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Drei Tage in einem Karthäuserkloster

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Textdaten
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Autor: Konrad Magg
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Titel: Drei Tage in einem Karthäuserkloster
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 428–430
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[428]
Drei Tage in einem Karthäuserkloster.
Von Dr. Magg in Constanz.


Ich hatte im Anfang der Vierziger Jahre während meines Aufenthalts in Constanz manchmal von dem Karthäuserkloster Ittingen, gegenüber Frauenfeld, schweizerischen Cantons Thurgau, sprechen hören, und war begierig, dasselbe kennen zu lernen, als mich der Zufall in die Gesellschaft des P. Priors führte. Er hatte eines Tages auf der Villa des Herrn Grafen v. V. in G., bei dem ich zur Mittagstafel geladen war, Besuch gemacht, und blieb über Mittag. Er saß im weißen Ordenshabit oben am Tische, aß und trank aber nichts von Allem, was aufgetragen wurde, sondern hatte verschiedene Sorten Fische mitgebracht, die nach seiner Anordnung zubereitet wurden; an seiner linken Seite stand auf dem Boden ein Gesäß mit Wein aus den Klosterreben, die er mit einem Glas aus dem Gefäß schöpfte und sich baß schmecken ließ. Er war ein Mann von sechsundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, mittlerer Statur, hagerem Körperbau und schmalen Schultern; auf seinem ziemlich breiten Schädel saß ein sogenanntes „Pfaffenkäpplein“, das die Glatze bedeckte, und seinen Hinterkopf zierten graumelirte schwarze Haare, welche von einem ehemals ergiebigen Haarboden sprechendes Zeugniß gaben; die etwas gewölbte Stirn war nur von wenigen kaum bemerkbaren Furchen durchzogen; die hervorstehenden Backenknochen, die bleichen eingefallenen Wangen, die spitz zulaufende kleine Nase, sowie die vom Kopfe ziemlich weit abstehenden Ohren mochten wohl die Folge langjährigen Genusses der Fisch- und sonstigen Fastenspeisen, verbunden mit dem einsamen, contemplativen Zellenleben sein, das er fünfzehn Jahre lang im Kloster führte, bevor er von dem Convente seiner Schicksalsgenossen zum Prior gewählt wurde. Sein stechendes dunkles Auge verrieth jedoch, daß ihm während dieser langen Zeit des selbst auferlegten unnatürlichen Zwangs die Lebenslust nicht geschwunden war, und auf seinem länglichen, nichts weniger als ausdrucksleeren Gesichte konnte man deutlich die Spuren gut erhaltener Denkkraft lesen, wie er solche denn auch im Gespräche sattsam kundgab, ohne jedoch den tiefen Denker zu verrathen. Mit Vorliebe sprach er indessen von Pferden und von dem Pferdehandel, den er, wie man sagte, seit seiner Ernennung zum Vorstand des Klosters eifrig betrieb. Nach aufgehobener Tafel lud er mich ein, ihm einen Besuch im Kloster abzustatten, den ich ihm mit Vergnügen zusagte.

Im August desselben Jahres machte ich eine Fußtour nach dem Kloster, bei dem ich Mittags zwölf Uhr ankam. – Wie groß war hier meine Enttäuschung! Ich hatte früher mehrere Beschreibungen der großen Einöde La Chartreuse, etwa vier Stunden nördlich von Grenoble, gelesen, in welcher in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts (1084) der berühmte Canonicus und Kanzler zu Köln und Rheims, Bruno der Heilige, seinen einsamen Wohnsitz aufgeschlagen, und 1086 mit sechs von seinen Freunden das erste Karthäuserkloster errichtet hatte. Die Schilderung dieser „Wiege des Ordens, welche fast unzugängliche, mit grausenvollen Abgründen umgebene Felsen bilden“, erfüllte meine Phantasie mit dem „fürchterlichen Schauspiel einer düstern, überall sich schreckvoll darbietenden Natur.“

Wie ganz anders war die Lage der Karthause, vor welcher ich jetzt stand! Ich war von Bergeshöhen herabgekommen und befand mich nun in einem reizenden Thal. An dem Eingang in’s Kloster zog eine frequente Landstraße vorüber. Fruchtreiche, mit allartigen Obstbäumen bepflanzte Felder dehnten sich stundenweit aus. Durch die üppigen Wiesen schlängelte sich ein schmaler Fluß (die Thur). Rechts und links umgaben Weinberge das Kloster, das mit der Rückseite an einer waldigen Felsenwand lehnte. Und all diese weiten Fluren, über welche mit Lust das Auge schweifte, waren, wie ich nachher erfuhr, freies Eigenthum der Karthause, die eine vortreffliche Landwirthschaft betrieb. Nachdem ich einige Zeit an diesem herrlichen Anblick mich ergötzt hatte, trat ich durch das offene eiserne Gitter in den weiten Hofraum, auf dessen linker Seite große Oekonomiegebäude, Stallungen und Arbeiterwohnungen standen, unter denen ihrer ganzen Länge nach sich Kellereien befanden, die mit den besten, von der Kloster-Administration selbst gezogenen Weinen reichhaltig gefüllt waren. Auf der rechten Seite stand ein schönes Haus, durch dessen breite Hallen man in das Innere des Klosters gelangte, das von außen eher einer Villa, als einem von beschaulichen Mönchen bewohnten Aufenthaltsorte glich. Neben demselben war, durch einen kurzen und engen Gang verbunden, ein längliches, einstöckiges, mit einer ziemlich hohen Mauer umgebenes Gebäude angebracht, in dem sich aneinandergereihte Zellen befanden. In diesen mußten die Mönche ihr beschauliches Leben zubringen, und aus ihnen führte ebenfalls ein enger Gang in die kleine Klosterkirche, die ihr Vorhandensein durch ein Thürmchen bemerklich machte, in welchem sich eine Glocke befand. An dem Klostergebäude war eine Uhr angebracht, die mit hellem Glockenton die Stunden verkündete. Sie schlug „Eins“, als ich den Eingang des Vorhauses betrat. Hier kam mir ein dicker Karthäuser entgegen und fragte nach meinem Begehren. Als ich ihm meine Bekanntschaft mit dem Herrn Prior mittheilte, bedauerte er, daß ich zu spät zur Mittagstafel komme, die bald werde aufgehoben werden, alsdann könne ich den Prior sprechen. Dies geschah auch um halbzwei Uhr. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen und dem dicken Herrn, der mich an der Pforte begrüßte, empfohlen, der die zweite Größe des Klosters war, nämlich der Oekonomie-Verwalter, mit dem Titel „Schaffner“. Der Prior ritt bald darauf zum Thor hinaus und kehrte in den drei Tagen meines dortigen Aufenthalts nicht zurück.

Der Schaffner führte mich in einen geräumigen Speisesaal, wo ich mit dreierlei Fischsorten und ebenso vielerlei köstlichem Wein nebst Confitüren und zuletzt noch mit gutem Kaffee bedient wurde. Ich traf dort acht mir fremde Gäste, die an verschiedenen Tischen Tarok spielten, denen ich zusah und mit ihnen Bekanntschaft machte. Es waren Herren aus der eine Stunde weit entfernten Stadt Frauenfeld, von welchen zwei bei der dortigen Regierung als Mitglieder angestellt waren. Auf jedem ihrer Tische stand eine Maßbouteille, die, kaum geleert, mit einer vollen ersetzt wurde. Unterdessen wurde die Mittagstafel abgedeckt, sogleich aber wieder mit frischem Gedeck für etwa noch kommende Gäste zubereitet, und mit Confitüren und vollen Weinflaschen nebst Gläsern besetzt. Nach einer Weile führte mich der Küchen- und Kellermeister in den elegant eingerichteten Zimmern des Klosters herum, und zuletzt in den vor demselben schön angelegten Garten, wo er mich, durch Geschäfte abgerufen, allein ließ. Hier verweilte ich mit Wohlgefallen im Anblick der veredelte Früchte tragenden Obstbäume, der üppigen Gemüsebeete und der dazwischen angebrachten, von den verschiedensten Fischsorten wimmelnden Teiche, bis um sechs Uhr die Glocke zum delicatesten Nachtessen rief. Die Tafel war von den acht Mittagsgästen und meiner Wenigkeit besetzt. Schaffner und Küchenmeister blieben davon weg. Wir waren unter uns, lauter lebensfrohe Leute; die Unterhaltung wurde sehr lebhaft gepflogen. Nach neun Uhr entfernten sich die Gäste und traten ihren Rückweg nach der Stadt an. Mir leuchtete der Kammerdiener in ein elegantes Schlafzimmer, stellte das Licht auf einen in der Mitte stehenden runden Tisch, wünschte mir freundlich „gute Nacht“ und ließ mich allein. Da stand ich nun, seelenvergnügt über die glückliche Metamorphose meiner Erwartung einer schaurigen Einöde und eines langweiligen Aufenthalts in einem der Armuth geweihten Karthäuserkloster. Es fielen mir die folgenden Worte Shereir’s ein, die er in seinem „neuen Paris“ über die große Karthause bei Grenoble ausspricht: „Hier, wo man nichts hört, als den dumpfen Schall einer Glocke, scheint diese Glocke eure Seele abzurufen; wo man nichts sieht, als schweigende, durch Bußübungen gebleichte Menschen, ununterbrochen [429] in Betrachtungen versenkt, oder mit Beten beschäftigt, da wird man von sehr ernstem Nachsinnen ergriffen, und man zaget und zittert selbst bei dem Bewußtsein seiner eigenen Unschuld; wo man endlich nirgends den Fuß hinsetzen kann, als auf den Rand eines Grabes, da fühlt man, wie wandelbar die Grundlage aller Güter dieses Lebens, alles Glückes und Dessen ist, was dem Menschen so wünschenswerth und so beneidenswerth erscheint.“

Ich war eben im Begriff, über den Contrast zwischen den finsteren Schilderungen des Karthäuserlebens und unserer offenbaren Tagesschwelgerei nachzudenken, als ich wahrzunehmen glaubte, daß der vor mir an der Wand hängende Spiegel sich mit meinem Bilde im Kreise herumdrehe. Da warf ich einen beschaulichen Blick in mich selbst; ich fand, daß ich einen kleinen Begleiter aus dem Speisesaal mitgebracht hatte, der mich despotisch beherrschte, und es schien mir, daß es gerathen sei, der Natur den Tribut zu zollen, indem ich die weinmüden Augen schlösse, den unsichern Füßen Ruhe gönnte, dem wallenden Blut und den aufgeregten Nerven durch den Schlaf Erholung bereitete.

In dieser befriedigenden Erkenntniß des Guten und Bessern ging ich, mit dem trunkbeglückenden Selbstgefühl potenzirter Gescheidtheit, ungemessenen Schrittes nach der lockenden Bettstelle, indem ich anfing, mich langsam zu entkleiden.

Aber welche Ueberraschung weckte meine matten Blicke! Ein als „Ding an sich“ schon herzerfreuender Gegenstand zeigte sich – erschrecken Sie nicht, meine Damen – auf dem Nachttischchen. Es war eine mit hellglänzendem Wein vollgefüllte Halbmaßbouteille, an ihrer einladenden Seite ein zierlich geschliffenes Trinkglas präsentirend. So etwas war mir in meinem Leben nie vorgekommen. Voll Verwunderung rief ich aus: „Heiliger Bruno, halt’ ein mit Deinem Segen!“ Dann aber konnte ich der Verlockung zum Schlaftrunk doch nicht widerstehen, faßte die Flasche um ihre schlanke Taille,

und goß in das niedliche Glas
das lieblich blinkende Naß.

Ach! – das war köstlicher Karthäuser-Nektar, wie ich heute noch keinen getrunken.

Da trat hinter einer Wolke der volle Mond hervor und blickte schalkhaft durch’s offene Fenster, als wäre er neugierig zu erspähen, welche Excesse es in so vorgerückter Nacht im Kloster noch gebe. Sein geborgter Glanz sympathisirte mit meiner romantischen Stimmung. Ich löschte mein Licht und ließ ihn das Zimmer beleuchten, sank aber schon nach kurzer Zeit, von Morpheus’ zarter Hand berührt, auf’s weiche Flaumenbett, und der Gestalten bildende Traumgott gaukelte im unruhigen Schlaf meiner aufgeregten Phantasie buntscheckige Bilder vor.

Eines derselben weckte mich. Der Morgen graute. Rasch erhob ich mich von meinem weichen Lager und trat lichten Kopfs und heiteren Gemüths unter das offene Fenster. Majestätisch stieg die aufgehende Sonne über die Berge. Ich war entzückt über die wonnevolle Verheißung eines herrlichen Tages. Ein sehnsuchtsvolles Gefühl trieb mich hinaus in Gottes freie Natur. Schnell kleidete ich mich vollends an, enteilte den stillen Klostermauern durch die hohe offene Hinterpforte und bestieg durch das weglose Gehölz die Spitze der Anhöhe, an die das Gebäude sich anlehnte. Hier athmete ich wohlthuende frische Morgenluft und ergötzte mich an der viele Meilen weit vor mir ausgebreiteten Fernsicht, in deren Hintergrund mein spähendes Auge in der langen Kette himmelansteigender Alpen herumschweifte. Meiner innigen Betrachtung der großartigen Natur entzog mich nur der Doppelschlag der Klosteruhr, welche die fünfte Morgenstunde verkündete; das Geläute der Kirchenglocke tönte feierlich zu mir herauf und rief die Mönche zur Hora.

Es war heute Sonntag, dessen Feier um sechs Uhr mit einem Frühamte begann. Mit der Begierde, in meinem Inspectionsgeschäft ja nichts zu versäumen, wand ich mich so schnell als möglich durch das Gehölz hinab und trat andachtbereit in das Schiff der kleinen dunkeln Capelle, wo ich mich allein befand. Noch dauerte im vordern Chor die Frühmette, von nur vier Karthäusern gehalten. Meine Neugierde steigerte sich, als mein Blick auf zwei weiße Gestalten fiel, welche je auf der rechten Seite der beiden Seitenaltäre ausgestreckt und unbeweglich auf dem Boden lagen. Es waren zwei Mönche, die sich in dieser klosterüblichen Büßerweise durch stilles Gebet zum Messelesen vorbereiteten.

Nachdem sie aufgestanden waren, wurden sie von zwei in dunkele Habits gekleideten Klosterbrüdern mit Alba und Meßgewand versehen, betraten den Altar und verrichteten das Meßopfer, nach dessen Beendigung sie sich zu den anderen Vieren in den Chor begaben. Bald darauf nahm auf dem Hochaltar das Frühamt seinen Anfang. Der Celebrirende sprach das Eingangsgebet, und alsbald stimmten die in ihren Chorstühlen stehenden sechs Mönche aus dem vor ihnen aufgeschlagenen großen Buche den einstimmigen Choral „Kyrie eleison“ mit vollen Kehlen an; aber sie sangen, nein, sie schrieen ihn sechsstimmig, das heißt Jeder in einer andern Tonart, so grausenhaft als möglich für musikalische Ohren.

Zuletzt hielt ich’s nicht länger aus. Ich erging mich im Garten und bewunderte Gottes Allmacht in seinen unzählbaren Werken der Natur. Um sieben Uhr holte mich der Kammerdiener zum Kaffee. Nach eingenommenem Frühstück erbat ich mir die Erlaubniß, die Klosterbibliothek besehen zu dürfen, die mir sogleich geöffnet wurde. Es giebt wohl nicht leicht eine bedauernswerthere Erscheinung, als ein geistloser Mensch im übermäßigem Besitz irdischer Glücksgüter. Diese Wahrheit fand ich in dem kleinen Raume der Bibliothek bezüglich des Klosters urkundlich bestätigt. Vergeblich suchte ich drei Stunden lang in den wenigen Gestellen nach einem Werk der Wissenschaft oder Kunst. Eine einzige kleine Broschüre in lateinischer Sprache fand ich, die meine Aufmerksamkeit einige Zeit in Anspruch nahm; es war eine Elegie des heiligen Bruno über die Verachtung der Welt. Lauter Asceten in kleinem Format füllten die Fächer; die geistige Armuth personificirte sich in ihnen.[1] Dagegen hingen an der innern Seite der Thür eines Wandkastens fünf große Bannkarten über den ausgedehnten Güterbesitz des Klosters, worin dessen bedeutender Reichthum in Grundeigenthum auf’s Genaueste nachgewiesen war.

„Aus solchem Contrast des geistlichen Ueberflusses einer- und seiner Armuth andererseits wird wohl auch hier bald ein Dritter seinen Vortheil ziehen,“ dachte ich und ging, da es elf Uhr schlug, in den Speisesaal. Dort traf ich eine Anzahl Gäste, die doppelt so groß war als die gestrige. Es waren geistliche und weltliche Herren. Sie standen gruppenweise um die gedeckte Tafel, bis der Schaffner ihre heiteren Gespräche durch den Ruf unterbrach: „Benedicite!“ Nach einem stillen Gebete nahm die ganze Gesellschaft Platz, und nun wurde das Mittagsmahl aufgetragen.

Es kann hier nicht der Ort sein, eine Beschreibung der vielen auf die verschiedenartigste Weise zubereiteten Fischsorten zu vernehmen. (Fleischspeisen werden bekanntlich in Karthäuserklöstern nicht gegessen.) Jede Sorte wurde von passenden Gemüsen begleitet, und zu jeder Schüssel wurde ein anderer, an Güte den vorangegangenen übertreffender Wein aufgestellt und ohne Schonung getrunken, denn die Gemüse machen Durst und die Fische – wollen schwimmen. Von der Fischsuppe, die von der Fleischsuppe dem Geschmack nach kaum zu unterscheiden war, bis zu dem zuletzt aufgetragenen Fischschinken waren alle Speisen delicat und alle Weine vorzüglich, dennoch sehnte ich mich am zweiten Tage schon nach Fleischspeisen, und hätte es damals schon Liebig’sches Extract gegeben, so würde ich mir wahrscheinlich unter irgend einem Vorwand warmes Wasser verschafft und eine Suppe bereitet haben. Allein ich mußte mich umsomehr in mein Schicksal ergeben, als ich ja die Hauptsache, wegen welcher ich gekommen war, noch nicht inspicirt hatte, nämlich das eigentliche Karthäuserleben. Deshalb säumte ich nicht, nach aufgehobener Tafel den Schaffner zu bitten, mich mit demselben bekannt zu machen, wozu der gefällige Mann alsbald bereit war.

Er führte mich aus dem zweiten Stock hinab zur ebenen Erde, und dort kam ich nun plötzlich aus den weiten Gemächern des Hauses ist die engen Räume seines Anbaues, aus den Sälen des Ueberflusses in die Zellen der Armuth, aus dem Convente des Wohllebens in das Refugium der Enthaltsamkeit, aus der heitern Gesellschaft lebensfroher Menschen zu den allein wohnenden Einsiedlern!

Wir stehen vor einer geschlossenen Thür, an der mit großen Buchstaben das Wort „Silentium“ angeschrieben steht, das uns eine der beiden Grundregeln des Ordens: Verstummen und Entbehren, ankündigt. Der Schaffner öffnet und wir treten in einen schmalen Gang, der in seiner ganzen Länge an dem Eingang zu [430] den Zellen der Mönche vorbeiführt. Jede derselben bildet eine abgesonderte Räumlichkeit, vor der ein Gärtchen angebracht ist; letzteres ist mit einer hohen Mauer umgeben, über welche der Bewohner nicht hinaussehen kann. Jede Zelle ist durch eine Thür geschlossen, die nur zum Ausgang der Mönche in den Tag und Nacht zu bestimmten Stunden stattfindenden Kirchenchor und Morgens, Mittags und Abends zum Einbringen des Essens geöffnet wird. Wir traten in eine derselben, die mit allen andern gleichförmig gebaut und eingerichtet ist, und die aus zwei durch eine dünne Wand getrennten Zimmerchen besteht. In dem ersten befindet sich ein Tischchen, worauf ein Brevier und einige ascetische Gebetbücher liegen, ein Stuhl, und am Fenster eine Hobelbank, die dem Karthäuser zu beliebigen Arbeiten dient. Das zweite ist sein Schlafzimmer, in dem eine Bettstatt steht, die mit einem Stroh- und Kopfsack versehen ist, worüber eine wollene Decke liegt. Man erzählt von einem Sarg, in dem der Karthäuser schlafe, hiervon sah ich, wenigstens in diesem Kloster, keine Spur.

Aus dem Schlafcabinet gelangt man in das Gärtchen, das nur spärlich mit gewöhnlichen Feldblumen bepflanzt ist und an Armuth vollständig seinem Nutznießer gleicht.

Was die Mönche betrifft, so sind dieselben dem Bilde ähnlich, das ich Ihnen im Eingange meines Vortrags von dem Prior des Klosters entworfen habe: hagere Gestalten mit bleichen, bartlosen Gesichtern, eingefallenen Wangen und vom Kopf weit wegstehenden Ohren. Auf ihren Physiognomien ist nicht der geringste Ausdruck der Theilnahme an Freud’ oder Leid zu lesen, und ihr stieres Auge verräth nur den unverwandten Blick in ihr Inneres. Nur ein Einziger, in dessen Zelle ich bei meinem Besuche kam, machte hiervon eine Ausnahme. Er war ein Franzose, der nicht deutsch sprach und erst seit einigen Jahren im Kloster lebte. Auf erhaltene Erlaubniß, mit mir zu sprechen, erkundigte er sich lebhaft nach den Zuständen seines Vaterlandes und erzählte mir: er habe unter Napoleon dem Ersten als Officier gedient, sei mehrere Mal auf ungerechte Weise übergangen worden und habe zuletzt aus Lebensüberdruß sich entschlossen, seine noch übrigen Tage in der Einsamkeit des Karthäuserklosters zuzubringen. Im Fluß seiner Mittheilung unterbrach ihn der Schaffner und wir verließen die Zelle. Ich begab mich in mein Schlafzimmer, und stellte, um mir das thatsächliche Verhältniß recht klar zu machen, Vergleichungen an zwischen der Vergangenheit und Gegenwart des Ordens der Karthäuser. Wir sind anzunehmen berechtigt, daß dem Stifter dieses Ordens die hohe Idee vorschwebte, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen und durch sein Beispiel Andere zur Nachahmung zu bewegen. Ob er durch Einführung der strengen Zucht den richtigen Weg betrat, Gottes Wohlgefallen zu erwerben, ist eine Frage, die heut zu Tage vom Richterstuhl aufgeklärter Religionsansichten ebenso entschieden verneint wird, als sie zu Bruno’s Zeit der ascetischen Frömmigkeit bejaht wurde. Soviel ist aber gewiß, daß der Geist des Ordens im Laufe von sieben Jahrhunderten in zwei Hauptbestimmungen von den Stiftungsregeln wesentlich abgewichen ist, in Beziehung nämlich auf das Gelübde der Armuth und des ununterbrochenen Stillschweigens: die Armuth verwandelte sich in Reichthum und das strenge Gebote der ewigen Verstummung ward gemildert durch die Erlaubniß zur zeitweiligen Mittheilung. In zweiter Reihe veränderte sich auch die mühsame Arbeit und die Entbehrung zu Gunsten der Mönche.

Zur Zeit der Entstehung des Ordens wandelten die Karthäuser durch Arbeit und Kunst Wald und Wüste in Gärten um, und brachten Leben dahin, wo früher nur Todesstille geherrscht hatte; Pflanzen und Kleienbrod war ihre Nahrung, Quellwasser ihr Getränk, Beten, Lesen und Bücherabschreiben ihre Beschäftigung und eine grobe Kutte ihre Kleidung. In der jetzigen Zeit ist die ganze weite Gegend, vielleicht großentheils durch die Vorgänger der Klosterbewohner, in gesegnete Fluren umgewandelt, und die Hobelbank in den Zellen, sowie das spärlich bepflanzte Gärtchen sind sprechende Zeugen davon, daß Unterhaltung und Erholung an die Stelle der schweren Arbeit getreten sind. Anstatt Pflanzen und Kleienbrod aßen zur Zeit meines Besuches die Zellenbewohner Fischsuppe, Fische, Gemüse, feines Brod und Backwerk, dazu tranken sie Mittags und Abends je ein halbes Maß guten Karthäuserweines. Es blieb also von den ursprünglichen strengsten Bußübungen nur noch die Einsamkeit, welche durch den häufigen Chorbesuch bei Tag und Nacht unterbrochen wurde; sodann die Pflicht der eigenen innern Beschaulichkeit, die Jeden darauf eitel machen konnte, wenn es ihm beliebte, ein Geistes- und Gemüthsverwandter jener alten Weltweisen zu sein, welche vorgaben, das höchste Gut des Menschen bestände in der eigenen Beschaulichkeit und Gemüthsbetrachtung; ferner das Beten und Lesen im Brevier und in ascetischen Schriften, und endlich das Tragen einer nicht einmal groben (weißen) Kutte mit einer Kopf und Hals bedeckenden Capuze, die nach festgesetzter Ordnung hinauf- und herabgezogen werden mußte. Von einem Schlafsarg, wenn er jemals gebraucht wurde, so wie von der steten Erinnerung an den Tod durch das bekannt gewordene Karthäuser-Motto „Memento mori“, wenn es je eingeführt war, erhielt ich weder Kunde, noch hörte ich diesen Spruch aus dem Munde der Mönche.[2] Aus meiner Betrachtung zog ich den Schluß, daß diese klösterliche Lebensart – oder Unart – sich überlebt habe und ihrem Ende, das auch nach zwei Jahren eintrat, entgegen gehe, worin mich die etwas diplomatische Antwort des Schaffners auf meine Frage bestärkte: Wie es komme, daß alltäglich eine so splendide Bewirthung so vieler Gäste statthabe? der Schaffner nämlich erwiderte: „Wir wären schon lange aufgehoben, wenn unsere Gastfreundschaft von den regierenden Herren nicht mit so großem Wohlgefallen angesehen würde.“

Der Betrachtung müde und – ich gestehe es offen – vom Fischdurst getrieben, begab ich mich in den Speisesaal. Hier traf ich noch alle Mittagsgäste in der lebhaftesten Unterhaltung, die der eifrige Genuß des edlen Getränks von Minute zu Minute steigerte. Die Tafel war frisch gedeckt, und man setzte sich bald darauf zum Nachttische, der ebenso reichlich bestellt war und ebenso lange dauerte wie gestern. Mein Rückzug ging im gleichen geisterleuchteten Zustande vor und bisweilen neben sich, genau wie am vorigen Abend. Auf dem Nachttischchen lächelte mir wieder der holde „Schlaftrunk“ freundlich entgegen, und die Sirenenstimme des leeren Glases, das in Folge meines ritterlichen Auftretens in Bewegung kam und an der vollen Bouteille lieblich klingelte, lockte mich abermals unwiderstehlich in seine Nähe. Je vergnügter ich von dem Nektar trank, desto geheimnißvoller schien ich, nach Plato, auf den acht Kreisen des Himmels herumgetragen zu werden und die Harmonie der Sphären zu hören, bis Morpheus mir sanft die Augen zudrückte.

Der dritte Tag erschien mir im hellsten Glanze der Sonne. Um meine Inspection vollständig durchzuführen, bat ich nach dem Frühstück den Schaffner und den Küchen- und Kellermeister, mir die ökonomischen Einrichtungen zu zeigen, was sie mir sehr gern gewährten. In denselben lernte ich die Quellen des Klosterreichthums kennen. Alle Gebäulichkeiten waren geräumig und zweckmäßig hergestellt, die Scheuern voll von Feldfrüchten aller Art, die Stallungen gänzlich besetzt von wohlgenährtem und reichlich gehaltenem Vieh, die Küche vortrefflich eingerichtet, und im Souterrain der Gebäude lag ihrer ganzen Länge nach eine reichhaltige Bibliothek der ausgezeichnetsten Werke einer glücklichen Natur und des durch sachverständige Leitung segensreich wirkenden Fleißes, der sich schon beim Anblick der vielen großen Bücher einladend manifestirte und das Verlangen nach der Kenntniß des Inhalts steigerte – ich meine die Keller.

Nach Besichtigung all’ dieser Räume begaben wir uns zur Mittagstafel, die wieder von Gästen besetzt und mit Fastenspeisen aller Art bestellt war, welche den von der glühenden Sonnenhitze erregten Durst noch vermehrten. Ich will mit Wiederholungen nicht ermüden, sondern vielmehr bekennen, daß während des Essens mir der Appetit zu Fastenspeisen verging und ich aus Sehnsucht nach Fleisch laut hätte ausrufen mögen: „All’ mein Reisegeld um ein Stück Kalbsbraten!“

Gleich nach der Mahlzeit holte ich meine Reisetasche, warf noch einen Blick nach dem nächtlichen Träger des delicaten Schlaftrunks, nahm dankenden Abschied von den beiden gefälligen Vicevorstehern und eilte dem nächsten Orte zu, wo ich mich an Fleischsuppe und Braten labte, und dann die Fußreise weiter fortsetzte.

Ich schließe mit dem Wunsche, daß meine Schilderung einigen geschichtlichen Werth haben und meinen Lesern ebenso angenehm sein möge, wie mir die Rückerinnerung an den dreitägigen Aufenthalt in diesem Karthäuserkloster auch jetzt noch ist in meinem dreiundsiebenzigsten Lebensjahre!

  1. Jetzt erst erfahre ich, daß sich in der Bibliothek zu Frauenfeld viele Bücher aus jener der Karthause, worunter auch Incunabeln, befinden sollen. Jedenfalls haben außer den drei Vorstehern die Zellenbewohner keinen Gebrauch davon gemacht, und ich erzähle nur das, was ich selbst gesehen habe; wenn mehr vorhanden war, so hat man mir es nicht gezeigt.
  2. Diese Bußordnung mag vielleicht auch nur in dem von Rancé im siebenzehnten Jahrhundert gestifteten, weit strengeren Orden der Trappisten eingeführt gewesen sein; ich habe nichts davon wahrgenommen.