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Die Sonne sinkt

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Textdaten
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Autor: Friedrich Nietzsche
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Titel: Die Sonne sinkt
Untertitel:
aus: Nietzsche’s Werke. Erste Abtheilung. Band VIII. Dionysos-Dithyramben. S. 426-428
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1906
Verlag: C. G. Naumann
Drucker:
Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Internet Archive und Commons
Kurzbeschreibung:
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[426]
Die Sonne sinkt.


1.

Nicht lange durstest du noch,
 verbranntes Herz!
Verheissung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich’s an,

5
 — die grosse Kühle kommt…


Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage:
seid mir gegrüsst, dass ihr kommt,
 ihr plötzlichen Winde,
ihr kühlen Geister des Nachmittags!

10
Die Luft geht fremd und rein.

Schielt nicht mit schiefem
 Verführerblick
die Nacht mich an?…
Bleib stark, mein tapfres Herz!

15
Frag nicht: warum? —


2.

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
 Fluth vergüldet.

[427]
20
Warm athmet der Fels:

 schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
 In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

25
Tag meines Lebens!

gen Abend geht’s!
Schon glüht dein Auge
 halbgebrochen,
schon quillt deines Thau’s

30
 Thränengeträufel,

schon läuft still über weisse Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit…

3.

Heiterkeit, güldene, komm!

35
 Du des Todes

heimlichster süssester Vorgenuss!
— Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,
 holt dein Blick mich noch ein,

40
 holt dein Glück mich noch ein.


Rings nur Welle und Spiel.
 Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit,
müssig steht nun mein Kahn.

45
Sturm und Fahrt — wie verlernt’ er das!

 Wunsch und Hoffen ertrank,
 glatt liegt Seele und Meer.

[428]

Siebente Einsamkeit!
 Nie empfand ich

50
näher mir süsse Sicherheit,

wärmer der Sonne Blick.
— Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
 Silbern, leicht, ein Fisch
schwimmt nun mein Nachen hinaus…