische, bis ins Detail zweckmäßige Verwirklichung fanden, ist den ganz vorzüglichen Kräften zu danken, die ihnen zur Seite standen und von denen neben dem umsichtigen Stadt-Baudirector Dost in erster Linie der Hospital-Verwalter Friedrich zu nennen ist. Wie sorgfältig besonders Letzterer bestrebt gewesen ist, bis in’s Kleinste Pläne und Absichten der genannten klinischen Autoritäten auszuführen und überall etwas Musterhaftes zu schaffen, kann man nur bei einem längeren Besuch des Hospitals würdigen.

Es würde uns hier zu weit führen, wollten wir ein specielles Bild des Hospitals und seiner Einrichtung geben. Für Behörden, Aerzte und solche, die sich dafür interessiren, steht eine officielle, genaue Schilderung in Aussicht. Wir können uns damit begnügen, einen flüchtigen Rundgang durch die Räume zu machen. Das Hauptgebäude enthält die für den Betrieb und die Verwaltung erforderlichen Zimmer, die Beamtenwohnungen, die Küche, Bäckerei, Vorrathsräume, Apotheke, die Kirche, und außerdem zahlreiche Privatkrankenzimmer und mehrere Krankensäle. Alles ist auf’s Zweckmäßigste durch Corridore verbunden und so angeordnet, daß der Verkehr der Kranken und des Dienstpersonals soviel wie möglich erleichtert ist. Aufzüge für Speisen und Brennmaterial vergrößern die Bequemlichkeit. Ein wahres Muster an Großartigkeit und praktischer Einrichtung ist die riesige Küche, in der ein kolossaler Füllofen mit allen erdenklichen Vorrichtungen zum Kochen, Wärmen, Braten etc. die Patienten versorgen soll. Außerdem werden noch verschiedene Dampfkessel zur Bereitung von Fleisch, Gemüse, Suppe, Kaffee, Milch etc. dienen. Nicht minder großartig sind die Heizungsvorrichtungen für die eigentlichen Räume des Krankenhauses, zwei Schuttöfen von imponirender Größe. Daß die Krankenräume luftig, hell und mit vortrefflicher Ventilation versehen sind, daß Gas- und Wasserleitung alle Räume durchziehen und daß die Desinfection der Aborte nach Süvern’s System, sowie die Fortführung der Excremente in das Reservoir eine vorzügliche ist, bedarf kaum der Erwähnung.

Durch den an den Parterrecorridor sich schließenden Verbindungsgang der Baracken begeben wir uns in eine solche. Wir sehen einen länglichen Saal vor uns, dessen massive Umfassungsmauern ein spitz zulaufendes, am First mit einem sogenannten Dachreiter versehenes Dach tragen. Ein solcher Saal ist fünfzig Ellen lang, sechszehn Ellen breit und hat an der Mauer eine Höhe von sieben und ein halb, in der Mitte eine solche von zehn und ein viertel Ellen. Der Fußboden ruht auf einem gemauerten Unterbau, befindet sich circa drei Ellen über dem Terrain und ist derartig construirt, daß zwischen den Pfeilern des Unterbaues die Luft eintreten und von unten, behufs Vermehrung der Ventilation, in die großen, zugleich heizenden und ventilirenden Oefen gelangen kann, deren jede Baracke drei besitzt. Der Fußboden ist mit Coaks gefüllt, damit der Schall der Tritte sowie die Schwingungen möglichst vermieden werden. Auf jeder Seite spenden bei Tage dreizehn Doppelfenster ein helles Licht, bei Nacht werden die Baracken durch Gas erhellt. Den Fensterpfeilern entsprechend stehen vierundzwanzig Krankenbetten. In den Ecken der Baracken sind kleinere Räume abgetrennt, und zwar ein Wärterzimmer, ein Badezimmer und ein Watercloset. Das heiße Badewasser wird durch eine Röhrenleitung in alle Baracken geführt. Für Thee und Umschläge sind Gaskochapparate vorhanden. Das dem Verbindungsgange entgegengesetzte Ende der Baracke führt auf eine freie Veranda, die durch hölzerne Rollläden geschützt werden kann und bei günstiger Witterung den Patienten einen angenehmen Aufenthalt bietet. Von dieser Veranda führen Stufen in den gemeinsamen Park. Der Dachreiter enthält auf jeder Seite zwölf mit leicht verstellbaren Glas-Jalousien versehene Oeffnungen, die wesentliche Dienste für die Ventilation leisten. Ueberhaupt ist diese, nächst dem gemüthlichen, wohnlichen Charakter, den die mit sauberer Verschalung und freundlichem Anstrich versehenen Pavillons bieten, der größte Vorzug, ja der Glanzpunct dieser Räume. Sie ist für jede Jahreszeit und jede Temperatur angepaßt und erfüllt auf verschiedene Art, je nach Bedürfniß, in einer leicht zu regulirenden Weise rasch und vollständig ihren Zweck, die schlechte Luft aus allen Schichten des Krankensaales zu entfernen. Wir haben also, besonders wenn wir erwägen, daß die Leipziger Baracken so solid construirt sind, daß sie den Witterungseinflüssen widerstehen, das Ideal von Krankensälen vor uns.

Nachdem wir verschiedene Baracken, auch die etwas anders eingerichteten Isolirungsbaracken und die mit Riesenfenstern versehene Operationsbaracke besichtigt haben, verfügen wir uns durch eine directe Fortsetzung des Corridors in das Badehaus, welches mit Luftheizung versehen ist und zwei Dampfbäder, sowie sechszehn Badezellen bietet. An dieses schließt sich das Kesselhaus, worin zwei imposante Dampfkessel mit je zwei Cylindern arbeiten und, gewissermaßen als das Herz dieses großen Körpers, in die gesammten Räume des Krankenhauses das heiße Wasser pumpen. Nicht minder interessant ist das Waschhaus, wo der Dampf das Alles bewegende Element ist. Zwei kleinere Waschmaschinen und eine große, ein Spülapparat, ein Centrifugalringapparat, Rolle und Schnelltrockenapparat – Alles greift hier mit Präcision ineinander. Für Wäsche von ansteckenden Kranken ist ein gesondertes Waschhaus vorhanden. Aufzüge zu dem durch sinnreiche Jalousievorrichtungen geschützten Trockenboden für Lufttrocknung erleichtern auch hier die Communication. Von dem Eishause und den zur Conservirung von Fleisch etc. daselbst angebrachten Vorrichtungen läßt sich nur sagen, daß auch hier Solidität und Umsicht den Plan leiteten.

Einer der wichtigsten Puncte nächst der Ventilation ist bei einem Krankenhause die Desinfection der Ausleerungen. Dies sofort zu bewirken, den Inhalt der Closets rasch zu entfernen und derart umzuwandeln, daß die festen Bestandtheile von den flüssigen getrennt, erstere abgefahren, letztere aber – als nunmehr unschädlich – dem städtischen Schleußensystem zugeführt werden, das ist in der Hauptsache das Princip des beim Leipziger Krankenhause im Großen angewandten praktischen Systems. Man kann das hierzu bestimmte Haus mit seiner Dampfmaschine, seinen Klärbassins und gewaltigen Vorrichtungen nicht ohne ein Gefühl des Staunens sehen, da man bisher gewohnt war, gerade diese Seite der Gesundheitspflege nur äußerst stiefmütterlich, nach dem alten Schlendrian behandelt zu sehen. Jetzt ist hier, nach dem neuesten wissenschaftlichen Standpunct, das Beste geboten.

Zugleich aber sei noch des neuen, angrenzenden Pathologisch-anatomischen Institutes, welches unter Professor Wagner’s Leitung steht, besonders gedacht, eines Musterinstitutes, welches die zweckmäßigsten und splendidesten Räume für Sectionen, mikroskopische Untersuchungen, Sammlungen, pathologisch-chemische Arbeiten, Vorlesungen u. s. w. enthält. Die klinische Schwesteranstalt findet hier ihre nothwendige Ergänzung und das Mittel, das Wesen der Krankheiten genauer zu studiren, in einem Grade hoher Vollkommenheit.

Leipzig und Sachsen kann also mit Recht auf dieses Krankenhaus, dem gegenwärtig kein ähnliches an die Seite gesetzt werden kann, stolz sein; denn es hat auf einem der wichtigsten Gebiete des Volkswohles, auf dem der Hospitalpflege, in einer großartigen Weise eine neue, voraussichtlich segensreiche Bahn betreten.

Inzwischen hat der neueste Krieg, in welchem die Baracken wie Pilze aus der Erde gewachsen sind, auf’s Neue die Trefflichkeit derselben dargethan. In wenig Wochen hat das sächsische Kriegsministerium auf dem Exercirplatze bei Leipzig ein an das dortige Militärlazareth sich anschließendes großes Barackenlazareth errichten lassen. Zahlreiche andere Barackenlazarethe in Deutschland und auf dem Kriegsschauplatze bekunden auf’s Neue die Trefflichkeit dieses Systems und sind besonders in unserer neuen Kaiserstadt Berlin als großartige Reservelazarethe entstanden.

Um die Organisation solcher Reservelazarethe zu erläutern und zu verallgemeinern, sind bereits zahlreiche Vorschläge und Entwürfe in Folge der enormen Zahl von Verwundeten in’s Leben getreten, da die moderne Kriegführung mit ihren Massenkämpfen, ihrem Schnellfeuer mit Geschütz und Kleingewehr, ihren raschen und ausgedehnten strategischen Zügen der Möglichkeit, die Opfer der Geschosse entsprechend zu behandeln, weit vorausgeeilt ist. Mehr und mehr dringen durch Wort und That, durch Belehrung und praktische Versuche die Grundsätze, auf denen dies neue System der Hospitalpflege beruht, in weitere Kreise; mehr und mehr wird die Verwirklichung wissenschaftlicher Gesetze Gemeingut des Volkskreise und trägt dazu bei, die Zahl Derjenigen zu verringern, welche dem Kriege und der Krankheit – jenen Geißeln der Menschheit – ihren Tribut zollen müssen.