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Drei Mächtige zwischen ihren vier Wänden

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Textdaten
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Titel: Drei Mächtige zwischen ihren vier Wänden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 766, 767, 768
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[766]
Drei Mächtige zwischen ihren vier Wänden.
Skizze aus dem großen Hauptquartier.

Die drei hervorragendsten Männer, welche in dem deutsch-französischen Kriege die Hauptrollen spielen, - Wilhelm der Erste, König von Preußen, sein erster Minister, Graf Bismarck, und endlich Graf Moltke, der Chef des Generalstabes – haben seit einigen Wochen ihren Wohnsitz in Versailles aufgeschlagen, um von hier aus die ferneren kriegerischen Operationen wie die diplomatischen Verhandlungen zu leiten. Berlin hat momentan aufgehört, Sitz der preußischen Regierung zu sein - die preußische Regierung befindet sich in Versailles, mit ihr die Großen des Reichs, sowie die Fürsten vieler deutschen Staaten, und von hier aus wird das zukünftige Schicksal Frankreichs und wohl auch Deutschlands entschieden werden. Es dürfte deshalb für alle Leser Ihres Blattes, welcher Richtung sie auch angehören, wohl von Interesse sein, in das Leben dieser drei mächtigen Herren zwischen ihren vier Wänden einen Einblick zu erhalten.
Der König, welcher im Präfecturgebäude in der Avenue de Paris wohnt, hat auch hier nichts in der einfachen Lebensweise geändert, welche er in Berlin zu führen pflegt, und wahrhaft erstaunenswerth ist die Thätigkeit, der er sich trotz seiner dreiundsiebenzig Jahre mit seltener Rüstigkeit hingiebt. Er steht früh sieben Uhr auf, sein Nachtlager besteht aus einem niedrigen Feldbett mit nur einer Matratze, das er stets mit sich führt; er rasirt sich selbst und wird bedient von je nur einem seiner beiden Kammerdiener Engel und Krause, Beides gediente Soldaten mit militärischen Ehrenzeichen. Während des Anziehens, wobei außer dem Kammerdiener der Garderobier beschäftigt ist, spricht der König mit Niemandem; er trägt im Hause den gewöhnlichen Militärdienstrock und bleibt, da er keine Bequemlichkeit kennt, von Kopf bis zu Fuß während des ganzen Tages angezogen bis zum späten Abend. Von Orden trägt er nur das eiserne Kreuz, sowie den russischen Georgenorden vierter Klasse, welche beide Orden er sich Anno Vierzehn bei Bar sur Aube verdiente, und um den Hals den pour le mérite, jedoch [767] nicht das Großkreuz. Dieses legt er nur dann an, wenn er eine größere Anzahl von Officieren empfängt und ihnen eine besondere Aufmerksamkeit erweisen will.

Tritt der König früh in sein Arbeitszimmer, so servirt der gerade dienstthuende Leibjäger oder Leiblakai den Kaffee, während auf dem Schreibtische bereits die zu erledigenden Papiere, Depeschen etc. liegen. In Berlin ist der Monarch beim Kaffeetrinken stets allein, hier im Hauptquartier hat nur der Geheimrath Schneider Zutritt, jene bekannte Persönlichkeit, welche sich als Militärschriftsteller wie als Geschichtsschreiber einer so bedeutenden Popularität erfreut. Schneider, welcher jeden Morgen pünktlich sieben Uhr im Schlosse erscheint, stattet in seiner Stellung als Vorleser und Bibliothekar dem Könige während des Frühstücks über die eingegangenen Telegramme, sowie über die Stimmung der europäischen Presse Bericht ab, er legt die neuesten literarischen Erscheinungen vor, aus denen sich der König die entscheidenden Stellen, sowie besonders wichtige Artikel aus den Zeitungen vorlesen läßt.

Nach dem Kaffee eröffnet der König die Briefe, liest sämmtliche Depeschen, versieht sie mit Randbemerkungen und Zeichen, und legt sie in die verschiedenen Mappen oder Fächer: Civilcabinet, Militärcabinet, Staatsministerium, Kriegsministerium, Justizministerium, Unterstützungs- und Gnadensachen. Mit den letzteren ist der Geheimrath und Landwehrmajor Bork, ein langjähriger treuer Diener des Königs, betraut. Wie in Berlin, so hat er auch hier jeden Morgen Vortrag, und der Wohlthätigkeitssinn des Königs findet trotz der Ueberhäufung mit Geschäften immer noch Viertelstündchen Zeit, welche der Erledigung der Unterstützungs- und Gnadengesuche gewidmet ist. Nach dem Geheimrath Bork hat einer der beiden Hofmarschälle Graf Pückler oder Perponcher Zutritt, um die Befehle für den Tag in Empfang zu nehmen, bezüglich des Ausfahrens, Reitens, der Einladungen, Besuche, Audienzen, des Empfanges von Deputationen etc.; dann befiehlt der König gewöhnlich den Vortrag der Generale, das sind Moltke, Roon, Boyen, Podbielski und Treskow.

Schlag neun Uhr meldet sich der dienstthuende Flügeladjutant des Tages, durch den alle Befehle gegeben werden, der den König überall hin zu begleiten und der das Journal der königlichen Thätigkeit zu führen hat. Es folgen dann die Vorträge des Civil- oder Militärcabinets, oder des Grafen Bismarck, welche gewöhnlich zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen. Dazwischen findet Annahme von Meldungen, Audienzen, Empfang von Depeschen und Ueberweisung derselben an die zuständige Behörde statt, ebenso erleiden diese Vorträge Unterbrechung bei Vorbeimärschen von Truppen, behufs deren Besichtigung der König dann stets auf dem Platze außerhalb des Gitters vor dem Präfecturgebäude erscheint. Nach den verschiedenen Vorträgen empfängt oder macht der Monarch fürstliche Besuche, geht in Lazarethe, oder besichtigt die Merkwürdigkeiten der Stadt; bei diesen Ausfahrten begleitet ihn stets nur ein Adjutant, und nur bei Ausflügen nach der Umgegend die Stabswache. Betrachtet man die Gruppen der französischen Blousenmänner vor dem Schlosse und auf den Straßen, die täglich dort herumlungern, so kann man sich eines Gefühls der Besorgniß nicht erwehren, und es will Einen bedünken, als ob der König in dieser feindlichen Stadt zu viel wage, obgleich es sich nicht leugnen läßt, daß dieser persönliche Muth, verbunden mit seiner ritterlichen Erscheinung, den Versaillern sichtlich imponirt und einen guten Eindruck auf sie macht.

Der König lebt sehr mäßig, nimmt Vormittag zwischen den Vorträgen manchmal etwas kalte Küche und geht um vier Uhr zu Tafel, die sehr einfach, fast bürgerlich ist. Es wird bei derselben nur eine Sorte Wein geführt, und Champagner, außer bei Geburtstagen eines Mitgliedes der königlichen Familie oder fürstlicher Personen, nie. Nur einmal gab es auf der königlichen Tafel während dieses ganzen Feldzuges Champagner, das war am Abend nach der Schlacht bei Sedan am 1. September. Nach einer ungefähr halbstündigen Unterhaltung nach Tische zieht sich der Monarch in sein Zimmer zurück, erbricht und liest sofort die eingegangenen Briefe, Depeschen und selbst die unscheinbarsten Gnadengesuche; hier sei gleichzeitig erwähnt, daß der König noch nie Nachmittags geschlafen hat. Diese Zeit ist nach Erledigung der eingegangenen Briefschaften der Lectüre der Spener’schen Zeitung oder sonst eingegangener wichtiger Zeitungsartikel, sowie der Correspondenz mit der Familie und dem Absenden von Telegrammen gewidmet.

Beim Thee, welcher Abends neun Uhr in Gesellschaft eingeladener Personen eingenommen wird, findet stets eine lebhafte Unterhaltung statt; diese Stunde wird ausgefüllt mit Besichtigung illustrirter Werke und Vorlesen wichtiger Zeitungsnachrichten; alle Tagesereignisse und Persönlichkeiten werden besprochen. Der König raucht für gewöhnlich nicht, fordert aber in großer Männergesellschaft dazu auf und raucht dann auch wohl mit; gegen eilf Uhr zieht er sich in sein Zimmer zurück und arbeitet bis ein Uhr. Die für den Mittag oder Abend zu ladenden Gäste bestimmt der König alle selbst.

An Schlachttagen fährt der König schon früh fort und besteigt dann an einem Orte, der vorher bestimmt wird, eines seiner Pferde, von denen mehrere ihm stets vorausgehen.

Graf Bismarck ist erheblich jünger als der König und als Moltke, er zählt erst fünfundfünfzig Jahre; sein Leben ist gewiß viel einfacher und anspruchsloser als das vieler Leser dieses Blattes. Aeußere leibliche Genüsse existiren für ihn fast gar nicht. Denken und Arbeiten füllen fast seinen ganzen Lebenslauf aus. Hier im Felde lebt er fast noch zurückgezogener als in Berlin, der Einsiedler von Varzin hat sich in einen Einsiedler von Versailles verwandelt. Graf Bismarck wohnt hier in einem isolirten Landhause, ziemlich entfernt von den anderen Mitgliedern des großen Hauptquartiers; in der Rue de Provence. Er steht gewöhnlich erst Morgens neun Uhr auf, da er von seiner früheren Stellung als Gesandter gewöhnt ist, in französischer Manier zu leben; er genießt Morgens Thee und zwei Eier, dann arbeitet er ununterbrochen bis drei Uhr. Wenn Veranlassung dazu vorliegt, fährt er um zwölf Uhr auf eine halbe Stunde zum Könige. Etwa um vier Uhr unternimmt er in Begleitung seines Vetters, des Legationsraths Graf Bismarck-Bohlen, der auch gleichzeitig Chef seines Cabinets ist, einen Spazierritt in der Umgegend von Versailles. Bismarck trägt im Hause bei der Arbeit gewöhnlich einen einfachen braunen Schlafrock, beim Empfange von Besuchen und außerhalb des Hauses die bekannte gelbe Kürassieruniform seines Regiments. Um halb sechs Uhr speist der Minister mit seinen sämmtlichen Beamten, selbst mit seinen Secretairen, gemeinschaftlich zu Mittag; das Diner ist gewöhnlich ziemlich einfach von dem Koch zubereitet, welchen der Minister bei sich führt. Nach Tische plaudert er traulich mit seinen Beamten am Kaminfeuer, dessen Anblick ihm viel Vergnügen zu machen scheint, dann arbeitet er wieder ununterbrochen bis Nachts ein Uhr.

Natürlich finden den ganzen Tag über ohne Rücksicht auf eine bestimmte Zeit Vorträge seiner Beamten, Conferenzen mit Diplomaten und Besuche von hohen Militär- und Civilpersonen statt. Der Depeschen- und Briefverkehr spielt sich fast ununterbrochen bei Tag und Nacht ab. Stündlich kommen und gehen Feldjäger, Post- und Telegraphenboten. Der Minister raucht wenig und liebt, da er von rheumatischen Leiden häufig heimgesucht wird, gern ein warmes Zimmer; sein Bett und seine Zimmereinrichtung ist überaus einfach. Er arbeitet hier in Versailles in einem kleinen einfachen Hinterzimmer, mit welchem mancher Landpfarrer kaum tauschen würde. Mit Mühe hat man in dem einfachen Landhause, welches er hier bewohnt, neben seinem Schlafzimmer einen kleinen Salon eingerichtet, damit er nicht genöthigt ist, die fremden Diplomaten in seinem Schlafzimmer zu empfangen. Ein Vorzimmer ist auch nicht vorhanden, daher muß der Canzleidiener, welcher den Dienst hat, auf dem Corridor sitzen - so klein und einfach ist der Apparat, in welchem hier in Versailles gegenwärtig die Weltgeschichte verarbeitet wird.

Das Beamtenpersonal, welches den Minister hier umgiebt und welches meist mit demselben dasselbe Haus bewohnt und mit ihm förmlich einen gemeinschaftlichen Haushalt führt, lebt eben so einfach und geschäftig wie er selbst. Dasselbe besteht namentlich aus dem Wirklichen Geheimen Legationsrath Abeken, dem Geheimen Legationsrath Baron von Keudell, den Wirklichen Legationsräthen Graf Hatzfeld und Bucher, dem Legationsrath Bismarck-Bohlen, den Chiffreuren St. Blancard und Wiehr, den Secretären Bölsing, Willisch und Dr. Busch. Auch der Depeschen-Chiffreur des Königs Hofrath Taglioni, der Feldpolizei-Director Geheime Regierungsrath Dr. Stieber und der Polizei-Lieutenant von Zernicki gehören durch ihre hiesige amtliche Thätigkeit theilweise zum Beamtenpersonal des Ministers und befinden sich häufig in der Umgebung desselben.

Graf Helmuth von Moltke, General der Infanterie und Chef des Generalstabes der Armee, bewohnt in Versailles [768] das Haus Neununddreißig der Rue neuve, woselbst sich auch die Bureaux des Generalstabes befinden. Der alte siebenzigjährige Herr führt ebenfalls eine sehr einfache Lebensweise und ist von früh ab thätig bis spät in die Nacht. Er steht morgens zwischen fünf und sechs Uhr auf und arbeitet nach dem Kaffee von sechs bis acht, dann kommt der General-Quartiermeister der Armee, General-Lieutenant von Podbielski, mit dem er conferirt, beide fahren dann um zehn Uhr zum König. Um zwölf Uhr kehrt Moltke zurück, frühstückt und fährt dann mit seinen beiden Adjutanten Major de Claer und Premier-Lieutenant von Burt aus; letzterer ist sein Neffe (Sohn seiner Schwester). Diese Spazierfahrten, welche zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen, werden zu Inspicirungen in der Umgegend benutzt. Nach Hause zurückgekehrt, erledigt der General die inzwischen eingelaufenen Depeschen und ißt dann um fünf Uhr mit seinem ganzen, aus zwanzig Officieren bestehenden Stabe, zu welchem unter anderen der Oberstlieutenant Bronsart von Schellendorf, sowie die Obersten von Verdy du Vernois und von Brandenstein gehören. Nach Tisch arbeitet Moltke, wenn er nicht zum Thee beim König befohlen wird, und geht um elf, spätestens zwölf Uhr zu Bette.

Wache im Dorfe Marly vor Metz.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

Der General ist sehr einfach und anspruchslos und erträgt bereitwillig die durch den Krieg gebotenen Entbehrungen. Er hat nur Einen Diener, Namens August Friebe. Stets bei den Vorposten zu finden, die er inspicirt, und gleichzeitig die Punkte besichtigend, welche für Aufstellung der Geschütze ausersehen sind, war er während dieses Feldzuges den feindlichen Geschossen schon mehrfach ausgesetzt. Im Schlosse St. Cloud war er kurz vor dem Brande anwesend, als es förmlich von Granaten überschüttet wurde; er besichtigte die kaiserlichen Zimmer, und die Geschosse nicht beachtend, welche wiederholt einschlugen und Alles verwüsteten, stand er sinnend vor dem Bett Napoleon’s des Dritten, das halb zerschmettert war, und sagte dann ruhig: „Hier wird er wohl nicht mehr drin schlafen!“

Sucht man Moltke während des Gefechts, so ist er stets vorn an der Spitze zu finden. Der General ist wortkarg, er hört nur und spricht wenig, dagegen ist er gegen die Soldaten und jüngeren Officiere, die ihn lieben und verehren, sehr freundlich und redet sie stets an, wenn er ihnen im Bivouac oder auf dem Marsche begegnet. „Wie habt Ihr geschlafen?“ „Seid Ihr naß geworden?“ „Wie ist es Euch ergangen?“ Dergleichen theilnehmende Fragen hat er stets für sie, auch liebt er es, sich mit ihnen in kleine Unterhaltungen einzulassen. Am 2. September früh, nach Gefangennahme Napoleon’s, fuhr Moltke in Donchery bei einem Trupp Grenadiere vom sechsten Regiment vorbei und rief dem Einen derselben zu: „Den Kaiser haben wir gefangen, nun wird es wohl bald nach Hause gehen.“

Der Westpreuße erwiderte: „Ja, wenn wir nur die Kaiserin auch bald hätten!“

Der General fuhr lächelnd weiter.

Viele kleine allerliebste Anekdoten coursiren hier im Hauptquartier über diese drei hohen Häupter; freilich werden sie, um dereinst für die Geschichte benutzt werden zu können, sich einer starken Prüfung unterwerfen müssen. Das eine Zeugniß gehen sie aber doch schon der Gegenwart, daß diese Männer im Volke leben, wie Friedrich der Große, wie Blücher und Stein. Möge darum diese Zeit bis zum letzten Schluß ein reines Ehrenblatt der Geschichte unseres Vaterlandes werden!