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Die Schwester der Wartburg

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Die Schwester der Wartburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 468–471
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[468]

Die Schwester der Wartburg.

Von Friedr. Hofmann.


Ob es noch ein deutsches Land giebt, welches sich zweier Burgen von so hoher nationaler Weihe rühmen kann, wie sie das kleine Gebiet der sächsischen Fürsten von Thüringen und Wanken in der Wartburg und in der Veste Coburg besitzt?

Man nennt Thüringen sammt den ihm angeschlossenen Theilen von Nordfranken und Henneberg das Herz Deutschlands. Und in der That hat dieses Ländchen die Ehre dieses Namens nicht blos durch seine Lage verdient, sondern sie, wenigstens seit fast vierthalbhundert Jahren, redlich dadurch erworben, daß die großartigsten Regungen deutschen Nationallebens von dort ausgingen und dort ihre herrlichsten Triumphe feierten. Aber selbst neben den drei, hervorragendsten Pflegestätten deutscher Wissenschaft, Dichtung und Kunst, neben Weimar, Jena und Gotha, gebührt jenen beiden Burgen die Anerkennung einer besondern Bedeutung.

Beider strahlendste Ruhmessonne ist Luther, aber der Glanz, welchen sie auf Beide ergießt, ist ein verschiedener: er ist für die Wartburg das verklärende Abendroth, für die Coburg das erweckende Morgenroth. –

Die Wartburg tritt an der Hand der Sage gleich in die deutsche Geschichte ein; schon im ersten Morgenschimmer ihres Daseins schmückt sie der Kranz der Dichtkunst, ihre Landgrafen sind deutsche Heldengestalten, ihr Sängerkrieg, ihre heilige Elisabeth sind deutsche Zierden, sie selbst war ein Prachtwerk deutscher Kunst. Ihre hohe, festliche Zeit war jedoch vorüber, sie stand am Niedergang, als Junker Görge ihr einen Ehrenkranz der Reformation auf das alternde Haupt setzte. Als dieser ihr größter und letzter Held von ihr schied, entschlief sie. Sie ward vergessen. Niemand gedachte ihrer fast dreihundert Jahre lang. Erst die deutschen Studenten weckten sie wieder auf, und seit diesem ersten Wartburgfest [469] ist sie die erwählte Festburg aller die Freiheit preisendes Deutschen geworden.

Die Coburg tritt dagegen mit Luther erst in die deutsche Geschichte ein; ihre frühere Zeit gleicht einer langen Dämmerung, das Licht der Reformation wirft das erste weithin sichtbare Glühroth auf ihre Mauern. Und während die Wartburg schon schlief, stand sie mit ihrem Ehrenkranz der Reformation hohen Hauptes im dreißigjährigen Krieg. Dann legte auch sie sich nieder und verträumte fast zweihundert Jahre politischer Erbärmlichkeit der Deutschen. Sie erhob zuerst das Haupt wieder im Befreiungskriege, als ihr Herzog sie mit französischen eroberten Kanonen schmückte, erfreut sich aber ihres neuen deutschen Ansehens erst, seitdem das Volks-Jubiläum des westphälischen Friedens, das Auferstehungsjahr 1848, die Deutschen erweckte. Seitdem ist sie, die in neuer Pracht strahlende „fränkische Krone“, wie sie sich gern nennen hört, ein von Jahr zu Jahr mehr bevorzugter Liebling der Deutschen unter den Burgen der Berge geworden und ringt nun als Festburg aller nationalstolzen Geister in Deutschland mit der thüringischen Schwester um den Preis.

Die Veste Coburg.
Nach einer Originalzeichnung von Max Brückner in Coburg.

Steigen wir hinauf, weil sie doch so reizend vor uns liegt! Wir stehen am südlichen Abhang ihres Berges, der sich nur 524 Fuß über den Spiegel der Itz, Coburgs Hauptfluß, und etwa 1430 Fuß über den Meeresspiegel erhebt. Die Entfernung vom Residenzschloß Ehrenburg mit seiner reizenden Umgebung bis zum Thore der Veste beträgt nicht viel über ein gutes Viertelstündchen und läßt uns nicht aus dem heitern Grün geschmackvoller Parkanlagen herauskommen. Unterwegs erzähle ich Euch so Manches aus der Vergangenheit der alten Coburg, das sie für Euer Auge mit Leben erfüllt, ehe Euer Fuß sie betritt.

So wie sie hier vor uns steht, hat die Veste ihr Bild nicht schon Luther’s Augen gezeigt. Die Basteien, die wir von unserm Standpunkt aus sämmtlich sehen und durch welche die Burg erst zur Veste umgewandelt wurde, entstanden kurz vor dem dreißigjährigen Krieg, als hätte eine Ahnung des schrecklichen Sturms ihren Bau beschleunigt. Auch durch das Thor, durch das wir heute gehen, ist Luther nicht gegangen. Sein Weg führte ihn damals da, wo wir zur Linken die ausgebreitete Bastei (Bärenbastei) unter dem hohen (dem sogenannten blauen) Thurm hervorragen sehen, durch ein Thor, dessen Spuren die Restauration wohl, wie so Vieles an der äußern historischen Erscheinung der Veste, verwischt hat, in das Innere.

Wer hat aber den ersten Stein auf diese Höhe gewälzt? Darüber schweigt die Geschichte und überläßt der Sage und der Vermuthung die Antwort. Da wir aber aus der Geschichte und aus vielen noch bis heute erhaltenen Ortsnamen wissen, daß die Herrschaft der Slaven sich im Norden Deutschlands bis an die Elbe und in Mitteldeutschland bis zur Saale und bis an die Itz erstreckte, so liegt die Annahme am nächsten, daß die Coburg zu der Reihe von festen Bergschlössern gehörte, welche die deutschen Kaiser gegen diesen Feind des Reichs anlegten. Am liebsten läßt man dies durch Karl den Großen geschehen und blickt dann vom Berge stolz auf eine tausendjährige Geschichte zurück.

Urkunden haben als älteste Jahrzahl verbürgter Begebenheiten 1057 erhalten. In diesem Jahre vermachte Richza, die Tochter eines Pfalzgrafen des Kaisers Otto III., die Reichsdomänen Saalfeld und Coburg, die sie von ihrem Vater ererbt, dem Erzbischof Anno von Köln. Somit beginnt die helle Geschichte Coburgs gleich mit einem frommen Streich. Der spätere vielfache Besitzerwandel hängt meist mit dem Wechsel des Gaugrafenamtes zusammen und steht unserer Theilnahme zu fern. Zu einigem Ansehen gelangte die Burg wohl erst, als die Grafen von Henneberg ihre Herren wurden. Diese Dynasten standen gerade damals, unter Poppo VII. und seinem Sohn und Nachfolger Hermann, in der Blüthe ihrer Macht. Ihr Besitzthum umfaßte über 36 Quadratmeilen mit mehr als 100,000 Einwohnern. Die späteren Herzogthümer Coburg, Hildburghausen und Meiningen (Unterland) bildeten, als der jüngst erworbene Theil ihres Gebiets, ihre sogenannte „neue Herrschaft“. Poppo war mit einer Schaar von Reisigen, den Söhnen dieser Thäler, [470] dem Hohenstaufen Friedrich II. zum Kreuzzug nach Palästina gefolgt und stand hoch in Ehren bei Kaiser und Papst; und dem Einfluß Hermann’s, dessen Gemahlin Margarethe von Holland war, verdankte hauptsächlich deren Bruder, Wilhelm von Holland, die deutsche Königswürde, ja, nach dessen Tode ward ihm selbst die Kaiserkrone angetragen, und er war der Mann dazu, sie auszuschlagen. Seine Hofhaltung war eine der glänzendsten jener Zeit, und sie war veredelt durch die Pflege der Dichtkunst, der er selbst huldigte. Daß von diesem Glanze auch die Coburg mitgenoß, ist kein Zweifel. Die luftstrahlende Residenz dieses Dynasten war aber die Burg Strauf, deren Trümmer auf ihrer grünen Höhe bei dem Städtchen Rodach ehedem Tausende von Reisenden, die auf der Landstraße von Coburg nach Hildburghausen fuhren, wohl sehen mußten, doch vielleicht kaum der Beachtung würdigten.

Im Jahre 1353 kam Coburg durch die Vermählung einer hennebergischen Erbin, Katharina, mit Friedrich dem Strengen von Meißen, an das Haus Wettin, dem es noch heute angehört. – Diese Vererbung machte das Land und die Veste zum Schauplatz vieler verheerenden Fehden, bald zwischen den sächsischen Fürsten und der fränkischen Ritterschaft, bald zwischen den Fürsten unter sich; am wildesten tobte hier der bekannte „Bruderkrieg“ zwischen den Söhnen Friedrichs des Streitbaren, Wilhelm und Friedrich, in welchem die Veste Coburg eine besondere Rolle spielte. Wilhelm hatte die „fränkischen Lande“ (Coburg, Königsberg, Hildburghausen, Heldburg, Neustadt und Sonneberg) um 42,000 Gulden an seine Räthe, Apel und Busso von Vitzthum (die ihm dafür ein böhmisches Hülfsheer gegen seinen Bruder herbeigezogen) verpfändet, und diese behaupteten sich als Herren des Landes auch nach der Versöhnung der Fürsten und bis sie durch ein vereinigtes Heer derselben, im Jahre 1451, durch Aushungern zur Uebergabe der Veste gezwungen wurden.

Wilhelm starb kinderlos, und so fiel das fränkische Land an seines Bruders Söhne, Ernst und Albrecht, später, nachdem dieselben ihre Länder getheilt, an des Ersteren Söhne, Kurfürst Friedrich den Weisen und Johann den Beständigen, denen die Veste den Ehrenkranz der Reformation verdankt; beide gehören zu den edlen Gestalten der Vorzeit, die der Geist sich gern in ihren Räumen wandelnd denkt. Gleich in der ersten Zeit der Reformation hatte die Burg einen harten Stand gegen einen Auswuchs derselben, wie man den „Bauernkrieg“ bezeichnet. Ein Haufen von 14,000 Bauern lagerte vor der Veste, in welche der gesammte Adel des Landes, soweit er der Wuth des aufgestandenen Volks entgangen war, sich geflüchtet hatte. Erst im Mai 1525 befreite Herzog Johann mit einem Heere die arg Bedrängten.

Fünf Jahre später, im Frühling 1530, zog ein einfacher Mann, mit Bibel und Aesop unterm Arme, in die Veste Coburg ein, und er war es, der den bisher wenig beachteten Fürstensitz zu einer Stätte von deutscher, ja von weltgeschichtlicher Bedeutung erhob. Denn wer die Erkämpfung des freien Gedankens, des ungefesselten Forschens – in der Schrift und in der Natur – die Erlösung des Geistes vom Druck der Pfaffenmacht – mit uns als die höchste Errungenschaft preist, zu der jeder Schritt vorwärts eine Wohlthat für die ganze Menschheit ist, der wird, hat er es noch nicht gethan, an dieser Stelle sich gern belehren lassen über das Weltwichtige, das Luther hier vollbracht. Es ist von neuern Forschern[1] dargelegt, wie nahe am Untergang in Augsburg das Reformationswerk stand, wie die Verzagtheit, der Wankelmuth um sich griff, und daß nur an Luther’s Felsenfestigkeit die Vertreter seines Worts am Reichstag sich wieder aufrichteten. Wie rastlos er auf der Veste gearbeitet, wie seine Briefe und Sendschreiben von seiner „Burg der Winde“, von „Grubok“, wie er es häufig schrieb, um seinen Aufenthalt den Feinden nicht zu verrathen, nach allen Richtungen liefen, das beweisen die „Coburgischen Schriften Lutheri“, die später gesammelt wurden. Zu seiner Erholung übersetzte er hier auch den Aesop und arbeitete fleißig an den Psalmen. Der Psalter aber und der Drang der Zeit, sie stimmten in seiner Heldenseele auf dieser Bergeshöhe jenes Kampf- und Siegeslied des Protestantenthums an, das Millionen Herzen zum Himmel erhoben, das Tausende in muthigen Tod geführt hat, den Hochgesang:

Ein’ feste Burg, ist unser Gott!

Solche Thaten des Geistes fordern unsere Ehrfurcht, nach Jahrhunderten noch für die Stätte, wo sie geschehen sind; – „sie ist geweiht für alle Zeiten.“

Am 6. Oktober 1530 verließ Luther, im Geleite des Kurfürsten Johann und seiner Genossen am Reformationswerke, Melanchthon’s, Jonas’, Spalatin’s, Agricola’s u. A., die ihn auf der Heimreise von Augsburg in Coburg abholten, die alte Veste. Sie blieb nun im ganzen Laufe des Jahrhunderts verwaist, ja sie wurde es recht eigentlich, als der erste Landesfürst, der auf ihr geboren worden war, Johann Ernst, im Jahre 1547 die Ehrenburg in der Stadt Coburg erbaute und seine Residenz dorthin verlegte.

Nach dem 16. ist das schicksalreichste Jahrhundert der Veste das 17., und zwar in seiner ersten Hälfte. Seit dem Jahre 1586 regierte in Coburg der Herzog Johann Casimir, der Sohn jenes unglücklichen Johann Friedrich des Mittlern, welcher, in die „Grumbach’schen Händel“ verwickelt, in die Reichsacht fiel, Land und Freiheit verlor und – eines der erhabensten Beispiele deutscher Frauentreue von seiner Gemahlin Elisabeth bis zum letzten Augenblick in harter Gefangenschaft gepflegt, nach achtundzwanzig Jahren des Elends (1595) im Schloß Steher in Oberösterreich starb. Johann Casimir wurde der Gemahl jener nicht weniger unglücklichen Herzogin Anna, welche zwanzig Jahre lang, zuletzt, von 1603 an, droben auf der Veste Coburg, gefangen saß und dort 1613 starb, (Ueber das Schicksal dieses fürstlichen Ehepaars haben wir unseren Lesern einen besondern Artikel versprochen, den wir nächstens bringen. Wir beschränken uns deshalb hier auf diese kurze Notiz). Unter Johann Casimir geschah die Verstärkung der Vertheidigungsfähigkeit der Veste durch den Bau der Basteien. Sie sind, von der westlichen, der Bärenbastei, an, die wir oben kennen gelernt haben, zu beiden Seiten des Thors mit dem Thorthurme: die neue und die Sternbastei, den höchsten Punkt nach Osten nimmt die hohe Bastei ein, unter ihr sehen wir die Schindelbastei und noch tiefer steht der Eselsthurm. Die Nordseite der Veste, an welcher der Fels zu Tage tritt, ist nur durch eine ziemlich gerade laufende, durch zwei halbrunde Thürme verstärkte Mauer befestigt, weil hier der Berg steil und hoch in’s weite Thal abfällt; die Hauptvertheidigung mußte gegen Osten und Südosten gerichtet sein, wo Nachbarberge hart an die Festung herantreten. Von den uns zugekehrten Gebäuden nennen wir zwischen dem blauen Thurm und dem Thorthurm das alte Schloß (bis in die neueste Zeit Zucht- und Irrenhaus gewesen) und zwischen dem Thorthurm und der hohen Bastei das neue Wirthshaus. Die übrigen Bauten, namentlich im Innern, betrachten wir später in der Nähe.

Nachdem wir die Vertheidigungsmittel der Veste wenigstens oberflächlich kennen gelernt, wenden wir uns ihren letzten und größten kriegerischen Ehren zu. Wir stehen im dreißigjährigen Kriege. Johann Casimir hatte seinem Lande so lange als möglich den Schutz der Neutralität zu erhalten gewußt; als er sich aber endlich genöthigt sah, im Jahre 1631 der evangelischen Union in Leipzig beizutreten, ließ die Kriegsfurie auch hier nicht lange auf sich warten. Wallenstein blieb, nachdem er vor Nürnberg gegen Gustav Adolph (im September 1632) sein halbes Heer verloren hatte, auf seinem Zuge nach Sachsen vor dieser ersten Veste eines abtrünnigen sächsischen Fürsten stehen, um seinen vollen Zorn auf ihn und sein Land zu entladen. Letzteres geschah im vollsten Maße. Die Feuersäulen brennender Dörfer und Städtchen bezeichneten seinen Weg. Er und der Kurfürst von Baiern lagerten mit ihrem zahlreichen Heer im Itzgrund und forderten Stadt und Veste zur Uebergabe auf. Der versuchte Widerstand der Stadt war bald gebrochen, und die Kriegsfürsten nahmen in ihr Quartier. In der Veste lag jedoch eine schwedische Besatzung unter einem Oberst Taupadel, und dies kleine Häuflein trotzte selbst einem Wallenstein. Als alle Schrecken, die er über das offene Land ergoß, alle nächtlichen Brandfackeln der Dörfer und Städte den Commandanten der Veste nicht zur Uebergabe bewogen, suchte er durch Ueberfall und Sturm des „Nestes“ Herr zu werden. Aber der Ueberfall wurde vereitelt, der Sturm abgeschlagen. Es ist kein Zweifel, daß die ohnedies schlecht verproviantirte Veste ihren Widerstand gegen eine solche Kriegsmacht nicht auf die Länge hätte fortsetzen können, und daß nur das Herannahen des Herzogs Bernhard von Weimar den Friedländer bewog, ihr unverrichteter Sache den Rücken zu kehren; aber gleichwohl rechtfertigt den Stolz des Ländchens auf diese Tage die unleugbare Thatsache, daß Wallenstein vor der Coburg lag und sie nicht erobern konnte.

Aus dieser Belagerung muß ich noch ein kleines Curiosum erzählen, aus dem leicht ein Ereigniß von unberechenbarer Wichtigkeit [471] hätte werden können. Unter den Coburger Constablern der Veste war ein besonders aufgeweckter Kopf, Namens Conrad Rüger. Dieser hat handschriftlich eine „kurze, jedoch gründliche und wahrhafte Relation von der Stadt Coburg und des ganzen Landes erbärmlichen Kriegspressuren von unterschiedlichen mächtigen Feinden de anno 1631–1661“ hinterlassen, in welcher sich folgende Stelle findet: „Den 30. September ritt der Herzog von Friedland, mit zwei Laquaien bei sich laufend, aus der Stadt, die Vestung zu recognosciren, auf welchen, als er von den Dragonern erkannt wurde, alsbald eine Feldschlange von mir gerichtet und Feuer gegeben wurde, und traf dasselbe Stück gerade vor ihm in die Erde, daß diese um ihn herum und auf den Leib sprang, worauf er seinem Pferd, welches davon stutzig worden und still gestanden, die Sporen gegeben und durchgegangen. Er hat aber, wie man nachher erfahren, heftige Drohworte ausgestoßen, nämlich selbige Bestie, die ihm dies gethan, gleich aufhängen zu lassen, wenn er solche in seine Hände bekäme. Das war aber das Beste, daß er sie nicht hatte.“

Nach dem Abzüge Wallenstein’s ward Herzog Bernhard, ihr Retter, der Veste Gast. Er ordnete die Ausbesserung der nicht geringen Schäden an, welche sie während dieser kurzen Belagerung erlitten, und ließ einen Hügel, der sich zwischen ihr und dem nächsten Berge, dem Bausenberge, erhebt und vom Volksmund der „Fürwitz“ genannt ist, bedeutend abtragen, weil von ihm aus die Friedländischen der Veste am gefährlichsten geworden waren. Solche Schäden und Gefahren ließen sich beseitigen; die tieferen , welche die furchtbare Zeit, die unermeßlich steigende Noth, die wie Gift um sich fressende Entsittlichung der Volksmassen mit sich brachte, wurden mehr und mehr unabwendbar. Selbst in diesen letzten Wall des verödeten Landes brachen Zwietracht und Wankelmuth ein, und als im Jahre 1635 ein weit schwächerer Feind, der kaiserl. General Lamboy, sich vor die Veste legte, leistete die Besatzung zwar vier Monate lang Widerstand, ließ sich aber schließlich durch den plumpsten Betrug, durch einen angeblich landesfürstlichen, aber gefälschten Befehl, zur Uebergabe der Veste berücken. Die „erbärmlichen Kriegspressuren“ dauerten in der That bis 1661; die Veste hatte jedoch ihre Beschützerrolle ausgespielt.

Damit sind wir am Ende der Geschichte unserer Coburg als Kriegsplatz. Von jetzt an stand sie als grauer Invalid auf dem Berg, und es rostete ihr das Schwert in der Scheide. Wohl ward sie äußerlich noch lange als Waffenplatz gehalten und gehütet; allmählich sank sie aber von Stufe zu Stufe abwärts, bis man sie endlich nur noch als Zucht- und Irrenhaus und als Rumpelkammer für altes Waffengeräth auf ihrer Höhe stehen ließ. Erst nachdem die langen Leiden der napoleonischen Kriege im Lande einigermaßen verwunden waren, erhoben sich die Blicke mit anderen Wünschen auch wieder zu ihr, es wurde wieder an ihre Erhaltung gedacht und endlich zu ihrer Wiederherstellung und Verschönerung geschritten.

Die Resultate dieser Bemühungen sehen wir schon am Aeußern der ehrwürdigen Lutherburg vor uns; in noch bedeutenderem Maße treten sie uns im Innern entgegen. Diese und die gehobene Stimmung der Zeit, wie nicht weniger das edle Beispiel von hohem nationalem Sinn, durch welchen die Fürsten dieses Hauses sich auszeichnen, bewirkten, daß die vom Schutt der Jahrhunderte gereinigten Räume der Veste Coburg gegenwärtig ein nimmer leerer Wallfahrtsort für alle Freunde der Natur und der Kunst und ein stets bereiter Festplatz für die verschiedenartigsten Vereine und Genossenschaften für alle großen und schönen Bestrebungen geworden sind. Seit der Gustav-Adolph-Verein im Jahre 1853 seine Helden hier gefeiert, ist der Veste fast kein Jahr ohne Fest vergangen; die deutschen Naturforscher und die deutschen Landwirthe, die deutschen Apotheker und die deutschen Lehrer, die deutschen Forstmänner und die deutschen Turner, die deutschen Sänger und der deutsche Nationalverein – Alle haben ihre Fahnen auf diesen Berg getragen und Alle haben ihn reicheren Herzens verlassen. – Das neueste aller Feste ist in diesem Sommer in der geschmückten Veste begangen worden, ein Fest, dessen Bedeutung es werth macht, daß wir ihm eine besondere Beschreibung widmen, ein echt coburgisches Fest, das der coburgischen Bauernsingvereine und der coburgischen Veteranen des Befreiungskriegs. Die Illustration zu dieser Festbeschreibung bietet uns dann Gelegenheit, unsere Freunde auch durch das Innere der Veste, durch ihre Räume voll werthvoller Schätze der Wissenschaft, der Kunst und der Geschichte zu führen und zum Schluß mit ihnen das Herz zu laben an der Rundschau in den Bilderkranz ihrer Thäler voll Anmuth und ihrer lockenden Fernen.



  1. E. Pfeitschmidt, Luther in Coburg, Dresden 1853.