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Die heiligen Hallen des Rheinweines und die Ruhestätte eines Volkskämpfers

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Autor: Ferdinand Heyl
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Titel: Die heiligen Hallen des Rheinweines und die Ruhestätte eines Volkskämpfers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 276–280
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die heiligen Hallen des Rheinweines und die Ruhestätte eines Volkskämpfers.

Unfern des Rheinstromes, in den Einsattlungen dreier Bergkegel, die Rabenköpfe genannt, umgeben von beschaulicher Waldeinsamkeit, liegt eines der interessantesten mittelalterlichen Gebäude des Rheingaus, das Kloster Eberbach. Vielleicht keine Gebäulichkeit am Rhein hat den Kreislauf der Zeiten und der Geschicke wechselvoller erfahren, als diese ehemalige Cisterzienser-Abtei, die schon im zwölften Jahrhundert, und zwar vom Stifter des Ordens selbst, dem heiligen Bernhard von Clairvaux, gegründet worden sein soll.

Bei der großen Zahl mönchischer Verpflegungsanstalten des Mittelalters, wie sie der Rhein allerwegen aufzuweisen hat, ist es ein wahrhaft erhebendes Gefühl, den frommen Herren von Eberbach ein aufrichtiges Loblied singen zu dürfen. Nach den übereinstimmenden Berichten aller rheinischen Schriftsteller, von der ältesten bis auf unsere Zeit, zeichneten sich die Eberbacher Mönche durch fromme, klösterliche Zucht und durch Gastfreundschaft gegen Fremde, reiche oder arme, in jeder Weise aus. Was ihnen aber ein unvergängliches Denkmal im Herzen jedes Rheingauers setzt, ist ihre Thätigkeit, nicht im Weinberge des Herrn, nein, im wirklichen Weinberge. Sie sind die Begründer des rheinischen Edel-Weinbaues, sie eröffneten dem Wein rheinauf und rheinab die Handelswege, sie rodeten (nur 1177) im Schweiße ihres Angesichts den weltberühmten Steinberg, den edelsten Flecken rheinischer Rebencultur, und waren ein leuchtendes Beispiel rührigen Fleißes und arbeitsamer Thätigkeit. Die benachbarten Klöster suchten den Eberbachern nachzustreben, sechszehn Nonnenklöster ordneten sich der Visitatur Eberbachs unter. Schenkungen aller Art brachten, neben der regen Thätigkeit, dem Kloster ungemessenen Reichthum und Ansehen. Wüste Plätze wurden durch die Anlage von Weinbergen und Klosterhöfen nutztragend, die landwirtschaftliche Bestellung ihrer Ländereien und ihrer Grundstücke, ihre Bewässerungsanstalten und [277] dergleichen wurden durch das ganze Mittelalter hindurch auf weite Entfernungen hin mustergültig. In politischer Beziehung waren die frommen Herren vorsichtig, und so blieben ihnen auch Privilegien und Zollbefreiungen nicht aus. Die Besitzungen des Klosters erstreckten sich über die Grenzen des Landes; es besaß Gehöfte im Rheingau, in Rheinhessen und Starkenburg.

Simrock, der bewährte Forscher rheinischer Geschichte, rühmt von den Eberbacher Mönchen, daß sie in vielen bürgerlichen Gewerben der ganzen Nachbarschaft Muster und Vorbild gewesen seien. „Den Weinbau lehrten sie zunächst gründlich; sie begnügten sich aber nicht mit der Erzeugung eines edlen Gewächses, sie wußten es auch zu Markt zu bringen. In Köln, wohin damals der Handelszug der Rheinweine ging, hatten sie ihre Niederlage, und die Stadt schenkte ihnen eine eigene Rheinpforte. Auch dem Gewinn der Schifffahrt wandten sie sich zu, bauten Fahrzeuge, nahmen Schiffleute unter ihre Laienbrüder auf, erwirkten sich von Kaisern und Fürsten Freiheit von allen Zöllen und ließen ihre eigenen Geschirre den Rhein auf- und niedergehen. Sie schickten auch das feine oberländische Mehl in’s Niederland, legten Mahl- und Walkmühlen an und richteten Gerbereien und Tuchmanufacturen ein.“

Kloster Eberbach.

In der That, es sprechen heute noch, nicht in den alten Gebäulichkeiten an Ort und Stelle allein, es sprechen auch anderwärts beredte Zeugen für den Fleiß der Eberbacher Mönche. Während in dem sogenannten Geisgarten, einem Hofe hinter dem Kloster, Woll- und Leinwebereien betrieben wurden, war am unfernen Ufer des Rheins, in Reinhardshausen, ein vollständiger Stapelplatz für das Ausfuhrgeschäft etablirt, und der Eberbacher Lagerhof mit gewaltigem Zollthurm erzählt am Rheinufer in Köln noch heute von der Geschäftskenntniß der geistlichen Handelsherren. Leider blieb aber in der Folgezeit auch das Wohlleben nicht aus; wo guter Wein wächst, pflegt man nicht gern schlechten zu trinken. Die Strenge der Ordensvorschriften verlor sich und Genußsucht trat an die Stelle der klösterlichen Enthaltsamkeit. Die Brüder wurden berühmt ob ihrer feinen Weinzunge. Sie unterschieden als erprobte Kenner jede Sorte und jeden Jahrgang rheinischen Gewächses mit untrüglicher Sicherheit, und die Ueberlieferung erzählt noch heute, wie sich zwei Eberbacher Mönche bei einem Fasse Steinberger wegen eines Beigeschmackes des Weines gestritten. Der eine der frommen Herren behauptete, das Faß schmecke schwach nach Leder, der andere meinte, es sei ein Beigeschmack von Eisen, der dem Wein schade. Und siehe, sie tranken in einer lustigen Nacht das ganze Faß zur Neige, und auf dem Boden fand sich – ein kleiner Eisenschlüssel an einem Lederriemchen. Auch ein großes Faß besaß das Kloster, ähnlich dem bekannten Heidelberger welches vierhundert Ohm zu fassen vermochte. Sein Inhalt, nebst achtzig Stück Wein, wurde im Jahre 1525 von den aufrührerischen Bauern, als diese auf dem Wachholder lagerten, in wenigen Tagen geleert. Dem Kloster begegnete gleichzeitig das für jene Zeiten bedenkliche Unglück, daß einer seiner Mönche, Pater Ludwig, nebst vier anderen Brudern aus dem Orden trat, um der protestantischen Lehre zu huldigen.

Im Jahre 1803 wurde das Kloster aufgehoben und herzoglich nassauische Domäne, 1811 Besserungs- und Strafanstalt und Irrenhaus. Später ward ein besonderes Irrenhaus auf dem nahegelegenen Eichberg erbaut, der ersteren Bestimmung aber dienen die Räume Eberbachs noch heute.

Von dem am Rheine liegenden Dörfchen Erbach, urkundlich eigentlich auch Eberbach, oder dem weinberühmten Ort Hattenheim gelangt man in kaum einer Stunde zum Kloster. Die Rheinreisenden pflegen Eberbach selten zu berühren; auch ist das Kloster bei der Stromfahrt nicht sichtbar. Nach wenigen Schritten auf der Landstraße erscheint seitwärts das langgestreckte Gebäude der erwähnten Irrenheilanstalt Eichberg, einer der ausgedehntesten Anstalten dieser Art in Deutschland, mit reizenden Anlagen und entzückender Aussicht. Rechts, auf sanft anstrebendem Hügel, steigt [278] der Steinberg an, umschlossen von einer stattlichen Ringmauer und gekrönt von einigen Lusthäuschen; er hat ungefähr achtzig Morgen Flächenraum und erzielt den besten Rheinwein. Seine einzelnen Lagen führen von Alters her die poetischen Namen: goldener Becher und Rosengarten. Wenige Schritte weiter, und vor uns liegt das Kloster mit seinen umfassenden Gebäulichkeiten, ein Bild, das der nebenstehende Holzschnitt wiedergiebt. Ein breiter Fahrweg führt unmittelbar auf das eigentliche Kirchengebäude zu und durch die Kirche mit ihren Pfeilerreihen hindurch. Ueber drei Fuß hoch hat sich der Schutt über den eigentlichen Boden des Kirchengebäudes gelagert. Eine Mauer neuerer Entstehung, zum Theil aus zerstörten Grabmonumenten errichtet, scheidet einen Theil des Mittelschiffes und der beiden Nebenschiffe ab. Landwirtschaftlichen Zwecken dient die so geschaffene Sonderabtheilung. Südlich zeigen noch Reste der durchbrochenen Fenster prächtiges und reiches Steinwerk, doch Staub und Verfall haben die herrlichen Pfeiler und die Kreuzgewölbe ihrer malerischen Umrisse zum größten Theile beraubt. Der Altarraum, ein Stück des Langhauses und das Querschiff sind durch eine neue Mauer besonders abgeschlossen und dienen jetzt wieder als Kirche – für die Gefangenen des Correctionshauses. Hat auch hier die Zeit ihr zerstörendes Werk in vollem Maße ausgeübt, so prangen doch darin noch für Kunst und Geschichte gleich wichtige, prächtige Steindenkmale als Zeugnisse früheren Glanzes. Geistliche Würdenträger und kräftige Rittergestalten treten auf den Monumenten hervor.

Langgestreckt erscheinen die Flügelbauten, welche nunmehr die Correctionäre der Strafanstalt und die weiblichen Züchtlinge (zusammen wohl dreihundert Gefangene) des vormaligen Herzogthums Nassau, des jetzigen Regierungsbezirks Wiesbaden, beherbergen. Ein Theil der Gebäude ist zu Beamtenwohnungen eingerichtet. Ein Muster mittelalterlichen Bauwerkes ist der leidlich erhaltene Schlafsaal der frommen Brüder, im oberen Stock eines Nebengebäudes, welches an den nördlichen Querflügel der Kirche stößt. Das Dormitorium ist mit seinem zweireihigen Säulen-Kreuzgewölbe und dem laubverzierten Säulenwerk auch noch heute, eine Perle für Kenner und Freunde interessanter mittelalterlicher Bauten. In dem genannten Nebengebäude befinden sich, und zwar im unteren Stockwerke, die ehemalige Sacristei und der Capitelsaal des Klosters. Letzterer, jetzt eine Holzremise, ruht auf einer einzigen Mittelsäule. Der Kreuzgang ist leider fast ganz zerstört.

Vor allen Dingen sei aber des weltberühmten Cabinetskellers gedacht, der, wenn auch nicht für die Alterthumsforscher, so doch für Jedermann, welcher den goldperlenden Wein des deutschesten Stromes zu achten gelernt hat, besonderes Interesse bietet. Hier lagern vom Jahre 1706 an alle besten Jahrgänge, die edelsten Berglagen rheinischen Rebensaftes, die in den benachbarten ehemals herzoglichen, jetzt königlichen Domainen-Weinbergen gezogen werden. Hier träumen die Steinberger, Marcobrunner, Hochheimer, Gräfenberger, Hattenheimer, Rüdesheimer von Rhein und Liebe, von toller Lust und munteren Liedern. Es sind in Wahrheit „heilige Hallen“, die nur dem Eingeweihten zu betreten gestattet ist, und wahrhaft feierlich stellt das Innere dieses merkwürdigen Ortes sich dar. Doppelte Mauern und beschattendes Buschwerk umgeben die Cabinetskeller, die für ihre Zwecke vielleicht vortrefflichsten, welche überhaupt existiren. Um einen gewaltigen Pfeiler in der Mitte des Kellers zieht sich ein runder steinerner Tisch, groß genug, um einem tanzenden Paare genügenden Raum zu bieten. Auch an einer Nische für die Musik fehlt es nicht. Ein laufender Brunnen im Keller selbst dient zur Reinigung und Abkühlung zugleich. In großer Zahl reihen sich an den Mauern hin Fässer an Fässer, sämmtlich in eirunder Form, mit Nummern und hellblinkenden Messingkrahnen versehen.

Gottvolle Fässer, ritterlich Geschlecht!
Ihr hauchet Wonne, Lust und Lebenslust,
Ihr strömt wie helle Flammen durch die Glieder;
Es jauchzet, lag er trüb in tiefer Gruft,
Der Geist bei Euch, durch Scherz, Humor und Lieder!

Einer Eigenthümlichkeit sei hier noch gedacht. Von Zeit zu Zeit versammeln großartige Weinversteigerungen hier die Weinhändler des ganzen Rheinstroms und wohl auch Agenten fürstlicher Höfe zur Probe und zum Kauf. Die erzielten Preise sind häufig so bedeutend, daß an einem solchen Versteigerungstage. Hunderttausende gelöst werden; kein Wunder, daß bei dieser Gelegenheit nicht berücksichtigt wird, wie viele Wanderer sich an der Probe betheiligen, die nicht im Entferntesten in der Absicht kommen zu kaufen. Diese Versteigerungen waren bisher stets eine Art Volksfest für das Rheingau.

Vor Allem beachtenswerth aber in den ausgedehnten Baulichkeiten ist das ehemalige Refectorium des Klosters, das, aus dem zwölften Jahrhundert stammend, zu den auserlesensten mittelalterlichen Bauten zählt, welche der Rhein, ja welche Deutschland überhaupt ausweisen kann. Es hat vierzehn Säulen mit trefflichen Capitalen, die ein zwei Reihen drei überwölbte Schiffe bilden. Jedes Capitäl ist in der Ausführung von den andern verschieden. Schon um 1617 wurde ein großes Einfahrtsthor nach dem Klosterhofe zu in das Refectorium gebrochen, und seitdem dient dasselbe als – Kelterhaus bis auf unsere Zeit. Liebhaber von Gegensätzen finden hier reichen Stoff der Betrachtung. Der ehrwürdige Bau ist angefüllt mit sechszehn Weinkeltern, die sich an dieselben Wände lehnen, wo früher die Altäre prangten, daneben Bütten, Kübel und Bottiche, Weindrestern und Stangen, Faßdauben und Küfergeräth! Dicht neben das Refectorium erbaute die nassauische Verwaltung einen neuen Gährkeller, welcher mit dem Kelterhaus in directer Verbindung steht. –

Ganz in der Nähe dieses Weinklosters erhebt sich auf malerischem Hügel ein lustiges Winzerdorf, welches hell durch das ganze Rheingau hinüberleuchtet. Auch hier bieten sich uns Erinnerungen an einen fleißigen Arbeiter im Weinberge des Herrn. Denn in Hallgarten – so heißt das anmuthige Dörfchen – beschloß Adam von Itzstein, einer der edelsten Kämpfer für des deutschen Volkes Rechte, seine Lebenstage. Es ist gerade in unseren Tagen, ein Act der Pietät, sich eines Mannes zu erinnern, der sein Leben und seine ganze geistige und körperliche Kraft einsetzte für jene Ziele, welche uns – wenn auch’ auf anderen Wegen – durch das ereignißvolle Jahr 1866 näher gerückt worden sind. Bei der bis heute immerhin noch zweifelhaften Stellung, welche der größere Theil unserer süddeutschen Brüder dem Nordbunde gegenüber festhält, ist es eine Pflicht darauf hinzuweisen, wie eigentlich der deutsche Süden es war, der von 1815 an und vornehmlich unter Itzstein’s Leitung von 1822 bis 1846 das nationale Banner hochhielt; daß der deutsche Süden es war, der die Fahne der Bürgerfreiheit schwang und vertheidigte gegen alle einseitigen und reactionären Maßnahmen und Bedrückungen jener Zeit, und es ist eine Sache der Gerechtigkeit, daß sich die gesammte Nation gerade jetzt wieder jener leitenden Männer erinnert, die auf noch kleinem Gebiet und mit noch sehr beschränkten Mitteln den Kampf muthig geführt für die Ideen und Ziele, die nunmehr eine offenere Bahn im deutschen Vaterland gefunden. Bei näherer Betrachtung gewinnen die Bestrebungen des deutschen Südens, vornehmlich der badischen Kammern in den Zeiten der Wirksamkeit Itzstein’s, eine hochwichtige Bedeutung, und der Süddeutsche darf sie mit Recht gegenüber der häufig zu Tage tretenden Ueberschwänglichkeit „nordischer Verdienste“ zu seinen Gunsten betonen. Itzstein war in Wahrheit ein heldenmüthiger Vorkämpfer deutscher Einheits- und Freiheitsbestrebungen, geliebt und verehrt von Alt und Jung, soweit deutsches Wesen und Sitte heimisch, und mit Recht sang Johann Deeg von ihm:

Denn nicht allein die Badner Lande,
Ihn nannte Deutschland allzumal,
Vom Pregel bis zum Rheinesstrande,
Der Freiheit muth’gen General.

Hier oben auf dem bescheidenen Kirchhof des Dorfes Hallgarten hat jetzt Itzstein seine Grabstätte gefunden. Hier ruht er, müde von den Kämpfen seines thatenreichen Lebens, unter den Bürgern der Gemeinde, in deren Mitte er seine letzten Jahre verlebte, „Unter dem Volke muß man ihn sehen,“ schrieb F. Hecker, sein Mitkämpfer, von ihm, „dort giebt er dem Beobachter das Bild eines Volksmannes im besten Sinne. Leicht bewegt er sich unter Leuten jeder Art von Bildung und der verschiedensten Berufsart.“, Als Volksmann wie als Freund, stets versöhnend, stets begütigend, war er den Hallgartnern ein Vater und Rathgeber in jeder Weise, und selten ist wohl Jemand häufiger für milde und allgemeine menschliche Zwecke in Anspruch genommen worden, als Adam von Itzstein. Hieß er doch, in Folge seiner Bemühungen für wohlthätige Zwecke aller Art, so für die vielgenannten sieben Göttinger Professoren, denen er eintausendzweihundert Gulden, für Professor Jordan’s Familie, welcher er über zehntausend Gulden [279] für Dr. Seidensticker in Hannover, dem er zweitausendfünfhundert Gulden als Baarunterstützung zusammenschrieb und trieb, der „deutsche Säckelmeister“, der „vaterländische Großalmosenier“ – und seine Hallgartner nannten ihn den „Vater der Unglücklichen“. – Ein kurzer Weg führt uns durch Weinberge und am Fuße der eintausendsiebenhundertsiebenundachtzig Fuß hohen Hallgarter Zange hin, von Eberbach aus, zunächst zu Itzstein’s letzter Ruhestätte. Man hätte den Kirchhof, der Itzstein’s Grab umschließt, wohl pietätvoller behandeln dürfen; er ist seit einiger Zeit seines früheren grünen Schmuckes leider ganz entkleidet, Bäume und Sträuche sind entfernt, und kahl und einförmig erscheint die ehedem malerische Stätte des Friedens.

Das Grabmal selbst, ein stattliches Monument in Sandstein, zeigt in der Mitte ein trefflich gelungenes Medaillonportrait Itzstein’s, nach einem Entwurf Eduard’s von der Lannitz in Frankfurt, Schöpfers des bekannten Frankfurter Gutenbergmonumentes. Ueber demselben schwebt ein goldener Stern. Der Stein trägt am Fuße die Inschrift: „Adam von Itzstein, geboren zu Mainz, gestorben den 14. September 1855, 80 Jahre alt.“ Auf der Rückseite des Steines finden sich die wahrhaft entsprechenden Worte: „Müde von den Jugendkämpfen deutscher Freiheit ruhet hier ein muthig Herz.“ Das Monument ist zu beiden Seiten eingeschlossen von den Gräbern der Frau und der Schwägerin Itzstein’s. Ueber dem Grabhügel wächst zu kräftigem Stamm heran und sproßt und grünt üppig ein Erinnerungszeichen unverbrüchlicher Freundschaft, eine Liebesgabe des „alten Mohr“ von Ingelheim, des Mitstreiters Itzstein’s in der badischen Kammer, der kurz nach der Bestattung eine junge Paulownia, einen Lieblingsbaum des alten Herrn, von Ingelheim zum Grabschmucke herübersandte.

Neben dem freundlichen Herrenhause des Gutes, welches ein vortreffliches Gewächs ergiebt, erhebt sich ein Nebengebäude, die Wohnung des Verwalters, und im Weingarten selbst bildet ein freundlicher Gartensaal, geschmückt mit den Ahnenbildern der Familie Itzstein’s, den Portraits des Vaters und des Großvaters, den Mittelpunkt. Hier tagten und beriethen im Jahre 1847 Bassermann, Gervinus, Mohr von Ingelheim, Itzstein und andere Gesinnungsgenossen, hier wurde die Idee eines „deutschen Parlaments“ angeregt und reiflich erwogen. Auch Hoffmann von Fallersleben kennt diese Räumlichkeiten, denn mehr als einmal – im Jahre 1844, 1847 – führte den fahrenden Dichter die Einladung des gastlichen Hausherrn hierher. Hoffmann erwähnt des deutschen „Säckelmeisters“ in „Mein Leben“ zu verschiedenen Malen in aufrichtigster Verehrung, da ihm durch Itzstein’s Vermittelung in den Tagen der Heimathlosigkeit die Germania in Christiania und die Lahrer Bürger Ehrenspenden übersandten.

Das Itzstein-Lied Hoffmann’s ist bekannt, ebenso das Gedicht:

„Der Mann, der in guten und bösen Tagen
Das Banner der Freiheit hat hoch getragen,“ etc.

welches Hoffmann am 23. Mai 1847, als am Jahrestage der Ausweisung Itzstein’s und Hecker’s aus Berlin, veröffentlichte. Es wurde in dem erwähnten Garten-Pavillon beim Glase Maiwein von Hoffmann zuerst gesprochen.

Itzstein’s Haus war eine immer offene Herberge. Damit es den häufig hier verkehrenden Gästen an Unterhaltung bei ungünstiger Witterung nicht fehle, mangelte es auch an einem Billardzimmer nicht. Ein Vogelhäuschen ziert, neben den anderen Baulichkeiten und Lauben, den Garten. Die befiederten Insassen des ersteren erfreuten sich der besonderen Pflege des alten Herrn. – Gar häufig erschollen frische, kräftige Lieder beim trefflichen Hallgarter aus dem Gartensaal hinunter zum Rhein. Die Aussicht ist entzückend und besonders nach der Richtung von Bingen hin im höchsten Grade malerisch. In der Nähe thront der Johannisberg. Und doch pflegte der alte Herr nicht die sonnigen, freundlichen Zimmer nach dem Rheine zu, welche ihm diese Aussicht boten, sondern ein nach der Nordseite liegendes unfreundliches Gemach zu bewohnen. Es war dicht an der Straße gelegen und die Leute hatten so einen „bequemeren Anlauf“. Nur bei feierlichen Gelegenheiten, das heißt an seinem Geburtstage, oder an Tagen besonderer Erinnerungen aus seinem Leben, verweilte Itzstein während seiner letzten Jahre im Salon. Er schloß sich dann ab von der Außenwelt und frischte das Andenken an seine Erlebnisse auf, indem er alle jene Ehrengeschenke der verschiedenen Städte und Wahlbezirke Badens im Staatszimmer aufstellen ließ. Dann durchschritt er den Raum und lebte noch einmal durch, was ihn bisher erfreut und bewegt. Der jetzige Besitzer und Erbe des Gutes, Dr. Eisenlohr in Heidelberg, Itzstein’s Enkel, bewahrt noch heute in Hallgarten mit anerkennungswerther Pietät alle jene Ehrengeschenke, welche dem alten Herrn einst von deutschen Bürgern übersendet worden sind.

Da findet sich noch das Ehrenbürgerdiplom der Stadt Mannheim, ausgestellt von dem Bürgermeister Hutten am 15. März 1835; ein Ehrenpocal, den der einunddreißigste badische Wahlbezirk seinem Abgeordneten 1831 überreichte; der Ehrenbecher der Stadt Lahr von 1831; eine prachtvolle silberne Bürgerkrone, welche die freien Männer des einunddreißigsten Wahlbezirks (Schwetzingen) dem „Nestor deutscher Freiheit“ übersandten. Die Bürger von Mainz widmeten „ihrem Itzstein, dem deutschen Volksfreund“ einen großen Silberpocal, der die Inschrift trägt: „Was er für Badens Wohl gethan, bringt Heil dem deutschen Vaterland.“ Die Stadt Rastatt sandte 1831 einen Goldpocal „dem beharrlichen Itzstein für sein kräftiges Wirken am Landtag“. Zur „Feier der Wiederherstellung der Verfassung“ kam am 26. März 1831 ein Pocal von den Einwohnern des Amtsbezirks Müllheim, der die Worte Itzstein’s als Inschrift trägt: „Nur die unverletzte Verfassung macht ein Volk stark und glücklich.“ Nicht weniger interessant ist die goldene Ehrenmünze, welche die Stadt Mannheim am 22. September 1844 zu Ehren A.’s von Itzstein, „des Vertreters der Volksrechte“, prägen ließ. Die dazu gehörende Denkschrift schmückt die Räume des Wohnhauses, ebenso wie die Abbildung jenes Schiffes, welches der Rheder A. Völtz in Uckermünde dem Volksmann zu Ehren „Adam von Itzstein“ taufte. Die zahlreichen Adressen und Denkschriften, die an Itzstein einliefen, bilden eine kleine Bibliothek. Da finden wir Tausende von Unterschriften unter den Zusendungen aus Schwetzingen, Rastatt, Constanz, Lörrach, Schopfheim, Eberbach, Freiburg, Rüdesheim, Chemnitz, von den Bewohnern des Renchthales u. s. f.

Ein ereignisreiches Leben schloß sich mit Itzstein’s Tode. Von der Regierung durch Versetzung und Pensionirung schon 1819 und 1823 gemaßregelt, von dem Volke wie ein Vater verehrt und vom Jahre 1822 bis 1846 Vertreter desselben in der badischen Kammer, 1845 mit Hecker aus Berlin aus heute noch nicht bekannten Gründen ausgewiesen, erhielt er ein Jahr später in Baden sogar eine Ministerstelle angeboten, die er kluger Weise ausschlug. Das Jahr 1849 findet ihn auf der Flucht über den Rhein, zu der ihn eine Warnung der nassauischen Regierung gemahnt haben soll, während sein Freund Mohr in Ingelheim ihm die Pferde durch die Pfalz bereitstellt, und im selben Jahre lernt er auch die Entbehrungen des Exils kennen, denn während seines Aufenthaltes im Elsaß (Straßburg) und in Interlaken mußte er sich wahrhaft kümmerlich durchschlagen.

Auch die Zuschriften aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes nach der erwähnten Ausweisung aus Berlin sind eine, merkwürdige Sammlung geschichtlicher Schriftstücke für die Bewegungen jener Zeit; es finden sich deren, außer den zahlreichen badischen, aus Mecklenburg, Dresden, Leipzig, Crimmitzschau, Glauchau, Tharand, Köln, Coblenz, Königsberg, Saarbrücken, Crefeld, Düsseldorf, Berlin, Breslau etc., und Anastasius Grün erfreute in jenen Tagen Itzstein durch eine poetische Zusendung, in welcher er singt:

„Ich sah dich einst im Kampfe – ein Held im Silberhaar,
Dein Bild ist mir geblieben durch manch’ entflohen Jahr!“

Und siehe da! der Sänger kämpft jetzt selbst im österreichischen Herrenhause, ein Held im Silberhaar!

Wenn der Einsiedler von Hallgarten in seinen letzten Jahren bei guter Laune war, die leider gegen sein Lebensende hin mehr und mehr von ihm wich, so erinnerte er sich mit besonderer Vorliebe einzelner Erlebnisse, welche er dann in heiterer Weise zum Besten gab. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn eine Scene in Altripp bei Mannheim. Durch Zufall wurde er in eine Prügelei junger Leute verwickelt und ein kräftiger Bursche griff ihn bedrohlich an. Da ertönt der Ruf: „Um Gotteswille, Hannes, des ischt ja der Itzstein!“ und wie vom Blitz getroffen, fällt der Angreifer ihm zu Füßen und bittet demüthigst um Verzeihung. Der Auftritt hatte einen tiefen, unverlöschlichen Eindruck auf Itzstein gemacht.

Mit schallendem Gelächter erzählte auch der alte Herr ein Erlebniß, das sich bei dem sogenannten Urlaubstreit, der im Jahre [280] 1841 begann, in der badischen Kammer ereignete. Die badische Regierung verlangte damals als ein Recht, daß kein Staatsdiener ohne ihre besondere Erlaubniß in die Kammer trete, und verweigerte in Folge dessen den Abgeordneten Aschbach und Peter den Urlaub. Itzstein war in der ganzen Frage der größte Gegner der Regierung und brachte in einer Commissionssitzung durch seine unüberwindliche Ruhe und seine schlagenden Reden den damaligen Staatsminister Freiherrn von Blittersdorff so in die Hitze, daß Letzterer mit – der Papierscheere auf ihn eindrang. Itzstein bemerkte dem erregten Gegner ganz lakonisch: „Herr Staatsminister, ich finde diese Beweisführung durchaus nicht parlamentarisch.“ Die Erinnerung an diesen Sitzungskampf hat dem alten Herrn später manche Thräne der Heiterkeit gekostet.

Itzstein, der wackere Vorkämpfer für die Ziele deutscher Einheit und Größe, wird für alle Zeiten ein leuchtendes Vorbild eines deutschen Volksvertreters bleiben, und mit vollem Rechte heißt es im Lied auf den Einsiedler von Hallgarten:

Er hat am freudigsten gestritten,
Je stärker stets sein Gegner war;
Er hat geopfert und gelitten
Und blieb sich treu, unwandelbar!

Ferdinand Heyl.