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Die Stimme der Thränen

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die Stimme der Thränen
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 244-246
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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[244]
Die Stimme der Thränen.


Drei Tage war Isaak im Herzen seines Vaters todt: denn am vierten Tage hatte Gott sich ihn zum Opfer erkoren. Schweigend zog Abraham gen Moriah hin, im tiefsten Grame versunken, als ihn die freundliche Stimme des Kindes weckte: „Siehe mein Vater, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Lamm zum Opfer?“ – „Mein Sohn, sprach Abraham, Gott hat ihm selbst ersehen ein Opferlamm!“ So gingen die beide schweigend mit einander.

Und als sie kamen an die Opferstäte und der Altar gebauet und alles bereitet war: ergriff der Vater seinen Sohn und legte ihn auf den Altar und fassete das Messer in die Rechte und sah gen Himmel hinauf. Der Knabe duldete und schwieg und blickte mit weinendem Auge zum Himmel hinauf –

[245] Die stumme Thräne im Auge des Vaters und des Kindes durchdrang die Wolken und trat zum Herzen Gottes mit großem Geschrei. „Abraham! rief der Engel des Herrn vom Himmel herab: Abraham, schone des Knaben und thue ihm nichts. Es ist genug!“


Freudig nahm der Vater den wiedergeschenkten Sohn, das Opfer Gottes, zurück und hieß die schrecklich – frohe Stäte: „Jehovah schaut!“ Er schaut die stumme Thräne im Auge des Leidenden: er sieht des Herzens Jammer, der ängstlicher ruft als alles Geschrei.


Dreifach ist das Gebet der Menschen zu Gott; und kräftiger ist Eines als das andre.

Gebet mit stiller Stimme gefället ihm wohl: er hörets tief im Herzen, und nimmts auch von der stammlenden Lippe gnädig auf.

[246] Das Gebet der Noth mit großem Geschrei durchdringt die Wolken und häufet glühende Kohlen auf des Unterdrückers Haupt.


Doch mächtig über alles ist die Thräne des Verlaßnen, der fest an Gott sich hält und stirbt. Sie sprenget Pforten und Riegel und dringt zum Herzen Gottes und bringt den Blick des Schauenden hernieder.