Zum Inhalt springen

Die türkischen Gefangenen in Bukarest

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die türkischen Gefangenen in Bukarest
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 58
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[058] Die türkischen Gefangenen in Bukarest. Man schreibt uns aus der Hauptstadt Rumäniens. Täglich treffen jetzt Züge mit türkischen Kriegsgefangenen in Bukarest ein und werden in den verschiedenen Casernen untergebracht. Der Eindruck, welchen sie machen, ist sehr verschieden, obgleich es durchweg kräftige Menschen sind. Einige sind gut gekleidet und mit Mänteln und Stiefeln versehen, andere haben nichts als einen dünnen, fadenscheinigen Waffenrock und zerrissene Schuhe an und klappern vor Frost. Viele haben Geld, größtentheils Kaimes, selten Gold. Das Papiergeld wechseln sie bei den ambulanten Wechslern an den Straßenecken. Sie werden dabei nicht übermäßig über das Ohr gehauen, denn die Wechsler sind größtenteils rumänische Israeliten, welche Mitleid mit den armen Gefangenen haben. In mehreren Gewölben, in welchen die Türken sich Strümpfe, Wäsche und andere dringende Bedürfnisse einkauften, habe ich selbst beobachtet, daß die israelitischen Verkäufer von den Türken zwar aus Furcht vor ihren rumänischen Kunden, Geld annahmen, ihnen dasselbe aber mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke und mit nassem Auge heimlich wieder in die Hand drückten. Andere Gefangene haben zwar kein Geld, sind aber im Besitze von Schmuck und Kostbarkeiten, an welche sich möglicher Weise eine schreckliche Geschichte von Raub, Mord und Plünderung knüpft. Derartiger Schmuck wird von ihnen an den Straßenecken zum Verkaufe angeboten. In aller Geschwindigkeit ist unter zehn oder zwölf Personen eine Versteigerung arrangirt. Ich sah auf solcher Straßenecken-Auction einen Baschibozuk eine antike Brosche, welche gewiß einige hundert Franken werth sein mochte, um dreizehn Franken fortgeben. Manche von den Gefangenen haben indessen weder Gold, noch Papier, noch Schmuck, den sie verkaufen konnten, um dafür warme Kleider oder etwas Warmes in den Magen zu erhandeln. Solch ein Trupp von hungernden und feiernden Unglücklichen stand gestern vor der Thür eines Kirtschmar (Gasthaus für die ärmeren Volksclassen), ohne – im Bewußtsein der leeren Taschen – hineingehen zu können. Da kommt ein junger ungarischer Handwerker, er mochte kaum zwanzig Jahre zählen, des Weges, um in demselben Kirtschmar sein Mittagsmahl zu halten. Er spricht die türkischen Gefangenen mitleidsvoll auf ungarisch an und – o Freude – sie verstehen ihn, aber er versteht auch sie und erfährt, daß sie frieren und Hunger haben. Ohne Bedenken nimmt er sie alle fünf mit in das Wirtshaus, aber erst als sie hier sind, fällt ihm ein, daß auch seine Tasche nur einen einzigen Franken enthält, mit welchem er sein frugales Mittagsessen bezahlen wollte. Dieser Gedanke stört ihn indessen nicht einen Augenblick in seinen großherzigen Entschlüssen. Er zieht seine Uhr aus der Tasche und fragt den Wirth, wieviel er ihm darauf leihen wolle. Er erhält zehn Franken und mit diesem Gelde tritt er zu seinen Schützlingen und fragt sie, ob er ihnen dasselbe geben solle, damit sie sich etwas nach eigenem Wunsche und Willen kaufen können, oder ob sie für das Geld mit ihm speisen wollen. Sie ziehen das letztere vor und nun beginnt das Banket der Armen und Unglücklichen.

Die Bevölkerung der Hauptstadt verhält sich gegen die Gefangenen im Allgemeinen sehr rücksichtsvoll und selbst teilnehmend. Ausnahmen kommen indessen auch vor und führen mitunter zu Conflicten, die keineswegs immer zum Nachtheile der Gefangenen enden. So begegnet ein Karutzasch (Karrenführer) einigen Türken und fühlt das Bedürfnis, denselben klar zu machen, welch eine großherzige und edelmüthige Nation die Rumänen sind. Er wendet sich in rumänischer Sprache an einen jungen Türken mit edlen, gebräunten Zügen und setzt ihm auseinander, daß, obgleich die Moslem Barbaren und gefangen sind, sie dennoch von der großherzigen rumänischen Nation gut behandelt und weder geköpft noch gespießt würden, was jedenfalls Anerkennung verdiene. Hätte der Sohn Mohammed’s, wie so viele seiner Glaubensgenossen aus Bulgarien, das Rumänische verstanden, so würde die Beredsamkeit des Bukarester Karutzasch gewiß nicht verfehlt haben, auf ihn Eindruck zu machen, aber unglücklicher Weise steckte in der Rizamuniform ein Araber, welcher nicht einmal türkisch, viel weniger rumänisch verstand. Er begnügte sich deshalb, den Lobredner der rumänischen Civilisation mit Erstaunen und Verwunderung zu betrachten, ohne zu antworten. Letzterer aber hatte sich einmal vorgenommen, von dem jungen Türken eine Anerkennung seiner Ueberlegenheit zu erzwingen, und da dies mit Worten durchaus nicht gelingen wollte, so ging er zu Thaten über, indem er dem hübschen, langen Mohammedaner einen leisen Nasenstüber versetzte, aber wer beschreibt den Schrecken des Karutzasch, als der gleichgültig blickende Sohn der Wüste sich plötzlich wie mit einem Zauberschlage verwandelt. Das Auge sprüht Blitze, jeder Nerv spannt sich, ein einziger Griff nach der Brust des armen Karrenführers, der bald hoch in der Luft zappelt und seine Sinne erst in einem tiefen, zehn Schritte entfernten Schneehaufen wieder findet. Hochaufgerichtet steht der junge Araber mit aufgehobenem, wenn auch waffenlosen Arme, sein Mund ist stumm; aber sein flammendes Auge fordert ein ganzes Volk, eine ganze Welt in die Schranken. Er ganz allein und ohne Waffen gegen das Universum. – Es spricht gewiß für die rumänische Bevölkerung, daß nicht der geringste Versuch gemacht wurde, dem jungen Wüstenlöwen die Macht der Ueberzahl begreiflich zu machen, und daß der Karutzasch, welcher sich seine Kniee rieb, sonst aber keinen Schaden gelitten hatte, weidlich ausgelacht wurde. Nur eine erschreckte junge Frau that die Aeußerung: Es sei doch unrecht von der Polizei, solche wilden Thiere ohne Käfig und ohne Kette frei herumlaufen zu lassen.

Noch ein zweites Beispiel von dem nicht zu beugenden Selbstbewußtsein der Osmanen und von der furchtbaren Kraft ihrer Muskeln wurde an demselben Tage aus dem Constantin Boda-Platze von einem alten Türken mit bereits ergrautem Barte gegeben. Hier war der Gegner ein russischer Soldat, der dem Moslem begreiflich zu machen suchte, daß nach seiner – des Russen – Meinung die Türken doch nur schwach, und daß Osman Pascha kein guter General sei. Der Alte packte den Russen an der Kapuze seines Mantes, drehte ihn fünf- bis sechsmal um sich selbst in der Luft herum und bemerkte dazu auf rumänisch: „Osman großer Pascha, Türken nicht schwach,“ was der Russe jetzt unter lautem Gelächter der Umstehenden zugab.