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Die deutsche Kunstindustrie und ihre Ausstellungen

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Textdaten
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Autor: Georg Buß
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Titel: Die deutsche Kunstindustrie und ihre Ausstellungen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 554–556
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die deutsche Kunstindustrie und die jüngsten Ausstellungen.
Allgemeine Betrachtungen von Georg Buß.


Seit einem Vierteljahrhundert geht durch die tonangebenden Culturvölker Europas ein mächtiges Streben und Ringen, der Kunst wieder Eingang zu schaffen in’s Gewerbe, daraus sie fast vertrieben war, die Kunstindustrie zu hegen und zu pflegen. In Deutschland ist diese Bewegung erst nach der zweiten Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 zum Durchbruch gekommen; denn was bis dahin in den einzelnen Staaten, wie in Baiern und Württemberg, geschehen war, hatte sich seitens der Allgemeinheit fast gar keiner Beachtung zu erfreuen und verlor sich in der großen Strömung der Tagesinteressen.

Seitdem hat ja in Folge der Mißergebnisse auf den verschiedenen Weltausstellungen die Erkenntniß von dem gottverlassenen Zustande unserer Industrie in Bezug auf guten Geschmack immermehr Platz gegriffen und eine große Anzahl hervorragender Kräfte veranlaßt, den Grund des Verfalles aufzudecken und die Mittel zur Abhülfe zu erforschen. Da ergab sich denn, daß die Ursachen der bedauerlichen Geschmacksverwilderung unserer Tage erstens der historischen Entwickelung angehören und zweitens auf die großartigen Erfolge der Maschinentechnik zurückzuführen sind. Dieser Mangel an Schönheitssinn ist also keine bleibende Eigenschaft des deutschen Nationalcharakters, dem die Natur Liebe und Enthusiasmus für den edelen Reiz der Formen und der Farben vielleicht versagt hätte; nein, eingetreten ist dieser Mangel in erster Linie durch gewaltige, vernichtende Begebenheiten der Geschichte und ihrer Folgen für Cultur und Kunst.

Blicken wir zurück auf die Werke unserer Ahnen im Mittelalter und in der Zeit der Wiedergeburt, der Renaissance, die noch heute unsere Sehnsucht und unseren stillen Neid erweckt! Welche Fülle von Schönheit erschließt sich uns! Wir nehmen die gewaltigen, zum Himmel ragenden Dome mit dem zierlichen Meißelwerk, mit der Scheiben bunter Pracht, die in den Strahlen der Sonne wie flüssiges Gold, Smaragd und Rubin leuchten, Herz und Sinn gefangen! Welch glänzende Kunst weisen die Priestergewänder auf, die Kasel (casula), Stolen und Mitren, die frommer Eifer mit farbiger Seide bestickte und mit Edelgestein verzierte; welche Kunst das aus Edelstein gefertigte und mit Email und Steinen geschmückte Kirchengeräth, die Monstranzen, Ciborien, Kelche, Meßbuchdeckel, Reliquienschreine etc.! Wie reich und behaglich erscheinen in der späteren Zeit, im sechszehnten Jahrhundert, die Wohnungen und Paläste des Adels, der Patricier und des wohlhabenden Bürgers! Welche Fülle von schönem Geräth, von prächtigen Teppichen, Decken, buntbestickten Leinen und anderen Geweben, von edlen Gefäßen, farbigen Krügen, Humpen, grauen Pinten, bemalten Schalen und bunten Gläsern, von reich geschnitzten, eingelegten Möbeln und von Goldtapeten! Unsere Prunkgemächer schmücken wir noch heute, um die eigene Armuth zu verdecken, mit jenen reich ornamentirten Stühlen, Tischen und Schränken, welche einst des wohlhabenden Bauern Hauseinrichtung bildeten.

Niemals gab es eine herrlichere Vereinigung von Kunst und Gewerbe und niemals war die Kunst volksthümlicher, als in dieser [555] Zeit. Die Künstler, selbst dem Handwerk entwachsen, blieben ihm ihr Lebelang treu und, fast in jedem Materiale schöpferisch thätig, verstanden sie das allgemeine Kunstbewußtsein ihres Volkes in mustergültige Formen zu gießen. Auch der weniger begabte und ausgebildete Handwerker stand unter dem Einfluß eines gesunden und geläuterten Geschmacks. So strebte denn Alles mit Entschiedenheit einem einheitlichen künstlerischen Ziele zu.

Da kam der Dreißigjährige Krieg. Seine wuchtigen Schläge trafen das deutsche Land bis in’s innerste Mark, vernichteten den Wohlstand des Bürgers und Landmanns, lähmten die Lust und Freudigkeit am Schaffen, brachen das Unabhängigkeitsgefühl und hemmten den Schwung der Gedanken. Die nationale Kraft des Volkes erstarb; Gleichgültigkeit und Mißmuth traten an die Stelle der früheren Thätigkeit, und um Kunst und Handwerk war’s geschehen. Die Zeit des tiefsten Verfalls begann; dem deutschen Volke ging das politische Bewußtsein verloren. Jetzt erhob sich das französische Königthum zur europäischen Herrschaft, und französisches Wesen und französische Kunst, nur auf die Verherrlichung der fürstlichen Gewalt gerichtet, gleichsam eine Apotheose des Monarchenthums, hielten ihren siegreichen Einzug in unser Land, und unsere Väter wurden gewohnt, die Normen des Geschmacks aus der Fremde, von Frankreich zu empfangen.

Länger als ein Jahrhundert hatte diese Abhängigkeit in ungeschwächter Kraft gedauert. Aus dem Barokstil hatte sich inzwischen das Rococo und aus diesem unter Ludwig dem Sechszehnten der sogenannte Zopf entwickelt, ein Stil, der die allmählich in dem Rococo eingerissene Verwilderung durch Anlehnen an die antike, ornamentale Formenwelt zu bekämpfen suchte. Da fuhren wie ein Donnerwetter die Stürme der französischen Revolution dahin; Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ward die Losung; dem citoyen schien principielle Einfachheit die oberste republikanische Tugend; Rococo und Zopf mit ihrem höfischen Flitter und Tand wurden in den Bann gethan, und der Faden der alten Tradition ward gewaltsam abgerissen.

Dafür wurden nach dem Rathe „philosophischer Künstler“ die Musen aus dem stillen Frieden des Alterthums an das blutige Licht des Tages geschleppt und alles im reinsten griechischen Geschmack gebildet. Aber unter dem Schrecken der Guillotine konnte die Kunst nicht heimisch werden; sie gestaltete sich zu einer Carricatur der Antike, und auch das folgende Kaiserreich vermochte hieran wenig zu ändern. Die restaurirte Monarchie, in dem Glauben, die welterschütternden Begebenheiten der letzten fünfundzwanzig Jahre ignoriren zu müssen, knüpfte an das Rococo wieder an, aber dies blieb eine überlebte Kunstform, weil sich der Zeitgeist gegen jede Rückkehr zum Alten sträubte. Trotz seines Bündnisses mit der Blumenliebhaberei vegetirte es nur kümmerlich und reizlos fort bis in unsere Tage. Einzelne hervorragende Geister, wie Asmus Carstens, Betel Thorwaldsen und Friedrich Schinkel, flüchteten sich aus diesem Jammerthal in’s reine Griechenthum, aber vergebens war ihr Streben, das Verständniß ihrer Zeitgenossen für seine edlen Bildungen zu fördern; Letzterer unternahm sogar, hellenische Formen auf die Gebilde der Kunstindustrie zu übertragen, ohne jedoch dem nöthigen Interesse in weiteren Kreisen zu begegnen. In Folge der langen Abhängigkeit von französischem Geschmack und französischer Kunst unfähig, sich zu eigener That emporzuraffen und selbstthätig zu erfinden, verdarb der an und für sich nur noch geringe Geschmack des deutschen Industriellen vollständig und gleichzeitig der des deutschen Publicums.

Anders in Frankreich! Als der Wohlstand wieder stieg und ebenso das Bedürfniß nach Form und Farbe, empfand man schmerzlich die Verwüstungen, welche der republikanische Radicalismus des „citoyen“ im Tempel der Kunst angerichtet hatte; eifrig machte man sich in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts an die Arbeit, um alle jene verloren gegangenen Kunstfertigkeiten früherer Jahrhunderte wieder zu gewinnen.

„Wir müssen Europa mit unserem Geschmacke bekriegen und durch die Mode uns die Welt unterwerfen,“ hatte der große Colbert einst gesagt – und diese Worte nahm man sich zur Richtschnur. Und in der That, die Pariser Industrie gebot sehr bald der Welt, Paris bestimmte den Geschmack; Paris ward Mode. Die Luxusgegenstände, die der Deutsche wünschte, sie kamen alle aus der Seinestadt; die Etiquette „Paris“ genügte, um auch das minder Gute, das von dort her kam, geistreich erfunden, graciös, „entzückend schön“ etc. zu finden. Da suchte nun der biedere deutsche Industrielle des Franzmannes Muster nachzuahmen, aber vorwärts kam er dabei nicht; war er mit der Arbeit eben fertig, so hatte der erfinderische College an der Seine schon „was Neues“ auf den Markt gebracht, und die deutsche Copie hinkte nach, war veraltet, oder, um mit unserer schönen Welt zu sprechen, war „unmodern“ geworden.

In Folge dieses ewigen Copirens hatte unser deutscher Michel keine Zeit, selbstständige Muster zu entwerfen, auch fehlte ihm die nöthige Erfindungsgabe, der gute Zeichner und das wohlhabende Publicum, welches einen künstlerisch gebildeten Geschmack besessen hätte. Es führten diese Zustände, unterstützt von anderen Verhältnissen des nationalen Lebens, das deutsche Volk in seiner ästhetischen Haltung während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts reißend bergab. Der feinfühlige Sinn für edle Verhältnisse, für den Reiz schöner Formen und Linien, für die Poesie der Farbe – der feinfühlige Sinn unserer Väter war dahin; die Modekönigin mit ihrem schnell wechselnden, überraschenden, bizarren und unnatürlichen Wesen wurde vergöttert; ihren launenhaften Gesetzen unterwarf man sich in blinder Ergebung. Das waren die Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges und die directen Folgen der französischen Revolution.

Diese traurigen Verhältnisse wurden wesentlich verschlimmert durch die Maschinentechnik. Sich dieses neuen Hülfsmittels vernünftig zu bedienen, vermochte die Kunstindustrie, ungesund und zerfahren wie sie war, nicht. Man fühlte sich befriedigt durch das Mehr der Arbeit und vergaß die Kunst – die Massenproduction nach der Schablone war die Losung. Statt die gefügige Maschine den Anforderungen des eigenen Schönheitsgefühls zu accommodiren, verfuhr man umgekehrt und paßte die Formen des Modells für so und so viel tausend Stück dem Gange der Maschine an. So kamen jene in der Ausführung liederlichen und gemeinen Dutzendwaaren auf den Markt, bei denen die schaffende Thätigkeit der Menschenhand in ein oder zwei sich stets wiederholenden Griffen bestand, die den Arbeiter mit der Zeit stupide machen mußten. Und wer waren diese Arbeiter? Meistens Handwerker, die der grausamen Concurrenz mit der Maschine unterlegen waren und nun in geisttödtender Weise ihr Brod verdienen mußten. Dem Handwerk war eine Menge von Kräften und ein großes geistiges Capital entzogen worden. Im Handwerk selbst riß der Fabrikbetrieb ein – die Arbeitstheilung kam. Die eine Tischlerei macht nur noch geschweifte, die andere gradlinige Stuhlgestelle, die eine nur Sophagestelle, die andere Schränke etc.; die eine Tischlerei hobelt nur; die zweite schnitzt; die dritte fournirt, und die vierte polirt, sodaß jedes Stück vor seiner Vollendung ein Dutzend Hände passirt und von einer einheitlichen Behandlung nicht mehr die Rede ist. Das umfassende Können des alten Handwerks, die Solidität der alten Arbeit ging verloren, und das tägliche Geräth des Lebens war zur gewöhnlichen Fabrikarbeit geworden – nothwendige Consequenzen der alles nivellirenden Maschine, der man kein allgemeines, im Volke wurzelndes Kunstbewußtsein als Gegengewicht entgegenstellen konnte.

Nach Erkenntniß aller in der historischen Entwickelung und in der Technik liegenden Ursachen der Geschmacksverwilderung und des Verfalls der deutschen Kunstindustrie ging man energisch an die Heilung, in deren Anfangsstadium wir uns heute noch befinden.

Das geeignetste Heilmittel schien die Schule. Dort sollte der gewerbliche Arbeiter unter der Leitung tüchtiger Männer den feinfühlenden Sinn, das gebildete Auge und die geschickte Hand wiedererhalten; dort sollte an der Hand historischer Betrachtung durch systematische Stillehre und durch Nachzeichnen guter Muster und Uebung im Entwerfen kunstindustrieller Gegenstände Hülfe geschafft, sollten der Industriebevölkerung neue Bahnen erschlossen werden. Solche Unterrichtsanstalten sind von den verschiedenen Staaten, Gemeinden und Corporationen in großer Menge gegründet worden und werden noch gegründet.

Sie sind theils als einfache Zeichenschulen organisirt, in denen junge Leute, ohne in ihrer Werkstattthätigkeit behindert zu werden, während der Freistunden im Zeichnen und Modelliren ausgebildet und mit den Elementen der Kunstformensprache bekannt gemacht werden, um sie zum künstlerischen Betriebe ihres Gewerbes zu befähigen; theils sind sie Fachschulen, die einem bestehenden Industriezweige dienen, theils höhere Schulen, in denen sich der Industrielle mit Aufwendung seiner vollen Arbeitskraft und Zeit zu einem [556] selbstständigen schaffenden Künstler seines Faches, das heißt zu einem Musterzeichner oder Modelleur für Werkstatt und Fabrik, auszubilden vermag.

Dort, wo Mittel vorhanden waren, ging man einen Schritt weiter und gründete Museen; ihnen wurden Kunstschulen zur Seite gestellt, sodaß der Schüler seine Kenntnisse und seinen Schönheitssinn an den mustergültigen Erzeugnissen der Vergangenheit vervollkommnen konnte. Gleichzeitig sollten diese Sammlungen auf das Publicum einwirken und seine Theilnahme für die neue Bewegung gewinnen; denn nicht allein der Geschmack des Producenten, des Kunstindustriellen, sollte gebildet werden, sondern auch der des Consumenten, des gesammten Volkes, damit sein Interesse und seine Liebe für schönes Geräth erwache und somit die für den gedeihlichen Bestand jeder Industrie erforderliche Kauflust zunehme. Freilich, bis jetzt erfreuen sich nur wenige größere Städte, wie Berlin, Hamburg, Breslau, Leipzig, München etc., dieser Institute, wiewohl ihr Einfluß auf die weiteren Volkskreise unwiderleglich ist, ihre Vermehrung daher durchaus erwünscht wäre.

Neben diesem gesammten Unterrichts- und Anschauungsapparat bildeten sich allmählich Kunstgewerbevereine, freie Vereinigungen von Industriellen und Interessenten, die im gegenseitigen Austausch von Erfahrungen und Ansichten ihre Kenntnisse zu bereichern suchten, veranstalteten Behörden und Corporationen Preisbewerbungen für kunstindustrielle Arbeiten, um in den betheiligten Kreisen den Wetteifer und den Ehrgeiz anzuregen, veranstaltete man in kleineren Städten sogenannte Wanderausstellungen, zu denen Museen und begüterte Privatpersonen die in ihrem Besitz befindlichen Gegenstände aus alter Zeit leihweise hergaben, und wendete man schließlich den Local- und Landesausstellungen eine vermehrte Aufmerksamkeit zu.

Gleichzeitig nahm die bezügliche Literatur einen gewaltigen Aufschwung. Bücher, Zeitschriften und Vorlagen erschienen in nie geahnter Menge.[1] Leider ist aber in diesem literarischen Wettrennen die Herausgabe von einfachen, elementaren Vorlagewerke, die den Lehrbedürfnissen der Schule entsprechen, fast vollständig vergessen worden. –

Das sind im Großen und Ganzen die Heilmittel, durch welche unsere deutsche Kunstindustrie genesen soll.

Mehr als ein Jahrzehnt eifriger Arbeit ist verflossen. In Berlin vereinigte eine großartige Gewerbe-Ausstellung die Producte der Residenz und in Leipzig eine nicht minder bedeutende diejenigen Erzeugnisse, welche das Kunstgewerbe des Königreichs Sachsen, der preußischen Provinz Sachsen und der thüringischen Staaten zur Anschauung bringen; eine Menge kleinerer Städte, wie Plauen, Schandau, Wernigerode, Offenbach etc., sind schleunigst nachgefolgt, und gegenwärtig ist es besonders Düsseldorf, welches durch seine ähnlichen Zwecken gewidmete Ausstellung die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.[2] Da liegt die Frage nahe: Welchen Eindruck macht dort unsere Kunstindustrie, was für Erfolge haben alle Anstregungen gehabt?

Angesichts der ausgestellten Gegenstände muß der Vernünftige zur Erkenntniß kommen, daß die im Laufe von zwei Jahrhunderten eingerissene Geschmacksverwilderung nicht im Handumdrehen auszurotten ist, daß nur das hingebende Schaffen vieler, vieler Jahre die begangenen Sünden wieder gut machen kann, ja, daß unsere jetzige Generation das angestrebte Ziel kaum erreichen, vielmehr die kommende sich erst der rechten Früchte freuen wird. Und um so ferner wird das Ziel gerückt, wenn viele Kunstindustrielle verschmähen, sich auf die breite Masse des Volkes zu stützen, wenn sie ihre Thätigkeit lediglich auf Objecte concentriren, die, für den geringen Mann unerschwinglich, allein auf den begüterten berechnet sind.

Nur ein winziger Bruchtheil unseres Volkes vermag sich eine Zimmereinrichtung im Preise von 5000 bis 12,000 Mark anzuschaffen. So macht die Kunstindustrie auf jenen Ausstellungen wesentlich den Eindruck einer Luxusindustrie, während sie doch streben soll, auch das bis in die ärmste Hütte verbreitete Geräth des täglichen Lebens durch Form und Farbe zu verschönen, den Sinn der Menge für das Schöne zu wecken und zu läutern und so zur Bildung des Geschmacks, zur sittlichen Erziehung unseres Volkes beizutragen.

Und wie sieht es außerhalb der Ausstellungen aus? Nun, da hängen in den Schaufenstern der für den gewöhnlichen Bedarf berechneten Läden noch immer jene vorwiegend anilinroth gefärbten Veloursleppiche mit quellenden, dicken Blumen und Früchten, mit springenden Panthern und zähnefletschenden Löwen in wirklicher Größe, deren Naturwahrheit wirklich Besorgniß erregt; da hängen noch immer die alten Stickereien mit den wie Malerei oder Kupferstich ausgeführten Abbildungen von romantischen Liebespärchen, würdigen Pudeln und zärtlichen Katzen; da stehen noch immer die alten Tassen, Teller, und Vasen mit Abbildungen von Blumen, so naturgetreu und unkünstlerisch, daß sie in ein Buch über Botanik gehörten, – kurz, da ist von Flachmuster keine Rede; da herrscht nach wie vor ein wilder Naturalismus und zeigt sich in crasser Weise die Unfähigkeit, aus den Dingen der Wirklichkeit das Ornament durch die gestaltende Kraft der Phantasie zu entwickeln. Und in den Möbelhandlungen stehen noch immer die alten, lüderlich hergestellten Mahagoni- und Birkenmöbel: Schränke, deren Aeußeres im Glanze der blank polirten Fournitur strahlt, deren Inneres ein erbärmliches Brettergerüst von schlecht gehobeltem Kienholz zeigt; Tische, deren unpraktische, ovale und fournirte Platte nach kurzem Gebrauch Risse und Sprünge bekommt, sogenannte „antike Stühle“ mit steifen, hohen und unbequemen Lehnen und schlechter Schnitzerei, Büffets, aus deren Füllungen Schnitzereien von todten Enten, Hühnern, Hasen, von Allem, was da kreucht und fleugt, in plastischer Brutalität herausspringen. Das sind noch immer die Geräthe für den Mittelstand, für unsere Beamten, Officiere, Kaufleute, Handwerker; die für den untersten Stand bestimmten sehen noch schlimmer aus.

Geben wir uns doch angesichts dieser Thatsachen keinen Illusionen hin, lassen wir uns durch die blendende Etiquette der Ausstellungen nicht täuschen, sondern gehen wir von dem Grundsatze aus, daß Selbsterkenntniß der mächtigste Hebel zum Fortschritt ist, und gestehen demgemäß ein, daß unsere Kunstindustrie auf falschem Wege ist und gerade dort, wo die Noth am größten ist, noch so gut wie gar nichts erreicht hat.

Eine ausschließliche Luxusindustrie wollen wir nicht. Eine Luxusindustrie wird immer ungesund sein, denn die zum echt künstlerischen Schaffen nothwendige Freiheit hat sie mit der Abhängigkeit von den Launen der „oberen Zehntausend“ vertauscht. Sie schafft Prachtstücke und verfällt zumal in unserem Falle, wo der gesunde Boden des Könnens noch fehlt, durchgehends dem Fehler, die zweckliche Bestimmung der Geräthe zu vernachlässigen und unbequemen Prunk als die Hauptsache zu betrachten, sodaß überflüssiger, häufig sinnloser, ja widersinniger Zierrath die Unfähigkeit, den Gegenstand dem Material, der Technik und dem Zwecke gemäß zu gestalten, verdecken muß. Hier ein Beispiel: Ein Büffet soll bekanntlich Tisch und Kasten zugleich sein; der Kasten soll zum Aufbewahren und Schaustellen von Tischservice und die den Unterbau abschließende Tischplatte zum Aufstellen von Terrinen, Schüsseln, Tellern etc. während des letzten Anrichtens der Speisen dienen. Diese zweckliche Bestimmung ist in erster Linie bei dem Aufbau eines Büffets maßgebend. Demgemäß muß der untere Theil mit der Tischplatte recht breit und niedrig, um ein bequemes Aufstellen großer Schüsseln zu gestatten, der obere kastenartige Aufsatz aber möglichst hoch und geräumig sein, um das Tischgeräth und einige hübsche Schaustücke, wie Krüge, Kannen, Majoliken etc., bergen zu können. Nun verfährt man gerade umgekehrt. Der untere Theil wird hoch und schmal gemacht, die an und für sich schon schmale Tischplatte durch aufgesetzte Säulchen und Console, welche den oberen, vorspringende Kastenaufsatz tragen, noch mehr beengt und der räumliche Inhalt des letzteren durch Spiegel und andere Decorationsmittel so beschränkt, daß er völlig unbrauchbar ist. So ist der Beruf des Geräthes


  1. Wir weisen bei dieser Gelegenheit auf zwei neuerdings erschienene Publicationen dieses Genres rühmlich hin, auf Georg Hirth's: „Das deutsche Zimmer der Renaissance, Anregungen zu häuslicher Kunstpflege“ (Leipzig und München, G. Hirth) und „Unser Heim im Schmuck der Kunst“ (Leipzig, E. Schloemp).
    D. Red.
  2. Nicht weniger Aufmerksamkeit lenken in letzter Zeit die Fachausstellungen auf sich, die, wenn sie Material, Bearbeitungsweisen und Erzeugnisse auch hinsichtlich des Ursprungs und der allmählichen Entwickelung zur Anschauung bringen, für allgemeine Kenntnißbereicherung und Geschmacksbildung gleich vortheilhaft wirken können. In Leipzig sah man – um nur Eines zu erwähnen – im Frühling dieses Jahres eine Drechslerwaaren-Ausstellung, die nach der ebengenannten Richtung Vortreffliches bot; als noch ansehnlicher erweist sich die gegenwärtig vielbesuchte allgemeine deutsche Wollen-Industrie-Ausstellung namentlich hinsichtlich ihrer nationalwichtigen Bedeutung, weshalb wir derselben einen besondern Artikel zu widmen gedenken.
    D. Red.