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Die betäubende Prise

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Textdaten
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Autor: M. Hagenau
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Titel: Die betäubende Prise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 626
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die betäubende Prise.

Von M. Hagenau.


In Kriminalgeschichten aus älterer Zeit spielt die Tabaksdose eine unheimliche Rolle. In einem Postwagen reisen zwei Personen zusammen und die eine bietet der anderen eine Prise an. Arglos wird dieselbe angenommen; aber nach kurzer Zeit bringt der Schnupftabak ungewöhnliche Wirkung hervor. Der Schnupfer verliert das Bewußtsein und verfällt in einen tiefen Schlaf. Ist er aus der Betäubung erwacht, so sieht er sich allein im Wagen; sein Reisegenosse ist verschwunden und die nähere Untersuchung des Gepäcks oder der Taschen des Betäubten zeigt, daß er beraubt wurde! Der Uebelthäter hatte zweifellos dem Schnupftabak betäubende Gifte beigemengt und durch die Prise sein Opfer eingeschläfert, um sein Verbrechen leichter auszuführen!

Erzählungen dieser Art gingen einst von Mund zu Mund und wurden anstandslos geglaubt. In der Neuzeit ist man gegen solche Mitteilungen mehr mißtrauisch geworden. Es sind zwar wiederholt Leute vor Kriminalbehörden erschienen und haben die Beschwerde vorgebracht, ein Unbekannter habe sie im Eisenbahncoupé arglistig betäubt, aber fast immer konnte nachgewiesen werden, daß solche Beschuldigungen auf Selbsttäuschung oder Betrug beruhten.

So behauptete z. B. eine Dame in Wien, sie sei durch eine Zeitung betäubt worden, die mit einer narkotischen Substanz, einem einschläfernden Mittel imprägniert war. Der Gerichtsarzt mußte erklären, daß eine Betäubung auf diese Weise durchaus nicht hervorgebracht werden konnte; denn es giebt kein Mittel, das, in so geringen Mengen vor Nase und Mund gebracht, betäubend wirkt. Viel Aufsehen erregte vor einigen Jahren die Erzählung eines Postmeisters, daß er von einem unbekannten Manne im Eisenbahnabteil durch Schnupftabak betäubt und dann in einer ihm unbekannten Gegend ausgesetzt worden sei. Es stellte sich später heraus, daß der Mann flunkerte und seine Stellung wegen begangener Unredlichkeiten verlassen hatte. Die Fabel von der betäubenden Prise wurde jedoch geglaubt und hatte, wie E. Hofmann in seinem „Lehrbuch der gerichtlichen Medizin“ berichtet, eine Beunruhigung des Publikums zur Folge. Eine Woche darauf fuhr auf derselben Strecke, auf welcher dem Postmeister jene Unbill zugefügt sein sollte, eine junge Dame allein mit einem Herrn in einem Wagenabteil erster Klasse. Der Herr bot ihr eine Cigarette an und die Aermste geriet infolge dieser Galanterie in eine so große Aufregung, daß sie aus dem Fenster springen wollte; sie glaubte, der Fremde wollte sie betäuben.

Wer die Wirkung der einschläfernden Gifte kennt, muß wohl zu der Ansicht gelangen, daß es einem noch so raffinierten Verbrecher schwerlich gelingen könnte, sein Opfer durch eine Schnupftabakprise, der Gift beigemengt ist, arglistig zu betäuben. Das möge zur Beruhigung der Reisenden dienen; im übrigen kann sich jedermann selbst schützen, indem er von einem Fremden keine Prise annimmt. Dabei darf aber nicht geleugnet werden, daß Menschen durch Schnupfen sich vergiften oder betäuben können; nur ist zu einer solchen Wirkung mehr als eine gelegentliche Prise nötig. Betäubende Schnupfmittel wurden früher in Europa und werden noch heute von einigen Naturvölkern angewandt.

Sehr interessant sind die Schilderungen einer solchen Unsitte bei einigen Indianerstämmcn Südamerikas.

Schon Alexander v. Humboldt beschrieb die Bereitung und Verwendung des sogenannten Niopopulvers bei den Maypura-Indianern, die sich damit in einen eigentümlichen Zustand von Trunkenheit, ja man könnte sagen von Wahnsinn versetzen. Sie pflücken die langen Hülsen eines Baumes aus der Familie der Mimosen, zerhacken dieselben und lassen sie angefeuchtet gären. Die Indianer warten nun, bis die erweichten Hülsen schwarz werden, kneten dieselben dann zu einem Teig, vermengen ihn mit Maniokmehl und Muschelkalk und setzen die Masse über ein lebhaftes Feuer auf einem Rost aus sehr hartem Holz. Der gedörrte Teig nimmt die Gestalt kleiner Kuchen an. Will man dieselben gebrauchen, so werden sie zu feinstem Pulver zerrieben und auf einen kleinen Teller gestreut. Das Schnupfen geschieht dann mit [627] Hilfe hohler Vogelknochen. Der Indianer hält den mit einer Handhabe versehenen Teller in der rechten Hand, während er das Niopopulver durch die Vogelknochen, die er in die Nasenlöcher eingesetzt hat, einzieht. In ähnlicher Weise berauschen sich durch Schnupfen narkotischer Kräuter die Makusi, Omaguas, Muras, Maukas und Tecunas in den Gebieten des Orinoco und Amazonenstromes. Sie verfallen dabei in einen erregten, an Raserei grenzenden Zustand, der mehrere Stunden anhält und mit Ermattung oder voller Betäubung endigt.

In Europa wird gegenwärtig fast ausschließlich Tabak geschnupft. Es wird zwar behauptet, daß die Spanier diese Sitte von den Indianern Südamerikas gelernt hätten, aber diese Behauptung stützt sich keineswegs auf überzeugende Beweise; mit mehr Recht darf man annehmen, daß die Gewohnheit des Tabakschnupfens in Europa selbständig ausgebildet wurde. In der alten Welt schnupfte man seit uralten Zeiten, allerdings nicht des Genusses halber, sondern zu Heilzwecken. Den Aerzten des Altertums galt das Niesen als ein Zeichen der Gesundheit und sie verordneten darum den Kranken verschiedene Niespulver, die aus allerlei scharfen einheimischen Kräutern bereitet wurden. Die Nieswurz verdankt ja geradezu dieser Verwendung ihren Namen. Die Tabakpflanze wurde zunächst als ein heilsames Kraut, als eine neue Medizin, nach Europa gebracht. Mit dem neuen Mittel, das vielfach auch indisches Bilsenkraut genannt wurde, kurierte man flott alle möglichen Leiden und verfiel auch bald auf den Gedanken, es als Schnupfpulver zu verwenden. Zu einer besonderen Berühmtheit gelangte es um die Mitte des 16. Jahrhunderts durch folgenden Vorfall. König Franz II. von Frankreich litt oft an sehr heftigen Kopfschmerzen, gegen die alle angewandten Mittel nichts gefruchtet hatten. Auf den Vorschlag seiner Mutter, Katharina von Medici, wurden die Leibärzte bewogen, einen Versuch mit gepulverten Tabakblättern zu machen. Der König schnupfte, die Hofleute ahmten es nach und so kam das Tabakschnupfen am französischen Hofe in Gebrauch. Schließlich verdrängte der Tabak fast gänzlich alle einheimischen Schnupfmittel. Nur in der Volksmedizin haben sich hier und dort die Nies- und Schnupfpulver erhalten. Eine gewisse Berühmtheit besitzt z. B. der Schneeberger Schnupftabak, der aus aromatischen Kräutern in Schneeberg im Sächsischen Erzgebirge bereitet wird.

Die alten Aerzte begnügten sich jedoch keineswegs mit Kräutern, die Niesreiz erzeugen. Sie verordneten auch, um schmerzhafte Leiden zu lindern, Pulver aus einheimischen Giftkräutern, die narkotische oder betäubende Stoffe enthielten. Sie verfuhren dabei ähnlich wie die heutigen Aerzte, die z. B. Cocaïnpulver in die Nase einblasen oder schnupfen lassen. Mit jenen Pulvern aus Giftkräutern wurde nun in früheren Zeiten ein sträflicher Unfug getrieben. Manche von ihnen erzeugten ähnlich wie das südamerikanische Niopopulver Aufregung, Raserei, die mit Hallucinationen verbunden war, und zuletzt auch Bewußtlosigkeit oder schwere Vergiftung. Solche Pulver verwendete man auch gern zu Zaubereien. Namentlich in Frankreich waren sie unter den Namen poudres sorcières, Hexenpulver, bekannt. Zur Zeit der Hexenepidemien wurden sie gleich den Hexensalben, welche dieselben Giftstoffe enthielten, von den nervös erkrankten Hexen (vgl. „Gartenlaube“, Jahrg. 1895, S. 312) benutzt, die sich damit leichter in den Zustand der Verzückung versetzten. Mit diesen Pulvern soll auch, wenn die Mitteilungen alter Schriftsteller nicht auf Irrtum beruhen, ein verbrecherischer Mißbrauch zum Betäuben von Personen getrieben worden sein. Man beschuldigte namentlich die Zigeuner, daß sie solche Pulver herstellten und verwendeten. Dem Verbrecher kam hier der Umstand zu Nutzen, daß sein Opfer in der Meinung, ein Heil- oder Stärkungsmittel zu benutzen, größere Mengen des Pulvers verschnupfte.

Dank der fortschreitenden Aufklärung sind heutzutage derartige Vergiftungen und Betäubungen geradezu unmöglich geworden, von dem Arzt würden sie als solche auch sofort erkannt werden. Daß der Schnupftabak, wie andere beißende Pulver, von Verbrechern ihrem Opfer in die Augen gestreut wird, um dasselbe zu blenden und vorübergehend widerstandsunfähig zu machen, ist ein bekannter „Kunstgriff“, den wir nebenbei erwähnen. Wir möchten uns aber zum Schluß noch gegen das Schnupfen verschiedener scharfer Kräuter, wie es hier und dort gegen Augenleiden im Volke üblich ist, aussprechen. Es nützt in den seltensten Fällen, führt aber häufig Erkrankungen der Nase herbei.