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Die Verfälschung der Nahrungs- und Genußmittel/3. Die chemischen Biersurrogate

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Autor: Dr. Gustav Dannehl
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Titel: Die Verfälschung der Nahrungs und Genußmittel. 3. Die chemischen Biersurrogate.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 649-651
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Verfälschung der Nahrungs- und Genußmittel.
3. Die chemischen Biersurrogate.


Während die Anwendung der Malzsurrogate, das heißt das „Schmieren“, wovon der vorige Artikel handelte, noch bis vor Kurzem von den Brauern zugegeben, ja öffentlich in Schutz genommen wurde, lassen sich die Vertheidiger der modernen chemischen Bierbereitung keine Gelegenheit entgehen, jede auf wirkliche Fälschung zielende Behauptung der Presse als verleumderische Verdächtigung des Brauereigewerbes zu brandmarken. Da nun bekanntlich die Chemie nicht im Stande ist – und dies muß besonders betont werden – jedesmal mit völliger Gewißheit nachzuweisen, was für schädliche Stoffe und in welchen Mengen sie dem Biere beigemischt sind, so ist der ewige Einwand der Brauer der, daß man nie einen Brauer namhaft gemacht habe, in dessen Bier nachtheilige Stoffe gefunden worden seien. Wir werden sehen, was von solchen Einwänden zu halten ist und daß es doch noch andere Beweise für die Anwendung dieser Surrogate giebt. Gewöhnlich verbindet man mit den Entgegnungen, die von den Präsidien dieses oder jenes Brauerbundes ausgehen, noch den nützlichen Nebenzweck, durch das Eifern gegen die Verleumder, welche von Giften gesprochen haben, sowie durch die heuchlerische Berufung auf die Erfolglosigkeit von Bieranalysen – die, beiläufig gesagt, meist gar nicht angestellt worden sind – die Aufmerksamkeit des Publicums von der zwar ungefährlichen, aber, wie wir gesehen haben, ekelhaften und – sehr lohnenden Bierschmiererei geschickt abzulenken. Da nämlich das „thörichte Vorurtheil“ des Publicums nicht zu beseitigen war, mußte man auch das Schmieren leugnen, und die Malzsurrogate wurden auf der letzten Brauerversammlung in Frankfurt recht demonstrativ auf den Index gesetzt, natürlich wohlverstanden nur in der Presse, nicht in den Brauereien.

So lebhaft aber auch die Anwendung von nachtheiligen Surrogaten in Abrede gestellt wird und so wenig sich auch dieses Ableugnen durch chemische Analysen widerlegen läßt: immer und immer wieder tritt in der Presse und in der fachwissenschaftlichen Literatur in bestimmtester Form die Behauptung auf, daß in vielen Bieren nicht blos unzuträgliche, sondern sogar stark giftige Stoffe enthalten seien und daß die Fälschung von Jahr zu Jahr bei uns an Boden gewinne.

F. H. Walchner, um nur einige Zeugnisse anzuführen, ein unermüdlicher Forscher auf dem Gebiete der Lebensmittelverfälschung, den man als praktischen Arzt und erfahrenen Chemiker wohl für einen glaubwürdigen Gewährsmann gelten lassen wird, führt in seinem trefflichen Buche über die Nahrungsmittel des Menschen außer anderen weniger schädlichen Stoffen folgende Surrogate als die bei der Bierbereitung gebräuchlichsten an: Kokelskörner, Opium, Dickauszug von Mohnköpfen, Ignazbohnen, Strychnin, Brechnuß, Tabak, wilden Rosmarin, Bilsenkraut, Belladonnablätter. Man bedient sich dieser durchaus stark giftigen Pflanzenstoffe nach Walchner und anderen Autoritäten, um den dem Biere abgehenden Weinsteingehalt und Stärkegrad durch die ihnen innewohnenden narkotischen Eigenschaften zu ersetzen. Ferner werden Quassiaholz, Weidenrinde, Enzianextract, Kalmus, Wermuth, weißer Andorn gebraucht, um die Hopfenarmuth des Bieres durch die berauschenden Eigenschaften und den bitteren Geschmack dieser Pflanzen zu verdecken; seit Kurzem haben sich, wie derselbe Autor nachweist, diesen noch der Wiesensalbei und die gemeine Haide (Erica vulgaris) gesellt, und neuerdings ist, offenbar in Folge der hohen Hopfenpreise, eine vielfach in Zeitungen erwähnte, verdächtig starke Nachfrage nach Herbstzeitlose (Colchicum) gewesen.

Nach Dr. Waltl in Augsburg ist durch die Mauthbücher erwiesen, daß manche Bierbrauer Aloe im Großen beziehen. Auch wird die Sache immer glaubwürdiger, wenn man von Bierkennern erfährt, daß hin und wieder braunes Bier vorkommt, welches sich durch auffallend bittern Geschmack und durch purgirende Eigenschaft verdächtig macht. Derselbe Fachmann weist nach, daß fünfzig Kilogramm Aloe nur fünfundfünfzig Mark kosten und daß man in der Brauerei mit einem halben Kilo Aloe soweit reicht, wie mit fünf Kilo Hopfen. Letzterer kostet aber in diesem Jahre, je nach der Sorte, dreihundert bis vierhundertfünfzig Mark der Centner. Aehnliche Vortheile ergeben sich für den Brauer durch Anwendung der anderen eben erwähnten Hopfensurrogate.

Aber unsere Liste ist noch nicht erschöpft. Zur Verbesserung des Geschmackes geschmierter nichtsnutziger Biere dienen Ingwer, Koriander (namentlich beim Bockbiere angewendet), spanischer Pfeffer, Paradieskörner, Zimmetblüthe; sie müssen dem kraftlosen Gebräu künstlich jene belebende Stärke, jenen prickelnden, erfrischenden Geschmack geben, den das so kostspielig herstellbare reine Malz- und Hopfenbier besitzt. Zur Fällung der Hefentheile dienen nicht immer unschädliche und unentbehrliche Mittel, wie Hasel- und Buchenspähne, Kalbsfüße, Hausenblase, Eiweiß (was nur für kurze Zeit klärend wirkt und große Sorgfalt erheischt), sondern auch ekelhafte und schädliche, wie Tischlerleim, Schafsdärme und Schwefelsäure.

Die Säure schlechter Biere wird mit Austerschalen, Marmor, Eierschalen, Kreide, kohlensaurem Natron, kohlensaurem Kali etc. abgestumpft; während der Alaun und der grüne Eisenvitriol bewirken müssen, „daß der Schaum fingerdick im Glase stehen bleibt“. Auch durch den sogenannten Brausebeutel, der mit pulverisirter weißer Nieswurzel gefüllt und vielfach in das kochende Gebräu getaucht wird, nimmt das Bier höchst schädliche Eigenschaften an. Durch Unwissenheit, Nachlässigkeit und Unreinlichkeit in den Brauereien werden endlich noch unabsichtliche Fälschungen verursacht; namentlich gelangen in Folge schlechter Beschaffenheit metallener Braugefäße und -Geräthschaften Kupfer, Blei, Zink und Schwefel in das Bier. Nicht selten ist auch der Brauer selbst der Betrogene. Die Unsolidität in unserem Handel und Wandel tritt eben überall in betrübender Weise zu Tage, und sobald man einmal auf den Grund geht, muß man sehen, daß Treue und Glauben leere Worte geworden sind. Schlechtes, schimmliges Malz wird massenhaft in die Brauereien eingeschmuggelt. Noch schlimmer steht es um den Hopfenhandel. In einer kürzlich erschienenen Broschüre von Dennerlein heißt es: „Erfahrungsmäßig ist der Hopfen nur so lange echt, so lange er die Schwelle eines gewissenlosen Händlers nicht passirt hat etc.“ Man mischt geringere Sorten, verdorbene Waaren mit besseren, gesunden; durch Schwefeln wird dann eine einheitliche und schönere Farbe erzielt. Der so geschwefelte Hopfen giebt dem Bier höchst [650] nachtheilige, giftige Eigenschaften, weil er meistens arsenik- und kupferhaltig ist.

Zu diesen in den Hopfenhandlungen, chemischen Fabriken, Brauereien oder Lagerkellern ausgeübten Verfälschungen gesellen sich noch die mannigfaltigen gewinnsüchtigen Künste betrügerischer Schenkwirthe, denen der durchschnittliche Gewinn von sechszig bis achtzig Procent oder mehr noch nicht genügt. Wenn man sich die in den Zeitungen fort und fort angepriesenen Geheimmittelrecepte kommen ließe, würde man auch über den Kleinhandel mit Bier wunderbare Aufschlüsse erhalten. Das bequemste und lohnendste Streckungsmittel ist freilich immer das Wasser. Man glaube aber ja nicht, daß das Bier durch einen solchen Zusatz nur dünner und schwächer wird. Vielmehr wirkt ein auf diese Weise verdünntes Bier im höchsten Grade schädlich, weil (nach den gründlichen Untersuchungen von Friedrich) das hinzugegossene Wasser das in seiner Verbindung mit Malzzucker und anderen Extractivstoffen gesunde, seiner narkotischen Eigenschaften beraubte, nicht mehr giftige Princip des Hopfens oder das theilweise paralysirte Princip der Hopfensurrogate wieder frei macht. Ein solches, mit rohem Wasser getauftes Bier ist an seiner geringen Schaumbildung (seinem kahlen Aussehen) und an einem intensiv und widerlich bitteren Geschmack für nüchterne Beurtheiler leicht zu erkennen, aber leider kommt dieses Verfahren meist erst in den höheren Stadien der Fidelität auf Jahrmärkten, Schützen-, Sänger-, Turn- und anderen Volksfesten zur Anwendung, wo denn, „hernach, wenn sie trunken geworden sind“, die heitere Feststimmung die Leiden des Gaumens und des Magens vorläufig übersehen läßt, um dann später einem desto nachhaltigeren „Kater“ Platz zu machen. Nicht allein die Folge unserer schlaffen Gesetzgebung ist es, sondern die unbegreifliche Theilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit des Publicums gegenüber den dringendsten Forderungen des Volkswohles trifft die Schuld daran, daß wir bereits kaum noch nach verfälschten Nahrungsmitteln zu suchen brauchen, sondern schon nach unverfälschen suchen müssen. Die Vertrauensseligen argumentiren etwa so: wenn so stark giftige Stoffe im Biere vorkämen, dann müßten häufigere Krankheitserscheinungen mit deutlich ausgesprochenen Vergiftungssymptomen beobachtet worden sein.

Dagegen ist Folgendes geltend zu machen: Die genannten stark giftigen Stoffe kommen selbstverständlich nur in geringen Quantitäten im Biere vor. Der Vortheil ihrer Anwendung liegt ja gerade darin, daß eine geringe Dosis dieser Gifte ein vielfach größeres Quantum des theueren Hopfens fälschlich und scheinbar ersetzt, indem sie dem Biere einen ähnlich bitteren Geschmack und eine ähnlich narkotische Wirkung verleiht, wie der Hopfen. Die Surrogate sind daher wegen ihrer geringen Quantität und weil sie chemisch ähnlich reagiren wie Hopfen, bei Untersuchungen des Getränkes, wie in ihren Einwirkungen auf den menschlichen Organismus, schwer zu bestimmen. Man hüte sich deshalb anzunehmen, daß diese kleinen Gaben von nachtheiligen Stoffen unschädlich seien! Ein gesunder Mensch, der mäßig trinkt, nur um seinen Durst zu stillen, wird nicht so bald auffällige Wirkungen oder Krankheitserscheinungen spüren, denn der Körper gewöhnt sich bekanntlich an kleine Gaben Gift, die sich sogar mit der Zeit zu Quantitäten steigern lassen, welche einem des Giftes ungewohnten Körper lebensgefährlich werden würden.

Das Arsenikessen mancher Alpenbewohner zum Zwecke momentaner Steigerung der Muskelkräfte, sowie das Einnehmen von Belladonna seitens eitler Damen, die dadurch ihren erloschenen Augen neuen Glanz zu geben suchen, sind ja allbekannte Thatsachen. Daß aber solche Aufnahme von Giftstoffen den Körper allmählich, wenn auch ohne auffällige Symptome, zerstört und unsere Lebenszeit verkürzt, ist wohl unzweifelhaft. Und wer will sagen, daß nicht wirkliche Krankheitserscheinungen in Folge des Biergenusses in Menge auftreten? Die meisten Trinker beachten dieselben nur nicht, weil sie diese Erscheinungen für Wirkungen des „Katzenjammers“ halten, mit dem man es gewohnheitsmäßig leicht nimmt. Nach einem halben, und in schwereren Fällen nach einem ganzen Tage regiert er ja auch gewöhnlich aus. Aber wer steht uns dafür, daß manche schwere Erkrankungen in Folge falscher Diagnose nicht als das, was sie sind, als die Folge des Biergenusses erkannt werden? Medicinische Autoritäten haben nachgewiesen, daß viele der vorhin genannten Stoffe hauptsächlich zerstörend oder wenigstens nachtheilig auf einzelne Organe wirken. So können die Augen durch den Genuß von Quassia bei sonst gesunden Individuen ganz erheblich geschädigt werden.

Der gerichtlich vereidete Chemiker Dr. Heß in Berlin weist nach, daß sogar die Malzsurrogate (Kartoffelzucker, Kartoffelsyrup, Glycerin etc.) gefährlich wirken, indem sie namentlich den so schmerzhaften „Augenkatzenjammer“ hervorrufen; wie viel mehr Gefahren müssen die giftigen Hopfensurrogate den Consumenten bringen! Und wir haben bisher nur gesunde Trinker in’s Auge gefaßt; nun denke man sich einen Leidenden, dem ein Bier mit diesem oder jenem der genannten Surrogate gerade als Stärkungsmittel verordnet wird! Nun stelle man sich die furchtbaren Einflüsse gefälschter Biere in Zeiten vor, wo Epidemien, wie Ruhr, Cholera, Typhus etc., herrschen! Man muß solche Eventualitäten in Erwägung ziehen, um das gewissenlose Verfahren der Fälscher gebührend zu würdigen.

Untersuchungen von Seiten unbestechlicher Chemiker würden hier Vieles klar legen, ich habe aber bisher nur von Analysen gehört, welche im Auftrage von Brauern angestellt worden sind, und zwar in der Absicht, durch eine Veröffentlichung des Ergebnisses, das heißt durch den Nachweis bedeutenden Gehaltes an Nährstoffen etc., Reclame zu machen. Was bieten solche Analysen für eine Gewähr? Werden Fabrikanten solche Biere zur Untersuchung stellen, in denen ungehörige Stoffe enthalten sind, welche mit Hülfe der Chemie gefunden werden können? Die meisten Hopfensurrogate sind chemisch dem Hopfen selbst so ähnlich, daß es schwer sein würde, auf eine solche Untersuchung hin ein rechtskräftiges Zeugniß abzugeben, es müßten denn Gifte in solchen Quantitäten dazugesetzt worden sein; daß die Wirkungen auf lebende Organismen die Ergebnisse chemischer Untersuchungen augenscheinlich bestätigten. Behörden, welche das Recht und die Pflicht hätten, unvermuthet Untersuchungen an Bieren vorzunehmen, die auf eine nicht Verdacht erregende Weise gekauft wurden, existiren bekanntlich bei uns nicht. Apotheker oder Aerzte, welche aus eigenem Antriebe chemische Analysen anstellen und etwa gravirende Ergebnisse veröffentlichen würden, hätten sofort eine Entschädigungsklage seitens des beschuldigten Brauers zu befürchten, und es wäre gar nicht unmöglich, daß sie zur Zahlung bedeutender Entschädigungssummen, ja zu schwereren Strafen verurtheilt würden. Wer wird sich den Möglichkeiten eines solchen Processes ohne Noth aussetzen wollen? Ein ähnlicher Fall liegt gegenwärtig vor. Der Chemiker Dr. Schnacke hatte das Bier einer Actien-Brauerei in der Nähe von Gera analysirt und erklärt, dasselbe sei mit Pikrinsäure versetzt. Die Direction des gedachten Etablissements antwortete darauf mit einer geharnischten Erklärung, sicherte in derselben Demjenigen einen Preis von dreitausend Mark zu, der das Vorhandensein gesundheitsschädlicher Stoffe in ihrem Biere nachweise, und setzte den Dr. Schnacke in Anklagezustand. Der Ausgang dieses Processes, über den ich wohl seiner Zeit berichten werde, dürfte sehr belehrend werden.

Ich brauche wohl nach diesen Andeutungen nicht zu fragen, was von solchen Versicherungen wie: „noch nie ist ein Brauer öffentlich genannt worden etc.“ oder von ähnlichen Phrasen zu halten ist. Ueber den eben angeführten concreten Fall läßt sich ein Urtheil noch nicht abgeben, aber gesetzt auch, einer oder selbst mehrere Untersuchungen ergäben kein Resultat zu Ungunsten der Bierfabrikation, würde das nun beweisen, daß überhaupt nicht gefälscht wird und daß die tausend und aber tausend Centner der genannten Gifte wirklich sämmtlich in die Apotheken und nicht in die Brauereien wandern, daß ferner die immer und immer wieder auftauchenden Klagen in der Presse und in wissenschaftlichen Werken wirklich aus der Luft gegriffen sind? Wer sich der Mühe unterziehen will, in der einschlägigen überreichen Literatur nachzublättern, oder auch nur in einem neuen Conversationslexicon die Artikel über die vorhin genannten Bierfälschungsstoffe nachzuschlagen, der wird jedes Mal unter der Rubrik „Verwendung“ oder „Gebrauch“ die Bierbereitung genannt finden. Wo in aller Welt kommen denn diese tausendstimmigen Anklagen her? Kann denn wirklich eine solche fixe Idee in so vielen sonst besonnenen, kritischen Gelehrtenköpfen sich festsetzen, ohne daß stichhaltige Verdachtsgründe und unbestreitbare Thatsachen zu Grunde lägen?

Wenn nun von Untersuchungen gegohrener Getränke wenigstens [651] bei der gegenwärtigen Fassung unserer Strafbestimmungen überhaupt ein genügender Beweis nicht zu erwarten ist, wenn die Chemie gerade den gefährlichsten Hopfensurrogaten gegenüber ihre Unzulänglichkeit erklären muß, sollte es da nicht andere Mittel geben, dem Unwesen auf die Spur zu kommen und die Fälscher dem Richter zu überliefern? Es ist ganz seltsam, und wenn wir es nicht täglich erlebten, würden wir es nicht glauben, daß die deutsche Polizei alle die im Publicum und in der Presse laut werdenden Klagen über Lebensmittelverfälschung so vollständig ignorirt. Die Verabfolgung winzig kleiner Quantitäten Gift in den Apotheken unterliegt einer strengen polizeilichen Ueberwachung, und das ist eine löbliche Maßregel. Wenn dagegen, um aus einer Unzahl Notizen eine herauszugreifen, das „Berliner Tageblatt“, eine Zeitung von gegen fünfzigtausend Abonnenten, berichtet, daß eines Tages auf dem Anhalter Bahnhof achtzig Centner Herbstzeitlosesamen für Berlin angelangt sind, und zwar mit dem nicht mißzuverstehenden Hinweis, daß dieses Gift bestimmt sei, den theuren Hopfen zu ersetzen, so regt sich keine Hand, und keine Andeutung ist zu den Ohren des Publicums gelangt, aus der zu schließen wäre, daß man nachgeforscht hätte, wo dieses Gift hingekommen sei. Noch mehr! Notorisch schädliche Surrogate, nicht blos Schmierartikel, wie in unserer Nr. 36 bereits gesagt worden ist, haben sich auf landwirthschaftlichen und industriellen Ausstellungen ungestraft an's Licht wagen dürfen, und ich habe nirgends gefunden, daß die von vielen Zeitungen gebrachte Geschichte widerrufen wäre, der zufolge ein hoher Herr auf der Bremer Ausstellung nach einem ihm unbekannten Product, das in schönen weißen Säcken dastand, gefragt und die unverfrorene Antwort bekommen hätte: „Das ist Quassia, Eure – ; es dient zur Bierbereitung.“ Dieses Quassiaholz, als Fliegengift allgemein bekannt, wirkt auch selbst auf kräftige menschliche Organismen, wie von Autoritäten nachgewiesen worden ist, höchst nachtheilig.

Während so die schlimmsten Surrogate im Großhandel unverhüllt auftreten, wandern sie natürlich in die Brauereien noch verstohlener, als die Schmierartikel, unter unverdächtigen Declarationen. Und doch, sollte es nicht einer rührigen Sanitätspolizei (die wir allerdings leider nicht haben) gelingen, diesen plumpen Betrug aufzudecken? Ich bin principiell gegen jeden Eingriff in persönliche Rechte, aber wo es sich um die Gesundheit von Millionen Menschen handelt, sollte sich da nicht einmal eine gründliche Razzia auf Güterbahnhöfen und Speichern empfehlen, aus denen Brauereien Sendungen empfangen? Muß sich doch der Reisende an der Grenze wegen ein paar lumpiger Pfennige Steuer die Durchsuchung seines Gepäckes und, wie beispielsweise an der französischen, seiner Privatpapiere und Manuscripte gefallen lassen. Ich bin überzeugt, daß eine solche Nachsuchung vom besten Erfolge begleitet sein würde, und wenn je, so kann es hier heißen: suchet, so werdet ihr finden.

Natürlich wären hierzu gesetzlich autorisirte Beamte erforderlich, und die giebt es leider nicht, wie denn auch das neue humane Strafgesetzbuch nirgends eine hinlängliche Handhabe zur Bekämpfung des Unwesens bietet, das bei der Wurzel erfaßt werden muß. Das Schmieren ist ja durch die neueste Gesetzgebung förmlich sanctionirt, das Fälschen aber, welches ältere, strengere Maßregeln und Verordnungen nicht unterdrücken konnten, ist, wie Dr. jur. A. Löbner in seiner Skizze über die Verfälschung der Nahrungsmittel schlagend nachweist, durch die mildernden Aenderungen und die Herabminderung der Strafbestimmungen wesentlich gefördert worden, und wohl auf keinem Gebiete hat sich deutlicher gezeigt, wie wenig gesetzgeberischen Beruf unsere Zeit hat, als bei der Aufstellung des Brausteuergesetzes, bei den einschläglichen ganz unzulänglichen Bestimmungen des Strafgesetzbuches und der Polizeiverordnungen, sowie bei der Schöpfung und dürftigen Dotirung des Reichsgesundheitsamtes, das mit der vorliegenden Frage im engsten Zusammenhange steht. Gewiß waren wir berechtigt, von dem neuen Institut einen Schutz gegen das furchtbare Fälschungsübel zu erwarten, das wie ein Krebsschaden an der Volkskraft nagt, aber jedes Lebenszeichen, jede Publication des neuen Amtes brachte uns eine Enttäuschung.

Es kann mir nicht einfallen, dem Gesundheitsamte selbst einen Vorwurf zu machen, daß es sich bisher, wie es nach den Mittheilungen desselben scheint, auf die Ermittelung von Sterblichkeits- und Witterungsverhältnissen beschränkt hat; bei einer so mangelhaften Strafgesetzgebung und bei so dürftigen Mitteln kann natürlich höchstens so viel geschehen, daß von Zeit zu Zeit der Nachweis geführt wird, wie viel Menschen durchschnittlich jede Woche in den Großstädten sterben, fast möchte man sagen, der gewissenlosen Geldgier der Fälscher zum Opfer fallen. Ich möchte dem Bundesrath, den Volksvertretern, den Sanitätsbehörden zurufen: lasset die Todten ruhen und sorgt endlich dafür, daß die Lebenden nicht mehr vergiftet werden dürfen! Man kann kaum noch eine Zeitung in die Hand nehmen, ohne den ernstesten Klagen über das Umsichgreifen der Lebensmittelverfälschung zu begegnen, und wer nicht Partei ist, wer sehen will, der muß nun gesehen haben, daß etwas faul im Staate ist, und wenn je, so haben wir jetzt Veranlassung dem nächsten Reichstage ein „Habt Acht!“ zuzurufen.

Abgesehen von einer nothwendigen Verschärfung der strafgesetzlichen Bestimmungen über Lebensmittelverfälschung würden folgende Maßregeln von wesentlichem Nutzen sein:

  1. Strenge polizeiliche Ueberwachung der Güterbahnhöfe, Lagerräume etc. in der oben angedeuteten Weise.
  2. Verbot, Güter unter falschen Declarationen zu versenden, und strenge Handhabung dieses Verbotes.
  3. Möglichst hohe Besteuerung aller Surrogate, namentlich des Glycerins.
Dr. Gustav Dannehl.