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Ein Humorist fürs junge Volk

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Textdaten
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Autor: Dietrich Theden
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Titel: Ein Humorist fürs junge Volk
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 810–811
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[809]

Lothar Meggendorfer.
Mit Randzeichnungen des Künstlers.

[810]

Ein Humorist fürs junge Volk.

Mit Porträt und Randzeichnungen auf Seite 809.

Ueber den Humor soll man nicht streiten. Selbst unter sonst gleichgearteten Naturen ist die Auffassung des Humoristischen eine grundverschiedene, und was den einen königlich freut, das reizt den andern wohl gar zu gelinder Entrüstung. So kann der Humorist es niemals allen recht machen, und mit derselben Frucht seines Geistes wirbt er Freunde und Gegner. Das ist die Regel sowohl beim Humoristen mit der Feder wie bei denen mit Pinsel und Palette. Der geistvolle, etwas umständliche Humor Jean Pauls dringt heute über die Gelehrtenstuben kaum noch viel hinaus, und der herzerfreuende Humor Fritz Reuters wurde nicht selten zum Theil der Komik des mecklenburger Dialektes zugeschrieben. Des trefflichen Oberländers grotesk-komische Bilder werden von dem einen förmlich studiert, vom zweiten fast überschlagen; Wilhelm Busch mit seinen drastischen Bildern und Versen erscheint als Schicksalsgenosse des berühmt-berüchtigten Struwwelpeters, der bald in den Himmel erhoben, bald in die tiefste Hölle verketzert, aber tüchtig gekauft wird. Und dem ähnlich ist auch das Los Lothar Meggendorfers, der auf der Theresienhöhe in München sein Heim aufgeschlagen und Künstlerfreud und Künstlerleid wechselnd zu verzeichnen hat.

Er besitzt nicht die Gabe, seine Bilder mit wirkungsvollen Knüttelversen zu begleiten; aber seine Zeichnungen sind auch nie derart karikirt, daß sie wieder der Verskarikaturen zur Stütze bedürften. Er zeichnet klar, anschaulich, und die Uebertreibungen, welche die humoristische Behandlung ihm gestattet, lassen die Pointe sofort kräftig ins Auge springen. Oft ist es ihm um den Humor im Worte gar nicht zu thun; das nüchterne Wort „Kleine Ursachen, große Wirkungen“ auf einer der Randzeichnungen zu seinem Porträt würde wirkungslos verhallen, wenn das Bild nicht wäre. Der „bestrafte Thierquäler“ vertrüge keine, auch nicht die beste Erläuterung. Aber gerade diese Skizzenreihe ist charakteristisch für das ganze Schaffen des Künstlers, der seinen Erfolg nicht zum mindesten den Bildern ohne Worte zuzuschreiben hat; mit Vorliebe entlehnt er die Stoffe zu diesen bald dem Schlendrian des täglichen Erwerbslebens, bald den Gewohnheiten und Sünden der Gesellschaft, und in beiden Fällen handhabt er meisterlich die humoristische Geißel. Die Münchener „Fliegenden Blätter“ sind es vor allem, in denen der Humorist seine Schätze aufgespeichert hat, und Kaspar Braun, der Begründer des weitbekannten Blattes, war einer der ersten, der den Werth der scheinbar anspruchslosen Skizzen erkannte und würdigte und damit das Los des Künstlers gerade zu einer Zeit arger Bedrängniß gründlich und günstig umgestaltete.

Lothar Meggendorfer stand damals am Ende der zwanziger Jahre, als er den ersten namhaften Erfolg zu verzeichnen hatte, der ihm auch das brachte, was ihm bis dahin vielfach und oft recht fühlbar gefehlt hatte: harte, klingende Münze. Schmalhans hatte er als Küchenmeister schon im elterlichen Hause kennengelernt. Die hungrigen Mäuler waren dort schon vor seiner Geburt zahlreich genug gewesen, und als er 1847 hinzukam, da war gerade das Viertelhundert der hoffnungsvollen Sprossen des königlichen Obertaxators Meggendorfer voll, und als 1860 der Ernährer der kopfreichen Familie starb, da war Noth am Mann und die Kinder mußten versorgt werden, so eilig und so gut es ging.

Lothar sollte Mechaniker werden, mußte aber einstweilen, da er noch zu schwach befunden wurde, als Lehrling in eine Werkstatt einzutreten, sich damit begnügen, durch den Besuch der Gewerbeschule auf seinen künftigen Beruf sich ersprießlich vorzubereiten. Der Erfolg war kein allzu günstiger; in einem Hauptfache, im Zeichnen, brachte er es über die Noten 3 und 4 nicht hinaus. Einige Münchener Künstler sahen die verpönten Schulleistungen und namentlich die in freien Stunden zwanglos hingeworfenen Skizzen aber doch mit anderen Augen an und riethen der Mutter, den Sohn aus der Gewerbeschule herauszunehmen und ihn die Künstlerlaufbahn einschlagen zu lassen. Ihre geringe Pension reichte dazu nicht aus, aber es ging abermals einen Schritt vorwärts, als ein Baron v. Pelkhoven Zeichnungen des jungen Talentes sah und allmonatlich das Honorar für den Zeichenunterricht an der Vorschule zur Akademie zahlte. Nach zwei Jahren starb aber der Baron, der Zuschuß war nicht zu entbehren, und mit dem Künstlertraum schien es wieder einmal zu Ende. Die Mutter nahm die Gestaltung der Lebenslaufbahn ihres Sohnes aufs neue in die Hand, und da der Eintritt in den Post- und Telegraphendienst bald eine wenn auch vorläufig geringe Einnahme versprach, entschied sie sich für diesen. Sie hatte glücklicherweise ihre Rechnung ohne den Telegrapheninspektor Behringer gemacht, der von dem angehenden Künstler Zeichnungen gesehen hatte und als Kunstfreund dem jungen Manne zuredete, auf der betretenen Laufbahn auszuharren, wenn’s auch zunächst noch kümmerlich genug gehen sollte. So blieb Meggendorfer Zögling der Akademie und verwerthete, da seine Zeichenkünste noch brotlos waren, seine Fertigkeit im Zitherspielen, um sich dadurch den Unterhalt zu verdienen. Einer seiner musikalischen Zöglinge war ein Akademiekollege, der Grieche N. Gysis. Dieser konnte kein Wort Deutsch, Meggendorfer nicht Griechisch. Aber Lehrer und Schüler verständigten sich trotz allem, und schon nach einem halben Jahre spielte Gysis zur vollsten Zufriedenheit beider Parteien nach Noten.

Der Zitherunterricht war einträglich, und je mehr dadurch die Sorgen ferngehalten wurden, um so mehr ging auch Meggendorfer als Schüler von Strähuber, Anschütz, Wagner und Diez der Meisterschaft im Zeichnen entgegen. Und zugleich entwickelte sich bei ihm eine ursprüngliche Naturanlage, die ihn mehr und mehr in Künstlerkreisen beliebt machte, ein drastischer, trockener, schlagender Humor in seinen Schöpfungen und im gesellschaftlichen Umgange. Der Schlachtenmaler Louis Braun brachte nach dem Feldzuge 1870/71 einen sich befreundeten Arzt in den Künstler-Sängerverein als Gast mit, der nach dem im Feldzug erlebten Elend kein Lächeln mehr über die Lippen bringen konnte. Meggendorfers urwüchsige Scherze vertrieben zum erstenmal wieder den finstern Ernst von der Stirn des Gastes.

Alle Sorgen schienen zu schwinden, als Lothar Meggendorfer im Jahre 1873 Elise Rödel, die Tochter eines geachteten Münchener Bürgers, heirathete. Von ihrer Mitgift bauten sich die Glücklichen sogar ein eigenes Heim. Aber was als der Anfang einer freundlichen Zukunft erschienen war, wurde bald zur Ursache schwerster Enttäuschung und Noth. Das Bauen kostete mehr als veranschlagt war, der Zitherunterricht war aufgegeben – die Zeichnungen des jungen Künstlers wurden nirgends angenommen: so brach die Bedrängniß unaufhaltsam herein und selbst die ihm von einem Münchener Bürger hochsinnig zur Verfügung gestellte Summe von 12 000 Mark reichte nur eben dazu aus, die nöthigsten Hypotheken [811] zu decken. Das Heim mußte wieder verkauft werden, und nach Deckung aller Schulden zog das Ehepaar mit – 50 Mark barem Vermögen in ein Mietshaus im Innern der Stadt.

Nach zwei Wochen kam zum drittenmal der Klapperstorch. Jetzt war die Kasse erschrecklich leer geworden, und nur zwei Tage noch – und Weihnachten stand vor der Thür! Der Künstler wollte wenigstens den Kindern eine Freude machen – womit aber ohne Geld? Da war es seine Frau, die Rath wußte: mach’ ihnen ein Bilderbuch! Das war ein Ausweg in der Noth. Die freie Rückseite alter Zeichnungen wurde flugs zu neuen Entwürfen benutzt. Er arbeitete von früh bis spät, mit Stift und Schere, und eben noch rechtzeitig wurde das Bilderbuch fertig: das erste Ziehbilderbuch „Lebende Bilder“.

Die Freude der Kinder war groß, und einem zufällig am Weihnachtsabend als Gast anwesenden Offizier gefiel das Erzeugniß eines trotz Noth und Sorge glücklichen Humors so gut, daß Meggendorfer sich entschloß, am folgenden Tage das Buch mit zu Braun und Schneider, den Verlegern der „Fliegenden Blätter“, zu nehmen und es diesen vorzulegen. Der Eindruck war ein unerwarteter. Auf der Stelle erwarb die Firma das Buch für ihren Verlag, und frohgemuth eilte der Künstler nach Hause. In der Tasche hatte er Gold, und das war das Nöthigste; die Kinder freilich verlangten nach ihrem Buche und waren erst durch lange Ueberredung und durch das Versprechen eines neuen „lebenden Buches“ zu beruhigen.

Von diesem Zeitpunkt an trat eine entschiedene Wendung zum Besseren im Schicksale Meggendorfers ein. Dem ersten humoristischen Bilderbuch folgten bald andere, und die früher zurückgewiesenen Arbeiten wurden jetzt von allen Seiten mit Vergnügen angenommen. Besonders waren es Braun und Schneider in München, welche in ihrem Blatte und den „Münchener Bilderbogen“ immer Verwendung für die eigenartigen Schöpfungen des Meggendorferschen Humors fanden. W. Spemann in Stuttgart zog den Künstler für seine Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“ heran und verlegte von ihm einen Band Bilderhumoresken unter dem Titel „Der Sonnenschein“. Seit einigen Jahren hat auch die Firma J. F. Schreiber in Eßlingen Bücher Meggendorfers in Verlag, darunter besonders einen „Internationalen Zirkus“ und neuerdings ein Aufstellbilderbuch „Das Puppenhaus“, ein komisches Ziehbilderbuch „Daumenlang und Damian“, sowie „Meggendorfers lustige Bildermappe“. In englischen, französischen, selbst italienischen und ungarischen Ausgaben haben seine humoristische Bilderbücher eine fast beispiellose Verbreitung erlangt.

Im Jahre 1882 konnte Lothar Meggendorfer abermals bauen, und sein neues Heim erstand nicht weit von seinem früheren Besitz. An schöner Aussichtsstelle ist die stattliche Künstlerwerkstatt gelegen und von seinem Arbeitszimmer aus übersieht Meggendorfer die ganze Stadt München und die ferne Kette des Gebirgs.

Um die Pflege des Humors ist es in dem geschäftlich nüchternen Treiben der Neuzeit herzlich schlecht bestellt; der Humor will nicht gedeihen, wo die Interessenjagd alles Gemüthvolle zu ersticken droht. Um so höher ist es aber gewiß zu schätzen, daß abseits von der lärmenden Heerstraße ein Künstler von der Begabung Meggendorfers unberührt von der Prosa des Tages dem echten, freundlichen, niemand verletzenden Humor eine bleibende Heimstätte bereitet hat. Dietrich Theden.