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Ein Freiheitsbaum

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Textdaten
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Autor: August Becker
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Titel: Ein Freiheitsbaum
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 215–218
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Freiheitsbaum.
Von August Becker.

Es war ein wunderschöner Maiensonntag im Jahre 1832. Die Schuljugend – wozu auch meine älteren Geschwister gehörten – war, wie jeden Sonntag Nachmittag im Lenz, auf das „Schloß“ gestiegen. So hieß im Volksmunde die Ruine Landeck, der sagenhafte merowingische Königssitz Dagoberts des Großen, welche mit ihrem mächtigen Thurme aus römischen Kropfquadern und mit ihren runden Eckthürmchen auf dem Kastanienberg emporragt. Da war es still auf den Gassen des Fleckens Klingenmünster und still im Hause; nur meine Mutter war daheim. Und ich saß als kränkelnder Knabe vor der Hausthür auf der steinernen Staffel und sah in den kommenden Abend hinein, sah selbstvergessen nach den Thurmschwalben, welche das schimmernde Kreuz der Stiftskirche umsegelten, und hörte dem verschlafenen Rauschen des Rathhausbrunnens zu, der aus drei Röhren sein Wasser in die gewaltigen steinernen Tröge goß.

Die Stille auf den Gassen an jenem Maiensonntag ist meine früheste Erinnerung. Wahrscheinlich blieb sie deshalb so lebendig in mir haften, weil diese idyllische Ruhe so plötzlich unterbrochen wurde. Mit Epheu bekränzt, jubelnd und schreiend, brach nämlich, von der Ruine kommend, die Schuljugend in den Frieden der Ortsgasse ein. Und wie toll schrieen auch meine Geschwister mit:

„Preßfreiheit hoch! Freiheit in unserem Lande! Der Wirth soll leben! Der Siebenpfeiffer soll leben. Schüler und der Pistor hoch! hoch! hoch!“

Und dabei schwangen sie kleine papierne, schwarz-roth-goldene Fahnen und geberdeten sich wie junge Bacchanten. Das war nun allerdings ein wunderliches Gebahren und ich verstand von ihrem Geschrei ungefähr so viel, wie eine Kuh von einer Muskatnuß, wie man am Oberrhein zu sagen pflegt. Was sie noch von „Freiheit“ und „Deutschland“ sagten, klang mir leer in’s Ohr. Was war mir Hekuba?!

Lärmend und jubelnd drangen meine Geschwister auch in die Stube, wo meine Mutter lesend saß und die Tobenden nun zu beschwichtigen suchte, indem sie ihnen mit großen Traubenmusbrocken die kleinen Mäuler stopfte und ihrem Geschrei damit ernstlich wehrte. Die gute Frau, sonst entschlossen und nicht leicht außer Fassung gebracht, war an jenem Abende etwas ängstlich und besorgt; den Grund sollte ich erst später erfahren.

„Mutter!“ rief mein ältester Bruder. „Heute geht es los. Sie sind schon in den Wald, um sich einen auszusuchen.“

„Gott gebe, es wäre schon vorüber!“ seufzte die Mutter und ging in die Küche, um einstweilen für das „Nachtessen“ zu sorgen, da die Mägde noch nicht heimgekommen waren.

Eine seltsame Unruhe ging an jenem Abende durch meinen Heimathsort. Viele junge Bursche sah man diesmal nicht, wie sonst an Sonntagabenden, mit den Mädchen unter den blühenden Nußbäume entlang wandeln, und die dort wandelten, sangen nicht wie sonst die alten schönen Volkslieder, sondern jene Freiheitsliedlein und Polenhymnen, welche dann Jahre lang auf allen Kirchweihen zum Tanze aufgespielt wurden. Und immer klang der mir bis dahin unerhörte Ruf „Freiheit!“ gellend dazwischen. Einige ältere Herren standen gruppenweise auf den Gassen und Plätzen, vor den Fenstern und Thüren beisammen, und dann und wann scholl lauter herüber:

„Freiheit in unser’m Land’, Freiheit im ganzen Land’,
Aristokraten werden gebraten,“ etc.

Die Dunkelheit war allmählich hereingebrochen, aber noch ward es auf den Gassen nicht ruhig. Niemand schien sich gern niederzulegen. Viele blieben überhaupt auf. Weil ich krank und noch so klein war, erhielt ich mein Bett im Schlafzimmer meiner Eltern, schlief auch bald getrost ein. Um Mitternacht wurde ich jedoch durch einen fürchterlicher Lärm geweckt. Draußen läutete das Rathhausglöckchen Sturm. Die Papiermühle im Thale stand, die tiefe Maiennacht erhellend, lichterloh in Flammen.

„Laßt sie brennen!“ hieß es draußen im Gebrüll und Tosen von hundert Stimmen. „Wir haben Anderes zu thun.“

Und dazu fiel Schuß auf Schuß unmittelbar vor den Fenstern der Schlafstube, daß ich schreiend auffuhr, wenn der Feuerblitz durch das Zimmer zuckte, die Scheiben dröhnten, die Flinten krachten, die Böller lärmten und dazwischen Freiheitsgesang erbrauste, Rufe erschollen und Jauchzen gellte. Es war eine jener Nächte, die man nicht vergißt, auch für meine Mutter, damals eine junge dreißigjährige Frau, die zwei Wochen später einer meiner jüngeren Schwestern das Leben schenkte. Nur mein Vater behielt seine Fassung auch noch dann als unmittelbar hinter der Mauer ein dumpfes Geräusch sich bemerklich machte, als arbeiteten dahinter Schaufeln, Hacken und Karste, um das Haus zu untergraben.

„Tiefer! Macht’s tiefer!“ wurde durch den fürchterlichen Tumult vernommen, während mein Vater sich ankleidete. Und wieder wurde eifrig gegraben, ohne daß das Krachen der Böller und Gewehre, das Singen und Schreien unterbrochen worden wären.

Da pochte es heftig an die Fensterscheiben.

„Was giebt es?“

„Machen Sie auf, Herr Becker! Die Thür vorn an der Hausflur.“

„Wozu?“

„Wir müssen ihn mit Stricken emporziehen – durch den Speicherlucken oben am Giebel. Dann wollen wir doch auch im Rathsbureau ein Protokoll über unsere Beschwerden aufgenommen haben.“

„Gut!“ sagte mein Vater nach einigen Bedenken. „Wartet ein wenig.“

Vorerst wollte er meine Mutter in Sicherheit wissen, die vor dem gräßlichen Toben und Knallen unmittelbar vor ihren Schlaffenstern heftig erregt war, mich aus meinem Bette in ihre Arme nahm und mit mir in ein entlegenes Zimmer flüchtete, [216] um die Nacht hindurch dorten zu schlafen oder doch zu verweilen. Inzwischen war nicht blos unsere Familie, sondern der ganze Ort in Aufruhr und Bewegung gekommen. Alt und Jung, Mann und Weib trieb sich draußen umher, um an dem Lärm Theil zu nehmen. Ein mit Stricken und Seilen versehener Schwarm warf sich gegen die Hausthür, an welcher mein Vater stand, indem er sie halb öffnete:

„Nur verheirathete Männer dürfen herein,“ kündigte er dem Haufen an. „Ledige Burschen bleiben draußen.“

Und so geschah es. Die Hereingelassenen polterten nun mit ihren Stricken die hölzernen Treppen hinan auf den Speicher, unter den Thurm, in welchem noch immer die Rathhausglocke bimmelte. Sie warfen von oben das Seil-Ende hinunter und riefen der tobenden Menge zu:

„Stellt ihn in die Grube! Bindet die Stricke an! So! Jetzt!“

Und im Nu war die Arbeit gethan. Ein gräuliches Jubelgeschrei drang zum nächtlichen Maienhimmel empor. Der Freiheitsbaum stand fest, war zur Freude Derer, die ihn nächtlicher Weile im Walde geholt und unter Freudeschüssen und Absingen von Freiheitsliedern nach dem Orte gebracht hatten, in gelungener Weise aufgepflanzt. Und zwar an der Stelle, wo schon jener von 1792, und jener von 1815, bei Napoleon’s Rückkehr von Elba, gestanden.

Während nun draußen auf der Rathhausbrücke, auf dem Platze inmitten des Fleckens der Jubel, Gesang und Gewehrlärm fortdauerte, sammelte sich wieder ein größerer Haufe vor der Hausthür und begehrte Einlaß auf das Rathsbureau.

„Ruft den Bürgermeister herbei!“ sagte mein Vater. „Dann mögen die Bürger hereinkommen, doch kein junger Bursche.“

Und der Bürgermeister kam, trat herein und die Treppen hinan bis in’s Rathsbureau, ihm nach die älteren Bürger, wobei freilich nicht verhütet werden konnte, daß sich auch Einige hereinschlichen, die besser draußen geblieben wären.

Bürgermeister Michael Hoffmann war ein bemerkenswerther Mann, schon in französischer Zeit Maire im Orte gewesen, seitdem Bürgermeister und zwar gleichsam ein geborener, zu dessen Lebzeiten Niemand daran dachte, daß es auch einmal ein anderer sein könnte. Er war Mitglied des Landraths der Pfalz und der Synode der pfälzischen Landeskirche, im ganzen Lande wohlbekannt als „Michel Münster“. Münster ist nämlich die landesgebräuchliche Abkürzung von Klingenmünster, und da die alte Dagobert’sche Stiftung vor allen andern dem streitbaren Erzengel Michael, der den Höllendrachen erwürgt, gewidmet war, so lag in dem Spitznamen eine sehr ehrende Beziehung, die er auch vollauf verdiente. Aus sich selbst geworden, war er ein echter Volksmann, ein rechter Repräsentant pfälzischen Bodens, praktisch, kühn, voll Geistesgegenwart und mit jenem Ehrgeiz ausgerüstet, der zum richtigen Handeln reizt. Unserer Familie war er Freund, Nachbar und Gevatter, für die Gemeinde der rechte Vorstand, der bei strengem Haushalt den Ort nach allen Seiten mit guten Straßen versah.

Bei allem Freisinn pflegte der stattliche Mann historische Familienerinnerungen und blieb nicht ohne Beziehungen zu den verarmten katholischen „Hoffmännern“ im Gossersweiler Thal. Als nämlich 1680 Ludwig der Vierzehnte die Fauthei Landeck besetzte, das Allodialerbe der Herzogin von Orleans, jener bekannten Elisabeth Charlotte von der Pfalz, da wurden die Thalbewohner hinter Klingenmünster durch Dragoner, Kapuziner und freien Trunk wieder katholisch gemacht, und auch der Michel Hoffmann von Mönchweiler fiel mit Frau und Söhnen vom reformirten Glauben ab. Nur eines der Kinder, Diether, wollte nicht katholisch werden, lief fort in die Welt und kam bis hinauf zum Hofe Hermersberg im einsamen Forste der Haardt. Dort nahm ihn eine Wiedertäuferfamilie auf; später verdiente er viel Geld am Bau der Landauer Festungswerke, siedelte sich in Klingenmünster an und ward da oft von seinen Brüdern besucht, während er selbst nie wieder in’s Gossersweiler Thal ging. Noch heute nennen sich die „Hoffmänner“ im Thal und die in Münster Vettern, und Bürgermeister Hoffmann war der Urenkel jenes Diether und erzählte dessen Lebensgeschichte oft genug, wenn er mit meinem Vater beisammensaß.

Wie gerne lauschte ich den Mittheilungen dieses Mannes, besonders über die erregten französischen Zeiten! Hier nur einen charakteristischen Zug aus seinem eigenen Leben! Als die Alliirten nach Paris zogen, war eines Tages wieder die Stube des Bürgermeisters Hoffmann vollgepfropft mit kaiserlichen Officieren, die ihres Quartierbillets harrten, welches der Gemeindevorstand mit der großen Papierscheere selbst zuschnitt. Nun ward einem ein kleines Haus gegenüber angewiesen, in welchem jedoch der reichste Mann des Ortes wohnte. Der Officier brauste wild auf: er lasse sich nicht zum Schweinhirten einquartieren, fluchte und schimpfte trotz beschwichtigender Erklärungen und griff zuletzt wüthend nach seinem Säbel. Da faßte aber unser Bürgermeister die mächtige Papierscheere kürzer und rief:

„Stecken Sie sofort Ihren Flederwisch ein, oder ich steche Sie durch und durch!“

In diesem Augenblicke erhob sich aus einem Winkel der Stube ein unscheinbares Männchen, schlug den Mantelkragen zurück und befahl, den widerspänstigen Officier nun sofort wirklich zum Schweinhirten einzuquartieren, worauf er demselben den Degen abnahm. –

Bürgermeister Hoffmann hatte also in jener „Freiheitsnacht“ von 1832 mit meinem Vater, der das Protokoll führte, Platz am schwarzen Tisch genommen und bat um Ruhe; der Lärm legte sich allmählich, wenn auch nicht ganz. Die „Hauptkrischer“ stammten, wie schon 1792, aus dem Unterdorf und der Steingasse, die schlimmsten aus der Schelmengasse, wo einst der Scharfrichter der Fauthei gewohnt, und aus dem „scharfen Eck“, jenem Ortstheil, der sich gegen den Fuß des Schloßberges hin erstreckt und schon halb zum Westrich gerechnet wird. Es ist das Neulerchenfeld oder Voigtland von Klingenmünster, zumeist von Leuten bewohnt, die vom Wald und Steinbruch lebten. Unser alter Nachbar, der Bäcker Leibrecht, pflegte fechtenden Handwerksburschen zu sagen: „Fechtet das ganze scharfe Eck durch, und habt Ihr auch nur zwei Kreuzer erfochten, so könnt Ihr nach Algier gehen und Euch bei den Franzosen als Fechtmeister anstellen lassen.“

Die Beschwerden wurden also vorgebracht. Auch hier stand im Vordergrunde die Frage wegen des Waldes, den Einige am liebsten getheilt hätten, dann wegen des Streuwerks, vulgo „Sträseld“. Einer murrte über die kleinen Wecke und Würste, wie 1525 die Kitzinger Bürger, denen deswegen ihr gnädiger Markgraf hernach die Augen ausstechen, die Hände abhacken und der Stadt verweisen ließ, daß die Armen noch an allen Kreuzwegen mit aufgehobenen Stummeln dem Tyrannen fluchten, als er schon in seiner Gruft zu Heilsbrunn moderte. Solches Gericht drohte nun unsern Bürgern von Klingenmünster nicht, als sie nach einander alle die Beschwerden vorbrachten, wie man sie überall hörte, meistens localer, selten politischer Natur. Zollfreiheit, Preßfreiheit, ein deutsches Reich zu verlangen, überließ man meistens Anderen, doch schrie man wacker mit, forderte jedoch bei Gelegenheit nur das Zunächstliegende, freilich oft in verkehrter Weise. So sagte endlich Einer:

„Die Schulmeeschter zehren uns uff.“

Das wäre allerdings eine harte Anklage gewesen, doch nur in so fern richtig, als auf Betreiben der pfälzer Regierung damals die Gemeinden sich mit theuern und unpraktischen Schulbauten überbürdeten, während die Lehrerbesoldungen überall gering blieben. In Klingenmünster, wo keine Schulgüter bestanden, gab es damals einen katholischen und einen protestantischen Hauptlehrer, jener arm wie eine Kirchenmaus, dieser durch Privatvermögen in Besitz von Weinbergen, Fruchtfeldern, Wiesen und Kastanienwäldern, wie seine Nachbarn. Geschenke nahm er niemals; Niemand hätte sich getraut, ihm etwas bieten zu wollen. Im Gegentheil schenkte besonders die Frau Lehrerin ihrerseits viel an arme Schulkinder, und oft saß Mittags und Abends die ganze Küche voll kleiner Jungen und Mädchen, die von der Frau Lehrerin warm abgefüttert wurden – was ich genau weiß, denn es war meine Mutter. Dessenungeachtet sagte also einer der Beschwerdeführer in jener „Freiheitsnacht“: „Die Schulmeeschter zehren uns uff.“

Nachdem man darüber hinweg gegangen war, trat ein Anderer auf, ein alter „Speckreiter“, das ist Sansculotte aus den neunziger Jahren, der damals in der Carmagnole und mit umgürtetem Säbel besonders die zurückgebliebenen Frauen der kurpfälzer Beamten ängstigte, indem er sie zum Ruf: „vive la nation!“ nöthigte. Es war ein hagerer Mann in einer Bauernjacke, [217] mit herabhängenden Lippen, schlaffen Wangen, Eulenaugen, starrem Blick, an einen puritanischen Fanatiker aus Cromwell’s Zeit erinnernd. Dieser nannte als seinen Wunsch kurzweg:

„Republik! Liberté, egalité, fraternité! Vive la nation!

Vive l’empereur!“ fügten einige alte Soldaten hinzu, die sich noch in der Nacht mit einem Rausch versehen hatten.

„Sonst nichts?“ fragte der Bürgermeister launig, während Einige lachten. „Was wollt Ihr noch? Nun? Was noch?“

Eine Zeit lang blieb Alles still. Dann rief eine Stimme aus des hintersten Ecke:

„Köppe!“

„Wer will köpfen? Wen wollt ihr köpfen?“ fragte Bürgermeister Hoffmann ruhig.

„Alles muß verguillotinirt werden,“ sprach dieselbe Stimme, sich etwas mehr hervorwagend, da sie Zustimmung fand.

„Ihr müßt Alle,“ schrie ein Anderer von der Menge gedeckt, „Alle bampeln“ – das ist baumeln, aufgehängt werden.

Unterdessen war aber Bürgermeister Hoffmann bereits von seinem Sitze aufgestanden und trat mit festem Blick unter die tobende Menge, welche sich in ihren Anschauungen theilte und bekämpfte, bei der Erscheinung des stattlichen Mannes aber aus einander wich und Platz machte, sodaß er die freie Gasse rasch benützte. Plötzlich faßte er einen der hintersten Burschen, dessen Stimme er erkannt haben mochte, schlug ihm Eine rechts und Eine links an’s Ohr und schleuderte ihn dann kräftigst zur Thür hinaus.

„So!“ sagte er. „Jetzt geh’ hin und köpp’!“

„Herr Bürgermeister,“ rief mein Vater in guter Laune, „bringen Sie mir den Andern, damit ich ihn das Bampeln lehre!“

Der aber hatte dem Landfrieden nicht getraut und sich bereits aus dem Staube gemacht. Zwar war die Sitzung damit noch lange nicht zu Ende; die ganze Nacht trampelte das Männervolk mit leidenschaftlichem, schreiendem Meinungsaustausch im Hause aus und ein, auf und ab, sodaß meine Mutter kein Auge schloß, während ich selbst längst wieder eingeschlafen war. Der Bürgermeister hob endlich die mitternächtliche Sitzung auf und forderte die Versammelten auf, jetzt ruhig heimzugehen und sich auf das Ohr zu legen.

Ich will hier gleich beifügen, daß der „Köpper“, wie der hoffnungsvolle Sohn Klingenmünsters von Stunde an hieß, zur Betrübniß Europas bald darauf mit dem großen Strome der Auswanderer über’s Meer setzte, während auch das „Bamperle“, ein Schneider, nach einigen weiteren dummen Streichen in Verschollenheit gerieth. Beide schöne Seelen entstammten dem „scharfen Eck“. –

Als ich andern Morgens aufwachte und von hohem Schemel aus durch das Fenster sah, gingen draußen viele Leute umher. Mir ganz nahe aber stand ein hoher Baum, wie ich noch keinen gesehen hatte, der gestern noch nicht dagewesen und nun, mit schwarz-roth-goldenen Bändern und Schnüren geschmückt, den grünen Wipfel bis zum Rathhausthurme emportrug. Die Mädchen von Klingenmünster hatten ihn in der Nacht so schön geziert, bevor er aufgestellt worden war.

Nachdem aus der Pfalz die in Altbaiern üblichen Maibäume schon seit undenklicher Zeit verschwunden waren, blieb der Freiheitsbaum für uns Kinder eine ebenso erfreuliche Erscheinung, wie ein großes Ereigniß. Allabendlich sammelten sich in jener Zeit die Bauern um denselben, plaudernd, perorirend, lärmend, indem sie bald den Dr. Wirth, bald den Siebenpfeiffer, bald Schüler, bald Pistor leben ließen. Der Baum stand noch während des Hambacher Festes, zu welchem auch von Klingenmünster, aus dem Hofe des Bürgermeisters zwei blumengeschmückte Wagen voller Festgenossen abgingen.

In allen Orten längs der weinreichen Haardt und im Wasgau grünten damals die Freiheitsbäume, deren erster diesmal am Fuße der alten Reichsveste Trifels, in dem früheren Reichsstädtchen Annweiler gesetzt worden war. Man hatte ihn am Abend des 6. Mai unter Klang und Sang aus dem Bürgerwalde geholt und neben den Roland im Marktbrunnen gestellt. Ein Kaminfeger aus Altbaiern wollte ihn mit der Axt fällen, wurde aber gräulich vertrommelt, während die alte dreifarbige Reichsfahne aus dem Rathhause geholt und aufgehißt wurde. Bald wurde ein noch höherer Baum aufgerichtet, nächtlicher Weile jedoch von den Gegnern niedergeworfen. Am nämlichen Abend stieg dagegen ein frischer Baum in die Höhe, obwohl von Landau her die Baiern durch das Queichthal gegen die alte Reichsstadt vorrückten. Hier wollten sie Verhaftungen vornehmen. „Bürger heraus! Auf die Soldaten!“ hieß es jetzt, und im Nu sammelten sich an zweitausend bewaffnete Männer und – Weiber, welche mit Aexten, Heugabeln und Flinten auf die vor dem Hause des Bürgermeisters Sieben aufgestellten Soldaten eindrangen. Auf den Ruf: „Soldaten zur Stadt hinaus!“ fand es der commandirende Officier angezeigt, nachzugeben. Erst als Bürgermeister Sieben abgedankt hatte, wurden die Baiern zurückgerufen und von den Bürgern festlich bewirthet. Von da an waren allerorts im Gebirge die Freiheitsbäume gepflanzt worden, auch der unsrige.

Als mein Vater vom Hambacher Feste zurückkehrte, stand unser Freiheitsbaum noch und die Spatzen trieben sich schreiend in dessen Wipfeln umher. Unser Liebling war er noch immer; doch trat er bei den Erwachsenen etwas in den Hintergrund vor den Erlebnissen auf dem Hambacher Schlosse. Da wurde immer wieder erzählt, wie die Table d’hôte verregnet worden und des Herrn Bürgermeisters Schwester fast verunglückt sei, da Alles den Berg hinunter rannte; wie der Dr. Wirth gedonnert habe mit rollenden Augen, geballter Faust, das Ehrenschwert schwingend gegen Tyrannei und – Franzosenthum, für Deutschlands Ruhm und Einheit; wie dann der Siebenpfeiffer beim Reden schwarz und gelb geworden sei und vor innerer Wuth gezittert habe, als wolle er den Tyrannen Gift eintränken; wie Börne und Harro Harring, der Friese, ausgesehen, wie ein Pole und auch Dr. Pistor, in eine anschließende Polonaise gekleidet, begeistert gesprochen haben – und Weiteres mehr. Das Fest hatte dem Volksgeiste zum ersten Male wieder den Gedanken an das Reich nahe gebracht, und dieser wirkte in den Rheinlanden fort, auch dort Boden gewinnend, wo die „Franzosenköpfe“ bis dahin überwogen hatten.

So grünte mir in jenen Sommerwochen draußen vor’m Fenster der Freiheitsbaum. Als ich jedoch eines Morgens ahnungslos wieder hinausschaute, war er verschwunden, spurlos verschwunden. Nur am Boden war eine Grube, halb zugeschüttet, wo er gestanden. Es ist mir noch lebhaft gegenwärtig, wie unglücklich ich mich als Kind darüber fühlte, wie ich jammerte, ohne daß mir Jemand helfen konnte. Mein schöner geschmückter Baum, an dessen Anblick ich mich so sehr gewöhnt hatte, erstand nicht wieder. Wo er hingekommen, was aus ihm geworden, wer ihn verschwinden ließ – ich habe es nie erfahren.

Damals war Fürst Wrede schon auf dem Marsche in die Pfalz, die Untersuchungen wurden allerorts eingeleitet. Die Häupter der Bewegung, wie Wirth, Siebenpfeiffer, waren verhaftet, ein anderer nur durch die List eines Mädchens von Bergzabern vor Verhaftung bewahrt. Schüler und Pistor, beide Bergzaberner Kinder, waren über die nahe Grenze geflohen. Ein vornehmer stolzer Republikaner und weitaus der begabteste und beredteste aller jener Männer von 1832, saß Schüler erst 1849 wieder mit krankem Körper im baierischen Landtag, wo alle Parteien, Minister und Räthe athemlos seiner wahrhaft seltenen Eloquenz lauschten. Was nun den Pistor betrifft, des Posthalters Sohn von Bergzabern, so galt er für die gewinnendste Erscheinung unter den Helden von 1832, wie er der jüngste war. Seine Rede auf dem Hambacher Schlosse galt damals Vielen für die schönste unter allen. –

Nun war es ein Sommermorgen. Nachbarskinder hatten mich mit in den Wald genommen, in die Heidelbeeren. Da klang plötzlich von Osten über die Häuser des Orts her Trommellärm und heller Hörnerklang in’s Waldthal herein. Als wir heimkamen, waren die „Baiern“ schon eingezogen, einquartiert. Und nun wechselten viele Monate lang Truppen um Truppen im Orte, zur Lust von uns Kindern, ohne den gastfreien Pfälzern allzu lästig zu werden. Und auch die „Strafbaiern“ von 1832 fühlten sich nicht unglücklich in der schönen Pfalz. Es war ein heiteres, sanglustiges Volk, freundlich gegen uns Kinder. Allein den Freiheitsbaum ersetzten sie uns doch nicht; der blieb ein für alle Mal verschwunden, und ich habe seitdem keinen mehr gesehen. – –

Zweiundvierzig Jahre waren verflossen. Da befand ich mich an einem schönen Octobersonntag, im Jahre 1874, zu Besuch bei einem Freunde, einem hervorragenden baierischen [218] Abgeordneten, in dessen Wohnung hinterm Schlosse von Bergzabern. Die Aussicht der Fenster ging hinaus auf das reiche Rebengefilde, das von der Stadtmauer, den weiten Berg hinan, gegen den Hexenplatz ansteigt. Auf einem Vorsprung desselben, zum Theil auf Kalkklippen, ragte mitten aus den Reben malerisch und verlockend ein sonst anspruchsloses Landhaus, und von daher kam in demselben Augenblick eine Einladung auf den Nachmittag, wo mich der Anblick gefesselt hatte. Da sich noch ein Freund aus Bergzabern, der dortige Bezirksarzt, hinzugesellt hatte, stiegen wir zu Dreien die Weinberge hinan, die üppig voll reifer Trauben hingen, und wurden oben von dem Besitzer, dessen Tochter und Bruder mit jener gastlichen Liebenswürdigkeit empfangen, welche den gebildeten Rheinländer auszeichnet.

Der Besitzer, welchem man seine siebenzig Jahre keineswegs anmerkte, gewann mich besonders durch sein weiches, aller pfälzischen Härten bares Idiom, und ich begriff, warum seine begeisterte Rede auf dem Hambacher Schloß so wohlgefälligen Eindruck gemacht hatte. Denn unser freundlicher Wirth war Dr. Pistor, jener Redner von 1832. Ich sah ihn zum ersten Male. Zu meiner Zeit war er verbannt, lebte in Paris und Metz und wohnt, als der angesehenste Sachwalter letzterer Stadt, noch immer daselbst, nachdem das mächtige Bollwerk nach Jahrhunderten wieder deutsch geworden war.

Ein unvergeßlicher Nachmittag folgte, Stunden, wie man sie nur auf jenen Höhen der Pfalz verleben kann. Perlender Wein in den Gläsern, Weintrauben ringsum, in der Laube, wo wir weilten, und in reicher Segensfülle am ganzen Berge, – unten die alte Böhämmerstadt, hier die beata rura Palatini, dort über den Gaisberg hin das Elsaß, drüben die Gebirgsmauer des Schwarzwaldes, und wir selbst von einer Zehe des alten Vosegus hinausschauend in das schöne sonnige Land; so vergingen die Stunden in lebendiger Unterhaltung. Einmal ließ ich auch ein Wort von jenem Wunderbaum meiner frühesten Kindheit fallen, der über Nacht entstanden und verschwunden, und wie der Baum im Märchen seine Gaben über Aschenbrödel, so in meine junge Seele Ahnungen geschüttet von der Auferstehung des Reiches.

Der Redner von 1832 antwortete mit einem Lächeln, das zu sagen schien:

„Es war ein Jugendtraum. Solche gehen manchmal in Erfüllung, wenn auch nicht immer genau, wie wir es wünschen.“