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Die Wanderredner in Amerika

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Titel: Die Wanderredner in Amerika
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 473–475
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[473]

Der Wanderredner in Amerika.

Weit, weit draußen ist’s, im „fernen Westen“ auf den amerikanischen Prairien, hundert deutsche Meilen westlich vom Missouri und etwa halbwegs zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ocean. Auf Hunderte von Stunden ist ringsum kein Haus, keine Spur von der Existenz des Menschen, da plötzlich kommt zum ersten Male der Dampfzug angebraust, der die beiden Küsten des amerikanischen Continents verbinden soll, und nicht lange währt es, so folgen ihm alle Zeichen und Leistungen des transatlantischen [474] Lebens: die Farm, der Werkschuppen, das Dorf, die Kirche, das Schulhaus, die Zeitungspresse und als das specifischst Amerikanische von Allem das wohlgeordnete und wohlgegliederte System der öffentlichen populären Vortrage.

Kaum sehen wir den neuen Ort im Westen zu ein paar hundert primitiven Wohnstätten angewachsen, so muß nach dem Gaukler, dem wandernden Circus und den „äthiopischen Minstrels“ sicher auch schon der „Lecturer“ herbei, welcher den Geistern in der Wildniß draußen die Civilisation von jenseit der Alleghanyberge vermittelt; man will ihn sehen, den Redner, den Dichter, den Philosophen, und ob man ihn auch Tausende von englischen Meilen aus den Städten Neu-Englands verschreiben muß. Rasch werden die Vorbereitungen zu einem besonderen Cursus von öffentlichen Vorträgen getroffen, in den man höchstens ein paar Concerte mit aufnimmt. Man beruft eine Versammlung, bestimmt meist einen Theil des vom Unternehmen erhofften pecuniären Gewinnes zu irgend einem Wohlthätigkeitszwecke, sichert sich durch die Subscriptionen gemeinnütziger Männer vor allfälligem Deficit und ernennt das „Lecture-Committee“, aus dessen Mitgliedern der die Redner einladende Secretär, der Schatzmeister des Vereins und der Präsident, welcher die Vortragenden bei dem Publicum einzuführen hat, erwählt werden. Die Vorlesung ist nun das wöchentliche Ereigniß des Ortes; alle anderen Localveranstaltungen und Ereignisse müssen ihm weichen, und es zieht aus weiter Entfernung Zuhörer herbei, d. h. falls dieselben neuenglischer Abkunft sind, denn über einen bestimmten Breitengrad hinaus findet das Institut keinen gedeihlichen Boden, wie sich ihm im Allgemeinen auch die fremden Einwanderer fern zu halten pflegen, welche es gleich anderen Nationalgerichten höchstens höflich kosten, doch nur selten ihm Geschmack abgewinnen können.

Ein halb Dutzend bis zwanzig machen den Wintercyklus dieser Vortrage aus, die ursprünglich die verschiedensten Disciplinen, Religion, Naturwissenschaft, Technik, Geschichte, Philosophie und Poesie in ihren Bereich zogen. Zunächst besteht jede einzelne Localorganisation für sich, bald jedoch thun sich einige benachbarte Städte zusammen, um das Unternehmen gemeinschaftlich zu fördern und so gewissen Lieblingslecturern in derselben Reiserichtung eine ganze Reihe von Engagements darbieten zu können. Auf diese Weise ist nach und nach ein sehr ausgebildetes und weitverzweigtes System von „Literarischen Vereinen im Westen“ entstanden, dessen Gebiet von Pittsburg in Pennsylvanien sich bis nach Laurence in Kansas erstreckt. Der Agent dieser Associationen, ein Herr Torbert in Dubuque, Iowa, hat im verflossenen Winter zwischen fünfunddreißig Lecturern und einhundertundzehn litterarischen Vereinen abgeschlossen und dadurch jeder einzelnen Stadt einen nennenswerthen Cursus regelmäßiger Vortrage, jedem Lecturer eine ansehnliche Folge von Engagements verschafft.

Allemal im Herbst veröffentlicht er sein Verzeichniß von Vorlesern mit ihren verschiedenen Thematen und Preisen und überläßt dann jedem Verein, aus dieser Liste seine Auswahl zu treffen. Sobald der Lecturer sich einen Ruf zu gründen verstanden, hat er weiter keine Mühe bei der Sache. Er stellt nur seine Forderungen – alles Andere besorgt der Agent – und begiebt sich darauf mit einem gedruckten Circular in der Tasche, aus welchem der Reihe nach sein Dutzend oder sein Hundert Engagements, wie es gerade der Fall ist, gedruckt stehen, auf die Fahrt gen Westen. Vielleicht hat er die Namen von manchen der Städte, wo er Vortrage zu halten hat, noch niemals gehört, allein das thut nichts, ist er doch sicher, daß er überall sein Publicum findet und seine Dollars einstreicht.

In jedem Orte erwartet ihn bei seiner Ankunft sicher ein Mann des Vorlesungs-Comités, und der Eine erkennt sofort den Anderen durch eine gewisse Freimaurerei der Augen, die selten fehl geht. Mit einem Worte, die Maschinerie des Ganzen greift so wohl ineinander und arbeitet so glatt und ruhig, daß eine Unterbrechung ihres Ganges kaum zu fürchten ist, wenn nicht etwa einmal ein großer Schneesturm zwanzig Lecturer zugleich auf ebenso vielen Eisenbahnen blockirt und derart das Publicum von zwanzig einzelnen Orten vergeblich warten läßt, denn keine Vorlesung, die aus irgend welchen Gründen vereitelt worden ist, kann nachgeholt werden; der Wanderleser muß ja nach der nächsten Stadt auf seiner Route eilen und dort am bestimmten Tage eintreffen.

Ein aufregendes Leben ist es, was diese Vorleser führen! Wäre auch das Publicum noch so langweilig und gleichgültig, schon der Hinblick auf die materiellen Erfolge seiner Wirksamkeit müßte das Interesse des Lecturers wecken und erhalten. Allein das Publicum ist selten langweilig und gleichgültig, und es verlohnt schon der Mühe, ihm Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Freilich muß er Nacht für Nacht auf der Eisenbahn zubringen und in einem „Schlafcoupé“, so gut es gehen will, zu ruhen suchen, während sein Schaukelbett Meile um Meile weiter gerüttelt wird. Kaum graut der Tag, so hat er sich vielleicht aus seinem Schlummer zu reißen, um ein anderes trostloses Vehikel zu besteigen oder, mitten in der Wildniß, fröstelnd ein wenig erquickliches Frühstück hinabzujagen, und so geht es weiter und weiter, bis er bei sinkender Nacht an seinem Bestimmungsorte anlangt und, im höchsten Stadium menschlicher Abgespanntheit und Erschöpfung nach dem Saale eilen muß, wo das Publicum schon ungeduldig seiner harrt. Hier aber ändert sich mit Einem Male die Scene. Mit dem Glanz der strahlenden Gaslampen kehren ihm Kraft, Spannung, Begeisterung zurück, gerade wie die Fußlichter den abgehetzten Schauspieler neu beleben. Der helle Saal grüßt ihn wie ein alter Bekannter, die Gesichter erscheinen ihm wie die vertrauter Freunde und das Publicum kommt ihm vor, als sei es mit ihm von den östlichen Gestaden gen Westen gefahren. Unter allen Umständen werden diese Männer und Frauen da lachen, wo ihre Vorgänger gelacht, an den Stellen Beifall klatschen, wo diese Letzteren Beifall geklatscht haben, und wenn es auch schwer sein mag, in einen Einleitungssatz neues Leben und neue Kraft zu gießen, der schon volle vier Wochen und genau zur selben Stunde hat seine Schuldigkeit thun müssen, so ist es doch möglich. Die Begeisterung, eine neue Anspielung, ein neues Bild stellen sich ein, mit jeder Minute fließt der Strom seiner Beredsamkeit voller, bis er mit einem wohlgelungenen „Abgang“ demüthig die Tribüne verläßt und mit geziemender Bescheidenheit die Complimente des Präsidenten entgegennimmt. Zur Erwiderung dieser Artigkeiten lobt er die Bildung seiner Zuhörerschaft so wie Architektur und Akustik des Stadthaussaales und schüttelt dann sämmtlichen Mitgliedern des Comites und anderen tonangebenden Notabilitäten die Hand. Jetzt ist Alles Friede in ihm, und mit dem Bewußtsein wohlerfüllter Pflicht zieht er sich in sein Hotel zurück oder erfreut sich der Gastfreundschaft eines kleinen westlichen Hauswesens, wo er sich mit Güte und Freundlichkeit überschüttet findet, für die man keine andere Gegenleistung von ihm erwartet, als die jüngsten Neuigkeiten aus den Städten des Ostens. Hinweg ist jetzt alle Abspannung und Erschöpfung, mit der leicht errungenen Popularität gewinnt sein Geist neue Schwungkraft und Elasticität, und sein Lecturerleben dünkt ihm eine köstliche Existenz.

Auch am anderen Morgen, während er, um hundert Dollars reicher, in der kühlen Frühluft neuen Feldern und Weidegründen entgegendampft, bleibt seine Stimmung gehoben, und nur erst, wenn der Tag sinkt, überkommt ihn wieder das ganze Gefühl seiner trostlosen Einsamkeit und des Tretradwerkes, welches er treibt, erhöht durch den unerquicklichen Aufenthalt in den amerikanischen Hotels und den schlechten Stationsrestaurationen mit ihrer schweren, unverdaulichen Speise, da wo der Zug hält. In seinem Reisecostum meist unerkannt seine Straße ziehend, muß er vielleicht dem Coupénachbar seine eigene äußere Erscheinung beschreiben, sich den Besuch seiner eigenen Vorträge anrathen oder, nach Befinden, auch davon abrathen lassen, also lebendig der Bestattung seines Namens und Ruhmes beiwohnen. Desgleichen macht er manchmal die Erfahrung, wie das Interesse, welches er zu seiner Freude das Publicum an den Tag legen sieht und das, je näher er seinem Ziele kommt, je allgemeiner und lauter wird, auf ganz andere Gründe zurückzuführen ist, als auf seine persönlichen Leistungen und Verdienste.

So erinnert sich der amerikanische Lecturer, dessen Aufzeichnungen wir im Wesentlichen gefolgt sind, einer Eisenbahnfahrt, auf welcher die Passagiere nicht nur, sondern selbst Schaffner und Bahnbeamte sich fast ausschließlich von dem am Abend zu erwartenden Vortrag unterhielten und versicherten, daß nichts in der Welt sie von der Theilnahme an demselben abhalten würde.

Ein solches auffälliges Interesse schien ihm weder seinem Rufe im Allgemeinen noch der besonderen Vorlesung zu entsprechen, um die es sich handelte; er konnte sich in der That die Ursache dieser ungewöhnlichen Sympathie nicht erklären, nahm sie indeß als das angenehmste Omen mit auf den Weg. Als er sich auf der kleinen Zweigbahn, in welche man eingelenkt war, seinem Ziele näherte, [475] wandte der Oberschaffner kein Auge mehr von ihm; er war ja noch der einzige Fremde im Zuge, mithin zweifelsohne der Redner und Held des Abends. Endlich näherte sich ihm der Beamte. „Calculire,“ begann er, „Sie sind der Lecturer? Sie wissen wahrscheinlich nicht,“ fuhr er mit Würde fort, „daß der Präsident des Literarischen Vereins, der Sie eigentlich heut’ Abend dem Publicum vorführen sollte, zufällig in Geschäften abwesend ist; Sie werden also vom Vicepräsidenten vorgestellt werden, und dieser ist der Locomotivführer unseres Zuges.“ Jetzt war die Sache klar! All’ das geistige Interesse, welches das Zugpublicum zu bethätigen schien, es war nichts als Esprit du corps! Und richtig, als die Stunde des Vortrags kam, führte der Maschinist, sehr anständig und gemessen, den Lecturer der harrenden Menge vor, in seiner eleganten Abendtoilette selbst wie ein Professor aussehend, um anderen Tages wieder die Locomotive zu dirigiren, welche den Vorleser der nächsten Vortragsstation entgegentrug.

Wir haben bisher blos von dem Lecturesystem im Westen der Vereinigten Staaten gesprochen, weil es hier nach allen Seiten hin am besten organisirt ist und zugleich das charakteristischste Gepräge trägt. In den civilisirteren Staaten des Ostens theilt es seine Bedeutung mit vielen anderen geistigen Einflüssen und bedarf auch der bestimmten centralisirenden Organisation nicht so sehr. Die Lecturer sind hier leichter zugänglich und im Stande, die nöthigen Anordnungen für ihre Vorträge selbst in die Hand zu nehmen. Indeß hat eine Gesellschaft in New-York, „das Amerikanisch-Literarische Bureau“, begonnen, die Praxis des Westens auch in die Vorlesungscyklen der atlantischen Staaten einzuführen. Im letzten Winter hatte sie bereits für acht verschiedene Staaten mit dreißig Lecturern abgeschlossen, um sich für die nächste Saison jedenfalls noch weiter auszudehnen. Wie groß die Gesammtzahl dieser in Nordamerika bestehenden „Literarischen Vereine“ ist, läßt sich nicht ganz genau ermitteln; doch dürfte man eher zu niedrig als zu hoch greifen, wenn man ihre Ziffer westlich des Alleghanygebirges etwa auf zweihundert und östlich des letzteren auf fünf- bis sechshundert veranschlagt.

Heerd und Hort der ganzen Institution ist Massachusetts, speciell Boston, das überhaupt als die amerikanische Metropole der Intelligenz bezeichnet werden muß. In New-York dagegen hat das System, ebenso wie in allen mittleren Staaten der Union, nur wenig Wurzel geschlagen, in den Sclavenstaaten ist es gar nicht in’s Leben getreten. Ungefähr vierzig Jahre alt, verdankt es dem großen amerikanischen Schulreformator, Horace Mann, seine Entstehung. Damals gab es noch keine Lecturer von Profession; Advocaten, Aerzte und Geistliche des Ortes und der Umgegend waren die Vortragenden und hielten ihre Vorlesungen lediglich aus Liebe zur Sache, im Interesse der Volksbildung. Als einige dieser Männer sich zu einer gewissen Popularität gelangt sahen, erweiterten sie den Kreis ihrer Vorlesungen und nahmen ein Eintrittsgeld. Anfangs galten fünfzehn Dollars als hoher Preis für einen dergleichen Vortrag, gewöhnlich forderte man nur acht bis zehn Dollars für den Abend, und es verstrich manches Jahr, ehe fünfundzwanzig bis fünfzig Dollars der übliche Satz für jeden einzelnen Vortrag wurden. Selbst heute noch werden im Osten der Vereinigten Staaten die Lecturer weit geringer bezahlt als im Westen; einmal, weil dieselben nicht aus so weiter Ferne herbeigeschafft werden müssen, und sodann, weil eine Menge anderer Unterhaltungen und Ergötzlichkeiten den Vorlesungen Concurrenz machen.

Mit dem Lecturer von Profession ist aber der Charakter dieser öffentlichen Vortrage überhaupt ein anderer geworden; ursprünglich waren Wissenschaft und Poesie Gegenstand derselben, jetzt bildet die Politik fast ihr ausschließliches Thema; die Lecturer sind in der Regel nur noch „Stumpredner“, wenn auch meist geistreicher und gebildeter als die eigentlich sogenannten. Seit der Antisclavereiagitation und dem ihr folgenden großen Kriege hat die Politik alles andere Interesse überwuchert. Das Publicum will jetzt jeden öffentlichen Mann, namentlich jeden hervorragenden Reformer von Angesicht zu Angesicht sehen und die volle Wucht seiner Rede empfinden.

Unstreitig hat diese Tendenz des Publicums ihre gute Wirkung gehabt. Alle großen öffentlichen Fragen sind auf diese Art discutirt worden und werden es noch, wie z. B. augenblicklich die brennende Frage vom Stimmrecht der Frauen, und können natürlich nirgends ruhiger und angemessener beleuchtet und erläutert werden als von dem Katheder des Vorlesungssaals aus, wo der Staatsmann allein spricht, mir seine eigene Meinung äußert und Niemanden und keine Partei compromittirt.

Diese großen Vortheile werden indeß durch ebenso große Nachtheile aufgewogen. Was die politische Bildung gewonnen, das haben Kunst und Wissenschaft verloren; der leidenschaftliche Redner hat den ruhig erörternden Gelehrten verdrängt. Wenn Sumner das göttliche Strafgericht auf einen verbrecherischen Präsidenten herabdonnert oder Anna Dickinson für die Befreiung ihres Geschlechtes plaidirt, da findet Longfellow für seine Dante-, oder Lowell für seine Hamlet Erklärungen kein Publicum mehr. Nur Agassiz als naturwissenschaftlicher und Emerson als philosophischer und literarischer Lecturer behaupten auch heute noch ihre alte Popularität und machen volle Säle, wann immer sie auftreten. Sehen wir derart Kunst und Wissenschaft aus den gewöhnlichen Vorlesungscyklen leider fast ganz verbannt, so finden wir sie in einigen größeren Städten unter dem Schirme bestimmter Gesellschaften, wie des Cooper-Instituts in New-York und der Lowell-Lectures in Boston, doch noch eifrigst gepflegt und müssen namentlich diesen beiden Vereinen die wesentlichsten Verdienste um die allgemeine Volksbildung vindiciren.

Der „Preis“ der einzelnen Lecturer ist selbstverständlich je nach ihrer Popularität und Bedeutung sehr verschieden. Die populärsten derselben, darunter in erster Linie die oben schon genannte Dame, Miß Anna Dickinson, erhalten für einen einzigen Vortrag zweihundert und mehr Dollars von den Vereinen, die mit ihnen abgeschlossen haben. Man kann sich daher leicht vorstellen, welch’ einträgliches Geschäft ein solches Lecturerthum ist. Ein einziger Winter schafft dem Redner nicht selten ein ganz erhebliches Vermögen; so ist zum Beispiel die große und höchst werthvolle Bibliothek, welche der unvergeßliche Theodor Parker seiner Vaterstadt hinterlassen hat, lediglich die Frucht seiner Vorlesungen gewesen. Ein anderer berühmter Lecturer, Theodor Tilton, ist zugleich Herausgeber eines ungemein verbreiteten und einflußreichen religiösen Wochenblattes, des „New-York-Independent“. Nun wurden ihm von den Eigenthümern der Zeitschrift für dieses Jahr zwölftausend Dollars als Redactionsgehalt geboten, unter der Bedingung jedoch, daß er seine Wintervorträge einstellte. Er ging jedoch auf diesen Vorschlag nicht ein, sondern begnügte sich mit siebentausend Dollars Jahresgehalt, um dabei nach Belieben Vorlesungen halten zu können, welche ihm die Differenz doppelt und dreifach einbringen. Daß Dickens während seiner unlängst vollendeten Vorlesungsreise in Amerika Abend für Abend Tausende von Dollars geerntet hat, darf unter solchen Umständen, bei der Vorliebe des amerikanischen Publicums für dergleichen Unterhaltungen und bei seiner Vergötterung Alles dessen, was der Tag eben zur Mode und Berühmtheit erhebt, nicht Wunder nehmen; aus denselben Gründen wird auch erklärlich, daß trotz der oft fabelhaften Einnahmen mancher Lecturer die literarischen Vereine selbst, die sich ihrer bedienten, meistens auch vortreffliche Geschäfte machen. Die öffentlichen populären Vorlesungen gehören dem Nordamerikaner nun einmal zu dem unentbehrlichen Schmuck des Lebens und ersetzen in einem Lande, das sich zum Theil erst aus den Urzuständen der Wildniß herausarbeitet, einigermaßen die Fülle von Bildungsmitteln, wie sie uns in den civilisirten Staaten Europas eine tausendjährige Cultur an die Hand giebt.

Uebrigens hat das Lecturesystem seinen Höhepunkt noch nicht erreicht; vielmehr ist es hinsichtlich Organisation und Methode noch in stetiger Entwickelung begriffen, wie auch die Vorträge selbst nach Gegenstand und Darstellung ihre endgültige Form noch nicht gefunden haben. Weil die Politik augenblicklich alles öffentliche Interesse absorbirt, so folgt daraus noch nicht, daß dies immer der Fall sein wird. So lange die Aufregung der Gemüther währt, welche die Sclavenfrage hervorgerufen hat, und ehe die Südstaaten nicht auf allgemein befriedigenden Grundlagen „reconstruirt“ sind, so lange wird freilich die Richtung der Geister keine andere werden. Ist aber erst die bevorstehende Präsidentenwahl vorüber, alsdann ist alle Aussicht zu einer Periode verhältnißmäßiger politischer Ruhe vorhanden, und mit ihr werden Kunst und Wissenschaft, die Kinder des Friedens, auch in den Vereinigten Staaten und in deren öffentlichen Vorlesungen die Stelle wieder einnehmen, welche ihnen gebührt.