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Die Sternwarte eines Privatmannes

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Textdaten
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Autor: Dr. Oswald Lohse
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Titel: Die Sternwarte eines Privatmannes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 788–791
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
hierzu Nachtrag und Berichtigung in Jahrgang 1872, Heft 4, S. 68
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[788]
Die Sternwarte eines Privatmannes.


Von Dr. Osw. Lohse.


Das Gebiet der Astronomie, einer Wissenschaft, deren Resultate zu den glänzendsten Errungenschaften des menschlichen Geistes gehören, hat in der Neuzeit bedeutende Erweiterungen erfahren.


Die Sternwarte des Herrn von Bülow in Bothkamp.


Die Entwickelung anderer Theile der Naturwissenschaft blieb nicht ohne Einfluß auf die Sternkunde, und es gelang Fragen zu lösen, welche man früher kaum aufzustellen gewagt hätte.

Während man sich bisher auf die Bestimmung der Bewegung, Gestalt, Größe und Farbe der Himmelskörper beschränken mußte, so ist man jetzt mit Hülfe der Spectralanalyse im Stande zu erforschen, aus welchen Stoffen dieselben bestehen, und ob diese Stoffe mit den auf unserer Erde vorhandenen übereinstimmen.

Ferner mißt man mit empfindlichen Photometern (Lichtmesser) die Helligkeit der Gestirne und bestimmt auf diese Weise, ob dieselbe sich verändert oder nicht, und macht photographische Aufnahmen von Sonne und Mond, die zu genauen Messungen dienen können und außerdem der Nachwelt ein getreueres Bild dieser Körper überliefern, als es der beste Zeichner im Stande sein würde zu fertigen.

Es ist gelungen, die interessantesten Aufschlüsse über die Natur und physische Beschaffenheit der Himmelskörper zu erzielen, und es eröffnet sich die Aussicht auf eine Menge neuer Entdeckungen und Wahrnehmungen. Die Astronomie ist in ein ganz neues Stadium getreten und schon ist es nicht mehr möglich, daß ein Astronom das ganze Gebiet beherrscht. Es wird auch hier eine Theilung der Arbeit eintreten müssen, zumal da die astronomischen Instrumente, welche zu diesen neueren Beobachtungen Verwendung finden sollen, nicht unwesentliche Veränderungen und Neugestaltungen erfahren müssen.

Hieran, sowie an dem Umstande, daß die meisten älteren Sternwarten von ihren bisherigen Beobachtungsplänen, welche gewöhnlich schon auf Jahre hinaus fixirt sind, nicht plötzlich abweichen können, mag es wohl liegen, daß es bis jetzt nur wenige Stationen in Deutschland giebt, auf welchen derartige Beobachtungen ausgeführt werden.

Mit um so mehr Freude muß die Gründung einer Sternwarte begrüßt werden, welche bestimmt ist, hauptsächlich zum Ausbau dieser neuen Richtung der Astronomie beizutragen. Die [789] bedeutenden Mittel, welche hierzu mit großartiger Freigebigkeit bewilligt wurden, machten es möglich, allen Anforderungen, die man nach dieser Richtung hin stellen kann, Genüge zu leisten, ja alles bereits in Deutschland Bestehende zu übertreffen.

Die neue Sternwarte wurde gegründet von Herrn Kammerherrn F. v. Bülow, welcher, die vielen mit einem derartigen Unternehmen verbundenen Schwierigkeiten und Geldopfer nicht achtend, ein Werk in’s Leben rief, welches eine beredtes Zeugniß seines hohen Interesses für Astronomie ist, und wodurch sein Name in der Geschichte


Das große Fernrohr auf der Sternwarte in Bothkamp.


dieser Wissenschaft eine bleibende Stelle finden wird.

Die Leitung dieses Institutes, von welchem wir in Folgendem versuchen wollen eine kurze Beschreibung zu geben, wurde in die Hände eines geborenen Leipzigers, des Herrn Dr. H. Vogel (Bruder des bekannten Afrikareisenden) gelegt, an dessen Arbeiten, besonders in chemischer Beziehung, thätigen Antheil zu nehmen dem Referenten die dankenswerthe Aufgabe zu Theil wurde.

Die Privat-Sternwarte des Kammerherrn v. Bülow liegt zwei Meilen südlich von Kiel, dicht neben den herrschaftlichen Wohngebäuden des Gutes Bothkamp, an einem jener großen Seen, deren Holstein so viele besitzt, und die wesentlich dazu beitragen, dem Lande seinen eigenthümlichen Charakter zu verleihen. Die überaus große Solidität der Ausführung berechtigt zu der Annahme, daß, wenn keine gewaltsame Zerstörung des Gebäudes stattfindet, dasselbe viele Jahrhunderte überdauern kann. Man muß daher um so mehr wünschen, daß dieser Privat-Sternwarte ein besseres Schicksal beschieden sei, als den meisten derartigen Instituten Deutschlands bisher zu Theil wurde. Dieselben hatten fast alle nur ein kurzes Bestehen, und gingen der Wissenschaft bald wieder verloren.

Das Aeußere dieses Bauwerks, welches von dem üblichen Sternwartenstile nicht unwesentlich abweicht, macht mehr den Eindruck eines Bollwerkes als den eines astronomischen Observatoriums. Selbst Fachkundige waren bei ihrer Ankunft in Bothkamp in Zweifel, ob dieser Bau wohl die Sternwarte sei oder nicht. Die an der Westseile befindliche Freitreppe, welche theilweise durch einen gothischen Ueberbau bedeckt wird, steigen wir hinauf und gelangen, nachdem wir eine kleine Vorhalle durchschritten haben, in einen hohen runden Raum, die Rotunde. In der Mitte derselben bemerken wir einen großen gemauerten Pfeiler, der durch die Decke hindurchgeht und bestimmt ist, das in dem obern Raum befindliche Fernrohr zu tragen. Sein Fundament befindet sich fünf und einen halben Meter unter dem Fußboden, und sein mittlerer Durchmesser beträgt vier Meter.

Dieser unerschütterliche Koloß steht mit dem übrigen Gebäude in gar keiner Verbindung; er ist vollständig isolirt und mit Wasser umgeben, welches durch eine beständig fließende Quelle fortwährend erneuert wird. Diese Vorsichtsmaßregeln sind wichtig, da alle Erschütterungen von astronomischen Fernröhren möglichst ferngehalten werden müssen.

Von dem frühern Verfahren, Sternwarten auf Thürmen anzubringen, ist man aus eben diesem Grunde jetzt vollständig abgekommen, da die Schwankungen derartiger Bauten, selbst wenn sie sehr massiv ausgeführt sind, genaue Messungen der Gestirne unmöglich machen.

Sehen wir uns weiter in der Rotunde um, so gewahren wir zwei astronomische Uhren, ein sogenanntes Box-Chronometer und eine Pendeluhr mit Quecksilber-Compensation*. Letztere zeigt Sternzeit** und geht so vorzüglich, daß etwaige Unregelmäßigkeiten nur Hundertstel von Secunden betragen. Der genaue Gang einer solchen Uhr ist für eine Sternwarte von großer Wichtigkeit, aus welcher, wie es in Bothkamp der Fall, nicht fortwährend Zeitbestimmungen gemacht werden können.

[790] Ganz in der Nähe der Uhren steht eine dorische Säule von Sandstein, welche ebenfalls ein besonderes Fundament hat, und vom Fußboden isolirt ist. Sie trägt ein äußerst zartgebautes Instrument, dessen Bestimmung ist, zur Messung der Sternenwärme zu dienen. Ein Beginnen, welches vielleicht mancher der Leser für unausführbar halten dürfte, dessen Ausführbarkeit jedoch von dem um die Spectral-Analyse der Himmelskörper so hoch verdienten Engländer W. Huggins dargethan worden ist.

Die Begrenzung der Rotunde nach außen bilden sieben gleich große Zimmer und die bereits erwähnte Vorhalle. Zwei dieser genannten Zimmer dienen als Arbeitsräume für den Director und seinen Assistenten, in einem andern befindet sich das photographisch-chemische Laboratorium, und wieder andere dienen zur Aufstellung kleiner Hülfsinstrumente und Apparate. Die innere Einrichtung dieser Räume ist ebenso gediegen wie geschmackvoll ausgeführt, und die mit gothischer Malerei gezierten Wände, sowie das in Eichenholz ausgeführte Mobiliar verleihen denselben ein äußerst freundliches Aussehen.

Um in den eigentlichen Beobachtungsraum der Sternwarte zu gelangen, ersteigen wir eine kunstvoll gearbeitete Treppe, die an der innern Mauerseite der Rotunde angebracht ist. Wir stehen nun vor dem Refractor,* der, getragen von einer mächtigen gußeisernen Säule, sowohl durch seine Größe, als auch durch eine dem Laien unverständliche Masse von Beiwerk einen außerordentlich imponirenden Eindruck hervorbringt. Aber auch für den Fachmann, der die Bestimmung der einzelnen Theile des Instrumentes kennt und deren Ausführung zu beurtheilen versteht, ist es ein Meisterstück deutschen Fleißes.

Ehe wir zur nähern Beschreibung des Fernrohrs übergehen, betrachten wir den Raum, in welchem dasselbe aufgestellt ist. Dieser zeichnet sich durch seine Geräumigkeit vortheilhaft vor anderen derartigen Räumen aus. Er wird bedeckt von einem drehbaren kegelförmigen Dach, welches große Stabilität und das enorme Gewicht von vierzigtausend Pfund besitzt. Trotzdem ist dasselbe mit Hülfe einer Zahnräderübertragung leicht mit einer Hand in Bewegung zu versetzen, eine Arbeit, die beim Beobachten öfter verrichtet werden muß, um die Lukenöffnung nach dem zu beobachtenden Gestirn hinzudrehen. Mit diesem Dach in fester Verbindung steht eine Galerie, welche gestattet, auch in der Nähe des Horizontes Sterne zu beobachten.

Wenn wir den Beobachtungsraum durch eine im Osten befindliche Thür verlassen, so treten wir hinaus in’s Freie, auf die Plattform, die sich direct über den oben beschriebenen sieben Zimmern befindet. Hier genießen wir nach sämmtlichen Himmelsgegenden eine weithinreichende Aussicht. Wir sehen im Norden, dicht am Ufer des Bothkamper Sees gelegen, das Dörfchen Kirchbarkau, weiter nach Westen eine weite Wasserfläche, deren Begrenzung ein bewaldeter Höhenzug bildet. Im Westen und Südwesten bemerken wir das herrschaftliche Wohnhaus, die landwirthschaftlichen Gebäude und die Parkanlagen. Im Osten eröffnet sich uns die Aussicht auf einen zweiten See, welcher mit dem ersten durch einen Canal in Verbindung sieht. Diese gedrängte Schilderung wird vielleicht schon genügen zu zeigen, daß diese Sternwarte eine ganz reizende Lage besitzt, die mit einer freien Aussicht nach allen Himmelsrichtungen hin verbunden ist.

Doch kehren wir wieder zurück in den Beobachtungsraum, um das große Fernrohr einer kurzen Betrachtung zu unterwerfen.

Dasselbe ist hervorgegangen aus der optischen Werkstatt von Hugo Schröder in Hamburg, dessen Name vielleicht noch nicht so allgemein bekannt ist, wie er es in der That verdient. Nach dem Urtheile von Sachverständigen muß die Ausführung des Bothkamper Refractors sowohl in optischer als mechanischer Beziehung als etwas ganz Vorzügliches hingestellt werden, und dürfte dieses Instrument in Deutschand seines Gleichen suchen.

Schröder legt vor Allem großen Werth darauf, daß die Gläser, welche zu einem Fernrohr Verwendung finden sollen, ihrer Form und Oberflächenbeschaffenheit nach genau mit der vorher zu diesem Zwecke angestellten Rechnung stimmen – ein Verfahren, welches sich dadurch reichlich belohnt, daß die durch das Fernrohr erzeugten Bilder an Schärfe und Klarheit gewinnen. Um zu ergründen, ob eine Linse obigen Bedingungen genügt, wendet er sogenannte Fühlhebel an, die so empfindlich sind, daß sie Unterschiede von einem Milliontel Zoll anzeigen. Man ist im Stande, mit Hülfe eines solchen Fühlhebels diejenige Durchbiegung einer Glasplatte zu messen, welche durch ihr eigenes Gewicht entsteht, wenn sie nur an beiden Enden unterstützt ist.

Interessant ist auch seine Art und Weise, die Gläser zu schleifen und zu poliren. Das Schleifmaterial wird nämlich hierbei nicht wie gewöhnlich in Kreisen auf der Glasfläche bewegt, sondern in Cycloiden-Linien.* Dadurch werden die oft vorhandenen Zonen in den Glaslinsen, welche der Schärfe der Bilder nachtheilig sind, vollständig vermieden.

Was die mechanische Ausführung des Bothkamper Refractors betrifft, so ist dabei äußerste Genauigkeit mit großer Stabilität und Dauerhaftigkeit verbunden. Die gußeiserne Säule A, welche das Instrument trägt, hat eine Höhe von 2,6 Meter und einen Durchmesser von 0,53 Meter. Direct auf derselben sitzt der Rectascensionskasten B, welcher die Lager für diejenige Axe des Fernrohrs trägt, die immer nach dem Polarstern gerichtet ist, also der Weltaxe parallel läuft. Die Drehung des Fernrohrs um diese Axe bewirkt, daß dasselbe Bogen beschreibt, welche gleichlaufend mit denjenigen Bogen sind, die die Sterne scheinbar am Himmel zurücklegen.

Mit dieser Axe in fester und zwar rechtwinkeliger Verbindung steht die Büchse für die Declinationsaxe C.** Letztere ist in dieser Büchse drehbar und trägt an dem einen Ende das eigentliche Fernrohr, während das andere Ende entsprechend mit Gewichten versehen ist, um das Ganze auszubalanciren.

Mit Hülfe dieser beiden Axen ist es möglich, das Rohr nach allen Stellen des Himmels mit Leichtigkeit zu richten und dem Laufe der Gestirne zu folgen. Letzteres kann auch durch ein Uhrwerk E geschehen, welches seine Arbeit mit außerordentlicher Sicherheit verrichtet. Dasselbe wurde von Eichens in Paris geliefert und ist ein wahres Meisterwerk der Uhrmacherkunst. Das Objectiv oder die große Glaslinse des Fernrohrs, der wichtigste Theil des ganzen Instruments, hat einen Durchmesser von 0,293 und eine Brennweite von 4,912 Meter; es ist somit für jetzt das größte Glas, welches in Deutschland zu astronomischen Beobachtungen Verwendung findet. Der Schliff und die Politur desselben ist meisterhaft ausgeführt. Die Vergrößerung der in seinem Brennpunkte entstehenden Bilder kann mit Hülfe der Oculargläser soweit gesteigert werden, daß uns die zu beobachtenden Objecte hundert[BER. 1] Mal näher gerückt erscheinen, als sie es in Wirklichkeit sind.

Einige wenige Manipulationen genügen, um die verschiedensten Apparate und Vorrichtungen, statt der Oculare, am Fernrohr zu befestigen. Wir erwähnen das Spectroskop, das Positionsmikrometer, das Sonnenprisma und eine photographische Camera, letztere der Leichtigkeit wegen von Cedernholz ausgeführt.

Die Verwendung des Spectroskops in der Astronomie ist eine sehr vielseitige. Wie schon Eingangs bemerkt wurde, kann es dienen, die Stoffe zu erkennen, aus welchen die Himmelskörper bestehen, wobei jedoch vorausgesetzt werden muß, daß letztere eigenes Licht aussenden und nicht, wie die Körper unseres Planetensystems, nur durch die von der Sonne reflectirten Lichtstrahlen hell erscheinen. Die Fixsterne entsprechen obiger Bedingung, und ihre spectroskopische Beobachtung hat sehr interessante Resultate ergeben, [791] trotzdem daß sich dieselben in Entfernungen befinden, von denen es schwer ist, sich eine rechte Vorstellung zu machen. So braucht das Licht, welches bekanntlich zweiundvierzigtausend geographische Meilen in der Secunde zurücklegt, ungefähr drei und ein halb Jahre, um von dem nächsten der Fixsterne, α im Centaur, bis zur Erde zu gelangen, während die große Zahl der meisten übrigen in unermeßlichen Weiten schwebt. Und doch sagt uns die spectralanalytische Untersuchung dieser Sterne, daß Eisen, Calcium, Natrium, Magnesium etc. auf denselben vorkommen, Körper, die auch auf der Erde eine allgemeine Verbreitung haben.

Diese Anwendung des Spectroskops zur Nachweisung der Stoffe, aus denen die Himmelskörper gebildet sind, würde schon allein genügen, dasselbe zu einem der wichtigsten astronomischen Instrumente zu machen. Wie vielmehr ist dies dadurch der Fall, daß seine Verwendbarkeit in der Astronomie in stetem Wachsen begriffen ist. So gelang es vor einigen Jahren, dasselbe zur Beobachtung der Protuberanzen, jener gasartigen Eruptionen, welche auf der Sonne stattfinden, nutzbar zu machen. Dieselben konnten früher nur bei totalen Sonnenfinsternissen gesehen werden, und bis vor Kurzem war man über die Natur dieser Erscheinungen vollständig im Unklaren. Bei der Sonnenfinsterniß im Jahre 1868, welche in Asien vielfach beobachtet wurde, und zu welcher auch der norddeutsche Bund eine Expedition ausgerüstet hatte, machte man die Entdeckung, daß diese Protuberanzen gasartiger Natur seien und größtentheils aus Wasserstoffgas bestünden. Hierauf fußend gelang es Janssen in Paris und Lockyer in London unabhängig von einander eine Methode zu finden, mit deren Hülfe man sich jederzeit auch ohne Verfinsterung der Sonne von der steten Anwesenheit der Protuberanzen überzeugen konnte, eine Methode, die kurze Zeit darauf durch eine einfache Modification von Professor Zöllner in Leipzig fast gleichzeitig mit Lockyer derartig vervollkommnet wurde, daß man gegenwärtig im Stande ist, jene bisher so räthselhaften Gebilde in ihrer ganzen Ausdehnung und wechselvollen Gestaltung an jedem heiteren Tage zu beobachten. Dieselben zeigen entweder springbrunnen- und baumartige Formen, oder sie schweben als abgesonderte Wolken in einer gewissen Höhe über der Sonnenoberfläche. Meistentheils sind sie einer sehr raschen Veränderung unterworfen. Das glühende Wasserstoffgas, aus dem sie bestehen, wird zuweilen bis zu einer Höhe von fünftausend Meilen aus der Sonne hervorgeschleudert und zwar mit einer Geschwindigkeit von vier bis fünf Meilen in der Secunde. Die Bestimmung derartiger großer kosmischer Geschwindigkeiten geschieht ebenfalls mit Hülfe des Spectroskops, und die Grenzen seiner Verwendbarkeit erweitern sich dadurch ganz beträchtlich.

Es ist hier nicht der Ort näher auf die Theorie spectralanalytischer Beobachtungen von Gestirnen einzugehen, daher haben wir uns darauf beschränkt, der wichtigen erzielten Resultate zu gedenken, und wenden uns jetzt zu dem bereits erwähnten Positionsmikrometer des Fernrohrs.

Da wir nicht voraussetzen können, daß allen Lesern dieses Instrument bekannt ist, so soll hier bemerkt werden, daß dasselbe dazu dient, die gegenseitige Lage der Gestirne am Himmel genau zu messen. Diese Messung geschieht im Allgemeinen durch feste und bewegliche Spinnenfäden, welche in diesem Instrumente ausgespannt sind. Dieselben können sowohl hell auf dunklem Grunde, als dunkel auf hellem Grunde erscheinen, je nachdem es die verschiedene Lichtstärke des zu beobachtenden Objectes benöthigt und man das Licht einer seitlich am Fernrohr angebrachten Lampe F. regulirt. Ein derartiger Positionsmikrometer muß selbstverständlich mit außerordentlicher Genauigkeit ausgeführt sein; hauptsächlich gilt dies von einer feinen Schraube, deren Umdrehungen der Maßstab für die Messungen sind.

Der dem Fernrohr beigegebene photographische Apparat dient zur Aufnahme von Sonne, Mond, Planeten und größeren Fixsternen. Die Photographie von Himmelskörpern, ausgenommen die Sonne, welche Momentbilder liefert, ist mit einer Schwierigkeit verbunden, deren vollkommene Ueberwindung durchaus nicht leicht ist. Es ist dies die Drehung unserer Erde um ihre Axe, jene continuirliche Bewegung, welche das Auf- und Untergehen der Gestirne bewirkt. Es wird dadurch das Bild in der Camera obscura immer an eine andere Stelle rücken, und die Erzeugung einer scharfen Photographie unmöglich machen, wenn das Fernrohr nicht mit einem sehr guten Uhrwerk in Verbindung gebracht werden kann, welches bewirkt, daß es immer genau nach dem betreffenden Himmelskörper gerichtet bleibt.

Das bereits erwähnte Uhrwerk von Eichens in Paris erfüllt diese Bedingung in seltener Weise. Die Bewegung, welche es hervorbringt, ist trotz der großen Massen, die bewegt werden müssen, und die nicht immer einen gleichen Widerstand bieten, so gleichförmig und sicher, daß das Bild eines Sternes unverändert an ein und derselben Stelle bleibt. Es ist dies nicht nur zu photographischen Zwecken, sondern auch für die Ausführung feiner Messungen an Himmelskörpern wichtig.




[789] * Da bekanntlich die Schwingungsdauer eines Uhrenpendels mit der Länge desselben wächst und die Wärme alle Körper ausdehnt, so muß dafür gesorgt werden, daß bei einer genauen Uhr, wie sie für astronomische Beobachtungen erforderlich ist, dieser Einfluß aufgehoben oder compensirt wird. Solche Pendel, bei denen diese Einrichtung getroffen ist, nennt man „Compensations-Pendel“. Sehr einfach läßt sich zum Beispiel eine solche Compensation dadurch herstellen, daß man an Stelle der metallenen Scheibe am Ende des Pendels ein cylindrisches Glasgefäß mit Quecksilber anbringt. Durch die Wärme dehnt sich das Quecksilber nach oben aus und verrückt dadurch den sogenannten Schwerpunkt der Quecksilbermasse nach oben, während durch die Verlängerung der Pendelstange nach unten wieder der Schwerpunkt herabgerückt wird. Man sieht, daß es hierdurch möglich wird, bei passender Wahl des Quecksilbergefäßes den erwähnten Einfluß der Wärme auf die Pendelschwingungen aufzuheben und dadurch ein Pendel mit Quecksilber-Compensation herzustellen.

** Die Zeit, welche ein Stern vermöge der täglichen Erdbewegung braucht, um von seinem höchsten Rande in der Mittagslinie oder im Meridian (seiner sogenannten „Culmination“) wieder in dieselbe Lage zurückzukehren, nennt man „Sternen-Tag“. Die Dauer eines solchen Tages ist durchschnittlich etwa vier Minuten kürzer als ein „Sonnen-Tag“, das heißt als diejenige Zeit, welche die Sonne gebraucht, um von einer Culmination zur andern in derselben Höhe zu gelangen. Es kommt dieser Unterschied einfach daher, daß die Sonne durch ihre jährliche scheinbare Bewegung langsam in entgegengesetzter Richtung den Himmel durchwandert, als durch ihre tägliche Bewegung. Der Punkt also, wo sie heute am Himmel zu einer bestimmten Zeit steht, liegt gegen denjenigen, wo sie gestern [790] um diese Zeit stand, ein Stückchen weiter nach Osten. Hätte also an der Stelle, wo sie sich gestern befand, gerade ein Fixstern gestanden, so würde derselbe heute um ein gewisses Stück der Sonne vorangehen und daher früher als jene den höchsten Stand im Meridian erreichen. Dieser Unterschied beträgt, wie bemerkt, durchschnittlich ungefähr vier Minuten und bedingt die Verschiedenheit der Sonnen- und Sternzeit. Man wählt am Fixsternhimmel für diese Rechnung nach Sternzeit (welche für astronomische Beobachtungen sehr bequem ist) einen Punkt, an welchem die Sonne zur Frühlingsnachtgleiche (21. März) steht.

* „Refractor“ wird ein großes Fernrohr genannt, bei welchem, wie bei den Opernguckern und gewöhnlichen Fernröhren, eine Glaslinse benutzt wird, im Gegensatz zu den „Reflectoren“, bei welchen Hohlspiegel angewandt werden. Fernröhre mit Hohlspiegeln nennt man gewöhnlich „Teleskope“.

* Cycloide ist diejenige krumme Linie, welche ein bestimmter Punkt auf dem Umfange eines Rades in Beziehung zu dem Wege beschreibt, auf welchem der Wagen sich fortbewegt.

** Unter Declination eines Gestirns versteht man denjenigen Winkel, um welchen dasselbe über oder unter dem Kreise am Himmel steht, welchen die Sonne zur Zeit der Nachtgleichen (21. März, 22. September) am Himmel beschreibt. Ein Fernrohr muß, um der täglichen Bewegung der Sterne folgen zu können, erstens um die sogenannte Stundenaxe beweglich sein, welche parallel der Weltaxe steht, zweitens aber auch um die Declinationsaxe, damit auf Sterne verschiedener Declination eingestellt werden kann.