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Die goldene Büchse

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die goldene Büchse
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 270–275
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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[270]
89. Die goldene Büchse.

Zur Tangzeit lebte ein Graf im Lager von Ludschou. Der hatte eine Sklavin, die konnte sehr gut die Laute spielen und war auch im Lesen und Schreiben geübt, so daß der Graf sie gebrauchte, um seine geheimen Briefe zu schreiben.

Einst war im Lager ein großes Fest. Die Sklavin sprach: „Die große Pauke klingt heut so traurig; dem Mann ist sicher ein Unglück begegnet.“

Der Graf ließ den Paukenschläger kommen und fragte ihn.

„Meine Frau ist gestorben,“ erwiderte jener, „doch wagte ich nicht, um Urlaub zu bitten; darum klang unwillkürlich meine Pauke so traurig.“

[271] Der Graf ließ ihn nach Hause.

Zu jener Zeit herrschte viel Streit und Eifersucht zwischen den Grafen am gelben Fluß. Der Kaiser wollte dadurch Frieden schaffen, daß er die Grafen untereinander Familienverbindungen eingehen ließ. So hatte die Tochter des Grafen von Ludschou den Sohn des Grafen von Webo geheiratet. Aber es half nicht viel. Der alte Graf von Webo war lungenleidend, und immer in der heißen Zeit wurde es schlimmer, und er pflegte zu sagen: „Ja, wenn ich Ludschou hätte! Dort ists kühler, da würde mir vielleicht wohler.“

So sammelte er denn dreitausend Krieger um sich, gab ihnen reichlichen Sold, befragte das Orakel um einen glückbringenden Tag und machte sich daran, Ludschou mit Gewalt zu besetzen.

Der Graf von Ludschou hörte davon. Tag und Nacht war er in Sorgen, doch fiel ihm kein Ausweg ein. Eines Nachts, als die Wasseruhr schon aufgestellt war und das Lagertor geschlossen, ging er, auf seinen Stab gestützt, im Hof umher. Nur seine Sklavin folgte ihm.

„Herr,“ sprach sie, „seit einem Monat flieht Euch Schlaf und Eßlust. Einsam und traurig lebt Ihr Eurem Leid. Ich müßte mich täuschen, wenn es nicht Webos wegen wäre.“

„Das geht auf Leben und Tod“, sprach der Graf. „Da versteht ihr Frauen nichts davon.“

„Ich bin nur eine geringe Magd“, sagte die Sklavin, „und dennoch habe ich Eures Kummers Grund erraten.“

Der Graf erkannte, daß Sinn in ihren Worten war, und sprach: „Du bist ein außerordentliches Mädchen. Tatsächlich überlege ich mir im stillen einen Ausweg.“

Die Sklavin sprach: „Das ist leicht zu machen. Ihr braucht Euch nicht darum zu kümmern, Herr! Ich will nach Webo gehen und sehen, wie es steht. Jetzt ist die erste Nachtwache. Wenn ich jetzt gehe, so kann ich zur fünften Nachtwache wieder zurück sein.“

[272] „Wenn es dir nicht gelingt,“ sprach der Graf, „beschleunigst du mein Unglück.“

„Ein Mißerfolg ist gar nicht möglich“, antwortete die Sklavin.

Dann ging sie in ihr Zimmer und rüstete sich für die Reise. Sie kämmte ihr Rabenhaar, band es in einen Knoten auf dem Scheitel und steckte es mit einer goldenen Nadel fest. Dann zog sie ein purpurgesticktes, kurzes Gewand an und gewobene Schuhe aus dunkler Seide. Im Busen barg sie einen Dolch mit Drachenlinien, und an die Stirne schrieb sie sich den Namen des großen Gottes. Dann verneigte sie sich vor dem Grafen und verschwand.

Der Graf goß sich Wein ein, um auf sie zu warten, und als das Morgenhorn erschallte, da senkte sich leicht wie ein schwebendes Blatt die Sklavin vor ihm nieder.

„Ist alles gut gegangen?“ sprach der Graf.

„Ich habe meinem Auftrag keine Unehre gemacht“, erwiderte das Mädchen.

„Hast du jemand getötet?“

„Nein, soweit ging ich nicht. Doch hab ich die goldene Büchse zu Häupten seines Lagers zum Pfande mitgebracht.“

Der Graf fragte, was sie alles erlebt habe, und sie begann zu erzählen:

„Zur Zeit des ersten Trommelwirbels brach ich auf und erreichte drei Stunden vor Mitternacht Webo. Als ich durch die Tore schritt, sah ich, wie die Schildwachen in den Wachtstuben schliefen. Ihr Schnarchen ertönte wie der Donner. Die Lagerwachen gingen auf und ab, und ich ging durchs linke Tor ins Schlafzimmer hinein. Da lag Euer Verwandter hinter seinem Vorhang auf dem Rücken in süßem Schlummer. Neben seinem Kissen sah ein kostbares Schwert hervor; dabei stand eine offene goldene Büchse. In der Büchse waren Zettel. Auf dem einen stand sein Lebensalter und sein Geburtstag, auf dem andern der Name des Gottes des Großen Bären. Weihrauchkörner und [273] Perlen lagen darauf. Die Kerzen im Zimmer gaben einen schwachen Schein, und der Weihrauch vom Räucherbecken war eben im Verglimmen. Die Dienerinnen lagen ringsumher zusammengekrümmt und schliefen. Ich konnte ihnen die Haarpfeile herausziehen und ihnen die Kleider aufheben, ohne daß sie erwachten. Das Leben Eures Verwandten stand in meiner Hand; aber ich brachte es nicht über mich, ihn zu töten. Darum nahm ich die goldene Büchse und kehrte zurück. Die Wasseruhr zeigte die dritte Stunde an, als ich meinen Weg vollendet. Nun müßt Ihr rasch ein schnelles Pferd satteln lassen und einen Mann damit nach Webo schicken, der die goldene Büchse zurückbringt. Dann wird der Herr von Webo schon zur Besinnung kommen und seine Eroberungspläne fallen lassen.“

Der Graf von Ludschou befahl nun einem Offizier, so schnell wie möglich nach Webo zu reiten. Er ritt den ganzen Tag und die halbe Nacht, da kam er an. In Webo war jedermann in Aufregung wegen des Verlustes der goldenen Büchse. Im ganzen Lager wurde alles streng durchsucht. Da klopfte der Bote mit der Reitpeitsche an die Tür und verlangte, den Herrn von Webo zu sehen. Weil er zu so ungewöhnlicher Stunde kam, vermutete der Herr von Webo, daß er eine wichtige Nachricht habe, und kam aus seinem Zimmer, den Boten zu empfangen. Der übergab ihm einen Brief, darin stand geschrieben: „Gestern Nacht kam ein Fremder von Webo bei uns an. Er erzählte, daß er mit eigener Hand von Eurem Bette eine goldene Büchse genommen habe. Ich wage sie nicht zu behalten und sende darum diesen Boten, sie Euch schleunigst wieder zurückzuerstatten.“ Als der Herr von Webo die goldene Büchse sah, erschrak er sehr. Er nahm den Boten mit in sein eigenes Gemach, bewirtete ihn mit einem köstlichen Mahl und belohnte ihn reichlich.

Am andern Tage fertigte er den Boten wieder ab und gab ihm dreißigtausend Ballen Seide und fünfzig der besten [274] Viergespanne mit als Geschenk für seinen Herrn. Auch schrieb er einen Brief an den Grafen von Ludschou:

„Mein Leben stand in Eurer Hand. Ich danke Euch, daß Ihr mich geschont, bereue meine Absicht und will mich bessern. Von nun ab soll ewig Fried und Freundschaft zwischen uns bestehen, und ich werde niemals wieder andere Gedanken hegen. Die Bürgerwehr, die ich um mich versammelt, soll mir zum Schutze gegen Räuber dienen. Ich habe sie bereits entwaffnet und an die Feldarbeit zurückgeschickt.“

Von da ab herrschte zwischen den beiden Verwandten im Norden und Süden des gelben Flusses die herzlichste Freundschaft.

Eines Tages kam die Sklavin und wollte sich von ihrem Herrn verabschieden. Der sprach: „Du bist hier im Hause geboren; wohin willst du denn gehen? Auch brauche ich dich so notwendig, daß ich dich nicht entbehren kann.“

„In meinem früheren Leben“, sprach die Sklavin, „war ich ein Mann. Ich half als Arzt den Kranken. Da kam einmal eine Frau in guter Hoffnung zu mir, die litt an Würmern. Aus Versehen gab ich ihr Seidelbastwein zu trinken, und sie starb samt ihrem Kinde, das sie trug. Dadurch zog ich mir die Vergeltung des Herrn der Toten zu, und ich wurde wiedergeboren als Mädchen in geringer Stellung. Doch kam die Erinnerung an mein früheres Leben über mich; ich pflegte eifrig meinen Wandel und fand auch einen seltenen Lehrer, von welchem ich die Schwerterkunst erlangte. Nun hab ich Euch schon neunzehn Jahre lang gedient. Ich ging für Euch nach Webo, um Eure Güte zu vergelten. Ich habe es dadurch erreicht, daß Ihr mit Euren Verwandten nun wieder in Frieden lebt, und Tausenden von Menschen habe ich so das Leben gerettet. Das ist für eine schwache Frau doch immer ein Verdienst, genügend, meine frühere Schuld zu tilgen. Nun will ich mich von der Welt zurückziehen und in den stillen Bergen weilen, um reinen Herzens meine Heiligung zu wirken. Vielleicht, [275] daß es mir dann gelingt, in meinen früheren Stand zurückzukehren. Darum bitt ich, laßt mich ziehen!“

Der Graf sah ein, daß er sie nicht mehr länger halten dürfe; darum bereitete er ein großes Festmahl und lud viele Gäste ihr zum Abschied. Manch namhafter Ritter saß bei Tisch. Sie alle feierten sie mit Trinksprüchen und Gedichten.

Der Graf konnte seiner Rührung nicht mehr Meister werden, und auch die Sklavin verneigte sich schluchzend. Dann verließ sie heimlich die Tafel, und kein Mensch hat je erfahren, wo sie hingegangen.

Anmerkungen des Übersetzers

[402] 89. Die goldene Büchse. Vgl. Tang Dai Tsung Schu.

Das Motiv von der klugen Sklavin kommt auch in der Geschichte der drei Reiche ähnlich vor.

„An die Stirn schrieb sie sich den Namen des großen Gottes.“ Über diesen Gott, Tai I, den großen Einen, vgl. die Anm. zu Nr. 18.

Der Gott des großen Bären: natürlich des Sternbildes.

Der Briefwechsel ist ebenso bezeichnend in dem, was zwischen den Zeilen steht, als in dem, was ausgesprochen ist.