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Die Sekte vom weißen Lotos

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Sekte vom weißen Lotos
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 247–249
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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Bearbeitungsstand
fertig
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[247]
82. Die Sekte vom weissen Lotos

Es war einmal ein Mann, der gehörte der Sekte vom weißen Lotos an. Er verstand es, durch schwarze Künste die Massen zu betören, und viele, die nach seinen Zauberkünsten begehrten, nahmen ihn zum Lehrer.

Eines Tages wollte der Zauberer ausgehen. Da stellte er in der Halle eine Schüssel auf, die mit einer andern Schüssel zugedeckt war und befahl den Lehrlingen, auf sie achtzugeben. Auch warnte er sie, die Schüssel zu öffnen und zu sehen, was darin sei.

Kaum war er fort, da hoben die Lehrlinge den Deckel auf und sahen, daß in der Schüssel reines Wasser war. Auf dem Wasser schwamm ein kleines Schifflein von Stroh mit richtigen Segeln und Masten. Sie verwunderten sich darob und stießen es mit dem Finger an. Da kippte es um. Geschwind setzten sie es wieder zurecht und deckten die Schüssel wieder zu. Aber schon stand auch der Zauberer wieder da und schalt sie zornig: „Warum habt ihr mein Gebot verletzt?“

Die Schüler standen auf und leugneten.

Aber der Zauberer sprach: „Ist doch mein Schiff im Meer gekentert, wie könnt ihr mich betrügen!“

An einem andern Abend zündete er im Zimmer eine riesige Kerze an und befahl ihnen, achtzuhaben, daß sie nicht vom Wind gelöscht werde. Es war wohl um die zweite Nachtwache, und der Zauberer war noch immer nicht zurückgekommen. Sie waren müde und schläfrig, gingen zu Bett und schliefen allmählich ein. Als sie wieder aufwachten, war die Kerze erloschen. Geschwind standen [248] sie auf und zündeten sie wieder an. Aber schon trat auch der Zauberer wieder herein und schalt sie abermals.

„Wir haben wahrhaftig nicht geschlafen. Wie hätte denn das Licht erlöschen können!“

Zornig fuhr der Zauberer auf: „Ihr habt mich fünfzehn Meilen weit im Dunklen gehen lassen, und nun redet ihr immer noch solches Zeug!“

Da gerieten die Lehrlinge in große Furcht.

So trieb er schwarze Künste jeder Art, die sich gar nicht alle erzählen lassen.

Im Laufe der Zeit begab es sich, daß einer der Lehrlinge mit der Lieblings-Sklavin des Zauberers verbotene Liebe pflegte. Der merkte es wohl, behielt es aber bei sich und sagte gar nichts. Er hieß den Lehrling die Schweine füttern. Kaum hatte der den Schweinestall betreten, da verwandelte er sich alsbald in ein Schwein. Der Zauberer rief den Metzger, ihn zu schlachten und verkaufte sein Fleisch. Niemand erfuhr davon.

Endlich kam der Vater des Schülers, um nach ihm zu fragen, weil er schon lange nicht mehr heimgekommen sei. Er wies ihn ab, indem er sprach, er sei längst nicht mehr da. Der Vater ging nach Hause zurück und erkundigte sich allenthalben nach seinem Sohn, doch konnte er nicht das mindeste erfahren. Allein ein Mitschüler, der heimlich um die Sache wußte, teilte sie dem Vater mit. Der Vater verklagte nun den Zauberer bei dem Amtmann. Der aber fürchtete, daß der Zauberer sich unsichtbar mache, und wagte ihn nicht zu verhaften, sondern berichtete an seinen Vorgesetzten und bat um tausend gewappnete Krieger. Die umringten nun das Haus des Zauberers. Er ward mit seiner Frau und seinem Sohn zugleich ergriffen. Man sperrte sie in hölzerne Käfige, um sie nach der Hauptstadt abzuliefern.

Der Weg führte durch ein Gebirge. Mitten im Gebirge kam ein Riese, der war so groß wie ein Baum, hatte Augen wie Tassen, ein Maul wie eine Schüssel und fußlange Zähne. [249] Die Krieger standen zitternd da und wagten sich nicht zu rühren.

Der Zauberer sprach: „Das ist ein Berggeist. Meine Frau kann ihn in die Flucht schlagen.“

Man tat, wie er gesagt, und befreite die Frau von ihren Banden. Die Frau nahm einen Speer und ging ihm entgegen. Aber der Riese wurde wild und verschlang sie mit Haut und Haar. Alle gerieten darob nur noch mehr in Furcht.

Der Zauberer sprach: „Hat er mir die Frau umgebracht, so muß mein Sohn dran.“

Nun ließ man auch den Sohn heraus. Aber auch er ward gleichermaßen verschlungen. Alle sahen ratlos zu.

Der Zauberer weinte vor Zorn und sprach: „Erst hat er mir die Frau umgebracht und nun den Sohn; würde es ihm doch heimgezahlt! Aber außer mir kann’s keiner.“

Und richtig nahmen sie auch ihn aus seinem Käfig heraus, gaben ihm ein Schwert und schickten ihn vor. Der Zauberer und der Riese kämpften eine Zeitlang miteinander. Schließlich packte der Riese den Zauberer, steckte ihn in den Rachen, reckte den Hals und schluckte ihn hinunter. Dann ging er wohlgemut davon.

Die Soldaten aber merkten zu spät, welchen Streich ihnen der Zauberer gespielt hatte.

Anmerkungen des Übersetzers

[401] 82. Die Sekte vom weißen Lotos. Quelle: Liau Dschai.

Die Sekte vom weißen Lotos ist eine der revolutionären Geheimsekten Chinas. Sie geht ebenfalls auf den Tung Tiän Giau Dschu als ihren Herrn zurück. Vgl. Nr. 18, Anm.

„Das ist ein Berggeist“: Der Berggeist ist natürlich ein Blendwerk des Zauberers, durch das er sich und die Seinen aus der Gewalt der Soldaten bringt.