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Die Sinnesorgane der Reptilien

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Die Sinnesorgane der Reptilien
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Neunter Band, Seite 227–229
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Quelle: Commons
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[227] Die Sinnesorgane der Reptilien sind nach den neuesten Untersuchungen des Wiener Naturforschers Werner sehr schlecht [228] ausgebildet, so daß es geradezu wunderbar erscheint, wie diese Tiere sich im Daseinskampf überhaupt halten können. So fehlt der Geschmacksinn ihnen fast gänzlich. Der Geruchsinn ist auch nur bei Krokodilen und einigen Schildkrötenarten leidlich gut. Dagegen sind sämtliche Reptilien schwerhörig und im höchsten Grade kurzsichtig.

Ein Tierfreund besaß eine zahme Ringelnatter, die er daran gewöhnt hatte, daß sie sich auf das Läuten einer Tischglocke hin bis zur Decke ihres Käfigs emporwand und dort durch eine kleine Klappe ihre Nahrung erhielt. Obwohl die Glocke sehr laut tönte und nur die vordere Käfigwand aus Glas bestand, die anderen aus feinem Drahtgeflecht, hörte die Natter nur bis auf drei Meter Entfernung das Läuten. Es wurde dies durch mehrfache Versuche festgestellt, und zwar in der Weise, daß man die Schlange zuerst mehrere Tage hungern ließ und dann aus der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers das gewohnte Zeichen gab. Aber erst als die Klingel bis auf drei Meter näher gekommen war, wurde die Ringelnatter lebendig und schlängelte sich zu ihrem Futterplatz empor.

Werner fand auf einer Waldlichtung in Nevada eine fest schlafende, zusammengeringelte Klapperschlange. Er gab daraufhin, um zu erproben, wie stark das Gehör dieser Giftschlange entwickelt sei, aus seinem sechsschüssigen Revolver auf immer kürzer werdende Entfernungen verschiedene Schüsse ab. Erst die fünfte Detonation weckte das Tier auf. Die Entfernung zwischen Geräuschquelle und dem Ohr des Reptils betrug jetzt viereinhalb Meter. Der Forscher hat in den Sümpfen von Koalaka in Vorderindien ganz ähnliche Beobachtungen auch bei anderen Schlangenarten gemacht.

Mit den Augen der Reptilien ist es nicht besser bestellt. Ein Krokodil kann einen Menschen, der zwanzig Meter von ihm entfernt ist, nicht mehr erkennen. Dies hat man folgendermaßen festgestellt. Auf den Krokodilfarmen in Florida, wo diese Panzertiere ihrer kostbaren Haut wegen in Massen gezüchtet werden, hat immer ein bestimmter Fütterer etwa zweihundert Tiere unter seiner Obhut. Die Krokodile erhalten täglich einmal Futter, und zwar morgens. Dies wissen sie schließlich [229] ganz genau und laufen daher ihrem Wärter regelmäßig entgegen. Betritt nun morgens ein anderer Mensch die Umzäunung, so verlassen die Tiere zwar ebenfalls schleunigst das Wasserbassin, um ja nicht bei der Fleischverteilung zu kurz zu kommen, stutzen aber, sobald sie sich auf zwanzig Meter der betreffenden Person genähert haben, und machen dann ebenso hastig kehrt. Jetzt erst haben sie bemerkt, daß es nicht ihr Fütterer, sondern ein Fremder ist.

Riesenschlangen vermögen Gegenstände erst auf drei bis vier Meter Entfernung deutlich zu unterscheiden. Schlechter noch steht es um die Sehschärfe anderer Schlangen. In dem Pariser Zoologischen Garten hat Professor Valoux Giftschlangen, die man vorher sehr lange fasten ließ, kaninchenähnliche Attrappen aus Stoff in ihre Käfige geschoben und mit Hilfe dünner Stabe hin und her bewegt. Fast sämtliche Schlangen näherten sich den Attrappen beutelüstern bis auf etwa zwei Meter, ehe sie bemerkten, daß es keine lebenden Kaninchen waren, die sich in ihrem Käfig befanden.

Einige Schildkrötenarten sind so kurzsichtig, daß sie ihre Nahrung vor dem Verschlingen erst genau mit der Zunge befühlen. Eidechsen, die sich am Wegrande sonnen, flüchten nur, wenn der sie beobachtende Mensch sich auffällig bewegt oder sein Schatten auf sie fällt. Ihr Gehör ist etwas besser ausgebildet. Aber über einen Umkreis von dreieinhalb Metern hinaus entgeht ihnen auch das stärkste Geräusch.

Bei dieser Gelegenheit sei auch der Kurzsichtigkeit der Fische gedacht. Bei ihrem Aufenthalt in dem nur selten und auch nur bis zu einer gewissen Tiefe durchsichtigen Wasser würden ihnen freilich auch die besten Sehorgane wenig nützen. Die Kurzsichtigkeit der Fische ist auch der Grund, weswegen sie immer wieder an die Angel gehen. Man hat Fische gefangen, die vier bis fünf Angelhaken im Maule sitzen und trotzdem wieder angebissen hatten. Aus demselben Grunde ist auch nur der Fang mit den sogenannten Stellnetzen möglich, wobei die Fische sich mit dem Kopf in den feinen Maschen verwickeln. Dafür besitzen sie aber ein desto schärferes Gehör, das durch die Eigenschaften des Wassers als guter Schallleiter allerdings noch wesentlich unterstützt wird.

W. K.