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Ein Bauernspiel in Brixlegg

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Textdaten
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Autor: A. Godin
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Titel: Ein Bauernspiel in Brixlegg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 505–509
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[505]

Ein Bauernspiel in Brixlegg.
Von A. Godin.


Brixlegg hat für die Leser der „Gartenlaube“ bereits einen bekannten Klang. Vor drei Jahren theilte sie ihren Lesern die Beschreibung eines dem Oberammergauer nachgeahmten Passionsspiels mit, und bei dieser Gelegenheit nahm auch die herrliche Alpennatur die Augen gefangen. Um dem Leser das Bild von Brixlegg und seiner Umgebung noch besser in Erinnerung zu bringen, ist es wohl vorzuziehen, lieber die Illustration, als die Beschreibung der Ortschaft hier noch einmal folgen zu lassen.

Als wir vor circa vierzehn Tagen, zur Sommerfrische hier eingetroffen, in der umfangreichen Bretterhütte jenseits des Alpbaches, welche nur dem Bühnenzwecke dient und seit Jahren geschlossen stand, allerlei geheimnißvolle Geschäftigkeit bemerkten, war unsere Freude groß. Bald bestätigte sich die Sage der bevorstehenden Aufführung eines Ritterstückes, das nach alter Ueberlieferung ganz neu für das Bauernspiel eingerichtet und besonders „fein“ sei. Die Nachbarin erzählte von herrlichen Garderobe-Stücken und neuen Decorationen, welche vor Kurzem beschafft worden wären und viertausend Gulden gekostet hätten. Spät Abends, nachdem Feldarbeit und Nachtmahl vorüber, hörte man aus dem Musentempel rauschende Musik erklingen; dann wurden die Proben abgehalten, welche sich jedoch in Geheimniß hüllten, um die Ueberraschung desto lebhafter wirken zu lassen.

An einem regnerischen Sonntage, dem zweiten des Juli, prangten die in schweigender Nacht befestigten, leuchtend gelben Theaterzettel an Häuserecken und Bretterwänden.

Das angekündigte Spiel trug einen vielverheißenden Titel:

Der Schwur um Mitternacht,
oder
Das Gottesgericht.
Großes Ritterschauspiel mit Arien, aus den Zeiten der Kreuzzüge.
Für die Volksbühne ganz neu bearbeitet.

Die nun folgenden „Personen“ werden wir durch den Verlauf des Stückes kennen lernen.

Noch ehe die Casse geöffnet war – ein viereckiger Ausschnitt in der Bretterwand, hinter welchem der Cassirer stand wie eine Figur in der camera obscura – drängten sich die ungeduldigen Zuschauer bereits um dieselbe. Lachende Mädchengestalten, die unter dem runden Hut mit Goldquaste doppelt freundlich drein schauten, all die sonntäglich geputzten Insassen Brixleggs und manches umliegenden, durch abweichenden Schmuck der Kopfbedeckung kenntlichen Ortes bewegten sich fröhlich durch einander und verriethen angeregteste Erwartung. Bei so erfreulichem Anlaß schmückt sich Alt und Jung mit frischen Blumen; selbst das runzeligste Mütterchen trägt da eine rothe Nelke, oder gar ein Röslein hinter dem Ohr.

Kaum hatten sich die drei Pforten des Heils aufgethan, als das geräumige, sechs- bis achthundert Personen fassende Haus sich zu füllen begann.

Die Bühne, welche sich ganz wesentlich über den Zuschauerraum erhebt, überraschte uns schon bei niedergelassenem Vorhang durch eigenthümliche Anordnung, welche theils an das Schauspiel der Alten, theils an die Passionsspiele erinnerte. Das Bild des Vorhanges zeigte Jerusalem; oberhalb desselben ruhte Glaube, Liebe und Hoffnung in Wolken – anmuthige Gestalten, deren stehendem Typus neue Auffassung abgewonnen war; so erschien hier die rosenbekränzte Liebe als junge Mutter, die ihr Kind herzt; ihr zu Füßen schnäbelte sich ein Taubenpaar. Ueber dieser Gruppe schwebte ein Kreuz, von welchem sich Guirlanden aus Blumen und Früchten in weiten Bogen hinzogen, deren Enden von schwebenden Engeln festgehalten wurden. Oberhalb des Kreuzes ein großer Schwan mit seiner Brut; wenn sich dieser stolze Vogel hier als Pelikan geberdete und die Brust aufritzte, daß ihm sein rothes Blut über das weiße Gefieder rieselte, so nahm sich das ganz lieblich aus. Zur Rechten und Linken hielten die überlebensgroßen Gestalten des Moses und Elias in plastischer Malerei ernste Wacht. Große Flügelthüren, welche gleichfalls nur gemalt zu sein schienen, sich aber später als wirkliche Aus- und Eingänge erwiesen, folgten. Ihnen zur Seite, auf Sockeln, links der rothe Wappenlöwe, rechts ein lorbeerbekränzter Augustuskopf in Medaillen; die imperatorische Identität desselben wurde durch die darunter geschriebenen Buchstaben S. P. Q. R. („Senat und Volk von Rom“) jedem Zweifel entzogen.

Hiermit endete die horizontale Linie, und hübsch erdachte, orginelle Prosceniumslogen rückten seitwärts vor. Ihre luftigen Galerien ruhten auf säulengetragenem Unterbau; goldbefranzte Purpurfahnen senkten sich in schweren Brokatfalten darauf nieder. An die Loge links schloß sich eine Rosenlaube, an jene zur Rechten eine Felsgrotte, aus deren Gestein sich leichte Gruppen wirklicher Laubbäumchen erhoben.

Dies Alles wirkte höchst anmuthend; jede Einzelnheit war durchaus frisch und geschmackvoll.

Da keine Festfreude in Tirol ohne Pulvergeknall denkbar, leiteten reichliche Böllerschüsse das „G'spiel“ ein, die erst vor den rauschenden Klängen des Orchesters verstummten, welches, dem Auge unsichtbar, die erste der „Arien“ spielte. Staunend meinten wir uns nach Bayreuth vor Richard Wagner's Schaubühne versetzt, denn die bedeutende Höhe des Podiums täuschte völlig in den Eindruck eines unterirdischen Orchesters hinein.

Nun hob sich die Gardine zum Beginne des ersten Actes: „Befreiung aus Räuberhänden“.

Scene: ein säulengetragener Rittersaal, in dessen Mitte Graf Emmerich von Steinburg steht, mit Schuppenbeinkleid, Stulpenstiefeln, verbrämtem Wammse und riesengroßem Federhute stattlich angethan, überdies von einem goldbesetzten Mantel faltig umwallt, dessen breiter Saum ahnen läßt, daß er ursprünglich für Gewandung eines Heiligen verfertigt worden. Der edle Vater beklagt seine hohen Jahre und denkt voll Sorge an die Zukunft seiner Tochter Hedwig, deren tapferer Bruder im Kreuzzuge ficht. In dem Grafen Steinburg tritt uns einer der besten Spieler der Gesellschaft entgegen; Erscheinung und Rede bezeugen, wie innig er sich in seine Aufgabe vertieft hat. Er ist und bleibt ein echter Ritter von altem Schrot und Korn; jeder Zuschauer fühlt sich von romanischem Bewußtsein ergriffen.

Als nun die Tochter Hedwig auftritt, droht dieser Stimmung allerdings Gefahr. Ihre mit mancher ländlichen Geschmacksäußerung durchmischte Tracht eines Ritterfräuleins umhüllt eine redende Gliederpuppe. Meist steht sie regungslos gleich einer Säule, sobald sich jedoch Gelegenheit zum Affecte ergiebt, tritt sie plötzlich mit drei oder vier weiten Schritten bis dicht an die Rampe vor, breitet dort ganz unverhofft beide hochgepuffte Aermel horizontal aus, um schon im nächsten Momente, wie durch Drähte regiert, ihre Hände zusammenzuklappen und eifrig zu ringen. Und zum Affecte giebt schon die erste Scene reichlichen Anlaß: Der alte Ritter theilt nämlich seiner Tochter mit, daß er einen Gatten für sie erwählt habe, womit Dame Hedwig keineswegs einverstanden ist. Das „Nein!“ welches sie hervorstößt, klingt wie ein Ultimatum, und als ihr der Vater des Freiers Namen nennt, erreicht ihre Bestürzung den Gipfel. Umsonst wird ihr die Aussicht in den lockendsten Farben gemalt, mit diesem Grafen Ubald von Eilenburg, der dreißig Ahnen hat und Kanzler des Markgrafen von Oesterreich ist, nach des Letztern Hofe zu kommen. „Nein!“ und abermals „Nein!“ bleibt ihre mit ausgebreiteten Armen wiederholte Versicherung.

„Warum? wie so?“ fragt der Vater, doch ergreift auch ihn Abscheu und Schauder, als die Maid eine haarsträubende Geschichte berichtet, die sie mit eigenen Augen geschaut: daß nämlich Graf Ubald seine Hunde auf einen Bettler gehetzt und diese dem Armen „alle Kleider vom Leibe gerissen, bis er nackt und bloß an der Erde lag! Lieber in's Kloster!“

„Unerhört! schrecklich! entsetzlich!“ ruft der edle Vater, und gelobt, den Freier fortzuschicken – ein Versprechen, das ihm allerdings, nachdem Hedwig abgetreten, in bedenklichem Lichte erscheint, „weil er alt und Graf Eilenburg mächtig!“ Da erscheint sein mit großer Pracht gekleideter Burgvogt und meldet den Kanzler in Person. Eine steifleinene Gestalt, die, wenn sie wirklich den Teufel im Leibe hat, wenigstens nichts von feuriger Beweglichkeit mit abbekommen, sondern während all seiner Missethaten die Haltung einer Schildwache beibehält. In Gelb und Braun ritterlich angethan, durch einen Hermelinhut ausgezeichnet, [506] trägt er seine Werbung in bester Form dem Vater vor. Dieser, sichtlich verlegen, bringt einen Vorwand nach dem andern zu Tage, bis er auf zunehmendes Drängen des ungestümen Freiers endlich mit der Sprache heraus muß. Als Graf Ubald erfährt, daß ihn die Erwählte verschmähe, verlangt er sie selbst zu sprechen, und nachdem auch dies ihm unter dem Vorwande verweigert wird, daß gegenwärtig ihre Betstunde sei, zieht Graf Ubald sehr erbittert ab.

Verwandlung: Ein Tiroler Wald, worin der Jordan fließt und zwischen anderen Stämmen auch Palmen wachsen. Graf Ubald erscheint mit seinem Vertrauten, dem Ritter Rädinger von Ebersberg. Letzterer ein ritterlicher Samiel in schwarzer Rüstung mit feuerfarbigem Mantel und dito Federzier auf dem Barett. In hellem, steifem Ingrimme theilt Graf Ubald dem Freunde die erfahrene Unbill mit.

„Man hat meine Hand ausgestoßen – bin verachtet – verschmähte Liebe verwandelt sich in Haas; – Rache!“

Der Vertraute erklärt sich zu jedem Beistande bereit. Wir erfahren, daß er es einzig dem Grafen Ubald verdankt, sich vom Roßknechte zum Ritter aufgeschwungen zu haben, und dafür mit ihm durch Himmel und Hölle gehen will. Eilenburg steht brütend und blickt finster wie eine Novembernacht. Plötzlich wird er unheimlich beweglich und entwickelt einen Plan, Hedwig zu rauben. Rädinger soll sie bei Gelegenheit ihres täglichen Armenbesuchs im Thale zu treffen und mit einem Vorwande in den Wald zu locken suchen; dort will Ubald im Verborgenen ein Zeichen durch Händeklatschen erwarten, um die Geliebte mit Gewalt zu entführen, und „wenn Legionen von Teufeln sie bewachen, es hilft nix!“

Abgang Beider. Nun betritt der Liebesheld, Guido von der Horst, die Scene. Er ist in Himmelblau, Weiß und Silber prachtvoll ausgerüstet, trägt einen wirklichen Harnisch, dazu weiße Tricots. Das rothe Kreuz ist mitten auf dem Rücken seines Mantels eingestickt. Ein bescheidenes Bewußtsein großer persönlicher Reize umgiebt ihn bei jedem Auftreten; dennoch blickt er melancholisch. Wir erfahren, daß er vom Kreuzzuge heimgekehrt ist und keinen Freund sein eigen nennt, als sein treues Schwert, welches er hierbei mit einem Ruck aus der Scheide zieht, aber lange nicht mehr dazu bewegen kann, in dieselbe zurückzukehren. Nun stutzt er: „Hülferuf? Nahende Schritte?“ Er verbirgt sich, um abzuwarten, was sich zutragen wird. Hedwig und Rädinger erscheinen. Dass sie in seiner Gewalt ist, muß wahr sein, da er es sagt; ihr selbst, die völlig regungslos steht, ist der Umstand nicht anzumerken. Auch erfahren wir von Rädinger, daß es Nacht ist und donnert. Sie fleht um Freiheit; als er finster mit dem Kopfe schüttelt, versucht sie Flucht, wird aber von ihm festgehalten. Da stürzt der blaue Held mit gezücktem Schwerte aus dem Gebüsche. Beide Ritter kämpfen, und im Nu hat sich die „Befreiung aus Räuberhänden“ vollzogen. Während die Schwerter klirren, ist Hedwig umgefallen wie ein Brett.

Sobald der Befreier den Feind verscheucht hat, tröstet er die Maid und erbietet sich zum Heimgeleite; da erscheint aber schon Vater Steinburg mit bewaffnetem Gefolge, die vermißte Tochter zu suchen. Sie berichtet ihr Abenteuer: „Sobald ich einen Schrei that, hat er mir einen Stopfel in den Mund gethan!“

Dank und Rührscene, wobei der alte Ritter den jungen zu sich auf die Burg einladet und ihm das beste seiner Habe als Lohn der rettenden That bietet.

Guido: „Lohn? Nimmermehr! Ich bin zwar nur ein Waise, aber ich kenne Ritterpflicht. Seid mein Freund und laßt mich ziehen.“

Steinburg: „Dieses ist mir ein Räthsel. Solches hat noch Keiner gesprochen.“

Umsonst bittet auch Hedwig um Guido’s Begleitung. Alles ab.

Nun tritt der böse Ubald auf und wundert sich, daß Niemand in die Hände klatscht. „Rädinger! Brichst Du mir Dein Wort, so will ich Deine Seele dem Teufel als Leckerbissen auf die Tafel setzen! Mein muß sie werden, wenn ich sie auch aus dem Winkel der Finsterniß reißen sollte!“

Wir erfahren, daß jetzt der Mond scheint. Der Vertraute kommt wüthend an und berichtet sein Mißlingen. Nun planen Beide, unter fleißiger Anrufung Beelzebubs, den Befreier in Stücke zu schneiden und den Wellen preiszugeben, die Steinburg aber zu umzingeln, mit Aufgebot aller Knappen zu überfallen, Jedermann in Stücke zu hauen und Hedwig zu entführen. „Ich muß sie haben, oder sterben! Halte mein Pferd bereit! Um Mitternacht treffen wir uns!“

Der Vorhang fällt.

Zweiter Act: „Der Rache Schwur“.

Rittersaal. Vater Steinburg seufzt im Gespräche mit Hedwig ahnungsvoll nach seinem fernen Sohne. Da ertönt ein Trompetenstoß, der Burgvogt stürzt herein, zu melden, daß die Burg umzingelt sei. Schnell besonnen giebt der Burgherr Befehle, bittet Hedwig, die sich durchaus nicht regt, doch nicht so zu zittern, segnet sie und enteilt. Nun wird das Fräulein von heißer Tapferkeit ergriffen und ruft nach Waffen. Sie reißt einen Säbel von der Wand, über dessen räthselhafte Existenz an dieser Stelle wir uns vorher schon den Kopf zerbrochen, zieht die Klinge aus der Scheide, als zöge sie eine Rübe aus dem Boden, breitet den linken Arm in die Luft, während sie die Waffe gleich einem Bratspieße vor sich hinbohrt, und stürzt ab.

Verwandlung. Freier Platz vor der Burgmauer, in deren Mitte ein großes Thor. Die dahinter aufragende Burg schließt die Kuppel des Tempels von Palästina ein, was jedoch der rittermäßigen Wirkung durchaus keinen Eintrag thut. Vor dieser Ringmauer sehen wir Eilenburg in Berathung mit Rädinger. Plötzlich schmettern Trompetenstöße, das Thor springt auf, Ritter, Vogt und Knappen brechen mit entblößten Schwertern heraus, Hedwig, als kühne Minerva mit gleißendem Helme auf dem Kopfe, Allen voran! Nachdem Feinde und Verfolger über die Scene gestürmt, verwandelt sich dieselbe wieder in den Rittersaal der Steinburg. Vom treuen Burgvogt geleitet, wankt der verwundete Burgherr auf einen Sessel und klagt, seine Tochter sei spurlos verschwunden. Getreulich wiederholt der Vogt jeden Augenaufschlag, jedes Händeringen seines Ritters, der plötzlich ruft: „Sterben will ich! Die Welt ist eine abgebrannte Wüste!“ Hierauf reißt er sich den Verband ab und sinkt um.

Verwandlung. Neuer Rittersaal ohne Säulen. Hedwig steht vor Eilenburg und macht ihm bittere Vorwürfe; er aber entgegnet: „Mein Werben wurde verschmäht, da entbrannte in mir der Zorn, und ich habe gethan, was mich jetzt reut!“

Obgleich es ihn reut, weigert er sich doch hartnäckig, ihr die geforderte Freiheit zu geben, nachdem ihr tollkühner Ausfall sie in seine Hände geliefert.

„Sei die Meine!“

„Eher den Tod!“

Nun bricht sein Ingrimm aus: „So war also Mord und Brand vor nichts – fort aus dem Herzen, heiße Liebesgluth! Und Du, grausame Maid, wähle zwischen meiner Hand und dem Burgverließ!“

Von Letzterem, Schauerthurm genannt, macht er ihr die haarsträubendste Beschreibung, und als sie trotzdem bei ihrer Weigerung bleibt, ruft er seine Schergen. Ihrer Zwei erscheinen in Kitteln von braunem Glanzkattun, hinten offen, wie das erste Gewand eines Säuglings, Stahlkappen auf den Häuptern. Sie blicken wild und führen Hedwig ab.

Verwandlung: Anmuthige Landschaft; im Hintergrunde das Innthal. Links ein Bauernhaus, von gemalten Palmen und wirklichen Buchenstämmchen umschattet; das Laub der Letzteren bewegt sich mit sehr hübschem Effect im Luftzuge. Schon die Anmuth dieser Scenerie kündigt eines jener Zwischenspiele an, die sich im Tiroler Bauernspiel stets mit dem eigentlichen Stücke vermischen, die unmittelbare Gegenwart mit ihren alltäglichen Gebräuchen und Zuständen darstellen, und dem Volkswitze freien Raum lassen. Hier weicht das bisherige Hochdeutsch dem Dialekt. Der Bauer zankt seinen vom Berge niederspringenden Geisbuab’n scharf aus; dieser verantwortet sich schnippisch, und nach lebhaften Gegen- und Einzelreden, welche in knappen, klaren Zügen die Charakteristik dieser beiden Persönlichkeiten zeichnen, begeben sich Beide in das Haus.

Nun erscheint Guido, der blausilberne Held, welcher diesmal, nur im Röckchen, Barett und Mantel, bei weitem weniger elegisch dreinschaut, als zuvor. Von ihm erfahren wir, daß es tiefe Nacht ist, worüber uns der Sonnenuntergang des Hintergrundes außerdem in Zweifel lassen könnte. Sehnsucht nach seiner Geretteten treibt ihn umher; er beschließt, der Einladung des Ritters nachträglich doch zu folgen, und klopft an das Bauernhaus, [507] um den Weg nach der Steinburg zu erfragen Der Bauer humpelt schlaftrunken heraus, noch im Begriffe, seine Stiefeln wieder anzuziehen. Als er des Fremdlings Frage vernommen, fragt er verwundert, ob Jener denn nicht wisse, daß Graf Steinburg todt sei und heute zur Mitternachtsstunde begraben werden solle?

Steif wie eine Pappel bohrt sich Guido, der zugleich das Verschwinden des Fräuleins erfährt, beide Hände in die Augen, beschließt dann dem Begräbniß beizuwohnen, und verlangt einen Führer. Der Bauer ruft den Geisbuab'n, der schläfrig heraustrollt, sich die Augen reibt und dem Ritter spöttisch zuruft. „Hast jo an Sabel, was brauchst mi'?“

Verwandlung: Kirchhof mit hochragendem Crucifix in der Mitte. Es ist Nacht, der Eindruck dieser Scenerie ein wirklich mystischer.

vom Bahnhof aus gesehen.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.)


Siegmund Steinburg, der Kreuzritter, tritt auf, in voller Stahlrüstung, mit rothem Mantel und einer kerzengeraden aufwärts ragenden Helmfeder. Er berichtet uns, dsß er im Begriffe ist, nach der väterlichen Burg heimzukehren, und freut sich, Vater und Schwester zu überraschen. Plötzlich tönt hinter der Scene ein Trauermarsch. Erst jetzt bemerkt der Ritter, daß er einen Friedhof betreten hat; ihm wird unheimlich zu Muthe, doch beschließt er abzuwarten, was die näher kommenden Klänge zu bedeuten haben.

„O, hier ist es schauerlich!“

In der That verwandelt sich auch des Zuschauers heitere Stimmung in beklommene Spannung, denn ganz unerwartet theilen sich die bisher als Decoration betrachteten Flügelthüren zur Linken der Bühne, und aus dem Proscenium schreitet ein von düsteren Klängen begleiteter Trauerzug hervor. Auf eine Reihe dunkel gekleideter Knaben, deren jeder einen Kranz trägt, folgen sechs verhüllte, mit faltigen Trauermänteln bekleidete Gestalten, auf deren Schultern der geschmückte Sarg ruht. Ritter und Knappen schließen sich in langem Zuge an, Alle in schwarzen Hüllen, aus welchen Rüstungen und Schwerter hervorblitzen.

Dieser Zug bewegt sich nach dem Tacte des Trauermarsches in gemessenen Schritten an der Bühne vorüber, von welcher aus Siegmund Steinburg ihm entgegenschaut, und wir können uns eines unheimlichen Eindrucks nicht erwehren, als er langsam unter der Prosceniumsthür zur Rechten verschwindet, um dann seitwärts auf der Scene selbst zu erscheinen, welche sich ganz mit den dunklen Gestalten füllt.

Nachdem sich alle Leidtragenden um den Sarg gruppirt haben, welcher am Fuße des Crucifixes niedergestellt worden ist, tritt aus ihrer Reihe Guido hervor und fordert, als Freund des Todten, der Deckel des Sarges solle gelüftet werden. Es geschieht, und der junge Held schwört, im Angesicht des Verblichenen, ihn zu rächen. Da ertönt ein wilder Schrei! Siegmund, der Sohn, hat seinen Vater erkannt! Im nächsten Augenblick erkennt er auch im Schwörenden seinen Waffenbruder und ruft: „Guido!“ Beide tauschen Rede und Gegenrede. Als Siegmund erfährt, daß Graf Eilenburg seines Vaters Tod verschuldet, die Steinburg zerstört und Hedwig geraubt habe, wird er zum Berserker, stampft mit den Füßen, daß der Boden zittert, und schwört nun seinerseits mit fürchterlicher Stimme: weder zu essen noch zu schlafen, bis sein Vater gerächt und seine Schwester befreit sei.

„Rache!“ tönt es einstimmig aus allen Kehlen. Die Leidtragenden treten in wirkungsvoller Gruppirung zusammen und kreuzen ihre Schwerter über dem Sarge. Bengalische Flammen tauchen die gestaltenreiche, malerische Gruppe in Purpurgluth. Dies ist der Höhepunkt des Stückes. Der Vorhang fällt.

Im dritten Acte „Wiederfinden im Schauerthurm“ schreitet die Handlung rasch vorwärts. Rädinger von Ebersberg hat aus mancherlei Anzeichen Besorgniß geschöpft, daß bei Anlaß der bevorstehenden Ankunft des Markgrafen Böses gegen den Kanzler im Werke sei. Er warnt Eilenburg und räth ihm, der drohenden Anklage damit die Spitze abzubrechen, daß er Hedwig im Guten berede, sofort seine Gemahlin zu werden.

„Sie hat ja doch kein Stachelherz, sie wird sich erweichen [508] lassen!“ – Schlimmsten Falles solle er sie tödten, damit sie wenigstens nicht als Zeugin gegen ihn auftreten könnte, falls die böse Angelegenheit, welche sinnreich mit einem Besitzinteresse des bischöflichen Stuhles verwoben wird, untersucht werden sollte. Beide Ritter sind zu allen Schandthaten bereit.

Nun erscheint Siegmund Steinburg im Gewand eines Minnesängers, um zu spähen. Er berichtet dem Grafen Ubald als große Neuigkeit des Tages, daß in Palästina zwischen „dem großen Saladin und dem Vicekönig von Aegypten“ Friede geschlossen worden sei, und in Folge dessen bereits viele Ritter vom Kreuzzuge heimgekehrt wären, unter Anderen auch Steinburg der Sohn, worüber Rädinger erschrickt, Ubald aber sich erbost. Siegmund bleibt unerkannt, es glückt ihm, in der Eilenburg Nachtquartier zu bekommen, und ganz unverhofft begegnet er dort seines Vaters treuem Burgvogt, der bei dem Feind in Dienst getreten, um sein Fräulein zu erkunden. Schon hat er herausgebracht, daß Hedwig im Schauerthurm schmachtet; auch hat er erhorcht, daß eine gewisse Stelle dieses Verließes schwach vermauert sei. Der Moment scheint gerade jetzt günstig. Siegmund will ihn benützen. Im Begriff, sich mit einem kolossalen Brecheisen Eingang in den Thurm zu erzwingen, wird er hierbei von Rädinger erwischt, der ihn nun selbst in das Verließ abführen läßt. –

Dieser Schauerthurm, ein ganz ansehnliches Gewölbe, macht trotz seiner dunklen Quadern keinen unwohnlichen Eindruck. Hedwig sitzt dort in schwarzem Atlaskleide, mit Schnallengürtel und weißem Stehkrägelchen. Sie trägt schwere eiserne Ketten und aufgelöste Haare, was sie recht vortheilhaft kleidet. Da es gilt, Verzweiflung auszudrücken, bewerkstelligt sie das, indem sie regelmäßig nach jeder dritten Silbe eine Kunstpause macht. Da kommt der böse Ubald herein.

„Eine Menschenstimme?“ sagt sie. „Der Schreckliche? O falsche, seifenblasenleere Welt! Ich bin zum Sterben bereit!“

Er: „Du machst mich rasend! Sei mein Weib!“

„Nein!!“

Schon stürzt er mit gezücktem Schwert auf sie los, da fällt ihm Rädinger in den Arm. Er ist soeben mit dem gefesselten Siegmund eingetreten und droht nun seinerseits Hedwig, „den Bruder vor ihren Augen zu Tode zu martern, falls sie dem Willen seines Freundes noch länger widerstehe.“ Rührendes Erkennen der Geschwister, die sich in den gefesselten Armen liegen. Hedwig beginnt ihre Feinde anzuflehen: „Seid Ihr Menschen von Fleisch und Blut? Die Brust des Herzens dreht sich mir im Leibe herum!“

Schließlich giebt sie nach. Während Ubald sie nach der einen Seite hin fortschleppt, dringt plötzlich von der anderen Ritter Guido, welchen der treue Burgvogt herbeigeholt hat, mit vielen Knappen durch die bewußte schwache Mauer in das Verließ. Rädinger flieht vor der Uebermacht in die Burg zurück, während Guido dem Gefangenen die Ketten abnimmt. Sobald Siegmund, der Berserker, sich frei sieht, beginnt er vor Freude zu tanzen.

Wir treffen nun zunächst im Saale den überaus zornigen Rädinger: „Wo kann man sich in dieser höllverfluchten Burg verbergen? Sie brennt an allen Ecken. Soll ich hier wie ein wildes Schwein lebendig gebraten werden?“

Ehe es hierzu kommt, treten Siegmund und Guido auf und bedrohen ihn mit dem Tode durch das Schwert, falls er nicht sagt, wohin Ubald die Geraubte gebracht. Er stellt sich, als wollte er seinen Freund verrathen, sagt nicht allein, derselbe sei mit Hedwig nach Wien, um sich dort mit ihr trauen zu lassen, sondern beschuldigt Ubald auch, ihn selbst zu allem Bösen verführt zu haben, fleht um Vergebung seines unfreiwilligen Antheils an allen Missethaten und bietet Siegmund seine Dienste und Treue an. Als dieser, durch so viel Heuchelei getäuscht, sich ihm nähert, springt Rädinger plötzlich von seinen Knieen auf und versucht Siegmund zu erdolchen, wird aber statt dessen selbst von Guido niedergestoßen.

Der letzte Act: „Kampf auf Leben und Tod“, beginnt mit einem sehr hübschen Zwischenspiel. Vor dem Hause des Ochsenwirthes wird ein Bauernfest gefeiert. Die Straße vor dem Wirthshause ist durch eine Barrière in zwei Theile geschieden, welche mit Wappen etc. reich geschmückt ist, denn das Volk hat sich hier versammelt, um den Markgrafen von Oesterreich zu empfangen. Ueberraschende Wahrheit der ganzen Scenerie sowohl als der Gruppirung und des Zusammenspiels, anmuthige Einzelscene, welche ein mit einander schmollendes Liebespärchen mit heiterer Schalkhaftigkeit durchführt, ländliche Blechmusik und Volksweisen, die im Chor gesungen werden – Alles das erfreut Auge und Ohr. Der Wirth erzählt einen komischen Vorfall, an dem frischer Antheil genommen wird; volles, regsames Leben pulsirt durch diese Scene.

Nun erscheint Ubald, der gleichfalls hier den Markgrafen begrüßen will; mit ihm Hedwig in weiß-goldenen, purpurnen Prachtgewändern, einen strahlenden Stirnreif im Haar. Sie fleht Ubald an, sie ihres erzwungenen Schwures zu entbinden, sie wünscht den Schleier zu nehmen.

Nun erscheint der Markgraf mit großem Gefolge. Er prangt in Sammet, Goldstickereien und Hermelin. Sein Volk begrüßt ihn mit freudigem Zurufe; er selbst erklärt, daß er in das Land komme, um Gnade und Gerechtigkeit zu üben. Da treten Guido und Siegmund in voller Rüstung vor die Barrière, als Kläger gegen den Grafen und Kanzler Ubald von Eilenburg, den sie öffentlich des „Ueberfalles, Mordes und Dirnenraubes“ zeihen. Der Markgraf, welcher eben noch seinen Kanzler in Gnaden begrüßt, fordert denselben bestürzt zur Erklärung auf. Ubald leugnet Alles. Ein viermal wiederholtes Verhör, zu dem auch Hedwig herangezogen wird, welche sich jenseits der Barrière zurückgezogen, stellt endlich die Sache klar. Siegmund fordert den Gottesgerichtskampf, welcher ihm vom Markgrafen bewilligt wird.

Nun klirren die Schwerter eine geraume Zeit. Ubald und Siegmund kämpfen gewaltig, bis der Bösewicht fällt. Ehe er stirbt, bekennt er seine Missethaten, und Hedwig gewährt ihm die erflehte Verzeihung.

Nun wird die so vielfach Geprüfte vom Markgrafen mit Guido zusammengethan.

Höchst effektvolle Gruppirung der die Bühne füllenden, in glänzenden Farben strahlenden und durch die Vermischung von Volk und Ritterschaft sehr lebendigen Menge. Rothe bengalische Beleuchtung als Schluß.

Dürfen wir nun den Gesammteindruck dieser Schaustellung zusammenfassen, so bleibt er als ein freudiger zurück. Wenn auch falsche Betonung des ungewohnten Hochdeutschen, wenn einige Coulissenreißerei und mancher drollige Anachronismus mitunter eine Heiterkeit weckt, welche dem rührenden Stoffe des Ritterspieles widerspricht, so trägt der Zuschauer doch weit Besseres mit nach Hause, als die Erinnerung an humorvolle Stunden. Wahrhaft volksthümliche Züge im Gange der Handlung, ein aufmerksames Zusammenspiel und der Eifer, womit jeder Theilnehmende seiner Aufgabe gerecht zu werden sucht, müssen an sich schon jeden Freund echter Volksbelustigung befriedigen. Ueberdies tritt uns in der belehrenden und religiösen Tendenz des Stückes die ganze ursprüngliche Anlage der alten Spiele entgegen. Dieser „Schwur um Mitternacht“ spiegelt vollständig jene zu Anfang unseres Jahrhunderts so beliebten Ritter- und Schauerstücke wieder, was den Gang der Handlung betrifft. Doch hat der gesunde Sinn des Volkes dieselben gleichsam umgeschmolzen und in seine eigene Form gegossen, denn das Bauernspiel übertrifft jene hyper-romantischen Ritterspiele sowohl durch weit größere Natürlichkeit und Unmittelbarkeit, als durch sein nicht blos moralisirendes, sondern vorwiegend religiöses Gepräge. Gott wird beständig angerufen, eine höhere Leitung bleibt dem Zuschauer in Angst und Graus als Trost zurück, denn sie webt sich als sichtbarer rother Faden durch die Handlung.

In dem von uns hier skizzirten Stücke erhebt sich die Behandlung des Stoffes nicht selten zu echter Poesie. Momente wie Siegfried’s Erkennen seines Vaters im Sarge, wie das Zusammentreffen der Geschwister im Verließe sind von so unmittelbarer Wirkung, daß der Ernst, womit das Volk seinen Spielern lauscht, sehr begreiflich ist. All’ die Hunderte, welche das ländliche Schauspielhaus füllten, folgten mit sichtlicher, eifriger Spannung jeder Scene des ihrem romantisch-religiösen wie ihrem sittlichen Bewußtsein höchst zusagenden Stückes. Diese Hingabe an das Schauspiel begegnete sich von Seiten der Zuschauer wie der Spieler. Einzelne der Letzteren, wie Vater Steinburg und Rädinger, überraschten durch die Wahrheit und Innigkeit ihres Spieles, und wenn Andere der Aufgabe nicht ebenso gut gewachsen waren, so lag das wahrlich nicht am eigenen Eifer für die

[509] Sache. Zu rühmen bleibt auch, daß in den Volksscenen, welche Impromptus nicht blos zulassen, sondern dazu herausfordern, der gesunde Sinn des Tiroler den Mutterwitz nie in Rohheit oder Zweideutigkeit ausarten läßt.

Mit herzlicher Freude durften wir uns sagen, ein echtes Stück kerndeutschen Lebens in origineller Form geschaut zu haben. Möchten diese gegenwärtig schon selten gewordenen und den Tirolern so theuren Spiele ihnen für alle Zukunft erhalten bleiben!