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Die neue Aera der Colonialpolitik

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Autor: Siegfried
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Titel: Die neue Aera der Colonialpolitik
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 805–807
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Abriss der neuzeitlichen europäischen Kolonialgeschichte
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Die neue Aera der Colonialpolitik.

Historische Randglossen zur westafrikanischen Conferenz.

Die westafrikanische Conferenz in Berlin.0 Originalzeichnung von H. Lüders.

Es gab eine Zeit, und sie liegt kaum ein paar Jahre hinter uns, in welcher eifrige Patrioten warnend ihre Stimme erhoben und von einer „Lebensgefahr der deutschen Nationalität“ sprachen, die in der zunehmenden Ausbreitung der englischen Colonialmacht zu suchen wäre. Die Politiker der alten Schule schüttelten ihre Häupter ob dieser sonderbaren Warnung, denn sie konnten nicht begreifen, daß der wachsende überseeische Einfluß Englands und seine Alleinherrschaft auf dem Meere dem deutschen Volke jemals gefährlich werden könnten. Es erhob sich auch bald ein heftiger Streit, und lange Reden für oder wider deutsche Colonien wurden gehalten und dicke Bücher über die Frage geschrieben. Aber diesmal sollte die neue Strömung nicht spurlos verrinnen, rasch folgte dem Worte die That, und über alle Erwartung schnell war Deutschland in die Reihe der colonialen Mächte eingetreten.

Und die Sache war nicht so schlimm, wie man befürchtete. Die Entfaltung der deutschen Fahne in überseeischen Ländern rief keinen Krieg hervor. Im Gegentheil, am deutschen Herde sammeln sich heute die Völker, um friedlich über die Lösung schwebender colonialer Fragen zu berathen; und nur wenige folgten widerwillig dem Rufe des deutschen Kaisers, als Freunde sind die meisten gekommen, selbst der gallische Erbfeind ist als Bundesgenosse erschienen, und sogar in erster Reihe, denn er war es, in dessen Gemeinschaft Deutschland die ersten Schritte für die Conferenz unternahm.

Im Hause des deutschen Reichskanzlers, wo vor fünf Jahren die Diplomaten über den Frieden des Orients entschieden, wird heute über das Schicksal Afrikas berathen, und denkwürdig für lange, lange Zeiten wird der 15. November d. J. bleiben, an welchem Fürst Bismarck in Berlin die westafrikanische Conferenz eröffnete.

Das schlichte Bild, welches den Anfang unseres Artikels schmückt, spiegelt in der That einen Vorgang wieder, der als Verkörperung einer großen geschichtlichen Wendung gelten muß, einer Wendung, die nicht allein für Deutschland, sondern für die ganze Welt von unberechenbarer Tragweite ist. Denn die Conferenz, an welcher außer europäischen Mächten auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika theilnehmen, hat eine weltumspannende Bedeutung; von ihren Beschlüssen wird in Zukunft das Geschick eines ganzen Welttheils abhängen, und sie ist berufen, ein neues Recht auf einem Gebiete zu schaffen, auf dem bis jetzt zumeist Willkür und Waffengewalt herrschten.

Ein solches Ereigniß fordert unwillkürlich zu geschichtlichen Betrachtungen heraus, denn man kann einen Wendepunkt der Zeit nur dann richtig beurtheilen, wenn man die Vergangenheit kennt und dadurch klar in die Zukunft schaut.

*      *      *

Die Geschichte der Colonisationsbestrebungen an der Westküste von Afrika datirt nicht von wenigen Jahrzehnten, wie man meinen möchte. „Aethiopien“ war schon einmal das Hauptziel europäischer Kaufleute und der Zankapfel europäischer Staaten.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden einzelne Theile jener Küste von den Portugiesen entdeckt. Damals sann Prinz Heinrich der Seefahrer im Schlosse Sagres, wie er den Seeweg zu dem Reiche des Erzpriesters Johannes, dem sogenannten dritten Indien, eröffnen könnte. Die von ihm entsandten Schiffe umsegelten zuerst das früher gefürchtete Cap Bojador, entdeckten den Senegal, den berühmten Strom der Schwarzen, und drangen bis zur Goldküste vor. Nach dem Tode des verdienten Prinzen lebte die von ihm angeregte Lust zu Entdeckungen in den Portugiesen fort, und gerade vor vierhundert Jahren entdeckte Diogo Cão, den der Deutsche Martin Behaim begleitete, den großen Fluß Zaire, den heutigen Congo, und gelangte mit seinen Schiffen bis über das Cap Frio hinaus, wo er ebenso wie am Congo steinerne Säulen mit dem portugiesischen Wappen errichtete und durch diese Ceremonie das Land für Portugal in Besitz nahm.[1]

[806] Den portugiesischen Entdeckern folgten naturgemäß die portugiesischen Kaufleute, und noch vor dem Ende des 15. Jahrhunderts hatten die Portugiesen längs der ganzen afrikanischen Westküste, am Senegal, am Gambia, am Rio Grande, an der Goldküste, im Golf von Benin und am Congo Handelsfactoreien errichtet. Allmählich erweiterten sie ihren Besitz, drangen in das Innere des Landes ein, schlossen Freundschafts- und Handelsverträge mit den Häuptlingen, verbreiteten das Christenthum und trieben dabei in schwunghafter Weise – Sclavenhandel.

Namentlich am Congo blühten ihre Factoreien. Das Land, welches jetzt in einen afrikanischen Freistaat umgewandelt werden soll, trug damals den stolzen Namen des „Königreiches Congo“. Es zerfiel in sechs Provinzen, die von einzelnen Häuptlingen regiert wurden, denen die Portugiesen die klingenden Titel eines Herzogs, Grafen oder Marquis beilegten. San Salvador, südlich vom Congofluß gelegen, war die Hauptstadt des Reiches und soll zur Zeit der höchsten Blüthe desselben, im Anfang des 17. Jahrhunderts, 40,000 Einwohner gezählt haben. Die Stadt hatte auch einen Bischof, ein Jesuitencollegium, ein Kapuzinerkloster, eine Kathedrale und zehn kleinere Kirchen. Die portugiesischen Patres tauften das Volk in großen Massen, ein einziger von ihnen soll während seines zwanzigjährigen Aufenthaltes am Congo allein 100,000 Taufen vollzogen haben, aber sie scheinen ihr Christenthum mehr in äußeren Formen als in guter Belehrung bethätigt zu haben, denn schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts war jede Spur der christlichen Religion in jenen Ländern verschwunden.

Die Herrlichkeit des Königreiches Congo brach denn auch in kläglicher Weise zusammen. Die „Könige“ von Congo vertrieben die Ansiedler und Missionäre und zerstörten die Kirchen, von denen hier und dort heute nur noch spärliche Ruinen vorhanden sind. Als nach hundert Jahren, 1857, Adolf Bastian die Hauptstadt San Salvador besuchte, fand er in der Königin ein gewöhnliches Negerweib und rings um sie ein „zerlumptes Negergesindel, das sich gegenseitig als Herzöge, Grafen, Marquis etc. titulirte und sich mit angehangenen Kreuzen brüstete, die als Christus-Orden bezeichnet wurden“.

Das ist in kurzen Zügen die Geschichte der Portugiesen am Congo, das sind die Großthaten, auf welche jetzt Portugal pochen möchte, um von den Mächten die Anerkennung seiner Hoheitsrechte über das Land, das inzwischen durch Stanley neu entdeckt und der Cultur erschlossen wurde, zu erwirken! Wenn auch die portugiesische Regierung die steinernen Säulen am Congo wieder aufstellen ließ, so wird man über diese Ansprüche einfach zur Tagesordnung übergehen, denn die Anerkennung solcher verjährter Forderungen würde heute nur die größte Verwirrung hervorrufen. Mit demselben Rechte könnten ja die Portugiesen auch Aden für sich beanspruchen, denn dort und am Cap Guardafui hatten sie im Jahre 1503 zur Wahrung ihrer Handelsinteressen Schiffe aufgestellt, die alle aus dem Rothen Meere auslaufenden Fahrzeuge überfallen sollten.

Das war schon reine Piraterie, und man muß leider bekennen, daß sie dem damaligen Zeitgeiste entsprach, denn je weiter wir jetzt in die Geschichte des westafrikanischen Handels eindringen, desto weniger erfreulichen Bildern begegnen wir lange Zeit hindurch in derselben.

Den Portugiesen folgten bald andere Völker nach Westafrika.

Den Reigen eröffnete Thomas Wyndham, der 1551 ein englisches Schiff dorthin führte. Er brachte von seiner Expedition 75 Kilogramm Goldstaub mit und veranlaßte dadurch einige Kaufleute zur Ausrüstung zweier stattlicher Schiffe, die unter seinem und des Portugiesen Pinteado Befehl wirklich nach Afrika absegelten. Aber bei der Uneinigkeit der Führer nahm die Expedition ein klägliches Ende. Glücklicher war John Lok, der im Jahre 1554 Madeira, Teneriffa, Barbas und den Fluß Sestos besuchte und mit 200 Kilogramm Goldstaub, 250 Elephantenzähnen und 36 Faß Guineapfeffer heimkehrte.

Ein wenig erbauliches Bild der damaligen Zustände bietet uns die nachfolgende Expedition William Towrson’s.

Auch die Franzosen hatten damals die Goldküste aufgesucht, und die Handelsfahrer erscheinen plötzlich als regelrechte Piraten, die sich gegenseitig überfallen und selbst förmliche Seeschlachten liefern. So begegnete jener Towrson, noch lange bevor er an die afrikanische Küste gelangt war, einem portugiesischen Schiffe, das er „erbeutete und ungestraft hätte vernichten können, hätte ihn nicht ein gewisses Mitgefühl für seine Gefangenen veranlaßt, ihnen diejenigen Vorräthe, deren er selber bedürftig war, abzukaufen und sie dann ungehindert segeln zu lassen“. Im nächsten Jahre vereinigte sich derselbe Towrson aber mit drei französischen Schiffen zu einem Angriff gegen eine kleine portugiesische Flotte.

Die Portugiesen hielten wieder alle fremden Schiffe, die an der Westküste von Afrika erschienen, für unberechtigte Eindringlinge in ein Gebiet, das laut der päpstlichen Schenkung[2] ihnen gehörte, und suchten mit den Waffen in der Hand ihr „gutes Recht“ zu vertheidigen. Aber die anderen Völker ignorirten einfach jene Theilung der Welt unter die Spanier und Portugiesen, und England war das erste Land, das seinen Unterthanen Patente zum Handel mit Westafrika ausstellte.

Als dann im Jahre 1591 Richard Reynolds und Thomas Dassel nach England heimgekehrt waren, konnten sie bereits berichten, daß die Portugiesen am Senegal von den Negern vertrieben worden und die Franzosen sich in Senegambien festgesetzt hätten.

Es herrschte eben Faustrecht in Westafrika, und wie man damals Handels- und Entdeckungsreisen machte, davon giebt das Schicksal der Thomson’schen Expedition ein abschreckendes Beispiel. Am Anfang des 17. Jahrhunderts wollten die Engländer den Weg zu den sagenhaften Goldminen und dem großen Markt Timbuctu im inneren Afrika finden, und George Thomson fuhr zu diesem Zwecke auf Booten den Gambia hinauf. Inzwischen aber überfielen die Portugiesen das an der Mündung des Flusses zurückgelassene Schiff und tödteten die Mannschaft. Eine andere Expedition konnte nach wenigen Jahren nur den Tod Thomson’s feststellen und mußte unverrichteter Dinge zurückkehren.

Bald darauf erschien an der Westküste Afrikas ein neuer Feind der Portugiesen: die Niederländer, die inzwischen das spanische Joch abgeworfen hatten.

Im Jahre 1621 erhielt die „Westindische Compagnie“ von den Generalstaaten das Privilegium, alle Länder zwischen dem Wendekreis des Krebses und dem Cap der guten Hoffnung erobern zu können. Sie machte von diesem Privileg einen gründlichen Gebrauch, suchte wirklich zu erobern, was sie erobern konnte, und verdrängte bald die Portugiesen von allen wichtigeren Punkten.

Mit dieser Compagnie mußte auch die Besatzung der einzigen damaligen deutschen Colonie an der afrikanischen Küste einen harten Strauß ausfechten (wir haben über die Geschichte von Groß-Friedrichsburg in Nr. 23 dieses Jahrganges ausführlich berichtet). – In solchen unaufhörlichen Kämpfen verliert sich die erste Epoche der afrikanischen Handelsgeschichte, welche treffend als der Krieg Aller gegen Alle bezeichnet wurde.

Aber ein neuer Tag stand bevor. Das Frühlicht einer besseren Zeit erglänzte über dem „dunkeln Welttheil“. Im Jahre 1788 wurde zu London von Sir Joseph Banks die „British-African Association“ gegründet, deren Programm die Beförderung der Entdeckungen im Innern Afrikas, der Civilisirung der Einwohner und der Hebung des Handels war, und am 17. April 1807 wurde abermals in England die „African Institution“ zur Abstellung des Sclavenhandels und zur Beförderung der Civilisation der afrikanischen Völker errichtet.

Es begann nunmehr ein neues Zeitalter der Entdeckungen; edle, hochherzige Männer aller Nationen stellten sich in den Dienst der geographischen Wissenschaft und unternahmen zahllose Reisen nach allen Richtungen des afrikanischen Welttheils. Sie lenkten von neuem die Aufmerksamkeit der Handelswelt auf jene volkreichen Länder und ihnen folgte bald ein besserer Stamm von Kaufleuten, der grundverschieden war von jenen Raubhändlern früherer Jahrhunderte. Sie fanden kaum Spuren der alten Factoreien, die Castelle und Forts verlassen und zerstört, die Grenzen früherer Besitzungen zum größten Theil verwischt. Es gab am Atlantischen Ocean wiederum unermeßliche Strecken herrenloser Länder.

Allen diesen Kaufleuten bot die westafrikanische Küste den denkbar weitesten und freiesten Tummelplatz für ihre Handelsunternehmungen. Die zu erschließenden Gebiete waren so unermeßlich, daß Jeder, der in ihnen erschienen war, genügenden Raum für sich finden und, ohne dem andern den Weg zu kreuzen, nach eigener Lust schalten und walten konnte. Aber mit der Zeit mehrten sich überall die Handelsniederlassungen, und mit ihrem [807] Wachsen begann auch der Neid der Concurrenz zu keimen. Nachdem der Gelehrte die Länder entdeckt hatte und der Kaufmann ihm gefolgt war, rief der Letztere die Regierung seines Staates herbei, damit sie ihm Schutz gewähre. So wurde ein Stück der Küste nach dem andern von den europäischen Mächten annectirt, bis endlich, als auch Deutschland zum Schutze seiner Interessen seine Flagge in Kamerun und Angra Pequena aufhißte, Jeder sich beeilte, das noch freie Land zu besetzen, und die Grenzen der einzelnen Colonien auf diese Weise vielfach hart an einander rückten. Außerdem erblühten an dem unteren Laufe des Congo die Anfänge einer vielverheißenden Cultur. Unterstützt von der Brüsseler Association und dem hochherzigen König Leopold II. von Belgien hat der „Steinbrecher“[3] Stanley nicht weniger als 45 Stationen im Congobecken angelegt, fahrbare Straßen auf Hunderte von Kilometern gebaut und für Handel und Ansiedelung bequeme Wege geebnet.

Ein neues Congoreich war im Entstehen, aber sein Gründer schaute bang in die Zukunft hinaus, denn wiederum drohten dem Handel in Westafrika unabsehbare Gefahren. Zwar brauchte man nicht die Wiederkehr des Faustrechts zu befürchten, aber der Concurrenzneid der Völker hat moderne Mittel erfunden, um den Gegner zu ruiniren oder ihm den Zutritt zu dem Innern des Landes zu verschließen. Wer ein Stück Küste in Afrika besaß, wer namentlich sich an den Mündungen großer Ströme niedergelassen hatte, der begann seine Macht den Angehörigen anderer Staaten dadurch fühlbar zu machen, daß er auf ihre Waaren hohe Zölle legte und dadurch ihren Handel lähmte. Was früher durch Forts und Kanonen erreicht wurde, das sollten jetzt Zollhäuser zuwege bringen. Die Zollchicanen an der afrikanischen Küste sind übelberüchtigt.

Nun plante England, das sich schon im Besitze der Nigermündung befindet und durch den Nebenfluß des Niger, den Benuë, einen freien Weg in das Hinterland von Kamerun sich erschließen kann, auch am Congo, einer der wichtigsten Verkehrsadern Afrikas, Zollschranken zu errichten. Klug wußte es das kleine Portugal für seine Zwecke zu gewinnen und erkannte dessen frühere Rechte über das Königreich Congo an, um ihm jetzt die Herrschaft über die Congomündung zu sichern, die dann den Engländern ausgeliefert werden sollte.

Aber es hat diesmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht. England allein hatte Afrika nicht erschlossen. Seinen afrikanischen Associationen stehen heute „Die deutsche Gesellschaft zur Erforschung Aequatorial-Afrikas“ und die „Afrikanische Gesellschaft in Deutschland“ gegenüber; der Ruhm englischer Entdecker und Forscher strahlt nicht glänzender als derjenige der deutschen und französischen Afrikareisenden, und England hat nirgends in Afrika ein Culturwerk aufzuweisen, das sich mit den Großthaten eines Stanley am Congo messen könnte.

So ist gegenwärtig die Lage der Dinge in Afrika beschaffen, und aus ihrer Kenntniß erhellen deutlich die Ziele der westafrikanischen Conferenz.

Sie wird zunächst verhüten, daß der Niger und der Congo, die beiden Hauptthore und Hauptadern des afrikanischen Handels, von eigennütziger Zollpolitik verschlossen werden, und sie wird den Anlaß geben, die Handelsfreiheit auch auf andere afrikanische Ströme auszudehnen. Sie wird ferner Gelegenheit bieten, die Grenzlinien zwischen den einzelnen Congomächten, zwischen der internationalen Association, Frankreich und Portugal genau festzustellen, und sie wird endlich, um internationalen Reibungen vorzubeugen, die Rechtsprincipien verkünden, nach welchen in Zukunft die Besitzergreifung „herrenloser Länder“ vor sich gehen muß, wenn sie allgemein gültig sein soll.

Die Regelung der letzten Frage ist von außerordentlicher Bedeutung, denn Afrika ist noch lange nicht „weggegeben“. Zwar haben die Engländer bis jetzt von der Westküste 2100 Kilometer an sich gerissen, 1200 Kilometer sind im Besitze der Franzosen, 1000 Kilometer werden von den Portugiesen beansprucht und etwa 1000 Kilometer stehen unter deutschem Schutze – aber noch immer befinden sich zwischen dem Senegal und dem Cap gegen 1200 Kilometer Küstenlinie im Besitze der Eingeborenen. Diese Länderstrecken sollen in Zukunft nur demjenigen angehören dürfen, der, nachdem er von ihnen Besitz ergriffen, sie auch wirklich durch Gründung von Handelsniederlassungen oder Ansiedelungen und durch das Gewähren eines hinreichenden Schutzes der Cultur erschließt.

Endlich wirkt die Conferenz noch in edlem humanen Sinn, indem sie nach dem Antrage Deutschlands den betheiligten Mächten die moralische Verpflichtung auferlegt, „an der Unterdrückung der Sclaverei und besonders des Sclavenhandels mitzuwirken, die Arbeiten der Missionen und alle jene Einrichtungen zu fördern, welche dazu dienen, die Eingeborenen heranzubilden und ihnen die Vortheile der Cultur begreiflich und schätzenswerth zu machen.“

So dürfen wir mit Recht wiederholen, was wir im Anfang dieses Artikels betont haben: mit dem Jahre 1884, in welchem Deutschland zur Colonialmacht wurde, beginnt[WS 1] eine neue Aera der Colonialpolitik, in welcher an die Stelle der Willkür und Gewalt Ordnung und Gerechtigkeit treten werden. Siegfried.     



  1. Vergl. „Martin Behaim, der große Kosmograph“. „Gartenlaube“ Nr. 11. dieses Jahrgangs.
  2. Vergl. „Die Theilung der Erde“. „Gartenlaube“ Nr. 47, S. 771 d. J.
  3. Ehrentitel, den die Eingeborenen Stanley gegeben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: beginnnt