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Die Schäkers in Nordamerika

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Textdaten
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Autor: Charles Sealsfield (unter dem Pseudonym Sidons)
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Titel: Die Schäkers in Nordamerika
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 7, S. 25–26
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[25]
Die Schäkers in Nordamerika.[1]

Wir sprachen über Religionsfreiheit und ich meinte, Sekten, die sich mit dem Zwecke des Staats nicht vertrügen, sollten wir nicht dulden. „Der scheint, Lust zu haben, uns über europäische Philosophie Vorlesungen zu halten,“ sagte John; du meinst also, wer nicht Soldat seyn wolle, der soll auch nicht Staatsbürger seyn können. Nein, Freund, wir brauchen fleißige Hände für den Pflug, und damit hat weder der Glaube, noch der Soldatenstand was zu schaffen. Hände, welche die Waffen tragen, finden sich schon.“ „Kennst du die Schäkers?“ setzte er hinzu. Auf meine Antwort, ich kenne sie fast blos dem Namen nach, machte mir John den Vorschlag, eine ihrer Niederlassungen, die in der Nähe lag, zu besuchen; es war Sonntag, und so hofften wir, sie beim Gottesdienst zu beobachten. Unterwegs unterhielten wir uns über diese sonderbare Erscheinung. Eine Sekte, die sich zum ehelosen Leben bekennt, war natürlich meinen Begriffen vom Staatszweck noch mehr zuwider, als die unkriegerische Sekte der Quäker, deren praktische Tugenden ich übrigens schätzte, wenn ich auch auf ihre Inspirationen keinen Werth legte; dachte ich an die Swedenborgianer, so fand ich ihre Lehre vom tausendjährigen Reich, worin sie mit den Schäkers übereinstimmen noch erträglich, in Betracht, daß jene wenigstens die Zeit, wo man nicht mehr freyt, etwas weiter hinaussetzen. Also Mönche und Chiliasten! rief ich aus, und man wird mir glauben, wenn ich versichere, daß ich von diesen Schäkers keine große Meinung hatte und sie mir schlechtweg als griesgrämige und abgeschmackte Schwärmer vorstellte. »Aber (fragte ich meinen Gefährten) wie ist es möglich, daß sich eine solche Sekte in einem Land, wo sie nicht verfolgt wird, auch nur einige Jahre lang erhalten kann?« Für dich hätte also, erwiederte er, das neue Jerusalem nicht so viel Anziehendes, als das Cölibät Abstossendes; wenn ich dir aber sage, daß es ihrer im J. 1680 zwölf waren und jetzt viertausend sind, so wirst du an ihrem Forbestehn vor der Hand nicht zweifeln.« Wir hatten nun den Hügel erstiegen, über welchen unser Weg nach Howard, in der Grafschaft Worcester, der Ansiedelung der Schäkers führte, und sahen in das Thal hinab. Ich ward froh überrascht durch den heitern Anblick, der sich meinen Augen darbot. Das war kein La Trappe, wie ich mir vorgestellt hatte. »In unserem glücklichen Lande«, sagte John, nimmt die Schwärmerei nicht jenen düstern und menschenfeindlichen Charakter an, der sie anderswo so abschreckend und selbst gefährlich macht. Die Natur ist hier zu mächtig, als daß sie den Menschen im dumpfen Brüten in sich versinken ließe. Europa hat uns schon manche verrückte Mystiker geschickt; hier werden sie brauchbare Menschen. Die Größe und Frische der Erscheinungen, das Leben an diesen Strömen, in diesen grünenden Thälern, auf diesen von unendlicher Saamenkraft schwellenden Fluren ist eine heilsame Kur für viele Schäden der alten Welt.« – Wir waren indessen nach Howard gekommen. Die Lage des Orts in einem einsamen Thalwinkel zwischen ziemlich hohen mit Wald bewachsenen Bergen ist ungemein malerisch; freundlich blinken die großen rothbemalten Wohnungen, neben denen nicht minder geräumige Werkstätten von dem nehmlichen Aussehen stehen, dem Wanderer entgegen, wenn er die breiten Straßen betritt. Das glänzend weiße Haus, wo sie ihre gottesdienstlichen Versammlungen zu halten pflegen, bildet einen seltsamen Contrast. Der Geist der Ordnung, der überall herrscht, nimmt auf den ersten Anblick günstig für sie ein und zeigt den Weg an, auf dem sie zum Wohlstand gelangt sind. Wenn schon das Bisherige aufmerksam macht, so wird man durch die vielen Windmühlen, die in dem wasserreichen Amerika so selten sind, noch stärker daran erinnert, daß hier Sonderlinge wohnen. Da hört man nichts von dem lustigen Lärmen der Kinder, die aus der Schule stürzen, es ruht ein Ernst auf den nicht mehr jugendlichen Gesichtern, der auszudrücken scheint, daß sie den Siegen und Versuchungen der Welt entsagt haben. Wir traten in ihr Gotteshaus. Es ist eine große geräumige Halle mit einem weißen glatt wie Marmor polirten Fußboden; in zwei Chören standen auf beiden Seiten die Schwestern und die Brüder und bewegten sich in kreisförmigen Prozessionen um einander, bald singend, bald die Hände faltend, und wenn dann die Spitzen der beiden Kolonnen sich begegneten, so verbeugten sie sich zierlich gegen einander. Die Bewegung geschah mit einer militärischen Abgemessenheit und hielt die Mitte zwischen Marsch und Tanzschritt. Dabei war aber soviel Anstand und sogar nicht selten im Gange der Mädchen eine elastische Zierlichkeit, die der Scene das Lächerliche benahm, das sie sonst gehabt hätte. Als wir uns wieder auf dem Rückweg befanden, warf ich noch einen Blick auf die [26] üppigen Wiesen, Felder und Gärten, und indem ich der Werke ihres Fleißes gedachte, vergaß ich meine Theorien vom Staatszweck und sagte: »warum sollten wir diese Harmlosen in ihren Thälern nicht dulden? ist es ja doch nur Ruhe, die sie hier suchen.« »Ja, sagte John, mancher mag wohl sein besseres Ich aus den Trümmern der Welt in diese Einsamkeit retten, wo er unter monotonen Formen seinen Schmerz und seine Leiden vergessen lernt.«[2]


  1. Mit diesem Artikel eröffnen wir eine Reihe fortlaufender brieflicher Mittheilungen, von Sidons, dem in Philadelphia wohnenden Verfasser des bekannten Werks über Nordamerika.
  2. Apostaten der Schäkers haben hie und da nachtheilige Gerüchte gegen ihre Sittlichkeit ausgesprengt; daß sie aber ungegründet sind, geht schon aus der allgemeinen Achtung hervor, deren die Sekte genießt. Sie hat, außer der angeführten, noch mehrere Niederlassungen im Ohiostaate.