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Eigener Herd, Goldes werth

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Textdaten
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Autor: Peter Christian Hansen
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Titel: „Eigener Herd, Goldes werth.“ Ein Wort an die Arbeiter und Arbeiterfreunde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 563–564
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Sozialer Wohnungsbau in Kopenhagen.
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„Eigener Herd, Goldes werth.“

Ein Wort an die Arbeiter und Arbeiterfreunde.

Es war im Herbst 1865, als der Arzt Dr. Frederik Ulrik in Kopenhagen vor einer Versammlung von Arbeitern der weithin bekannten Maschinenbau-Anstalt Burmeister u. Wain daselbst den Vorschlag entwickelte, eine Vereinigung zur Herstellung von Arbeiterwohnungen zu gründen. Es war eine kühne Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Er wollte einen großen Theil der Arbeiter, die bis dahin in Miethscasernen und ungesunden Häusern der überfüllten Stadtviertel wohnten, in gesunde, menschenwürdige Räume, die Heimathlosen aus den dunkeln Schlupfwinkeln, in denen Unzufriedenheit und Krankheit brüten, in lichtere Wohnstätten überführen, in welchen Reinlichkeit und froher Muth walten; er wollte aus den Besitzlosen, die unstätt umherziehen, seßhafte Hausbesitzer schaffen und denselben Antheil an einem Stückchen unserer Mutter Erde geben.

Noch kühner, ja verwegener erschien dieser Plan, wenn man die Mittel betrachtete, mit welchen der menschenfreundliche Arzt seine Ideen verwirklichen wollte. Mit stolzem Selbstbewußtsein wies er jene Hülfsquellen zurück, welche die Tugend der Barmherzigkeit so vielen Wohlthätern der ärmeren Volksclassen zu erschließen pflegt, er appellirte weder an das Mitleid der Reichen noch an die Hülfe des Staates – nur durch die Mittel der Arbeiter sollte für das Wohl der Arbeiter gewirkt werden. Sparsamkeit und Selbsthülfe war seine Losung!

Was er den Arbeitern versprach, war groß und verlockend, geringfügig, was er von ihnen forderte. Wer dem Vereine beitreten wollte, hatte nur einen wöchentlichen Beitrag von etwa vierzig Pfennig nach unserm Gelde zu zahlen. Aus dem auf diese Weise gesammelten Capital sollten nun Grund und Boden angekauft, sollten kleine, für je eine oder höchstens zwei Arbeiterfamilien bestimmte Häuser gebaut werden, Häuschen, deren Werth noch durch kleine Vorgärten erhöht wurde. Diese sollten nach ihrer Fertigstellung unter den Mitgliedern des Vereins ausgeloost werden und die glücklichen Gewinner durch Ratenzahlungen, die einem geringen Miethzins entsprachen, allmählich zu Hausbesitzern avanciren. Dabei aber war der Verein kein Lotterie-Unternehmen, bei welchem die leer ausgehenden Arbeiter ihren Einsatz verloren. Im Gegentheil, die eingezahlten Beiträge, jene oft sauerersparten, wöchentlich abgelieferten Groschen waren ihnen stets gesichert. Wer aus irgendwelchem Grunde aus dem Verein trat, erhielt sie wieder ausgezahlt, und wer ihm, ohne ein Haus zu erwerben, zehn Jahre treu bleiben würde, dem war die Rückzahlung mit Zinseszinsen zugesagt.

Das waren die Grundzüge des Arbeiterbauvereins, der am 20. November 1865 in’s Leben trat. Gegen 300 Personen, durchweg Arbeiter der oben erwähnten Fabrik, gelang es vorläufig für das Unternehmen zu gewinnen.

Der Anfang in der Entwickelung versprach freilich nicht gar viel. Schon wenige Monate nach der Gründung zeigte sich, daß manche Leute sich lediglich in der sicheren Erwartung angeschlossen hatten, dadurch in kürzester Frist zu einem Hause zu gelangen. Als sie ihren Irrthum erkannten, traten sie zurück, und so sank die ursprüngliche Mitgliederzahl um ein volles Dritttheil. Dies bildete die erste und, wie gesagt werden darf, die einzige Krisis in dem Bestande des Vereins. Sie ist in Wirklichkeit von höchst segensreichen Erfolgen begleitet gewesen. Gab sie doch Gelegenheit, offen darzulegen, was der Verein leisten und was er nicht leisten könne, Veranlassung, allerlei unerfüllbare Wünsche und Hoffnungen von vornherein zu beseitigen, womit Lehren verknüpft waren, die bis zum heutigen Tage nachgewirkt haben.

Anfangs 1867 waren es nur 220 Mitglieder. Mit der Gesammtsumme der von dieser Schaar im Laufe eines Jahres zusammenfließenden Wochenbeiträge ließen sich selbstredend keine großen Sprünge machen. Aber immerhin kam ein kleines Capital ein, womit man die Allen sichtbare Thätigkeit des Vereins zu beginnen wagte. Der Bau von Vereinshäusern wurde also aufgenommen. Dieses muthige Vorgehen wandte dem Verein neue Freunde zu, und so geschah es, daß die Mitgliederzahl sich bis Neujahr 1868 wieder reichlich verdoppelte. Einen ähnlichen Zuwachs lieferte das nächste Jahr. Im März 1869 war bereits das erste Tausend erreicht, im März 1871 das zweite, im März des folgenden Jahres das vierte Tausend; 1875 fehlte nicht gar viel am sechsten Tausend; 1876 wurde das siebente überholt und in demselben imponirenden Umfange hat die Entwickelung bis zu diesem Augenblick gedauert. Am 1. Januar 1884 schloß die Rechnung mit 12,643 Mitgliedern ab, genau 1000 mehr als am 1. Januar des Vorjahres.

Diesen stattlichen Zahlen stehen andere zur Seite. Mit der Zunahme der Mitglieder haben naturgemäß die Einnahmen des Vereins sich in gleichem Maße erhöht. Auch hier gingen aus den Hunderten die Tausende und Abertausende hervor. Vermehrte Einnahmen sind jedoch wieder gleichbedeutend mit gesteigerter Thätigkeit. Die schüchternen Anfänge haben eine gewaltige Fortsetzung erfahren. Die ersten vereinzelten Hausbauten finden wir zu Straßen, Colonien, ja ganzen Stadttheilen erweitert. 523 Häuser mit rund 1000 Familienwohnungen bezeichnet heute der Verein als die seinigen, die sammt und sonders auf Mitglieder übertragen sind und von Mitgliedern bewohnt werden. In den letzten Jahren kamen alljährlich durchgängig fünfzig Häuser nebst Straßenanlagen etc. zur Vollendung.

Die ältesten von dem Verein gebauten Häuser befinden sich mehr im Innern der Stadt, während die neueren, und zwar in weit überwiegender Zahl, eine nahezu in sich abgeschlossene Colonie bilden. Diese liegt in unmittelbarer Nähe eines großen Binnensees, des Sortedamsö’s, in einer ebenso anmuthigen wie gesunden Gegend. Nichts kann anziehender sein als ein Besuch dieser umfassenden Häusergruppe. Der Charakter der zweistöckigen Bauten entbehrt ja freilich einer gewissen Mannigfaltigkeit, hält sich aber auch von wirklicher Einförmigkeit sehr weit entfernt. Dazu trägt auch das [564] kleine Gärtchen bei, welches den Eingang zu jedem Hause ziert. Auf die Pflege dieses winzigen Erdenfleckes wird meist eine rührende Sorgfalt verwandt. Ueberall herrscht eine musterhafte Sauberkeit. Durch klare Fenster, mit grünenden und blühenden Blumen und durch blendend weiße Vorhänge geschmückt, blickt uns eine einfache, unendlich anheimelnde Häuslichkeit an.

Und doch sind es ausschließlich kleine Leute, unbemittelte Leute, die hier wohnen: Arbeiter, welche in Fabriken und Werkstätten ihr Brod verdienen müssen, Handwerker, Unterbeamte etc. Die Größe der Wohnungen vermag ja auch nur bescheidenen Ansprüchen zu genügen: zwei oder drei Zimmer mit Dachstübchen, Bodenkammer und sonstigen Bequemlichkeiten gewähren keinen Raum für ausgedehnte Wirthschaftsführung. Aber glückliche, zufriedene Menschen lernen wir dort kennen, die nicht ohne innere Genugthuung, nicht ohne ein Gefühl des Stolzes sich bewußt scheinen, daß sie durch eigene Arbeit, durch Sparsamkeit und Sinn für Vorwärtsstreben dies vor sich gebracht haben! Glückliche Menschen, die an sich selbst die frohe Wahrheit des alten Spruches erfahren: „Eigener Herd, Goldes werth!“ Ja, es bildet sich im Verein und durch den Verein, namentlich aber unter den Hauseigenthümern eine wahrhafte Elite des Arbeiterstandes aus. Immer mehr ist es bei den strebsamen Elementen der Kopenhagener Arbeiterbevölkerung gute Sitte geworden, dem Bauverein anzugehören. Daß sich jedoch auch die andern Classen nicht zurückhalten, kann nur erfreulich sein. Die Theilnahme eines Arbeitgebers zieht oft genug zugleich den Anschluß seiner Arbeiter nach sich. Und selbst der Kronprinz Frederik von Dänemark steuert seit Jahren als ordentliches Mitglied seine vierzig Pfennig für die Woche bei.

Eine Straße des Arbeiterbauvereins in Kopenhagen.

An der Spitze des Vereins begegnen wir noch heutigen Tages den meisten der wackeren Männer, welche seiner Zeit die ersten Grundsteine legten. Wir nennen vor Allem den trefflichen Menschenfreund Dr. F. Ulrik, dessen Verdienste nicht hoch genug geschätzt werden können. Neben ihm sind die Herren Maschinenmeister N. C. Jensen, Kaufmann Moses Melchior aufzuführen. Sie und so manche Andere haben mit unendlicher Hingabe dem schönen Werke gedient, sie sehen jetzt aber auch in so herrlichem Maße die Früchte ihres Strebens vor Augen.

Im Laufe dieses Jahres werden die Häuser des Vereins von etwa 5000 Personen bewohnt sein, eine Zahl, die sich in Zukunft um nicht viel weniger als 1000 Seelen jährlich vergrößern dürfte. Welches Glück wird ihnen durch die Genossenschaft zu Theil! Wie außerordentlich haben sich ihre gesammten Lebensbedingungen mittelst dieser Vereinigung gehoben, die ja freilich keine bedeutenden Geldopfer, wohl aber Sinn für sociales Emporkommen, wirthschaftliche Einsicht, Glauben an die Tugend der Sparsamkeit und an die Kraft der Selbsthülfe erfordert!

Der Kopenhagener Arbeiter-Bauverein darf mit Recht als ein Muster hingestellt werden. Als solcher ist er in manchen kleinen dänischen Städten, den Verhältnissen nach freilich modificirt, nachgeahmt worden. Auch die deutsche Stadt Flensburg hat, seinen Grundbestimmungen entsprechend, aber unter Berücksichtigung der deutschen Genossenschaftsgesetzgebung, einen Arbeiterbauverein in’s Leben gerufen, der sich ebenfalls überaus glücklich entwickelt.

An dieser Stelle jedoch rufen wir weit, weit hinein in die Kreise unserer arbeitenden Classen: „Macht Euch jenes stolze Beispiel vom Sunde her zu Nutze! Was dort geschieht, kann auch von Euch geschehen, und der Segen wird kein geringerer sein!“ P. Chr. Hansen.