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Ein Klostermuseum in der Heide (Wienhausen)

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Textdaten
Autor: Otto Vorländer
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Titel: Ein Klostermuseum in der Heide
Untertitel:
aus: Die Denkmalpflege. 4. Jg., S. 109–113
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1902
Verlag: Wilhelm Ernst & Sohn
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Kloster Wienhausen
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Ein Klostermuseum in der Heide.

Wem klänge nicht diese Ueberschrift fremdartig? Wer dächte nicht im ersten Augenblick an die Gefahr, daß hier leicht Poesie und Wirklichkeit zu einem Bilde verschmelzen könnten, das in die Spalten dieser Zeitschrift nicht passt. Und doch erscheint der Titel dieser kleinen Arbeit berechtigt. Er hat dem Unterzeichneten bei seinen wiederholten Wanderungen durch die Lüneburger Heide und bei seinem öfteren längeren Verweilen in Wienhausen i. H. stets als die treffendste Bezeichnung für das, was er gesehen, vorgeschwebt. Im norddeutschen Tieflande gibt es da und dort versteckt noch einige Stätten, wo verschiedenartige Ueberreste eines mittelalterlichen Kunstfleißes (namentlich Glasmalereien) wohl erhalten sind, und sich das Gemeinschaftsleben der Klosterinsassen in einer gewissen Weise fortgesetzt hat bis auf den heutigen Tag. Letzterem Umstande verdanken wir es vielleicht, daß in den seit der Reformation zu je einem evangelischen Fräuleinstift umgewandelten ehemaligen Klöstern Wienhausen, Ebstorf, Lüne, Medingen usw. in der Provinz Hannover die Hütung der überkommenen Alterthümer noch zu den Obliegenheiten der jeweilig vorstehenden Aebtissin bezw. der für einen gewissen Zeitraum hierfür ernannten Mitschwester gehört. Es ist zu bemerken, daß die je und dann von Fachkundigen mit Vorsicht oder auch mit rückhaltloser Freude geäußerte Werthschätzung sichtliches Behagen bei den Conventualinnen weckt, und daß damit auch die Fortdauer solch löblicher Bethätigung der Denkmalpflege bis zu einem gewissen Grade gewährleistet ist. Für diesmal soll uns nur das Kloster Wienhausen beschäftigen, von dem bereits allerlei Anregungen und Aufnahmen in die Welt hinausgetragen worden sind.[1]

Abb. 1. Kloster Wienhausen bei Celle.

Abb. 2. Ansicht des vorm. Nonnenchors im Kloster Wienhausen.

(Aus: Mithoff, Archiv für Niedersachsens Kunstgeschichte, 2. Abth.)


Man erreicht Dorf und Kloster Wienhausen von Celle aus durch einen Privat-Omnibus in etwa 1½ Stunden. Wer die Heide liebt und rüstig zu Fuß ist, geht am besten durch die „Blumläger Vorstadt“ auf der breiten Landstraße, die weiterhin durch kleine Dörfer und Gehöfte, dann eine lange Strecke durch dichtes Gehölz hindurch und endlich gegenüber den Bockelskamper Fichtenwaldungen nahe an den stillen Weihern und ausgedehnten Parkanlagen des Klosters vorbeiführt. Auf der nordöstlichen Seite fließt in trägem Lauf die Aller vorbei, gleich dahinter breitet sich die Heide weiter aus, hier erst mit all den Erscheinungen, die ihr Duft und Reiz verleihen, während Wienhausen, nur von einem ganz kleinen Nebenarm des genannten Flusses berührt und, von Wiesen und Buschwerk umsäumt, wie eine liebliche Oase inmitten eintöniger Umgebung daliegt. Still und freundlich sind auch die [110] ackerbautreibenden Bewohner, die mit dem Kloster auf gutem Fuße stehen und in mehr als einer Beziehung von diesem freundnachbarlichen Verhältniß Vortheil ziehen. Zu stillem Versenken in die Vergangenheit,

Abb. 3. Reste alter Glasmalereien im Kloster Wienhausen. – Aufgenommen von O. Vorlaender.

Abb. 4. Wandteppich im Kloster Wienhausen bei Celle. Geschichte von Tristan und Isolde. (Obere Ecke des Teppichs). – Aus: Lessing, Mittelalterliche Wandteppiche.

zu poetischem Genuß des Naturlebens, an Sommertagen oder im Herbst, wenn die Schleier des Moorrauches von Norden her über die noch blühende Heide ziehen und die Farben noch milder herabstimmen, ist wohl kaum ein Ort so geeignet, wie das lauschige Wienhausen, dessen Frauenkloster einst durch seine vielen Beziehungen zu der hohen hildesheimischen Geistlichkeit und den vornehmen Familien in Celle, Lüneburg, Braunschweig usw. bis zur Reformation den Mittelpunkt des religiösen Lebens in jener Gegend bildete. Alles geht in gedämpftem Ton. Der Wanderer hört kaum seinen eigenen Schritt, wenn er über die weichen sandigen Wege langsam dahinschreitet. Das Getriebe der Stadt und der Eisenbahn liegt fern ab, Großgewerbe ist nicht vorhanden. Nur eine Mühle läßt, vom sanftgleitenden Wasser getrieben, dicht am Klosterhof das melodische Rauschen ihrer Räder hören; oben auf den Schornsteinen klappert der Storch, der hier in den stehenden schilfbesäumten Gewässern reichliche Nahrung findet, und in dem herrlichen alten Park (dem früheren Jagdschloßgarten der Herzöge von Celle), der das Kloster von zwei Seiten umgibt, hört man das Zwitschern und Zirpen der Vöglein. Tönt noch am Sonntag Morgen der Kirchengesang zu einem solch schattigen, lauschig verborgenen Plätzchen herüber, das zugleich einen Durchblick in die träumerische Ferne gewährt, so ist die Stimmung vollendet, um nun auch tief und anheimelnd die Werke bildender Kunst auf sich wirken zu lassen, die hier Schutz und Dauer gefunden. Doch bevor wir uns diesen zuwenden, wollen wir die Geschichte des Klosters kurz an uns vorüberziehen lassen.

Der Name Wienhausen (ursprünglich Huginhusen, Hugwinhusen, später Wynhusen und Weinhausen geschrieben) kommt zuerst im Jahre 1022 in einer Stiftungsurkunde des Bischofs Bernward, bezüglich des Klosters St. Michaelis in Hildesheim, vor.[2] Im Jahre 1057 wird Wienhausen unter den publicis ecclesiarum parochiis genannt, war also damals schon Sitz eines Archidiakonus (s. Bettinghaus, a. a. O.). Das Landgut Wynhusen im Gaue Flutwide hat ehedem zum Kloster Fulda gehört – „in comitato videlivet Brunonis comitis et in pago Flotwida situm“ – (Urk. d. K. Heinr. III. v. 2. März 1052).[3] Es wurde 1052 von Heinrich III. eingetauscht und dem hildesheimschen Bischof Azelin geschenkt.[4] Man nimmt an, daß schon in vorchristlicher Zeit hier eine Opfer- und Dingstätte gewesen sei. Die Herzogin Agnes, zweite Gemahlin von Heinrich dem Jüngeren, † 1227 (Herzog zu Sachsen und Pfalzgraf am Rhein, Sohn Heinrich des Löwen) und Tochter des Markgrafen von Meißen und Landsberg, gründete mit Genehmigung des hildesheimischen Bischofs Konrad II. i. J. 1233 das Kloster Wienhausen für die heiligen Jungfrauen vom Cistercienser-Orden. Für die Annahme, daß Agnes das Kloster zuerst (schon um 1220) in Nienhagen a. d. Fuhse (unweit Celle) gegründet und dann der dortigen ungesunden Verhältnisse wegen nach Wienhausen

[111]

Abb. 5. Durchbrochene Broncetafel in der Sammlung des Klosters in Wienhausen. – Aufgenommen von O. Vorlaender.
(Etwa 1/3 der wirkl. Größe.)

verlegt habe, sind keine sicheren Belege vorhanden (nur in einer ungedr. Kl. Chronik ist etwas davon erwähnt).[5] Im Kloster-Archiv befindet sich die vom Bischof als Reichsfürst unterzeichnete Stiftungsurkunde, sie ist u. a. abgedruckt in „Vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniß des Königreichs Hannover, wie es war und ist“, herausgegeben v. Spiel, I. Bd. Jahrg. 1819, S. 289-291.[6] Durch sie wird das neue Kloster mit Gütern und besonderen Gerechtsamen ausgestattet. Es wird ferner der heiligen Gemeinschaft, als Nachfolger in den

1. Klostergebäude. 2. Klosterkirche. 3. Kirche der Gemeinde. 4. Aebtissin-Wohnung. 5. Neuere Wohnungen für Conventualinnen. 6. Klosterknechtswohnung[WS 1]. 7. Nebengebäude des Klosters. 8. Vorhof. 9. Kleinerer Klosterhof. 10. Größerer Klosterhof. 11. Hinterhof. 12. Gärten. 13. Bleiche. 14. Klostergehölz. 15. Wohnung und Nebengebäude des Beamten. 16. Glockenhaus.
Abb. 6. Lageplan des Klosters Wienhausen.

früheren Archidiakonats-Befugnissen, ein Propst vorgesetzt, der die jedesmalige Bestätigung aus den Händen des jeweiligen Bischofs zu empfangen hat. Die neue Stiftung wurde von den hildesheimischen Bischöfen Konrad, Heinrich, Johann, sowie von den braunschw. lüneburgischen Herzögen bezw. Herzoginnen mit Gütern und Rechten reich ausgestattet (s. Sudendorf u. a.). Dagegen soll die Herrschaft eines Vogtes unterbleiben. – Wahrscheinlich wurde in den Jahren 1305–1306 unter Propst Konrad von Horn (an anderer Stelle v. Here genannt)

Abb. 7. Kloster Wienhausen nach Merian (1654).

die Klosterkirche erbaut, die später durch die umfassenden Malereien an Wänden und Decken so bekannt geworden ist.[7] Weiterhin beschenkte Herzog Otto das Kind dieses Kloster mit reichen Gütern im Lüneburger Lande. Im Jahre 1239 wurden die meisten Gebäude des prächtig erstandenen Klosters vollendet und ihrer Bestimmung übergeben. In Gegenwart der Herzogin Agnes, mit ihrem Hofstaate, vielen Rittern und Edlen, einer Anzahl Geistlicher, und unter Theilnahme einer großen, von nah und fern herbeigeströmten Volksmenge, hielten die ersten edlen Nonnen, die aus dem Jungfrauenkloster Wiltingerode (nach Görges: Wöltingerode) bei Goslar gekommen, unter Führung des Propstes [112] Werner und der Aebtissin Ebdesche (Domina Eveza) ihren feierlichen Einzug.[8] Im Jahre 1309 erhielt das der h. Jungfrau Maria und den hh. Laurentius und Alexander als Schutzpatronen geweihte Kloster an Zuweisungen das Dorf Oelerse, das Dorf Plockhorst und die Kirche in Bröckel (vergl. Mithoff, a. a. O. S. 274).

Einzelne Sagen über Wienhausen und sein Kloster, die sich noch ziemlich lange erhielten, können wir hier übergehen, ebenso die Mittheilungen über Verwaltung und Einrichtung des Klosters bis zur Reformation, die im Jahre 1469 von Herzog Otto dem Siegreichen vorgenommen wurde. Die damalige Aebtissin Katharina (aus dem Geschlechte der Grafen von Hoya) leistete mit ihren Jungfrauen entschiedenen Widerstand, wurde aber vom Herzoge abgesetzt und einstweilen nach Derneburg abgeführt. In dem Zeitraum von 1529–49 hat Herzog Ernst die Reformation in Ausführung der Scharnebecker Landtagsbeschlüsse eingeführt, zugleich aber den Propst mit allen Propsteibedienten des Dienstes entlassen und ihre Einkünfte bis auf die zur Unterhaltung der Kirchen und Kirchendiener ausgesetzte, zu den landesherrlichen Domänen gezogen.[9] Das Kloster wurde dann in ein weltliches Fräuleinstift verwandelt und besteht als solches noch jetzt. Das Verzeichniß der Pröpste zählt bis zum Jahre 1521 etwa 39 Namen auf, das der Aebtissinnen bis 1549 nur 21.[10] Nun zurück zu den Gebäuden selbst.

Man geht vom Dorfe her in der Regel über den schon erwähnten östlichen Vorhof ins Kloster (Abb. 6 u. 7). Er trägt den Namen Fabian, zur Erinnerung an eine Capelle, die hier von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Jahre 1531 gestanden hat und unter der Aebtissin Luitgard, um die Pest abzuwenden (Bettinghaus, a. a. O. S. 44 I. Th.), errichtet und den hh. Märtyrern Fabian und Sebastian gewidmet worden war. Jetzt grenzen an diesen Platz nördlich Wirthschaftsgebäude an, in denen hin und wieder auch Verwandte der Klosterdamen vorübergehend gastliche Aufnahme finden. Den unteren kreuzgangartigen Hallen der eigentlichen Klostergebäude entsprechen oben weißgetünchte Flure, deren Fenster den Ausblick in die inneren umbauten Höfe gestatten. In diese Fenster auf dem nördlichen Flure sind eine Reihe von Resten alter Glasmalereien eingelassen, die ehemals an verschiedenen anderen Stellen (theilweise vielleicht auch in dem später neu verglasten großen Westfenster) sich befanden und unter dem Beirath des kürzlich verstorbenen Geheimen Regierungsraths Professor C. W. Hase in Hannover von der zeitigen Aebtissin in sehr verständiger Weise zum Schmucke der sonst ziemlich kahlen Flure bestimmt wurden. Die figürlichen sowohl wie die ornamentalen Scheiben deuten auf die Zeit bald nach der Erbauung des Nonnenchors, d. h. auf den Anfang des 14. Jahrhunderts. Wir finden in den Köpfen und in der Faltengebung der Gewänder, wie besonders in dem Flächenornament einiger Graumalereien (s. Abb. 3) dieselbe strenge Linienführung wie bei den Wandmalereien in der Kirche, doch ist der frühgothische Charakter hier noch entschiedener ausgesprochen als dort. (Vergl. Abb. 2.) Am Eingange zur vorerwähnten Kirche erinnert ein an der Wand aufgerichtetes Flachbild (ohne eigentlichen Kunstwerth) an die Stifterin Pfalzgräfin Agnes.

Das Innere, eine einschiffige Klosterkirche, die sich westlich an die Gemeindekirche anschließt (Abb. 2), ist als eine hervorragende Sehenswürdigkeit und für Freunde mittelalterlicher Kunst als ein Studienfeld ersten Ranges zu bezeichnen und rechtfertigt allein schon die Ueberschrift, die wir unserer Abhandlung hier gegeben haben. Eine großartige Folge von Darstellungen aus dem alten und neuen Testament tritt in vorzüglicher Beleuchtung dem Beschauer entgegen. Die biblia pauperum liegt aufgeschlagen vor uns. Wir sehen alle freiliegenden Wandflächen, gleich von der Höhe des Gestühls an beginnend, sowie die Gewölbe überall bemalt (Abb. 2). Diese Malereien bieten das seltene Beispiel einer vollständigen „in allen Theilen“ einheitlichen Decoration frühgothischen Stils.[11] Die Gewölbekappen enthalten in Kreisfeldern Darstellungen aus dem Leben und Leiden Christi, und an den Wänden folgen in zwei Reihen übereinander in rechteckigen Feldern, die wagerecht durch langgestreckte Friese mit streng stilisirtem Laubwerk getrennt sind, Bilder aus den Legenden der Märtyrer und Heiligen. Dazu sind sämtliche Rippen, Gurtbögen, Leibungen und Flachnischen in der einfachen kräftig wirkenden Weise, zum Theil mit schwarzen Gründen und mit starker Betonung der Umrisse bemalt.[12]

Im Ornament wirkt noch romanische Ueberlieferung nach, doch tritt an die Stelle des romanischen Rankenwerks das streng stilisirte aber lebensvolle frühgothische Blattwerk.[13] Es wechseln die bekannten Motive von Epheu, Ahorn, Eiche, Wein, Lilien, Rosen usw.; bei größeren Flächenausbreitungen ist das Ornament mit vorzüglich stilisirten Thierfiguren durchsetzt. Die Figuren der biblischen Bilder sind, namentlich in den Kreisflächen der Gewölbemalerei, in etwas gedrungenem Maßstabe gehalten, dabei aber durchweg sehr geschickt in den Raum hineincomponirt. Von Gold ist nirgends mehr Gebrauch gemacht worden. Es waltet trotz der Häufung von Motiven auf einem verhältnißmäßig kleinen Raum, in der gesamten Malerei Ruhe und Klarheit. Die Wiederherstellung ist seinerzeit der ursprünglichen Wirkung wohl nicht ganz gerecht geworden. In dem jetzigen Zustande sind gewisse Härten nicht zu übersehen, wie dies schon in den sonst sehr tüchtigen Aufnahmen des früheren Kölner Malers Ludger Schroer zu erkennen ist. Wenn wir nicht irren, haben auch Welter und Lohse (beide aus Köln) einst hier gemalt. Von den in der Südwand erhaltenen alten Glasmalereien ist ein Fenster farbig wiedergegeben in H. Kolb. a. a. O., ferner zwei andere, darunter das figürliche mit den H. H. Georg und Alexander, in Mithoff a. a. O. Es wechseln in ersterem in rautenförmigen Feldern strengstilisirte Adler mit Rosetten.

Uebrigens birgt die Kirche noch andere werthvolle Schätze mittelalterlicher Kunst, vor allem in einer zwar kleinen, aber unter der sorgsamen Pflege der Damen außerordentlich wohlerhaltenen Sammlung von Wandteppichen. Vor ein paar Jahren hat der Director des Hamburgischen Museums, Herr Dr. J. Brinkmann, durch seine Töchter eine wohlgelungene Nachbildung des interessantesten dieser Teppiche, der die Geschichte von Tristan und Isolde in drei Figurenfriesen darstellt, im Kloster herstellen lassen und dann in der letzten Pariser Weltausstellung sowie in Berlin zur Anschauung gebracht. Zu derselben Zeit hat der Maler Kutschmann aus Berlin, auf Veranlassung des Directors des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin Geheimrath J. Lessing, eine sehr gewissenhafte Aquarell-Aufnahme von einem Theile dieses kostbaren Vermächtnisses mittelalterlicher Textilkunst gemacht, die in dem neuesten Werke Lessings: Ueber mittelalterliche Wandteppiche (Verlag von E. Wasmuth, Berlin) in getreuem Farbendruck bereits erschienen ist. Die Fläche ist durch vier Bogenstreifen mit schräggestellten Wappenschildern in drei Figurenfriese getheilt, in denen, von oben links beginnend, auf blauem Grunde in aneinandergereihten Scenen die Geschichte von Tristan und Isolde erzählt wird. Rechts und links ist das Ganze von Borten mit grünen Ranken, weißen und rothen Rosen auf gelbem Grunde eingefaßt (vergl. Abb. 4). Außerdem sind noch vorhanden: ein großer Teppich mit Darstellungen aus der Legende der heil. Elisabeth, ein großer Teppich mit biblischen Darstellungen, vorwiegend alttestamentlich, ein Teppich mit der Legende vom heil. Thomas, ferner der sogen. Prophetenteppich, ein kleiner Teppich mit einem Jagdzug, und endlich ein großer Rococoteppich, einen Kampf zwischen Habicht und Taube enthaltend und in vorwiegend blauen und grünen Farben. In demselben Zusammenhang nennen wir gleich noch das sogen. Hungertuch, von durchsichtigem Stoff und mit Darstellungen von Christi Geburt und Jugend, sowie verschiedene Antependien und Hostientaschen. Die Teppiche sind in dem Mithoffschen Foliowerke von 1849 (s. oben) auf Taf. VI bis einschl. X farbig wiedergegeben. Auf dem Nonnenchor (Abb. 2) befindet sich auch der prächtige Sarkophag, dessen Malereien auf Goldgrund ebenso wie die auf Goldgründen gemalten Figuren und Ornamente der vier von der Aebtissin Katharina von Hoya gestifteten Candelaber im Jahre 1894 von den Malern Mittag und Olbers in Hannover wiederhergestellt wurden. Außerdem werden in der Kirche noch vier Abendmahlskelche gezeigt. Weitere zahlreiche Schenkungen an kirchlichen Werthstücken, namentlich auch Glasmalereien für das ehemals an Stelle des jetzigen Remters vorhanden gewesenen Sommer- und Winter-Refectorium, sind in der obenerwähnten Chronik bezw. in dem Nekrolog der Aebtissinnen und Pröpste aufgeführt und bei Mithoff, a. a. O. Bd. IV, mitgetheilt.

Völlig den Eindruck eines kleinen Museums macht indes im Obergeschoß des den östlichen kleinen Klosterhof abschließenden Flügels der Capitelsaal, in den man, aus der Kirche zurücktretend, [113] vom südlichen Flur aus gelangt. Hier sind eine größere Anzahl mehr oder weniger werthvoller Ueberbleibsel aus früherer Zeit wohl geordnet aufgestellt, darunter ein kleiner Altar, zwei lebensgroße geschnitzte und bemalte Gewandfiguren, mehrere Bilder in alten Rahmen, zwei gothische geschnitzte Truhen, Säulchen mit Malereien auf Goldgrund, ein großer aus Holz, gearbeiteter Sarkophag mit bemaltem Deckel usw. Am meisten fesselt ein nach zwölfeckigem Grundplan gebildetes, in Holz geschnitztes und mit Metallzuthaten versehenes Gehäuse aus frühgothischer Zeit, das ursprünglich wohl zu Beleuchtungszwecken gedient haben mag. Der dazu gehörige jetzt lose nebenan liegende broncene Deckel von etwa 60 cm Durchmesser mit durchbrochenen Ornamenten in wundervoller Zeichnung (Abb. 5) zeigt dieselbe straffe Stilisirung, die jene gemalten Ornamente in der Kirche auszeichnet. Es ist in Abb. 5 nur die eine Hälfte wiedergegeben. In den mit Butzenscheiben versehenen kleinen Fenstern des Capitelsaals sind noch mehrere Wappenscheiben eingelassen; sie zeigen die Wappen verschiedener Adelsgeschlechter; ihre Malereien auf Glas gehören, wie die meisten sogen. Schweizerscheiben, der Verfallzeit an. Zu beachten ist ferner die niedrige Holzdecke dieses Saals, die mit ihren schweren Längsbalken auf einem einzigen Unterzuge und einer einzigen Stütze in der Mitte ruht. Alle Bohlen und Verschalungsbretter tragen ornamentale Malereien, leicht und flott aus der Hand gemalte Rankenzüge im Charakter der Spätgothik. Das Weinrankenmotiv herrscht vor. Die Balken zeigen spätgothische Laubstäbe.[14]

Zum Schluß erwähnen wir noch die Ausstattung des Getäfels einer Zelle, wohin man auf einem langen, mit zahlreichen schweren aber schmucklosen Truhen besetzten Flur gelangt, mit gedruckten Intarsien (Holzschnitt-Abdrucken auf Papier), ganz ähnlich der eigenthümlichen Decoration in der Stanzer Stube des Schweizer National-Museums in Zürich. In der Allerheiligen Capelle endlich sind noch ziemlich erhaltene Frescomalereien, die hoffentlich auch noch in dem Borrmannschen Werke Aufnahme finden werden. Sie stellen auf den vier Kappen des Gewölbes den segnenden Christus sowie je drei Engel mit Schriftrollen dar und sind nicht restaurirt. In den Fenstern alte Glasgemälde mit der Verkündigung, Auferstehung und dem Erzengel Michael. Eine genaue Beschreibung der Gebäude und der Höfe gibt Mithoff in den oben erwähnten Werken.

Wir können diese Betrachtung nicht schließen, ohne des freundlichen Entgegenkommens auch der jetzigen Klosterinsassen und der gütigen Mittheilung verschiedener hier benutzter Quellen durch die jetzige Frau Aebtissin dankbar zu gedenken. Vor allem aber sei an dieser Stelle der aufrichtigsten Verehrung und Dankbarkeit Ausdruck gegeben, die wir und mit uns wohl alle hier einmal eingetretenen Freunde mittelalterlicher Kunst im Andenken an Fräulein Danckwerts empfinden, an jene alte treue Hüterin dieser Schätze, die am Abend des letzten Osterfestes im Alter von 91 Jahren ihre endlich müde gewordenen Augen schloß und in die Ewigkeit hinüberging, wohin ihr Herz schon manchmal voraufgeeilt war. Mit welch liebender Sorgfalt und mit wie hoher geistiger Regsamkeit diese alte Dame, trotz ihrer Jahre, dem ihr anvertraut gewesenen Amte sich widmete, und wie sie es so gern sich dabei zur Aufgabe machte, den studirenden Besuchern Annehmlichkeiten zu bereiten, das wird jedem unvergessen bleiben, dem diese ehrwürdige Erscheinung öfter begegnet ist. Besonders in der Klostertracht, die sie Sonntags, wie die anderen Damen in der Kirche, zu tragen pflegte, kamen diese Züge auch äußerlich zum Ausdruck, zu dem die Räume des Klosters nur den stimmungsvollsten Hintergrund abgeben konnten.

Barmen.
O. Vorlaender.     

  1. Vergl. H. W. H. Mithoff: Archiv f. Niedersachsens Kunstgeschichte 2. Abthg.: Das Kloster Wienhausen bei Celle. Hannover 1849. – J. Lessing: Mittelalterliche Wandteppiche. Berlin, E. Wasmuth. – Borrmann, Kolb und Vorlaender: Aufnahmen mittelalterlicher Wand- und Deckenmalereien. Berlin, E. Wasmuth. – H. Kolb, Glasmalereien des Mittelalters und der Renaissance. Stuttgart, K. Witwer.
  2. Vergl. Bettinghaus: Zur Heimathskunde des Lüneburger Landes I. Theil. S. 14. Verlag von Stroeher, Celle, 1897. – H. W. H. Mithoff: Kunstdenkmale u. Alterthümer im Hannoverschen. Hann. 1877. 4. Bd. S. 273.
  3. Vergl. Böttger: Diöcesan- u. Gaugrenzen. (Hann. 1874.) II. Abthg. S. 333, 336, – (de banno Winhusen) 337 u. 338 – und Kayser „Die reform. Kirchenvisitationen in den welfischen Landen (1542-44)“. III. Th. S. 459. - Zeitschr. des hist. Ver. f. Niedersachsen. Jahrg. 1863. S. 1-134. – Böttger: Brunonen 198-220.
  4. Vergl. Origin. im Kgl. Staatsarchiv v. Hann. s. R. – Domstift Nr. 19. Gedr. bei S. Stumpf (Originibus Guelf.) IV. 421. – Steindorff, Jahrb. d. D. Reichs m. Heinr. III. Bd. II. S. 167. – Mithoff, a. a. O. S. 73. – Lüntzel, Die ältere Diöcese Hildesheim, S. 84, 119, 125, 177 u. ff.
  5. Vergl. Pfeffinger I., 79. – Manecke, Städte u. Aemter in Lüneburg, S. 318 ff. – Görges, Vaterl. Gesch. u. Denkw. Braunschw. 1845, 3. Jahrg., S. 242 ff.
  6. Vergl. ferner: Lüntzel, Geschichte der Diöcese Hildesheim, S. 106, 291, 299 ff. – Pergament-Acten des Pfarr-Archivs in Wienhausen, 1346–1513. – Bettinghaus, a. a. O. S. 25 ff. – Mithoff, a. a. O. – Hoogeweg, Urkundenbuch d. Hochstifts Hildesh., Bd. VI, 2. Th. Lenkefeld S. 715. – Pfeffinger, Braunschw. Historie, I., 75.– Spiel, Vaterl. Archiv, I., S. 289. – Antiquit. Katelnburg, Anh. S. 124. – Antiquit. Poeld. S. 102. – Manecke 1858, S. 318 ff., Hist. Beschr. d. Städte usw. – Doebner, Urkundenbuch d. Stadt Hildesheim, Bd. 1. – Sudendorf, Urkundenbuch d. Herzöge v. Braunschweig u. Lüneburg.
  7. Vergl. die farb. Aufnahmen von Ludger Schroer, im preuß. Staatsbesitz. – Vergl. auch die Chronik im Kloster, ferner Mithoff, a. a. O. und Borrmann, a. a. O. Lief. 1, 2, 4, 6.
  8. Vergl. Bettinghaus, a. a. O. S. 28 u. ff.
  9. Vergl. Kayser: „Die reformat. Kirchenvisitationen in den welfischen Landen.“ III. Th. S. 451. – Heger, Hannover 1888, S. 1414.
  10. Vergl. Böttger, i. d. Zeitschrift des histor. Vereins f. Niedersachsen. Jahrg. 1855. S. 183–259; – ferner den im Kloster-Archiv befindlichen Nekrolog von etwa 1470 ab.
  11. Vergl. Borrmann, im Text zu Liefg. 1.
  12. Vergl. u. a. auch die Deutsche Bauzeitung, Nr. 25, Jahrg. 1895 S. 158, ferner Mithoff, Archiv f. Niedersachsens Kunstgeschichte Abth. II.
  13. Borrmann, Text zu Liefg. 1.
  14. Vergl. Borrmann, Aufnahmen mittelalterl. Wand- und Deckenmalereien. 9. Liefg.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Klosterknechtswohnug