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Die englische Industrie- und Kunst-Ausstellung aller Völker für das Jahr 1862

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Die englische Industrie- und Kunst-Ausstellung aller Völker für das Jahr 1862
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 284–287
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[284]

Die englische Industrie- und Kunst-Ausstellung aller Völker für das Jahr 1862.

War es nicht die schöne Königin Dido, welche einstmals vor Alters das durch drei punische Kriege berühmte Carthago gründete? Von den Schulbänken her habe ich noch eine dunkele Erinnerung, daß sie von der Polizei Erlaubniß erhielt, sich für die neue Stadt so viel Grund und Boden zu nehmen, als sie mit einer Ochsenhaut umspannen könnte. Die schöne Dido streckte und dehnte diese Ochsenhaut-Polizeischranke nach Kräften, ließ das abgezogene Fell des größten Bullen in möglichst dünne Riemen schneiden und damit messen. So bekam sie die Grenzen der berühmten alten Handelsstadt, einer ganzen Welthandelsstadt. In dem modernen London zogen sie erst neulich mit Frühlings-Anfang draußen im Südwesten des Hyde-Parks die Grenzen zu einem einzigen Gebäude, das man schwerlich mit den dünnsten Riemen der dicksten Ochsenhaut umspannen wird. Sie legten den Grund zur neuen Industrie- und Kunst-Ausstellung aller Völker, die über’s Jahr um diese Zeit schon fix und fertig und mit dem veredelten Schweiße und Fleiße aller Nationen ausgeziert sein soll.

Der projectirte Ausstellungs-Palast für 1862 in London.

Ja, das muß man den modernen Carthageniensern lassen: sie [285] wissen mit associirten, freien Geldmassen und speculativem Unternehmungsgeist in’s Zeug zu gehen und in’s Große zu arbeiten, Sie fürchten sich, wie alle Helden dieser Tage, vor Krieg und dem „schwarzen Manne“ in Paris. Das stört überall den freien Blut- und Geldumlauf und treibt Capitalien, die sich in Handel und Wandel gern Zinsen verdienen möchten, in feuerfeste Geldspinden und alte Strümpfe, wo sie ihres Daseins ebenso wenig froh werden, wie deren ängstliche Eigenthümer und Nachtwächter. Die Engländer riskiren’s aber doch und speculiren auf den nicht wahrscheinlichen Frieden aller Völker mit mehr als zwei Millionen Thalern.

Item, der neue Friedenstempel aller Völker wird gebaut; das kosmopolitische Kampfspiel aller geschickten, fleißigen, künstlerischen, stoffveredelnden, Schönheit und Lebensbefriedigung schaffenden Hände und Häupter um goldene Preise und Adelsdiplome für Bestes und Schönstes soll mit dem ersten Tage des Wonnemonats 1862 beginnen. Er soll dastehen unabsehbar breit und hoch ragend mit seinen beiden Licht-Domen zu rechter Zeit, auch wenn die englischen Bauhandwerker auf ihrem neuen „strike“, der zweiten großen Arbeits-Einstellung, beharren.

Das Strike-Fieber wüthet jetzt in Hunderttausenden englischer Handwerker und Fabrikarbeiter in allen möglichen Gegenden und Industrie-Zweigen und in den verschiedensten Acten tragischer Verwickelung. Bei uns Deutschen würden die geringsten Anzeichen solcher „Verschwörung der Arbeit gegen das Capital“ blasses Schrecken und eiserne Maßregeln rother Schreckens-Herrschaft hervorrufen. In England wüthet dieser sociale Krieg, ohne daß ein einziger Policeman nur seinen weißen Handschuh dazwischen stecken darf. Kaum hatten die Bauhandwerker zu Tausenden an dem neuen Ausstellungs-Palaste angefangen, als sie eines schönen Morgens kamen, ihre Handwerkszeuge packten, auf die Schultern nahmen und in langen Processionen abzogen, um nicht eher wieder zu kommen, bis ihre alte Forderung: 9 statt 10 Stunden Tagesarbeit ohne Lohn-Verminderung, bewilligt sein werde. Sie unterhandelten sodann mit den Arbeitgebern, welche sich natürlich nicht zwingen lassen wollen, aber eben so wenig fordern, daß man den Arbeitern Zwang anthue. Nur drohen sie mit belgischen, französischen und deutschen Arbeitern, wenn die englischen auf ihrer Forderung beharren.

Man wird zugeben, daß sich somit eine höchst wichtige, brennende sociale Frage an den neuen Ausstellungs-Palast knüpft. Wir wollen diese hier nicht weiter verfolgen und uns das große Bauwerk, wie es von den Architekten zur Ausführung vorgezeichnet ward, von seiner Vorderseite zunächst flüchtig ansehen. Von den jetzt vorliegenden Zeichnungen des Architekten, Capitain Foulke, wählen wir die, welche den Schaaren, die von Cromwell-Road, der Hauptstraße, heraneilen, immer zunächst in die Augen fallen wird, die Front, das Gesicht des neuen Friedenstempels.

[286] Schön und im ästhetischen Sinne edel will uns dieses Gesicht nicht erscheinen; doch mag die Wirklichkeit in lebensgroßer Massivität diesen Eindruck des kleinen Bildes Lügen strafen, was wir herzlich wünschen. Diese Façade besteht aus einer langen, breitmäuligen Fläche von nüchtern gefügtem, leichtem Mauerwerk mit einem zu kleinen Mittelpunkte. Sie scheint nicht zu den beiden Domen oben passen zu wollen. Diese erinnern an Kirchlichkeit, die hier nichts von ihren Werken, nichts von neuen Schöpfungen des Schönen und Erhabenen zu zeigen haben wird. Der architektonische Schönheitssinn – eine in England unbekannte Größe – wird sich vergebens abmühen, das Ganze als etwas Ganzes und Einiges mit einem Male zu übersehen und auf sich wirken zu lassen. Der neue Palast wird nämlich noch viel größer, als der von 1851, der in seiner Länge sich auch schon in’s Unsichtbare verlor.

Der damalige Glas-Tempel, der eine der größten Ulmen mit bedeckte, erhob sich im Haupt-Transepte bis zu 160 Fuß. Die Dome des neuen Palastes werden 100 Fuß höher. Das Schiff des ersteren war nur 60 Fuß hoch und 72 weit, das neue wird eine Höhe von 100 und eine Weite von 85 Fuß erreichen. Nur die ungeheuere Länge des alten, 1800 Fuß, wird 600 Fuß kürzer im neuen Palaste sein, dessen unter Dach und Fach bedeckter Raum im Ganzen aber just ein halbmal größer sein wird. Der alte hatte 1 Million Quadratfuß Boden, der neue wird 1½ Millionen einnehmen. In Bezug auf die Kosten sieht das neue Unternehmen noch viel großartiger aus. Die Herren Fox und Henderson bauten den Krystall-Palast von 1851 für 80,000 Pfund, während die Bauherren des neuen, Kelk und Lucas, nicht weniger als 300,000 Pfund erhalten sollen. Diese Summe verliert nur etwas von ihrer Ungeheuerlichkeit durch die Clausel, daß die Herren 100,000 Pfund auf den finanziellen Erfolg des Unternehmens wagen. Das heißt: sie begnügen sich mit 200,000 Pfund baar und wollen die andern 100,000 Pfund nur dann in Anspruch nehmen, wenn die Ausstellung den entsprechenden Rein-Gewinn erweist. Mit dieser Clausel sprachen die Bauherren zugleich das größte Vertrauen auf Erfolg des Unternehmens aus, sodaß auch die nöthigen 200,000 Pfund baar schnell und gläubig gezeichnet wurden.

In architektonischer Beziehung rühmen die Engländer noch, daß die beiden Dome auf dem Gebäude alle andern Kuppeln und Thürme der Welt, wenn nicht an Höhe, so doch an Dicke übertreffen sollen. Die Kuppel der St. Peterskirche zu Rom – die größte, hat 139 Fuß Durchmesser, St. Paul’s in London 108; jede der Ausstellungs-Kuppeln soll 160 Fuß Durchmesser haben.

Ob diese Dicke schön sein, den Bauverhältnissen der übrigen Theile entsprechen wird, ist sehr zu bezweifeln. Die Engländer suchen einmal ihren Ruhm nicht im gemessenen Schönen, sondern im Dicksten, Meisten, Massenhaftesten und Größten.

Der neue Palast wird kein Glastempel sein, sondern meist aus Stein, Holz, Eisen und Filz gebaut werden. Das hölzerne Dach wird außen mit getheertem Filz gedeckt, der, mit dem Holze ein schlechter Wärmeleiter, vor schnellem Temperaturwechsel schützen, im Winter warm, im Sommer kühl halten wird. Das Innere wird natürlich malerisch und architektonisch ausgeziert. Eine Reihe von 25 Fuß hohen Fenstern, die unmittelbar oben vom Dache herab um das große Gebäude herumlaufen, und die fensterreichen Dome sollen ein hinreichendes, aber nicht überflüssiges und blos von oben her fallendes, daher günstiges Licht auf die ausgestellten Gegenstände werfen, die in dem Krystall-Palaste von 1851 sehr oft durch zu grelle Beleuchtung litten. Die umlaufenden Galerien und sonstige innere Bestandtheile des Bauwerks werden von Doppelreihen, 22 Fuß hoher, schlanker, hohler Eisensäulen getragen. Von den verschiedenen Eingängen scheint der erste und hauptsächliche in der Mitte auch den Ruhm des höchsten und größten in der Welt davon tragen zu wollen. Ein Eingang von 60 Fuß Höhe und 50 Weite muß ja Brobdignac’s zu Liliputern und den größten Dragoner zu Pferde zu einem Bleisoldaten in einer Silbergroschenschachtel erniedrigen.

Soviel einstweilen von dem Gebäude selbst. Wichtiger und anziehender wird jedenfalls, was hineinkommt. Neu im Inhalte wird die mit der Industrie aller Völker verbundene Kunstausstellung sein, die ein ganzes Jahrhundert – das letzte von 1752 an – und die Werke aller Nationen umfassen soll. Nicht nur Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien etc. werden ihre Gemälde und sonstigen Kunstwerke einsenden, sondern auch Amerika, Australien und sonstige Antipoden wollen zeigen, bis zu welchem Grade sie ihren schöpferischen Schönheitssinn entwickelt haben. Noch neuer und origineller ist der Plan, einen culinarischen Congreß, d. h. auf deutsch ein kosmopolitisches Parlament, d. h. wieder auf deutsch eine allvolkliche Versammlung von den Töpfen und Tiegeln, Pfannen und Schüsseln, Gerichten und Speisen aller Nationen zu berufen, und auf Verlangen selbst chinesische Vogelnester und Ratten braten, geschmorte Affen und gebratene Känguruhs von den Antipoden her aufzutischen. Dabei soll es nicht an baierischem Bier für die Deutschen, Weißbier für die Berliner Philister, Quaß für die Russen und berauschenden Getränken aus Hanf, Milch, Mohn, Pferdemist etc. fehlen.

Was die Bestimmungen und Bedingungen für Aussteller betrifft, so machen wir auf folgende aufmerksam. Ausländer können nur durch Vermittlung der in jedem Staate von den Regierungen ernannten Commissionen mit den Directoren und Leitern der Ausstellung in Unterhandlung treten und durch diese ihre auszustellenden Gegenstände befördern. Diese Clausel gilt für Engländer nicht, und als ein Compliment für die polizeiliche und staatliche Bevormundung in dem außerenglischen Europa hat sie für uns etwas sehr Demüthigendes. Lebende Thiere und Pflanzen, frische Vegetabilien und der Fäulniß unterworfene thierische Substanzen, so wie explosive und gefährliche, sehr verbrennbare Gegenstände dürfen nicht ausgestellt werden. Andere minder gefährliche Sachen werden nur in festen, sicheren Glasgefäßen zugelassen. Die ausstellbaren Gegenstände zerfallen in vier große Sectionen und jede derselben in mehrere, im Ganzen in 40 Classen.

Die erste Scction umfaßt Rohproducte aus Bergwerken und Steinbrüchen, Metallurgie, Mineralien, chemische Producte und Arzneien, eß- und trinkbare Sachen, animalische und vegetabilische Substanzen; die zweite Werkzeuge und Maschinen, Gegenstände für Architektur, Instrumente für Naturwissenschaften, Photographie, medicinische und musikalische Instrumente; die dritte Werke textiler Künste, also des Webens, Flechten-, Spinnens etc. Lederwaaren, Kleidungsstücke, alle Dinge von Papier und Pappe, Meubels, Schneide- und Schnittwaaren, keramische Künste, d. h. Dinge, die durch Kneten, Treiben, Hämmern, Ziehen, Schlagen, Blasen und Stoßen entstanden, Topf, Glas- und Porzellanwaaren, Werke des Juweliers und endlich Alles, was nicht in einer andern Section unterzubringen war. Die vierte Section gilt der Kunst: Architektur, Malerei, Sculptur, Zeichenkunst, Kupfer- und Stahlstichen, Holzschnitten, lithographirten und geätzten Sachen.

Die königlichen Commissionäre der Ausstellung erwarten alle Gegenstände vom 12. Februar bis zum 31. März des folgenden Jahres. Nur ganz schwere, umfangreiche Sachen, deren Unterbringung viel Zeit und Raum fordert, müssen bis zum 1. März abgeliefert sein. Insofern diese besondere Fundamente und Constructionen erfordern, muß der Aussteller entsprechende Erklärungen und Anweisungen oder persönliche Helfer und Rathgeber beifügen. Wer Maschinen in Bewegung zeigen will oder sonst Dampf braucht, wird mit Schaft-Dampf bis zu 30 Pfund per Zoll versorgt werden. Jeder Aussteller muß die Kosten für Fracht und Transport, alle Abgaben auf seine Artikel (auch den Zoll?) bezahlen und auf seine Rechnung alle Kisten und Kasten weg- und unterbringen. Auch gegen Motten-, Feuer- und Diebesschaden wollen die Herren keine Verantwortlichkeit übernehmen.

Letztere Bedingungen sehen nicht sehr anständig aus. Es wird damit eigentlich nur gesagt: „Ihr Herren Künstler, Fabrikanten, Gewerbtreibenden, Handwerker und Arbeiter aller Nationen habt gnädige Erlaubniß, unsern Ausstellungspalast und unsere Cassen füllen zu helfen und eure Beutel für unsere Taschen zu leeren. Auf die Gefahr hin, bestohlen, abgebrannt und sonst ruinirt zu werden und vom Anfang bis zu Ende auf eure Kosten und eigene Verantwortlichkeit, die wir vom Anfang bis Ende von uns abweisen, könnt ihr vielleicht einen Preis, ein Anerkennungsschreiben erhalten. Wir haben für nichts ein Auge, als für unseren Profit, für den pecuniären Erfolg unserer kosmopolitischen Marktbude.“ Ja, das klingt gemein und unanständig. Aber dessenungeachtet freuen wir uns des Unternehmens im Ganzen und Großen. Es liegt doch etwas Kühnes, Keckes, Großartiges in der ganzen Speculation. Sie riskiren mehrere Millionen Thaler, gegen welche der einzelne Aussteller doch immer nur eine geringe [287] Summe einsetzt. Es ist eine Speculation auf den Kosmopolitismus der Industrie und des Handels, auf den Fleiß und Schweiß aller Völker, ein freies, großes Privatunternehmen, dem es auch freistehen muß, die Bedingungen zu stellen, unter welchen die Menschen der Erde sich betheiligen sollen. Da es letzteren ebenfalls vollkommen freisteht, sich diesen Bedingungen zu fügen oder nicht, wird im schlimmsten Falle Niemand betrogen, da er sich dann immer nur selbst betrogen haben würde.