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Drei Kehlkopf-Raritäten

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Textdaten
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Autor: Friedrich Fieber
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Titel: Drei Kehlkopf-Raritäten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 107
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[107] Drei Kehlkopf-Raritäten. Seit einer langen Reihe von Jahren als Specialarzt für Kehlkopfkranke in Wien beschäftigt, hatte ich Gelegenheit, Tausende von Kehlköpfen eingehend zu besichtigen, und meine Stellung als Arzt einer hiesigen Bühne brachte es mit sich, daß es zu einem beträchtlichen Theile Sänger und Schauspieler waren, deren Organe ich näher kennen lernte. Ich prüfte eine große Zahl dieser Kehlköpfe sehr genau und versuchte, ob ich es nicht vermöchte – ohne mich früher nach den Stimmmitteln der betreffenden Personen zu erkundigen – aus der Besichtigung des Kehlkopf-Innern mit dem Kehlkopfspiegel mir eine Meinung über die Sangesfähigkeit der Betreffenden auf logischem Wege zu construiren. Aber diese Bemühungen waren ganz vergebliche, und nachdem ich mich lange genug damit gemüht hatte, gab ich sie endlich als nicht zum Ziele führend auf. Ich sah Kehlköpfe von riesigen Dimensionen bei Männern mit einer so schwachen Stimme, daß dieselbe kaum für den Raum eines größeren Zimmers ausgereicht hätte: ich sah Stimmbänder von einer Länge und Breite, daß ich eine Stimme vermuthete, tiefer als der Baß eines russischen Kirchensängers, und die Inhaber dieser Stimmen sangen Baryton oder gar Tenor; nicht selten kam es auch vor, daß die Besitzer oder Besitzerinnen der größten und am meisten symmetrisch gebauten Kehlen trotzdem gar keinen musikalischen Ton hatten und ihre Stimme sogar bei der Declamation Alles zu wünschen übrig ließ.

Dagegen sah ich wieder Frauen und Männer mit kleinen unansehnlichen Organen, mit schmalen und dünnen Stimmbändern, aber diesen scheinbar mangelhaften Stimmwerkzeugen entquollen angenehme, mitunter herrliche Töne.

Ich gab es also auf, mir aus dem Kehlkopfspiegelbefunde eine Theorie über die physischen Erfordernisse zur Schönheit des Tones gewissermaßen auf Grundlage der durch das Auge gewonnenen Resultate von vornherein zu construiren, und nahm wieder meine Zuflucht zum Ohr, dessen Wahrnehmungen ich durch die sodann mit dem Auge gemachten Beobachtungen zu erklären sind zu controliren suchte: das heißt ich fahndete nach hervorragend schönen Stimmen und untersuchte deren Besitzer mit dem Kehlkopfspiegel. Dies war aber ein eben nicht ganz leichtes Unternehmen. Kranke Sängerkehlen – und zwar sowohl bei Sängern von Fach, wie auch bei tüchtigen Dilettanten – bot mir die ärztliche Praxis selbstverständlich in Hülle und Fülle, aber gesunde Kehlköpfe von Besitzern besonders schöner Stimmen zu besichtigen – dazu gab es in meiner ärztlichen Praxis nicht so häufig Gelegenheit. Indessen gelang es mir doch im Laufe der Zeit einige derartige Kehlen zu untersuchen. Ich will aus der Zahl der gemachten Untersuchungen nur drei hervorheben, welche mir in der einen oder anderen Richtung zumeist von Belang erscheinen.

Ich beginne mit einem Kehlkopfe, der einer weltberühmten Künstlerin angehört und der für den Beschauer noch den großen Vortheil bietet, daß seine Inhaberin durch den von mir allerdings mit möglichster Delicatesse geführten Kehlkopfspiegel so wenig genirt wurde, daß sie während der Kehlkopfbesichtigung nicht nur zu singen, sondern sogar zu trillern vermochte. Pauline Lucca war diese Künstlerin.

Ich habe damals, vor mehr als vier Jahren, über diese Beobachtung Einiges in einem Wiener Blatte veröffentlicht und will das Wichtigste hier kurz wiederholen. Ich fand bei Frau Lucca die Gaumenhöhle sehr geräumig und – von der einen exstirpirten Tonsille abgesehen – außerordentlich symmetrisch gebaut; das Gaumensegel hob sich beim Anschlagen eines Tones mit ganz besonderer Energie. Der Kehlkopf präsentirte sich sehr klein und zierlich, seine einzelnen Theile aber waren waren ungemein ausgebildet und entwickelt. Die wahren Stimmbänder, welche bei Frauen gewöhnlich einen Schimmer in’s Bläuliche zeigen, waren bei Pauline Lucca schneeweiß und etwas kürzer als gewöhnlich, jedoch sehr stark und kräftig; namentlich hinsichtlich ihres muskulösen Antheils.

So lange die Sängerin keinen Ton angab, sondern nur ruhig athmete, erschienen die wahren Stimmbänder von den sogenannten falschen zum Theile gedeckt, beim Anschlagen eines Tones aber wurde ihre ganze Breite und Stärke sichtbar. Einen besonders fesselnden Anblick bot aber der Kehlkopf bei dem Trillern, wo die an einander lagernden wahren Stimmbänder wie eine reife Blüthe erschienen, die von einem lebhaft bewegten Luftstrom auf und nieder getrieben wird.

Sänger und Sängerinnen werden den nicht gerade poetisch klingenden, aber doch sehr bezeichnenden Ausdruck kennen: die Töne „heraushauen“. Wer nicht wissen sollte, was dies bedeutet, dem diene zur Kenntniß, daß man unter dem „Heraushauen“ eines – gewöhnlich hohen – Tones das stimmlich unvorbereitete, kräftige, bravouröse Anschlagen desselben versteht, was um so mehr Kraft und Ausdauer erfordert, wenn es sich nicht um einen oder einige Töne, sondern um ganze Lieder und Arien in vorwiegend hoher Lage handelt. Eine solche Kraft und Ausdauer in ganz besonderem Maße beobachtete ich bei Nachbaur, als er in Wien gastirte; namentlich wurden die höchsten Tenortöne vom ein-gestrichenen g nach aufwärts mit seltener Energie und – wenigstens anscheinend – ohne Zuhülfenahme jedweder Kunstbehelfe so frisch und unmittelbar von ihm herausgeschmettert, daß ich neugierig wurde, diesen Kehlkopf zu besichtigen, ein Wunsch, dem sein Besitzer freundlichst willfahrtete.

Da fand ich denn bei einem nicht gerade sehr geräumigen Kehlkopfinnern – der Kehlkopf überschritt nicht die bei Tenoristen gewöhnlichen Dimensionen – die wahren Stimmbänder in einer so ausgezeichneten Weise entwickelt, daß ich beim Zusammenhalten dieses örtlichen Bildes mit der überaus kräftigen Gesammterscheinung des Künstlers es leicht begreiflich fand, wie es ihm möglich wurde, sich an den Grenzen der männlichen Stimme mit so außerordentlicher Kraft, Ausdauer und Leichtigkeit zu bewegen, wie dies thatsächlich der Fall war.

Eine dritte, sehr interessante Beobachtung machte ich ebenfalls bei einem berühmten Tenoristen nämlich bei Sontheim. Ich hörte diesen Veteranen der Kunst in seiner Glanzrolle als Eleazar, und wenn mich bei Nachbaur die Kraft, Stärke und Leichtigkeit der Höhe zu näherer Forschung reizten, so waren es hier der berühmte Name und die außerordentliche Thatsache, daß Sontheim noch im Greisenalter stimmliche Aufgaben bewältigte, welche selbst einem jüngeren Sänger nicht leicht geworden wären. Der Einblick in seinen Kehlkopf bot denn auch ein sehr belehrendes Bild. Während ich nämlich die Kehlköpfe von Tenoristen, wie dies ja der Sachlage entspricht, gewöhnlich verhältnißmäßig klein und die Stimmbänder – wenn auch sonst kräftig entwickelt – in der Regel schmal fand, war bei Sontheim gerade das Gegentheil der Fall. Die Größe des Kehlkopfes und die Breite der wahren Stimmbänder zeigten Dimensionen, wie sie nur beim Baryton gefunden werden.

Niemand würde aus dem inneren Anblicke dieses Kehlkopfes auf einen Tenor als dessen Besitzer geschlossen haben. Der Künstler erzählte mir auch (wenn ich mich recht erinnere), daß seine Stimme anfangs nicht die ganze Tenorhöhe gehabt, sondern durch sorgfältige Schulung dieselbe allmählich erst gewonnen habe. Vielleicht findet die außerordentliche Dauerhaftigkeit dieser unverwüstliche Stimme in der bedeutenden räumlichen Entwickelung des Kehlkopfes im Ganzen und Einzelnen ihre Begründung.

Wir fanden also bei dem Organe einer weltberühmten Sängerin eine außerordentliche Symmetrie und Zierlichkeit der Gaumenhöhle und des Kehlkopfes, sowie auffallend weiße, kurze, aber sehr starke, kräftige Stimmbänder; wir fanden die Stimmbänder ganz vorzüglich entwickelt und stark bei einem Tenor, dessen Höhe sich durch Kraft, Ausdauer und Leichtigkeit besonders auszeichnet; wir sahen endlich einen Kehlkopf von Baryton-Dimensionen bei einem Tenoristen, an dessen Organe die Zeit den größten Theil ihrer zerstörenden Kraft machtlos vergeudete.

Das Geheimniß der schönen Stimme ist damit natürlich noch bei weitem nicht gelöst, der Schleier des tönenden Bildes von Sais nicht gelüftet. Aber einige Blicke sind doch gethan, weitere werden noch gethan werden, und ihrer mehrere und immer mehrere können sich früher oder später zu einem befriedigenden Ganzen vereinen.

Friedrich Fieber.