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Die todte Braut

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Textdaten
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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Die todte Braut
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 155–158
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Commons, Google
Kurzbeschreibung:
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[155]
9) Die todte Braut.

Die Burg zu Lauf, eigentlich Neuwindeck genannt, soll schon vor ihrer Zerstörung lange Zeit unbewohnt gewesen seyn, und zwar wegen des Geisterspucks, der sich nicht nur in der Nacht, sondern oft sogar bei hellem Tage darin hören ließ. Zu jener Zeit suchte ein junger Ritter, der in der Gegend fremd war, Herberg auf der Burg. Nur mit großer Mühe war es ihm bei der nächtlichen Dunkelheit gelungen, den Eingang zu finden. Im Schloßhofe wucherte hohes Gras, Alles war in tiefes Schweigen begraben, Hallen und Gänge schienen ausgestorben und des Ritters Rufen verhallte schauerlich zwischen den alten, [156] eppichumrankten Mauern, aus deren Ritzen kreischend einiges Nachtgeflügel aufrauschte. Endlich ward er in einem der Gemächer ein Licht gewahr und stieg die lange Wendeltreppe hinauf, so gut er konnte, nach der Richtung dieses Schimmers seinen Weg längs der feuchten Wände hin sich heraustastend. So gelangt’ er in den alten Rittersaal und sah zu seiner höchlichen Verwunderung an einem Tische, worauf eine Lampe flackerte, ein Mägdlein sitzen, das Haupt in die Hand gestützt und so tief in Gedanken versunken, daß sie den Eintretenden gar nicht bemerkte. Der Schein der Lampe fiel gerade auf ihr engelschönes, von glänzenden schwarzen Locken umwalltes, aber schneebleiches Antlitz. Des Ritters sittige Begrüßung weckte sie aus ihren Träumen, langsam erhob sie das Haupt und erwiederte seine Anrede blos mit einem wehmütigen Nicken. Als er seine Bitte um ein Nachtlager vorgebracht, stand sie auf, holte Wildbrät und Geflügel nebst duftendem Weine herbei und gab dem Fremdling durch Zeichen zu verstehen, er solle sich’s wohl munden lassen. Der junge Ritter, hungrig und müde wie er war, ließ sich nicht lange zu der Mahlzeit nöthigen, sondern nahm behaglich Platz auf einem gepolsterten Lehnstuhle und that den Gerichten wie dem Becher alle Ehre an, vermißte jedoch Brod und Salz, ohne den Muth zu haben, darum zu bitten, denn es kam ihm Alles doch etwas unheimlich vor, besonders da bisher noch kein Laut über die Lippen seiner schönen Wirthin gegangen war. Bald regte jedoch der feurige Wein seine Lebensgeister auf und er versuchte nun abermals die rätselhafte Jungfrau in ein Gespräch zu ziehen.

„Ihr seyd wohl die Tochter dieses Hauses, mein Fräulein?“

Sie nickte, stumm wie zuvor.

„Und Eure werthen Eltern?“

Sie deutete nach ein paar alten Bildnissen in verschossenen Rahmen an der Wand und flüsterte mit tonloser Stimme: „Ich bin die Letzte meines Stammes.“ Das Herz des jungen Ritters, durch dessen Adern der genossene Wein wie Lava rollte, entbrannte mehr und mehr von den reizenden Formen der geheimnißvollen Schloßherrin und zugleich stieg der Gedanke in ihm auf: „Du bist arm, wer weiß, ob du nicht durch die Hand dieser reiche Erbin dein Glück machen kannst?“

[157] Nach einigen zärtlichen Eingangsreden stürzte der Wein- und Liebestrunkene zu ihren Füßen nieder und beschwor sie mit stürmischem Flehen, ihm ihr Herz nicht zu versagen und ihn zum glücklichsten Gatten von der Welt zu erheben.

Nach einigem Sinnen, während dem ihr Auge mit Wohlgefallen auf dem vor ihr knieenden Jüngling ruhte, und ein leiser Rosenschimmer die Lilien ihrer Wangen überwob, schritt sie auf einen alten, groteskverzierten Schrank in der Ecke zu, und holte aus einem geheimen Fache desselben zwei Ringe nebst einem Kranze von Rosmarin, den sie sich in die schwarzen Locken heftete, worauf sie den Ritter mit vielverheißendem Winke ersuchte, ihr zu folgen. Er gehorchte, von süßer Liebeshoffnung getrieben, obwohl nicht ohne ein gewisses Grauen, das ihn beinahe wünschen ließ, er möchte doch jenen Heirathsantrag nicht gewagt haben. In diesem Augenblicke traten mit unhörbaren Schritten zwei ehrwürdige Greise in langen schwarzen Talaren aus einer Tapetenthüre des Saales, nahmen das Paar in die Mitte und geleiteten es nach der Burgkapelle. Dort befanden sich mehrere Grabmäler, auf deren einem ein Bischof im kirchlichen Ornate, aus Erz gegossen, lag. Die seltsame Braut berührte sein Haupt und langsam erhob sich die eherne Gestalt und trat vor den Altar, auf welchem sich die Kerzen von selbst entzündet hatten. Die starren Züge des Bischofs schienen sich zu beleben, seine Augen strahlten wie Sterne durch einen leichten Nebelflor und er sprach mit tiefer hohler Stimme: „Kurt von Stein, sprecht, ob es Euer heiliger Ernst, die gegenwärtige Jungfrau, Bertha von Windeck, zu Euerem ehelichen Gesponß zu nehmen?“

Der Ritter zitterte wie Espenlaub, so mannlich er auch sonst war; das Wort erstarb auf seinen Lippen, und seine Sinne begannen sich zu verwirren. Da erscholl auf einmal das Krähen des Hahnes von einem benachbarten Meierhofe; mit einem bangen Schrei verschwanden Braut, Bischof und Zeugen; eine furchtbare Windsbraut fuhr durch die Kapelle, und die ganze Burg erbebte wie von unterirdischen Stößen. Der Ritter sank ohnmächtig auf eine der Grabmalsplatten nieder und als er wieder zu sich kam, fand er sich im hohen bethauten Grase des Schloßhofes liegen und neben ihm weidend sein treues Roß. Er floh so schnell er konnte die heillosen Räume, und Monde [158] vergingen, bis er sich von den Schrecken dieser abenteuerlichen Hochzeitnacht erholt hatte.

Aloys Schreiber.